en / fr / es / pt / de / it / ca / el

Die Nachrichten von 238 anarchistische Verlage werden automatisch hier gepostet
Newsfeed wird alle aktualisiert 5 Minuten

Cemil Bayik zu Fragen an die kurdische Bewegung- Teil 1 und 2


305 ansichten


Das folgende Interview mit dem Vorsitzenden der Union der Gemeinschaften Kurdistans (Koma CivakĂȘn Kurdistan/ KCK), Cemil Bayik, erschien als Zweiteiler dieser Tage und wurde auf ANF auch ins Deutsche ĂŒbersetzt und veröffentlicht. Es werden viele Fragen aufgegriffen, die sich nicht zuletzt jene stellen, die ihre Informationen ĂŒber den Konflikt primĂ€r aus der bĂŒrgerlichen Presse beziehen- die wiederum hier zuallererst auf die Verlautbarungen der Bundesregierung, des AuswĂ€rtigen Amtes dem Innenministerium, dem Außenministerium oder direkt jenen aus Ankara aufbauen und kaum eigene Recherchen vorweisen können.

Bayik: Wir verteidigen den demokratischen Sozialismus

Cemil Bayik hat als Ko-Vorsitzender der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans) Fragen der US-amerikanischen Publikation Responsible Statecraft beantwortet. Wir veröffentlichen den ersten Teil des Interviews.

Einige Stimmen behaupten, dass Sie eine Last fĂŒr Rojava sind und große Probleme verursachen. Es wird davon ausgegangen, dass fĂŒhrende Persönlichkeiten wie Mazlum Abdi und Ilham Ehmed sich zusammen mit Ihnen und der PKK-FĂŒhrung bewegen. Wie ist Ihre Beziehung zu Rojava?

Ich habe keine Informationen darĂŒber, auf welcher Argumentation die Behauptung beruht, unsere Bewegung stelle eine Last fĂŒr Rojava dar. Fakt ist, dass diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, ĂŒber keinerlei Kenntnisse zur jĂŒngeren Geschichte Syriens und Rojavas verfĂŒgen.

Die Revolution von Rojava hat große Auswirkungen auf die gesamte Menschheit. In Rojava hat sich eine demokratische Revolution vollzogen, deren treibende Kraft die Frauenrevolution ist. Die Bevölkerung von Rojava steht mit allen gesellschaftlichen Gruppen einschließlich der Frauen, der Jugend und Ă€lteren Menschen fĂŒr einen demokratischen Willen. Es gibt dort keinen Platz fĂŒr die Hegemonie nationalistischer SouverĂ€nitĂ€tsvorstellungen und sektiererischer Ideologien. Unterschiedliche IdentitĂ€ten und religiöse Gruppen leben frei nach dem Prinzip der friedlichen Koexistenz. Diese Fakten sind ein Modell nicht nur fĂŒr Syrien und den Nahen Osten, sondern fĂŒr die gesamte Welt. Die Menschen in Rojava haben sich gegen das baathistische Regime erhoben und ihre Gebiete befreit. Sie haben den IS besiegt, indem sie sich auf ihr freiheitliches und demokratisches System gestĂŒtzt haben.

In diesem von Kurden, Arabern, Suryoye, Tscherkessen und Turkmenen Schulter an Schulter ausgefochtenen Kampf sind zwölftausend Menschen gefallen. Der IS ist jedoch nicht nur durch militĂ€rische StĂ€rke besiegt worden: Seine Niederlage basiert auf dem Paradigma der demokratischen Nation und der emanzipatorischen QualitĂ€t, die fĂŒr die Revolution von Rojava charakteristisch ist. Ohne diesen theoretischen und politischen Ansatz hĂ€tte die Mehrheit der arabischen Völker im Irak und in Syrien den IS unterstĂŒtzt, was einen Sieg unmöglich gemacht hĂ€tte. Das in Rojava hervorgebrachte VerstĂ€ndnis fĂŒr Demokratie und der politische Ansatz der Völker sind ein direktes Ergebnis der Auswirkungen der Ideen von RĂȘber Apo [Abdullah Öcalan]. Er hat zwanzig Jahre in der Region gelebt und in allen Lebensbereichen der Kurden einen prĂ€genden Einfluss hinterlassen.

