November 21, 2020
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
237 ansichten


Cajo Brendel – Die „AntiautoritĂ€re Bewegung“ und ihr Weg in die Sackgasse

Der nachstehende Aufsatz ist schon vor geraumer Zeit verfaßt worden. Der unmittelbare Anlaß hat damals eine Abhandlung Klaus Hartungs gebildet, welche unter dem Titel „Versuch die Krise der antiautoritĂ€ren Bewegung wieder zur Sprache zu bringen“ vor etwa einem Jahre im „Kursbuch“ Nummer 48 veröffentlicht wurde. Die auf der Hand liegende Schlußfolgerung, es handele sich also um einen Gegenstand geringfĂŒgiger AktualitĂ€t wĂ€re trotzdem falsch. Denn die Krankheit welche der antiautoritĂ€ren Bewegung seit ihrer Geburt angehaftet und die Hartung zu diagnostizieren versucht hat, ist keineswegs nur auf sie beschrĂ€nkt. Es handelt sich um ein Übel, das viele Formen aufzeigt und sich immer wieder bei allerhand Gruppen, die auf eine UmĂ€nderung der Gesellschaft abzielen, manifestiert. Teilen sie doch fast alle die Ansicht, jene gesellschaftliche Revolution sei entweder von der Verbreitung dieser oder jener „Idee“, oder von der Provokation der gefestigten Ordnung zu erwarten, indem diese, gerade durch ihre Reaktion sich selbst als UnterdrĂŒckungsmacht entlarve.Es wird somit Übersehen, daß es sich dabei um die UnterdrĂŒckung einer bestimmten Klasse handelt, welcher man die Tatsache ihrer UnterdrĂŒckung nicht klarzumachen braucht und zwar deshalb nicht, weil sie den Inhalt ihrer tĂ€glichen Erfahrung stellt. Sie hat davon schon einen durchaus klareren Begriff als diejenigen die, trotz all ihres Geredes ĂŒber die WesenszĂŒge der kapitalistischen Gesellschaft, bisher wenig VerstĂ€ndnis dafĂŒr gezeigt haben, daß die betreffende UnterdrĂŒckung auf gegensĂ€tzliche Interessen zurĂŒckzufĂŒhren ist und, daß nur der daraus hervorgehende Interessenkampf jene UnterdrĂŒckung aufzuheben vermag. Eine bestimmte Form von UnterdrĂŒckung hat in der Geschichte immer angehalten bis sie von dem Kampf der UnterdrĂŒckten gesprengt wurde.

Gewiß, alle die wir hier meinen, hören nicht auf von den Arbeitern zu reden nachdem sie diese einmal „entdeckt“ haben. Den Arbeitern wollen sie das Bewußtsein beibringen, daß die Gesellschaft umgewĂ€lzt werden soll. Sie können entweder nicht einsehen oder nicht akzeptieren, daß jene, die da nicht mĂŒde werden von einer „sozialen Revolution“ zu reden, die Gesellschaft nicht zu revolutionieren vermögen, die aber welche bloß ihre materiellen Interessen verteidigen ohne Oberhaupt eine Revolution zu beabsichtigen gerade die Gesellschaft revolutionieren.

Hieraus geht hervor, daß die studentischen oder politischen Gruppen nicht nur den Anspruch erheben, sie seien dazu berufen, den Arbeitern die Bedeutung des Klassenkampfes darzulegen, sondern sich dazu noch als dessen FĂŒhrer aufwerten. Das geht darauf hinaus, daß sie die Arbeiter zu bevormunden versuchen und sich entweder empören oder sich enttĂ€uscht abwenden, wenn die Arbeiter solch eine Bevormundung zurĂŒckweisen. Diese Gruppen glauben, der Klassenkampf könne erst „richtig“ gefĂŒhrt werden, wenn die KĂ€mpfer sich „Einsicht“ angeeignet haben. Sie fassen es nicht, daß irgendeine Einsicht oder irgendein Bewußtsein keine Voraussetzung, sondern eine Folge des Kampfes darstellt, eines Kampfes der sich von dem, welchen die Gruppen zu fĂŒhren behaupten, grundsĂ€tzlich unterscheidet.

Es geht den politischen und voluntaristischen Gruppen und Bewegungen das VerstĂ€ndnis dafĂŒr ab, daß die Arbeiter von den Naseweisen des Arbeiterkampfes die Nase voll haben. Sie verstehen erst recht nicht, daß ihr Benehmen den Interessenkampf der Arbeiterschaft hemmt und benachteiligt. Darauf hinzuweisen, den AnsprĂŒchen dieser Art Gruppen Schranken zu setzen, ihre Illusionen aufzudecken, das eben ist das Ziel der nachfolgenden Betrachtungen, die, glauben wir, ihre Bedeutung solange beibehalten werden, als von außen her den Versuch unternommen wird, sich in den Klassenkampf einzumischen und die Arbeiter als politische Objekte zu manipulieren.

I.

Vor zehn Jahren etwa wurde eine Reihe moderner IndustrielĂ€nder – die USA, die BRD, Frankreich, Japan, Italien und im kleineren Ausmaß auch England, Holland und Belgien – jedesmal auf eigene Weise mit einer radikalen, von den Studenten ausgehenden und von ihnen getragenen Bewegung konfrontiert. Friedrich Mager und Ulrich Spinnarke, die hinsichtlich der Bundesrepublik und Westberlin das PhĂ€nomen schon frĂŒhzeitig zu analysieren versucht haben, sprachen damals von einer durch Unbehagen geprĂ€gten Strömung, welche einer Kritik am Hochschulwesen entsprang und demnĂ€chst in einem moralisch-engagierten Protest gegen den vorgefundenen Staat und gegen die vielfach als Konsumgesellschaft definierte soziale Ordnung mĂŒndete. Mager und Spinnarke charakterisierten diese Bewegung als eine radikaldemokratische Opposition, welche die autoritĂ€ren ZĂŒge in der Struktur der heutigen Gesellschaft bloßzulegen versuchte, indem sie die ihr innewohnende Unruhe ausbreitete und ihre GegensĂ€tze exponierte. Kurz: mit einer antiautoritĂ€ren, herausfordernden, außerparlamentarischen Bewegung hatte man es zu tun, welche nach beiden genannten, ĂŒbrigens selbst nicht mehr der Studentenzeit angehörenden Forschern, „einen bisher verschleierten Tatbestand aufklĂ€rte und demzufolge notwendig eine VerĂ€nderung der Gesellschaft herbeifĂŒhrte“1. Ähnliche Gedanken wurden auch von den Vertretern der Bewegung selbst entwickelt.

