November 11, 2020
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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Christoph Papsch

Nach dem Megadeal zwischen Flaschenpost und Dr.Oetker wird Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Flaschenpost und der Oetker-Tochter Durstexpress laut.

Beide GetrĂ€nkelieferdienste wĂŒrden die Fusion auf Kosten der Belegschaft durchziehen, sagen mehrere Mitarbeiter in einem SWR-Beitrag.

Es geht um prekÀre Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und die Verhinderung von BetriebsrÀten.

Es soll eigentlich eine Traumhochzeit werden: Das Traditionsunternehmen Dr. Oetker will seine Tochterfirma Durstexpress mit dem Konkurrenten Flaschenpost zusammenfĂŒhren. Eine entsprechende Kaufabsicht hat Dr. Oetker vergangene Woche bestĂ€tigt. Nach verschiedenen Medienberichten sollen dabei 800 Millionen bis eine Milliarde Euro fließend. WĂ€hrend die Verbindung der beiden Online-GetrĂ€nkelieferdienste in der Startup-Szene schon als Deal des Jahres gefeiert wird, ist die Feierlaune bei den Mitarbeitern und Gewerkschaften eher verhalten.

Im Vorfeld des Milliardendeals sei auf die Belegschaft beider Firmen massiver Druck ausgeĂŒbt worden, berichtet der SWR-Journalist Marcel Kolvenbach am Wochenende. „Die Braut sollte hĂŒbsch gemacht werden“, zitiert er einen Mitarbeiter von Flaschenpost, der anonym bleiben will. Der SWR hat mit Mitarbeitern gesprochen sowie Lohnabrechnungen und ArbeitsvertrĂ€ge eingesehen. Dabei werden bei Flaschenpost und Durstexpress immer wieder dieselben VorwĂŒrfe laut. Es geht um prekĂ€re Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und die Verhinderung von BetriebsrĂ€ten.

Gewerkschaft NGG kritisiert Flaschenpost

So meldete sich die Gewerkschaft Nahrung-Genuss GaststĂ€tten (NGG) bereits einen Tag nach dem Oetker-Deal zu Wort. Flaschenpost sei bisher dadurch aufgefallen, die Betriebskosten auf dem RĂŒcken der BeschĂ€ftigten zu minimieren, heißt es in einer Pressemitteilung. Einen Tarifvertrag gibt es dort bis heute nicht. „Vor allem hat das Unternehmen alles darangesetzt, die GrĂŒndung von BetriebsrĂ€ten zu verhindern. FĂŒr die BeschĂ€ftigten von Flaschenpost kann es nur besser werden. Immerhin gehört es bei Oetker zum guten Ton, die Arbeitsbedingungen mit der NGG zu regeln“, sagte Freddy Adjan, stellvertretender Vorsitzender der NGG. Er bezieht sich dabei auf die Betriebsratswahl am Standort DĂŒsseldorf, gegen die Flaschenpost Anfang des Jahres geklagt hatte.

Die Darstellung der Gewerkschaft wird nun auch von den SWR-Recherchen gestĂŒtzt. Die Team- und Schichtleiter hĂ€tten unbezahlte Überstunden leisten mĂŒssen, die Fahrer hĂ€tten oft nicht pĂŒnktlich Feierabend machen können, es hĂ€tte Probleme beim Arbeitsschutz gegeben und Mitarbeitern, die unverschuldet wegen Krankheit fehlten, sei schnell gekĂŒndigt worden, heißt es in dem Bericht. Vor der Übernahme habe man offensichtlich die Mitarbeiterkosten in der Bilanz niedrig halten wollen, so der Vorwurf eines Mitarbeiters.

Flaschenpost teilte dem SWR mit, dass die VorwĂŒrfe nicht reprĂ€sentativ fĂŒr das Stimmungsbild im gesamten Unternehmen seien, sondern „sehr standort- und personenspezifisch“. Das Unternehmen verwies darauf, dass klare Standards hinsichtlich Arbeitsschutz und -sicherheit existieren wĂŒrden. DarĂŒber hinaus habe man bereits beschlossen, die GehĂ€lter in der Logistik flĂ€chendeckend ab dem 01. Dezember 2020 zu erhöhen. Unbezahlte Überstunden gebe es nicht.

Mitarbeiter klagen ĂŒber „Klima der Angst“ bei Durstexpress

Auch bei der Oetker-Tochter Durstexpress rumorte es vor dem Deal. Bereits am 25. Oktober, eine Woche vor der öffentlichen Bekanntmachung der Übernahme, beschwerten sich Mitarbeiter am Standort Leipzig ĂŒber unhaltbare Arbeitsbedingungen. Die anarcho-syndikalische Gewerkschaft Freie Arbeiter*Innen Union Leipzig (FAU), die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hatte darauf in einer Pressemitteilung aufmerksam gemacht.

Durstexpress habe die SchichtplĂ€ne ohne Vorwarnung zusammengekĂŒrzt, sodass die Mitarbeiter nicht mehr auf die vertraglich vereinbarten Stunden kĂ€men. Betroffen seien vor allem die Angestellten im Lager. FĂŒr einige bedeute das den finanziellen Ruin, da sie teilweise keine weitere Einkunftsquelle hĂ€tten, sagte FAU-Sprecher Sören Winter. „Des Weiteren ist zu befĂŒrchten, dass die Durstexpress GmbH einen Teil ihrer Lohnarbeiter*Innen so zur KĂŒndigung drĂ€ngen will, wodurch Personalkosten gespart werden sollen – die sogenannte kalte KĂŒndigung.“ In einem spĂ€teren Statement machte Winter zudem auf zahlreiche UnregelmĂ€ĂŸigkeiten bei den Lohnabrechnungen aufmerksam.

Mitarbeiter berichteten dem SWR in diesem Zusammenhang von einem „Klima der Angst“. Sie befĂŒrchten, dass die Bedingungen nach der Fusion noch schlimmer werden könnten. Möglichkeiten zur Mitsprache gibt es kaum, denn ein Betriebsrat existiert auch hier nicht. Laut Winter wĂŒrde das Unternehmen die GrĂŒndung eines solchen sogar aktiv verhindern.

Durstexpress bestreitet das. Man stehe betrieblicher Mitbestimmung grundsĂ€tzlich offen gegenĂŒber, erklĂ€rt die Oetker-Tochter gegenĂŒber dem SWR. Auch die VorwĂŒrfe in Bezug auf die gekĂŒrzten Arbeitsstunden wiegelt sie ab. Aufgrund der schwankenden Nachfrage gebe es keinen Anspruch auf Mehrarbeit nach Wunsch.


Arbeitet ihr im Umfeld von Flaschenpost oder Durstexpress und habt weitere Hinweise? Dann schreibt gerne an [email protected].


Transparenzhinweis: Die Stellungnahme von Flaschenpost war in der ersten Version dieses Beitrags missverstÀndlich zitiert. Wir haben das inzwischen nachgebessert.

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Quelle: Fau.org