Wie kommt es, dass die Wirkung von RĂȘber Apo und der PKK auf Rojava als Belastung interpretiert wird? Der Einfluss von Apo auf die Völker von Rojava hat keinerlei Probleme verursacht. Ganz im Gegenteil hat er fĂŒr die Lösung einiger Probleme gesorgt, die in der Vergangenheit als unlösbar galten. WĂ€re die Revolution in Rojava nicht von den Ideen RĂȘper Apos beeinflusst worden, hĂ€tte weder Rojava die Freiheit erlangt noch wĂ€re der IS besiegt worden. HĂ€tten seine Ideen keine FrĂŒchte getragen, hĂ€tte der IS die ezidische Existenz in ƞengal ausgelöscht und SĂŒdkurdistan besetzt.

Tausende GuerillakĂ€mpfer aus den Reihen der PKK sind nach Rojava gegangen und im Kampf gegen den IS gefallen. Sie kamen aus allen Teilen Kurdistans. Wie ist es möglich, sie als Last fĂŒr Rojava zu sehen? Tausende PKK-Sympathisanten aus Nordkurdistan, junge Frauen und MĂ€nner, sind unbeirrt von den Angriffen und Hindernissen der tĂŒrkischen Armee und Polizei ĂŒber die GrenzzĂ€une gestiegen und haben sich dem Kampf gegen den IS in Rojava angeschlossen. Wie können sie als Last betrachtet werden! HĂ€tte unsere Guerilla keine entscheidende Rolle gespielt, wĂ€re Raqqa nicht befreit worden. WĂ€hrend die PKK es verdient, fĂŒr ihre entscheidende Rolle in Rojava gewĂŒrdigt zu werden, wird sie von einigen als Last angesehen. Das ist vollkommen unvereinbar mit jeglichem Sinn fĂŒr Gerechtigkeit und Fairness. Wir geben den Kurden ĂŒberall im Einklang mit Demokratie und Freiheit positive Impulse fĂŒr ihren Kampf. Wir haben zu keinem Zeitpunkt negative Entwicklungen gefördert. Ganz im Gegenteil ist unsere positive Wirkung nicht zu ĂŒbersehen.

Mazlum Abdi und Ilham Ehmed etwa waren jahrzehntelang in leitender Funktion bei der PKK. Diese Tatsache ist in den USA, in Europa, der TĂŒrkei und dem Rest der Welt bekannt. Als in Syrien eine Krise ausbrach, wollten sie nach Rojava gehen, um ihr Volk zu verteidigen und einen Befreiungskampf fĂŒr das Land zu fĂŒhren, in dem sie geboren wurden. Es war ihr gutes Recht, diese Forderung zu stellen. Also gingen sie zurĂŒck. Sie schlossen sich der Revolution an und ĂŒbernahmen Verantwortung im Kampf des kurdischen Volkes. Das kurdische Volk hatte dort bereits einen gewissen Grad an Selbstorganisierung erreicht. Mazlum Abdi und Ilham Ehmed hielten sich ĂŒber Jahrzehnte in unseren Reihen auf und so ist es nur natĂŒrlich, dass sie von der PKK geprĂ€gt wurden. Es ist unmöglich, bei der PKK zu sein, ohne von ihr geprĂ€gt zu werden. Die positiven Eigenschaften, die Abdi und Ehmed besitzen, lassen sich auf ihren Aufenthalt bei der PKK zurĂŒckfĂŒhren. Auf diese Weise haben sie sich ihr Wissen und ihre FĂ€higkeiten erarbeitet. Kollektive Gedanken und GefĂŒhle enden nicht mit einem Ortswechsel.