Heutzutage stellt diese ganze antiautoritĂ€re Strömung kaum noch etwas vor. Ihr Glanz ist ĂŒberall gelöscht; was sie zu versprechen schien, hat sich nicht bestĂ€tigt. Mager und Spinnarke hielten es durchaus fĂŒr möglich, daß bestimmte Gruppen der Bevölkerung sich mit ihr solidarisieren wĂŒrden. Das genaue Gegenteil hat sich ereignet. Sie ist eingeschrumpft und auseinandergerissen, einer tiefen Krise preisgegeben und völlig in die Sackgasse geraten, oder besser: es hat sich gezeigt, daß sie immer schon auf dem Holzweg war. Nirgendwo kann sie sich ĂŒber einen Erfolg freuen. Sie liegt in den letzten ZĂŒgen, sofern sie nicht bereits gestorben ist.

Aus welchem Grund hat die antiautoritĂ€re Bewegung Pleite gemacht? Dadurch, so antwortet Klaus Hartung im „Kursbuch“2, daß sie eine Bewegung von beschrĂ€nktem Charakter war, eine Bewegung, die nicht imstande war, eine bestimmte Grenze, nĂ€mlich die Klassengrenze, zu ĂŒberqueren.

WĂ€re diese Äußerung Hartungs die Schlußfolgerung seiner Darlegung, hĂ€tte er bei seinem Versuch die Krise der antiautoritĂ€ren Bewegung3 zu erklĂ€ren aufgezeigt, weshalb sie an der innerhalb der modernen Klassengesellschaft gegebenen Schranke notwendigerweis haltmachen mußte, und hĂ€tte er daraus die einzig mögliche Konsequenz gezogen, wir hĂ€tten seiner Ansicht ohne Weiteres zugestimmt. Jedoch, Hartung folgert nicht, sondern es handelt sich bei ihm um nichts weiteres als eine Behauptung, die abermals erlĂ€utert, daß ĂŒbereinstimmende Thesen, zumal wenn es dabei um eine beilĂ€ufige wie jene von Hartung geht, nicht mit ĂŒbereinstimmenden Standpunkten zu verwechseln sind.

Wir vertreten den Standpunkt, daß was Mager und Spinnarke sehr richtig als eine radikaldemokratische Opposition umschrieben haben, deshalb nicht zu einer gesellschaftlichen, die herrschende Ordnung umwĂ€lzenden Kraft werden konnte, weil diese Opposition keine materiellen Interessen vertritt, die so ausgeprĂ€gt waren, daß sie sich den materiellen Interessen widersetzen könnten, die der herrschenden Ordnung und deren Ideologie zugrunde liegen. Eine Opposition, die nicht auf materielle Interessen fußt, kann nie zu einer materiellen Macht werden und verliert frĂŒher oder spĂ€ter als Opposition ihre Bedeutung. Auch dann wenn sie sich aus „denkenden Menschen, die sich der bestehenden Gesellschaft gegenĂŒber, kritisch verhalten“ zusammensetzt, so Ă€ndert das nichts an ihre gesellschaftlichen Hilflosigkeit. Weder ihre ehrliche EntrĂŒstung, zum Beispiel ĂŒber das, was sie als die „AuswĂŒchse“ der „Konsumgesellschaft“ betrachten, noch die Aufrichtigkeit ihrer Proteste gegen Nebenerscheinungen wie PolizeiwillkĂŒr, Umweltverschmutzung, Atomkraftwerke oder Bewaffnung, braucht man anzuzweifeln. Dennoch mĂŒssen derartig Proteste ohne Wirkung bleiben, solange die Protestierenden sich nicht auf latente Macht stĂŒtzen können, worĂŒber aber nun die arbeitende Klasse verfĂŒgt, da das gesamte gesellschaftliche GebĂ€ude auf der produktiven Arbeit beruht. Nur die Klasse der Industriearbeiter kann eine gesellschaftliche UmĂ€nderung zustande bringen. Die einzig mögliche Revolution welche den Kapitalismus stĂŒrzen kann, ist die proletarische. Der Glaube an eine andere Art UmwĂ€lzung ist eine Illusion.

Wodurch die antiautoritÀre Bewegung sich von Anfang an gekennzeichnet hat, ist nicht die Abneigung gegen eine proletarische Revolution, wie man sie selbstverstÀndlich in den Kreisen der eigentlichen Bourgeoisie vorfindet, sondern die GeringschÀtzung ihrer Möglichkeiten. Das Industrieproletariat, so ihre Meinung, weise eine immer geringere Zahl auf und hÀtte nur noch eine schwindende Bedeutung. Dazu wÀre es eine apathische Masse von der ein revolutionÀrer Widerstand gegen die kapitalistischen VerhÀltnisse nicht oder nicht mehr zu erwarten sei.