Aber wir sollten verstehen, dass Millionen von Kurden, Arabern und Suryoye in Rojava sowie Nord- und Ostsyrien leben und ĂŒber ihre eigene Selbstorganisation verfĂŒgen. Eine organische Verbindung zu uns besteht nicht. Sie treffen alle ihre Entscheidungen selbst. Wenn Sie aber argumentieren, dass sie politisch und ideologisch von unserer Bewegung beeinflusst wurden, kann ich Ihnen sagen, dass dies sicherlich in gewissem Maße richtig ist. RĂȘber Apo und die PKK haben bei der Bevölkerung von Rojava Eindruck hinterlassen. Schon vor der Revolution hatten sich Tausende junge Menschen den HPG und der YJA-Star angeschlossen. Wiederum Tausende von ihnen sind im Widerstand gegen den tĂŒrkischen Staat gefallen. Zusammengefasst gibt es Effekte in Form von Ideen und GefĂŒhlen. Das hat sicher auch politische Implikationen.

Im Übrigen reden wir hier nicht von verschiedenen Völkern und LĂ€ndern. Rojava ist ein Teil von Kurdistan. Die PKK hat in allen vier Teilen Kurdistans ihre Spuren hinterlassen. Was Rojava betrifft, so beschrĂ€nken sich unsere Beziehungen auf emotionale und ideelle Bindungen. Politisch und administrativ hat Rojava eigene Entscheidungsmechanismen, die wir gelegentlich auch mal kritisieren. Es sollte als unser natĂŒrlichstes Recht angesehen werden, eine kurdische Bewegung zu kritisieren und gleichzeitig zu unterstĂŒtzen.

Sie sprechen sich gegen Zentralismus aus. Gleichzeitig befindet sich die AutoritĂ€t bei der PKK in den HĂ€nden von einigen wenigen alten FĂŒhrungskrĂ€ften, die weit von ihnen entfernt liegende Gebiete kontrollieren. Ist das kein Widerspruch?

Unsere politische Linie zielt auf die Lösung der kurdischen Frage durch eine Demokratisierung der Nationalstaaten und der damit einhergehenden Schaffung einer Autonomie der Kurden innerhalb der bestehenden Grenzen. Fakt ist, dass autoritĂ€re und repressive MentalitĂ€ten stets zu einem strikt zentralistisch strukturierten Staat tendieren. Wir kĂ€mpfen jedoch fĂŒr die Etablierung eines Gesellschaftsmodells, das auf demokratischen und konföderalen GrundsĂ€tzen beruht. Kann ein politisches System wie dieses, das sich an solch einem Gesellschaftsmodell orientiert, autoritĂ€r sein?

Unsere Ideen und unser politisches System sehen ein Modell vor, in dem jede Region die Initiative in ihren eigenen HĂ€nden hĂ€lt. Das heißt, jede konföderale Einheit genießt ihr eigenes Recht auf Freiheit und Entscheidungsfindung. Innerhalb dieses Systems haben die Jugend und die Frauen das Recht auf Selbstorganisation, autonome Entscheidungsfindung und Aufgabenteilung. Die militĂ€rischen KrĂ€fte organisieren sich ebenfalls frei und autonom. Es ist schwierig, eine so breite Bewegung wie die unsere durch zentralistische Entscheidungsmechanismen zu lenken.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, tĂ€gliche Verwaltungsaufgaben von geografisch weit entfernten Gebieten zu verrichten. Im Gegenteil gibt es sogar einige Probleme, die durch Initiativentscheidungen in den Regionen und Organisationen verursacht werden. Wir betrachten diese Probleme als Ergebnis der charakteristischen Eigenschaft unseres Systems, die unsere Bewegung im Allgemeinen stĂ€rkt. Es ist möglich, dass ein demokratisches und konföderales System solche Arten von Problemen verursacht. In dieser Hinsicht spiegelt die Annahme, unser politisches System liege zentralisiert in den HĂ€nden einiger weniger Ă€lterer Personen, nicht die ideologische und theoretische RealitĂ€t unserer Bewegung wider. In einer Organisation, deren elementare Schwerpunkte die Emanzipation der Frau, ihre freie Organisierung und ihre Willenskraft sind, kann es keine autoritĂ€re Herrschaft geben. Es ist auch verkehrt anzunehmen, unser Exekutivorgan wĂŒrde sich ausschließlich aus Ă€lteren Menschen zusammensetzen. Denn bei der Mehrheit der Vorstandsmitglieder handelt es sich um Personen mittleren und jĂŒngeren Alters. Wiederum die HĂ€lfte davon besteht aus Frauen, wie es unsere Organisationssatzung vorschreibt. Im internationalen Vergleich liegt das Durchschnittsalter der Personen unseres FĂŒhrungsgremiums also deutlich niedriger als bei anderen politischen Verwaltungen.

Die PKK ist die Bewegung, die die meisten Kongresse und Konferenzen innerhalb eines Jahres abhĂ€lt. Wir sollten das an dieser Stelle betonen. Alle Entscheidungen werden in Sitzungen mit breiter Beteiligung getroffen. Das FĂŒhrungsgremium setzt diese BeschlĂŒsse nur in die Praxis um.

Ihre Organisation ist in den Bergen isoliert und verfĂŒgt nur ĂŒber alte russische Waffen. Die TĂŒrkei hingegen ist eines der fĂŒhrenden LĂ€nder in der Produktion von Drohnen. Wie wollen Sie militĂ€risch gegen den tĂŒrkischen Staat gewinnen? Geht es bei Ihrer momentanen Strategie um eine militĂ€rische Eskalation oder um die Suche nach Frieden?

Es ist nicht richtig, dass wir in den Bergen isoliert sind. Sicherlich haben wir weite Gebirgslandschaften, denn Kurdistan ist in gewisser Weise als das Land der Berge bekannt. Seit vierzig Jahren fĂŒhren wir in diesen Bergen einen Guerillakampf. Das zeigt doch, in welchem Maße die Guerilla und die Berge miteinander verbunden sind. Aber unsere Bewegung beschrĂ€nkt sich nicht nur auf die Berge. Wenn wir uns mit anderen demokratischen und nationalen Bewegungen vergleichen, so stechen wir bei der gesellschaftlichen UnterstĂŒtzung am meisten hervor. Wir haben eine sehr breite soziale Basis in allen vier Teilen Kurdistans und sind nicht wie behauptet in den Bergen eingeschlossen. Das faschistische Regime in der TĂŒrkei mag den Bereich des sozialen und politischen Aktivismus in den letzten Jahren bis zu einem gewissen Grad unterdrĂŒckt und zurĂŒckgedrĂ€ngt haben, aber das kurdische Volk fĂŒhlt sich unserer Freiheitsbewegung verbunden und zeigt seine UnterstĂŒtzung bei jeder möglichen Gelegenheit, und das seit Jahrzehnten. Jede Person in Kurdistan erkennt die RealitĂ€t an, dass unsere Freiheitsbewegung die breiteste UnterstĂŒtzung unter allen Kurden genießt.