Der vorherrschende Mythos der schwindenden gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeiterklasse aber ist nur eine der vielen Erscheinungsformen bĂŒrgerlicher Ideologie. Infolge der Konzentration das Kapitals und dem Verschwinden des sogenannten Mittelstandes gibt es heute mehr Proletarier als je zuvor. Wie richtig es auch sein mag, daß jetzt mehr Arbeiter im nichtproduktiven, keinen Mehrwert erzeugenden Dienstleistungsbereich wirksam sind, ihre Stellung gegenĂŒber dem Kapital ist dadurch unverĂ€ndert. Auch sie verfĂŒgen, mangels Kontrolle ĂŒber die Produktionsmittel, nicht ĂŒber die eigene Existenz. Als Paul Mattick vor etwa zehn Jahren in seiner „Kritik an Herbert Marcuse“ darauf hinwies, fĂŒgte er hinzu, daß „Lohnarbeiter Proletarier sind, welche TĂ€tigkeiten sie auch immer ausĂŒben“4. Sie unterliegen, die herrschende Klasse trifft die Entscheidungen, welche das Leben aller anderen in jeder Hinsicht bestimmen.

Das alles bedeutet, daß trotz einer Verschiebung von produktiver nach unproduktiver Arbeit die latente Macht der arbeitenden Klasse gewachsen ist. Die Entwicklung der modernen Technik hat die Gesellschaft völlig von einem ununterbrochenen Produktionsvorlauf abhĂ€ngig gemacht. Eine ungestörte Funktion der Dienstleistungen ist dafĂŒr eine der unentbehrlichen Bedingungen. Das erklĂ€rt, weshalb trotz des GeschwĂ€tzes von der verringerten Bedeutung der Arbeiterklasse, PersonalvorstĂ€nde, Soziologen und Psychologen, Wohlfahrtspfleger und BetriebsĂ€rzte, Historiker und Volkswirtschaftler, Juristen und Organisationsberater ihr mehr Aufmerksamkeit widmen, als in der Vergangenheit.

Was die vermeinte Apathie betrifft: daß dieselben Arbeiter, die unter bestimmten UmstĂ€nden gleichgĂŒltig scheinen, unter anderen UmstĂ€nden zu rebellieren anfangen, ist ohne Zweifel ganz richtig aber nicht das wichtigste, was in diesem Zusammenhang zu bemerken ist. Der Vorwurf, die Arbeiter seien nicht mehr imstande oder nicht mehr dazu geneigt „revolutionĂ€ren Widerstand“ zu leisten, geht an der Tatsache vorbei, daß die Arbeiter nie kĂ€mpfen oder gekĂ€mpft haben, um eine UmĂ€nderung der Gesellschaft herbeizufĂŒhren, sondern nur um entweder ihre proletarische Lage zu verbessern oder deren Verschlechterung vorzubeugen. Womit man es bei diesem ungerechten Vorwurf zu tun hat ist ein doppelter Irrtum, ein Irrtum in Bezug auf das, was die Arbeiterklasse ist und ein Irrtum in Bezug auf das, was sie demzufolge zu tun gezwungen sein wird.

Der Kampf der Arbeiter – wofĂŒr diejenigen, die sich da irren, ĂŒbrigens kaum einen Blick haben – ist zwar der Motor aller gesellschaftlichen Entwicklung, aber es wĂ€re falsch, die objektive Folge des proletarischen Verhaltens als sein subjektives Ziel hinzustellen. Kritiker welche der Arbeiterklasse „Apathie“ vorwerfen unterschieben ihr faktisch eine GleichgĂŒltigkeit fĂŒr etwas, das sie nie angestrebt hat um nachher festzustellen, daß sie infolge ihrer „VerbĂŒrgerlichung“ darauf verzichtet habe. Von dieser sogenannten VerbĂŒrgerlichung der Proletarierklasse ist aber schon deshalb keine Rede weil, die Arbeiterschaft, auch wenn die Löhne steigen und das Arbeitsklima sich bessert, doch immer die Negation der bĂŒrgerlichen Gesellschaft bildet, und ihr angeblicher „Überfluß“ nichts ist im Vergleich zu dem „Überfluß“ der anderen Klassen, woneben er sich stetig als relativer Mangel abzeichnet. Unter kapitalistischen VerhĂ€ltnissen, gleichviel ob sie durch Privatbesitz oder durch Staatseigentum geprĂ€gt werden, existieren die Herrschenden auf Kosten des Proletariats. Aus diesem Grunde vergegenwĂ€rtigt jede proletarische Aktion, wie unbedeutend sie immer scheinen könnte, eine wesentliche Bedrohung der gefestigten Ordnung, welche andererseits gar nicht in Frage gestellt wird von irgendeinem Benehmen, das aus der Idee, es gelte diese Ordnung zu stĂŒrzen, hervorgeht, eine Idee die nicht in proletarischen Bestimmungen wurzelt. Die Klassentrennung der kapitalistischen Gesellschaft, ist gleichzeitig die Trennung zwischen denjenigen die Revolution machen wollen, ohne es zu können, und denjenigen welche die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse revolutionieren, ohne es zu sollen.

II.

Was immer Klaus Hartung mit seiner Bemerkung, „die Grenze antiautoritĂ€rer Militanz war eine Klassengrenze“, auch gemeint haben soll, jedenfalls nicht, daß die antiautoritĂ€re Bewegung, zwar begeistert von der antibĂŒrgerlichen Idee der sozialen UmwĂ€lzung, jedoch nicht auf dem Fundament antibĂŒrgerlicher Interessen gewachsen, zu einer Machtlosigkeit verdammt war, die ihr Mißlingen unumgĂ€nglich machte. Daß sie an der Klassengrenze haltmachte – fĂŒr ihn, anders als fĂŒr uns, keine logische Folge ihrer wesentlichen ZĂŒge -, betrachtet er daher nicht als eine Unvermeidlichkeit, sondern als einen der von ihr begangenen Fehler. Er gesteht offen ihren Mißerfolg, doch er stellt ihn gleich mit einer politischen Niederlage oder mit einer verlorenen Schlacht. Er spricht davon, als handele es sich um einen Mißerfolg bis jetzt und er schließt seine Auseinandersetzung mit der vertrauensseligen, denn unbegrĂŒndeten Versicherung, die antiautoritĂ€re Bewegung werde trotzdem siegen.

FĂŒr eine solche Vertrauensseligkeit gibt es in unserer Anschauung keinen Platz. Wir sehen keinen Ausweg aus der Sackgasse, in welcher die als „neue Opposition“ begrĂŒĂŸte, außerparlamentarische und antiautoritĂ€re Bewegung sich befindet und sich nach unserer Meinung immer schon befunden hat. Nicht infolge ihrer sogenannten Fehler ist sie in diese Sackgasse geraten, sie wurde dort geboren. Die Keime der Zersetzung hat sie seitdem mit sich herumgetragen. Ihr endgĂŒltiger Untergang ist das unerbittliche Schicksal, dem sie nicht entrinnen konnte. Was Hartung und anderen als Fehler, daß heißt als vermeidbare Dinge, betrachten, das sind nur ebensoviele Merkmale ihrer wirklichen Position. Wenn man davon tatsĂ€chlich schon lernen kann, dann nicht was die Bewegung hĂ€tte tun sollen oder kĂŒnftig unterlassen soll, sondern was sie ist.

Die antiautoritĂ€re Bewegung nun ist das was sie von Anfang an war: eine Protestbewegung junger Leute aus bĂŒrgerlichen und kleinbĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnissen, die sich zwar gegen die bĂŒrgerliche Wirklichkeit auflehnten – und deshalb zu Unrecht fĂŒr antibĂŒrgerlich gehalten wurden – aber keineswegs darĂŒber hinausgingen. Sie ĂŒberholten die bĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnisse nicht, es war ihnen faktisch darum zu tun, zu deren Anfang zurĂŒckzukehren. Sie waren sich allerdings dessen nicht bewußt und konnten sich das betreffende Bewußtsein kaum aneignen, weil ihre „sozialistische“ Ideologie sie daran hinderte. Indem sie, und nicht von ungefĂ€hr, Voluntaristen, das heißt politische Idealisten waren, unterhielten sie ein bestimmtes Zukunftsbild. Was sie aber fĂŒr die Zukunft ansahen, war in Wirklichkeit die in die Zukunft projezerte Vergangenheit. Bernd Rabehl, einer der sich angestrengt hat, aus dieser „neuen Opposition“ eine, wie er es nannte, „sozialistische Opposition“ zu machen, hat bemerkt, daß „der Protest der Studenten gegen die Entwicklung der formierten Gesellschaft zunĂ€chst eine moralische Empörung war, die das Postulat der Demokratie gegen deren tatsĂ€chliche Verwirklichung in der Bundesrepublik kehrte“5. Das bedeutet soviel, als daß sie den erstarrten Formen der parlamentarischen Demokratie mit ihrem bĂŒrokratischen Machtapparat das Ideal einer echten und unmittelbaren Demokratie gegenĂŒberstellten. Wir halten, ohne uns mit Rabehl zu identifizieren, die Charakteristik fĂŒr richtig und möchten hinzufĂŒgen, daß hierbei die Ideale der jakobinischen Demokratie anstelle der heutigen demokratischen Wirklichkeit gesetzt wurden. An die Arbeiterdemokratie wurde einstweilen nicht gedacht. „Das Proletariat“, erklĂ€rt Klaus Hartung, „war uns zunĂ€chst gleichgĂŒltig“!

Anschließend schreibt Hartung, daß „nichts falscher wĂ€re, als gerade darin die (klein)bĂŒrgerliche Herkunft der Studentenrevolte nachweisen zu wollen“. Die Bemerkung trifft nicht auf uns zu. Wir leiten den kleinbĂŒrgerlichen Charakter der „neuen Opposition“ nicht her von ihrer GleichgĂŒltigkeit hinsichtlich der Arbeiterklasse, sondern wir erklĂ€ren umgekehrt diese GleichgĂŒltigkeit aus ihrem kleinbĂŒrgerlichen Charakter. Wenn Hartung behauptet, das Proletariat wurde ignoriert, weil es sich nicht rĂŒhrte und „zum geschichtslosen Produzenten des Mehrwerts geworden war“, ohne an seinen Ketten zu zerren, so hat man es, im Gegensatz zu dem was er als seine Meinung Ă€ußert, nicht mit „einer richtigen geschichtlichen Wahrnehmung“ zu tun, sondern mit einem geradezu kleinbĂŒrgerlichen Zerrbild. Dessen KleinbĂŒrgerlichkeit wird dadurch noch unterstrichen, daß Hartung hinzufĂŒgt, die neue Opposition glaubte nicht „daß der Arbeiter, wenn er der Spur seiner materiellen Interessen folgt, schon auf den revolutionĂ€ren Weg stoßen wird“ und, daß sie sich eine revolutionĂ€re Entwicklung nur vorstellen konnte als „der Ausbruch aus seiner Situation“, als „der Übertritt in das antiautoritĂ€re Lager“.

Hier findet man genau alle GrundzĂŒge des modernen Jakobinertums wieder: die Verkennung der wirklichen proletarischen Lage, die großartige UnterschĂ€tzung des Interessenkampfes und die ebenso großartige ÜberschĂ€tzung der (revolutionĂ€ren) Idee. Keine Spur von der Erkenntnis, daß Ideen sich in der Geschichte immer nur blamiert haben, dafĂŒr aber das MißverstĂ€ndnis, die Arbeiter könnten nur „auf den revolutionĂ€ren Weg stoßen“, falls sie sich unter die Fahne einer von radikalen Ideen erfĂŒllte Bewegung stellen wĂŒrden, einer Bewegung also die sich selbst als revolutionĂ€re Vorhut deutet.

III.

Die „neue Opposition“ – sie mag den Anspruch recht weniger klar erheben als die verschiedenen bolschewistischen Gruppen und Parteien -, betrachtet sich tatsĂ€chlich als revolutionĂ€re Vorhut. Das wird auch von Klaus Hartung festgestellt. Er spricht in diesem Zusammenhang von der „historischen Krankheit der Studentenbewegung“. Wo er den Versuch unternimmt die Ursache dieser Krankheit aufzudecken, da meint er, sie wĂ€re aus einer EnttĂ€uschung ĂŒber das, was er, mit charakteristischer jakobinischen Wortwahl, „das Volk“ nennt, zu erklĂ€ren. Er geht jedoch nicht so weit, daß er die EnttĂ€uschung selbst analysiert; er versteht sie nicht als einen Konflikt zwischen der jakobinischen Theorie und der gesellschaftlichen Praxis.

So einen Konflikt gibt es bei jeder Avantgarde, ob sie sich als Partei konstituiert hat oder nicht. Das ist Hartung insofern nicht entgangen, als er seine Kritik insbesondere auf diese Organisationsform verlegt. Er hat erkannt daß die Partei, das heißt jede Partei, ihre Theorie oder ihre Wahrheit als die Wahrheit hinstellt; er hat gleichfalls erkannt, daß eine Partei ihren Mitgliedern die Sicht auf die, immer komplizierte, Wirklichkeit benimmt. Aber er schweigt darĂŒber, daß, wo immer die Kenntnis der Wirklichkeit beschrĂ€nkt ist, diese oder jene besondere Wahrheit als die allgemeine Wahrheit hingenommen wird und somit ein geistiges Klima geschaffen wird, das fĂŒr die Partei einen gĂŒnstigen NĂ€hrboden bildet.

Um konkret zu werden: sobald die radikale jakobinische Wahrheit bezĂŒglich der UnterdrĂŒckung des „Volkes“ bei großen Teilen davon, das heißt bei der Arbeiterklasse, keinen Widerhall findet, da wird das nicht der Tatsache zugeschrieben, daß die proletarische RealitĂ€t und der Arbeiterkampf etwas ganz anderes sind, als als die jakobinische Studentenopposition glaubt, sondern es wird den Arbeitern fehlendes Bewußtsein und demnĂ€chst einen Mangel an revolutionĂ€rem Willen vorgeworfen. Der Avantgarde oder der Partei wird alsdann die Aufgabe zugeteilt, die Arbeiter bewußt zu machen. Ihren „Mangel an einem revolutionĂ€ren Willen“ soll durch den revolutionĂ€ren Willen einer sogenannten Vorhut kompensiert oder sogar ersetzt morden.

So stark ist diese Tendenz, so krĂ€ftig setzt diese Entwicklung sich jeweils durch, daß die gelegentlich dĂ€mmernde Ahnung, es komme doch weniger auf den revolutionĂ€ren Willen als auf die soziale Eigengesetzlichkeit, die reellen WidersprĂŒche und die wirklichen KĂ€mpfe an, sie kaum abzuschwĂ€chen vermag. Der ehemalige StudentenfĂŒhrer Rudi Dutschke zum Beispiel hat mal an jene Kritik erinnert6 (6), welche Marx an der Fraktion Willich-Schapper im einstigen Bunde der Kommunisten geĂŒbt hat, nĂ€mlich daß sie „an die Stelle der kritischen Anschauung eine dogmatische setze, an die Stelle der materialistischen eine idealistische“ und, daß „ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution“ werde7 (7). An der betreffenden Stelle erörtert Marx, daß die Arbeiter „15, 20, 50 Jahre BĂŒrgerkriege und Volkskriege durchzumachen haben, nicht nur um die VerhĂ€ltnisse zu Ă€ndern, sondern um sich selbst zu Ă€ndern“. Dutschke aber versteht die Änderung um die es hier geht trotzdem nicht sosehr als SelbstĂ€nderung, jedoch vielmehr als eine die von außen her zustande gebracht werden soll. Das ergibt sich daraus, daß er den Klassenkampf nicht als einen sozialen, sondern als einen politischen Kampf versteht, den nicht die Arbeiter selbst, sondern die sogenannten Arbeiterparteien zu fĂŒhren haben8 (8). Nach Dutschke wĂ€re dieser „politische Klassenkampf“ mit einem „bewußten Klassenkampf“ identisch. DarĂŒber hinaus behauptet er, daß „nur im bewußten Klassenkampf das (
) Selbstbewußtsein des Proletariats“ entstehe, das er spĂ€terhin als „revolutionĂ€res Klassenbewußtsein“ definiert9 (9).

BuchstĂ€blich heißt das nichts geringeres als, daß in einem bereits bewußt gefĂŒhrten KĂ€mpfe abermals ein bestimmtes Bewußtsein erweckt wĂŒrde. „Was fĂŒr eins schon?“,könnte man da fragen. Die einzig vernĂŒnftige Antwort kann nur diese sein, daß hier das proletarische Bewußtsein der öffentlichen Wirkung einer politischen Avantgarde zugeschrieben, also als ein politisches Bewußtsein verstanden wird. Das ist tatsĂ€chlich exakt die Auffassung der neuen Opposition, welche – wie es auch Mager und Spinnarka getan haben – es von Anfang an fĂŒr möglich gehalten hat, daß ihre Aktion andere Teile der Gesellschaft zur Erkenntnis bringe und somit zum Handeln veranlasse. Es wird damit völlig verkannt, daß man sich nie etwas anderem als der materiellen Wirklichkeit bewußt werden kann und, daß die Wirklichkeit der Studenten grundverschieden ist von jener der industriellen Arbeiterschaft, daß die erstere den politischen Verstand erzeugt, die letztere aber den sozialen Instinkt, der sich zwar anfangs noch vom politischen Verstand belĂŒgen lĂ€ĂŸt, nicht aber, wenn ein gewisser Entwicklungsgrad erreicht worden ist10 (10). Daraus erklĂ€rt sich das, was Hartung ohne ZurĂŒckhaltung als die Ablehnung der von den Studenten herangetragenen „Wahrheit“ beschrieben hat, ein Verhalten ihnen gegenĂŒber, fĂŒr welches eben von Arbeitern verwendete Wort wie „Euch mĂŒĂŸte man mal 
“ charakteristisch sind.

Die Studenten, die nicht am Produktionsprozeß teilnehmen, befinden sich der Gesellschaft gegenĂŒber in einer besonderen Situation. Insofern manche von ihnen anerkennen, daß die Änderung der UmstĂ€nde und die menschliche TĂ€tigkeit oder SelbstverĂ€nderung zusammenfallen und nur als revolutionĂ€re Praxis gefaßt werden können, handelt es sich bei ihnen um eine spezifische Anerkennung, die sich aus dieser, ihrer Situation erklĂ€rt. Mit „revolutionĂ€rer Praxis“ meinen sie, statt jener der tĂ€tigen Produzenten, die Praxis der RevolutionĂ€re fĂŒr die es, wie immer fĂŒr Leute die sich als „HeerfĂŒhrer“ betrachten, in erster Linie auf eine Strategie ankommt11 (11). Falls so ein faustischer Revoluzzer einem, der tĂ€glich am Fließband steht, zu erkennen gibt: „GeschĂ€ftiger Geist, wie nah fĂŒhl‘ ich mich dir“, kann der Angeredete mit Maphistopheles erwidern: „Du gleichst dem Geist den du begreifst, nicht mir!“

IV.

Der lebensgroße Unterschied zwischen der Wirklichkeit der Studenten und jener der Arbeiter, wie auch dessen Folgen fĂŒr das respektive Bewußtsein kann man eindeutig erlĂ€utern anhand das VerhĂ€ltnisses der neuen Opposition zum Staatsapparat das – hier sind wir mit Hartung einverstanden – in der Geschichte der antiautoritĂ€ren Bewegung eine zentrale Rolle gespielt hat. Die Tatsache ist leicht zu verstehen. Wenn die Studenten zu rebellieren anfangen, streben sie eine Hochschulreform an, damit sie nicht lĂ€nger von professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausgebildet werden12. Sie wollen die Chance haben, sich „als StaatsbĂŒrger“ zu entwickeln mittels politischer Information, politischer MeinungsĂ€ußerung und politischer Diskussion. Sie verlangen eine Demokratisierung der UniversitĂ€t. Diese hat jedoch nicht nur eine sehr bestimmte, jenem Verlangen wenig entgegenkommende Funktion innerhalb der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, sie ist zugleich eine Anstalt der Obrigkeit. Hinter dem akademischen Senat, hinter dem Rektor und hinter allen universitĂ€ren Instituten stehen das bĂŒrgerliche Gesetz und die bĂŒrgerlichen Behörden mit ihrem Machtapparat. Der Konflikt zwischen Studenten und UniversitĂ€t ist somit ein politischer Konflikt, weil es sich dabei um politische Freiheiten handelt, in erster Instanz um das Recht, Sondermeinungen zu Ă€ußern ĂŒber politische Fragen ĂŒber zum Beispiel den Vietnamkrieg. Daß gerade hinsichtlich des Vietnamkrieges moralische GefĂŒhle stark mitgespielt haben, Ă€ndert den politischen Charakter der Sache nicht im geringsten.

Im Gegensatz nun zu den Arbeitern, die bei ihrem sozialen Widerstand an erster Stelle mit dem Unternehmertum, mit Betriebsverwaltungen, möglicherweise auch mit der GewerkschaftsbĂŒrokratie konfrontiert werden und erst indirekt, in einer spĂ€teren Phase die Machtmittel der Obrigkeit zu spĂŒren bekommen, haben es die rebellierenden Studenten bei ihrem politischen Widerstand sofort mit der Obrigkeitsgewalt zu tun. Das ist der Fall innerhalb der UniversitĂ€t, wenn die Polizei den Befehl bekommt, eins der UniversitĂ€tsgebĂ€ude auszurĂ€umen, wie in Berlin am 19, April 1967. Es ist genau so außerhalb der UniversitĂ€t, das heißt auf der Straße wohin der Streit auch dadurch je lĂ€nger je mehr verlegt wird, daß vom 16. Februar 1966 an innerhalb der UniversitĂ€t keine politischen ZusammenkĂŒnfte oder Veranstaltungen mehr abgehalten werden dĂŒrfen. Somit wird der Zusammenstoß der neuen Opposition mit der Obrigkeit von frĂŒh an einen Zusammenstoß im buchstĂ€blichen Sinne. Immer und immer wieder treffen die Studenten auf die bewaffnete Macht.

FĂŒr die Arbeiter ist der Klassengegensatz zum Unternehmertum die tĂ€gliche und vorherrschende Lebenserfahrung; fĂŒr die Studenten aber ist es die Polizeigewalt. Nicht im Produktionsbereich begegnen sie der bĂŒrgerlichen Gesellschaft und dem bĂŒrgerlichen Staat, sondern auf der Straße, das heißt gerade dort wo der bĂŒrgerliche Staat ihnen gegenĂŒber das strategische Übergewicht besitzt. Über Hartungs Bemerkung, daß die antiautoritĂ€re Bewegung nicht auf der Straße geschlagen worden ist, kann man anderer Meinung sein. Unbestreitbar aber ist es, daß sie dort keineswegs gesiegt hat. Daher auch weist Hartung zwei Seiten weiter darauf hin, daß die Studenten einen Begriff vom Staatsapparat im Kopf haben, „der so umfassend und total ist, daß sich gegen ihn nichts machen lĂ€ĂŸt“. Daraus wird dann allerdings von den Studenten gefolgert, es kĂ€me darauf an, ihn „endgĂŒltig zu zerschlagen“. Das aber ist eine reine Phrase; was da vorhergeht ist genau die theoretische Abspiegelung von dem was die Studenten in ihrer Praxis erfahren haben.

Die Arbeiter machen eine ganz andere Erfahrung, wenn da zum Beispiel im FrĂŒhling 1969 in der bundesdeutschen Industrie ganz spontan „wilde“ Streiks losgehen und die BRD von einer Streikwelle getroffen wird welche schließlich in den Septembertagen ihren Höhepunkt erreicht, so ist nicht bloß das Unternehmertum, nicht bloß die Gewerkschaftsbewegung, sondern die ganze offizielle Gesellschaft einschließlich des Staatsapparats ihr gegenĂŒber völlig hilflos.

FĂŒr die antiautoritĂ€re Bewegung kamen, schreibt Hartung, die Septemberstreiks als ein Schock. Sie war, fĂŒgt er hinzu, „auf die spontanen KĂ€mpfe des Proletariats nicht vorbereitet.“ Sie war es tatsĂ€chlich nicht, trotz ihrer anfĂ€nglichen Erwartung, die UniversitĂ€tsrevolte könnte auf andere gesellschaftliche Bereiche und Klassen ĂŒbertragen werden. Bernd Rabehl nannte etwa ein Jahr vor dem Ausbruch der Streikbewegung von 1969 den Gedanken an solch eine Übertragung „leichtfertig“, „den Ausdruck einer ‚ungestĂŒmen‘ Logik“ (mehr ungestĂŒm als logisch soll er wohl gemeint haben) und er charakterisierte ihn als ein „Wunschdenken“13. Die Ereignisse vom Herbst 1969 – und spĂ€tere die eine Wiederholung derartigen spontanen Streikbewegungen verzeichneten – haben keineswegs den Nachweis gebracht daß Rabehl sich damals irrte. Denn die Septemberstreiks sind etwas ganz anderes als eine Übertragung der Studentenbewegung auf die Arbeiterklasse; sie bedeuten durchaus nicht, daß die Arbeiter sich unter die Fahne der neuen Opposition stellen. Die wesentliche Bedeutung dieser Streikwelle – das Vorgehen von unten auf, das Fehlen einer traditionellen StreikfĂŒhrung seitens der Gewerkschaften14 und viele andere Einzelheiten weisen es nach – ist diese, daß die Arbeiter selbst handelnd auf der BildflĂ€che erscheinen. Im September 1969 zeigen die Arbeiter nicht, daß sie die Studenten als ihre Vorhut akzeptieren, sie liefern im Gegenteil den Beweis, daß sie keine solche Vorhut brauchen.

Die Septemberstreiks von 1969 liegen als soziale Bewegung nicht auf der gleichen LĂ€ngenachse wie die politische Studentenbewegung, sie stehen damit in geradem Widerspruch. Der Gedanke, die antiautoritĂ€re Bewegung solle als eine Avantgarde der Arbeiterklasse funktionieren, sie verkörpere „den revolutionĂ€ren Willen“, sie sei dazu berufen, dem Proletariat bewußt zu machen, daß es gegen die bestehenden VerhĂ€ltnisse zu kĂ€mpfen habe, ist wĂ€hrend der Septemberstreiks abermals als ein Mythos entlarvt worden, und zwar nicht mittels theoretischer Argumente, sondern vom Klassenauftritt der Arbeiter, der unmittelbar aus ihrer Situation hervorging, Also: die studentische Ideologie entspricht nicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der Untergang der neuen Opposition findet eben darin seinen Grund.

V.

Hartung, wir haben schon darauf hingewiesen, spricht nicht vom Untergang der antiautoritĂ€ren Bewegung. Er trĂ€umt noch immer von ihrem kĂŒnftigen Sieg. Dennoch hat er einen Blick fĂŒr ihre Mißerfolge, aber er sucht deren Ursache nicht dort wo er sie nach unserer Meinung suchen sollte. Deswegen faßt er sie als Mißerfolge, welche die antiautoritĂ€re Beilegung ĂŒberwinden könnte.

Was er zum Beispiel die „Dogmatisierung“ der neuen Opposition nennt, die Tatsache, daß sie unter Hochdruck seitens der wie Pilze emporgewachsenen bolschewistischen Gruppen gerĂ€t und dadurch zu einer bestimmten politischen Linie gezwungen wĂ€re, verstehen wir ganz anders als er. Infolge des politischen und jakobinischen Charakters der neuen Opposition, den wir schon kennengelernt haben – und der sie weniger „neu“ macht als sie wohl scheinen mag – haben bolschewistische Theorien fĂŒr sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Denn der Bolschewismus ist nun einmal die konsequenteste Form des modernen Jakobinertums in der heutigen Gesellschaft. Nicht der Dogmatismus hat die RealitĂ€t beiseite gerĂ€umt, wie es Hartung behauptet, sondern die reelle Gestalt der antiautoritĂ€ren Bewegung macht sie zu einer leichten Beute des bolschewistischen Dogmas. Nicht die bolschewistischen Gruppen zwingen die antiautoritĂ€re Bewegung auf eine politische Linie. Deshalb weil die neue Opposition naturgemĂ€ĂŸ eine politische Linie verfolgt, wird sie gleichsam von selbst zum Bolschewismus15 gedrĂ€ngt.

DarĂŒber zu streiten, ob damit ein kĂŒnstlicher Nebel ringsum die politische Wirklichkeit erzeugt wird – wie Hartung behauptet – oder schon an einem frĂŒheren Zeitpunkt, hat kaum einen Zweck. Es kommt nicht sosehr darauf an wann, sondern darauf weshalb die politische Wirklichkeit sich vermischt und sie vermischt sich weil die neue jakobinische Opposition immer schon der gesellschaftlichen Wirklichkeit den RĂŒcken zugekehrt hat. Nach Hartung hat sie „die BĂŒhne der Klassengesellschaft gebaut“ auf der ihre Angehörigen sich bis jetzt „um die richtigen Kulissen streiten“. Das Bild trifft zu unter der Bedingung, daß dabei besonders betont wird, daß es sich um eine BĂŒhne handelt auf der eine bestimmte Auffassung der Klassengesellschaft in jeweiliger Regie dargestellt wird. Auf diese Darstellung, nicht auf die soziale RealitĂ€t, richtet die neue Opposition das Auge. Aber weder die lebensechteste Kulisse, noch selbst das fundierteste KostĂŒm können etwas daran Ă€ndern, daß solch eine Darstellung mit der wirklichen Klassengesellschaft und mit dem wirklichen Klassenkampf nicht identisch ist. Nachdem man sich vorher einem Wunschtraum hingegeben hat, vergafft man sich in einer Wunschvorstellung, in einer Illusion. Hartung mag daran nicht glauben, das Ende solcher Illusionen ist immer die Katastrophe!

Daß und wie der Bolschewismus immer krĂ€ftiger in die antiautoritĂ€re Bewegung durchstĂ¶ĂŸt, das geht sonnenklar aus Hartungs Schilderung hervor. In dieser Hinsicht ist sie besonders eindringlich. An gewisser Stelle spricht er von dem Bestreben der neuen Opposition, sich auf der Basis von „Was tun?“, das heißt den leninistischen Prinzipien gemĂ€ĂŸ, zu organisieren. An anderer Stelle ist die Rede von dem von uns auch bei Rabehl verzeichneten Versuch einer „Transformation der antiautoritĂ€ren Beilegung in eine proletarische Bewegung“. Hartung bringt dazu ein Zitat in dem es sogar heißt „der studentische Kampf“ (Hervorhebung von mir – C.B,) sei „in einen proletarischen Kampf transformierbar“16. Wo er auf die durch den Versuch ausgelöste Diskussion eingeht, betrachtet er sie als „die Wende der Bewegung“. Sie kommt in eine Stromschnelle. Kaum ein halbes Jahr spĂ€ter ist der Spaltpilz an der Arbeit. Die Einheit der neuen Opposition gehört der Vergangenheit an. Aber, so immer noch Hartung, die Studenten schĂ€tzen das fĂŒr Nichts „weil es das Proletariat zu organisieren galt“.

Hartung nennt das „eine SelbsttĂ€uschung“, eine Qualifikation wogegen wir nichts einzuwenden haben. Er beschreibt diesen Gang der Ereignisse auch so, daß die Studenten anfangen „fĂŒr andere, fĂŒr den Arbeiter Politik zu entwerfen“. Wieder anderswo stellt er fest, daß „die radikale Bewegung sich in eine militante Minderheit verwandelt“, Aber es gelingt ihm nach unserer Überzeugung nicht, die Ursachen von alledem aufzudecken; er faßt die von ihm geschilderte Entwicklung nicht als eins natĂŒrliche Entwicklung. Wenn er sich schon kritisch ĂŒber die Nachahmung der leninistischen Organisationsform Ă€ußert, dann nur, weil „Lenin die Organisationsprinzipien von ‚Was tun?‘ unter der historischen Bedingung der Allmacht der russischen Geheimpolizei entwickelt“ habe, also innerhalb einer Situation die es in Deutschland nicht gibt. Bei Hartung findet man nicht die geringste Spur jener anderen, doch schon lĂ€ngst bekannten Anschauung, daß die jakobinische Auffassung der Revolution, nach welcher das Proletariat nicht selbst das erforderliche „revolutionĂ€re Bewußtsein“ erwerben kann17, fĂŒr Lenin entscheidend gewesen ist. Dadurch, daß Hartung im jakobinischen Milieu gebildet worden und mit der jakabinischen Ideologie politisch aufgewachsen ist, legt er den Finger nicht auf die eigentliche Wunde, nicht auf Lenins Jakobinismus. Es leuchtet ihm nicht ein, daß gerade dieser Jakobinismus der verhĂ€ngnisvolle Stern ist, unter dem die neue Opposition auf die Welt gekommen ist.

TatsĂ€chlich: die Anschauung, den Arbeitern sollte man von außen her Bewußtsein beibringen, sie könnten – um die Worte Hartungs zu wiederholen – nicht von sich aus „auf den revolutionĂ€ren Weg stoßen“, haben wir schon als ein Merkmal auch der frĂŒhen antiautoritĂ€ren Bewegung zu unterscheiden gelernt. Wenn Hartung darauf etwas nĂ€her eingeht bemerkt er, das Proletariat profitiere „mittelbar von der Ausbeutung der Dritten Welt“. Das ist eine Ansicht die völlig ĂŒbergeht, auf welche Weise im Kapitalismus ökonomische Kategorien wie Lohn, Preis und Profit ĂŒberhaupt zustande kommen, und die faktisch nichts anderes ist, als die auch von Lenin verkĂŒndete Theorie der sogenannten „Arbeiteraristokratie“.

Der Zusammenhang dieser Theorie mit dem Jakobinertum der Bolschewiki kann ebensowenig verneint werden, wie der Zusammenhang der jakobinischen Auffassungen mit dem der neuen Opposition anhaftenden Voluntarismus. HierĂŒber Ă€ußert sich Hartung besonders unbestimmt. Bald scheint er dessen Vorhandensein zuzugeben, bald scheint er sich von einer Kritik daran zu distanzieren, zum Beispiel wenn er erwĂ€hnt, daß einer wie JĂŒrgen Habermas den Studenten ihre voluntaristische Ideologie vorgeworfen hat. Jedoch, das Jakobinertum der Studentenbewegung, ihr von Haus aus politischer Charakter und ihr Voluntarismus, das heißt die Bedeutung, welche sie dem „revolutionĂ€ren Willen“ zuschreibt, bilden ein unzertrennbares Ganzes, das sich aus ihrer Distanz von der Arbeiterklasse ergibt. Von dieser Distanz bringt Hartung treffende Beispiele ohne daran die nach unserer Meinung unentrinnbare Schlußfolgerungen zu verbinden. Er betrachtet die Klassengrenze, vor welcher die Studenten stehengeblieben sind als eine Kluft, die sie nach seiner Meinung hĂ€tten ĂŒberbrĂŒcken sollen, nicht als ein Hindernis, woran sie zerschellt sind.

Nicht weil als antiautoritĂ€r oder nicht antiautoritĂ€r genug war ist die neue Opposition zugrunde gegangen, sondern weil sie glaubte, sie mĂŒsse die Arbeiter bevormunden. Aber die Arbeiter brauchen keine Bevormundung und sie lassen sich nicht lĂ€nger bevormunden. Die antiautoritĂ€re Bewegung hat es erfahren. Zu ihrem VerhĂ€ngnis.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org