Was unsere Alternativen bezĂŒglich Waffen betrifft, so besteht kein Zweifel daran, dass sie nicht so divers und leistungsfĂ€hig sind wie das militĂ€rische Inventar der tĂŒrkischen Armee. Die TĂŒrkei kann auf alle Waffensysteme der NATO zurĂŒckgreifen. Die USA und einige europĂ€ische LĂ€nder versorgen die TĂŒrkei mit allen Arten von UnterstĂŒtzung. Wir beziehen unsere Waffen und Munition, die zum Teil aus US-Produktion stammen, von kleineren informellen MĂ€rkten. Dennoch hat unser Widerstand den tĂŒrkischen Staat immer wieder an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Die USA und einige EU-LĂ€nder sind ihm zu Hilfe geeilt und haben seinen Fall verhindert. In keinem Guerillakrieg gegen eine konventionelle Armee liegt die waffentechnische Überlegenheit bei der Guerilla. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nirgendwo tragen Guerillabewegungen ihre Siege durch die Überlegenheit von Kriegsmitteln aus. In der Geschichte waren stets das Vorhandensein von LegitimitĂ€t, gedankliche Überlegenheit und moralische StĂ€rke die entscheidenden Faktoren fĂŒr den Erfolg des Guerillakampfes gegen die Armeen repressiver Regime. Die gleichen Faktoren liegen unserer Überlegenheit gegenĂŒber dem tĂŒrkischen Staat zugrunde.

Der tĂŒrkische Staat hat sich in den letzten Jahren eine Reihe technologisch hochentwickelter Waffen und Drohnen angeeignet. Er nutzt alle zur VerfĂŒgung stehenden Ressourcen, um solche Waffen zu kaufen. Diese groß angelegte Waffenbeschaffung zu hohen Kosten folgte auf die vielen RĂŒckschlĂ€ge, die der tĂŒrkische Staat durch unseren Guerillakampf erleiden musste. NatĂŒrlich bereiten uns diese Hightech-Waffen gewisse Probleme. DemgegenĂŒber entwickeln wir bei der Guerilla eine Organisierung und einen Kampf, der die Wirkung dieser hochtechnologischen Waffen kompensieren kann. Das ist ein entscheidendes Merkmal im Guerillakampf. Wir entwickeln unsere eigenen Maßnahmen gegen Drohnen und Kriegskonzepte. Die Niederlage der tĂŒrkischen Armee im Gebiet Gare und ihr RĂŒckzug aus diesem Guerillagebiet nach ihrer groß angelegten MilitĂ€roperation am 10. Februar ist das Ergebnis der neuen Taktikten und Maßnahmen der Guerilla.

Wir wollen den tĂŒrkischen Staat durch eine Vereinigung des Guerillakampfes, des sozialen Widerstands und Aktionen in den StĂ€dten, also eines vielseitigen Kampfes verĂ€ndern. Wir sind uns sicher, durch diesen mehrdimensionalen Kampf die seit bald einem Jahrhundert andauernde antidemokratische Verleugnungs- und Vernichtungspolitik des tĂŒrkischen Staates gegenĂŒber den Kurden zu beseitigen. Die Guerilla ist nur eine Dimension dieses multiperspektivischen Kampfes.

Was die Lösung der kurdischen Frage betrifft, haben wir die vernĂŒnftigsten VorschlĂ€ge unterbreitet, die weltweit beispiellos sind in der Geschichte Ă€hnlicher WiderstĂ€nde. Unsere Forderungen wĂ€ren akzeptiert worden, wenn sie irgendwo anders, aber nicht in der TĂŒrkei gestellt worden wĂ€ren. Der tĂŒrkische Staat akzeptiert in keiner Weise eine politische Lösung der kurdischen Frage. Das Hauptziel dieses Staates ist es, an den Kurden einen Völkermord zu verĂŒben. Mittels der Politik einer TĂŒrkisierung aller Kurden soll Kurdistan zu einem Aktionsfeld des tĂŒrkischen Nationalismus geformt werden. Die gegenwĂ€rtige Sackgasse resultiert nicht aus ĂŒberzogenen Forderungen von unserer Seite. FĂŒr ein Volk wie wir es sind haben wir vernĂŒnftige VorschlĂ€ge fĂŒr eine Lösung unterbreitet. Faktisch geht es um die Verleugnung der nationalen IdentitĂ€t eines Volkes und seiner grundlegendsten Rechte. Wir suchen nicht nach militĂ€rischen Lösungen, sondern nach demokratischen politischen Lösungen. Wir haben alle Wege eingeschlagen, um dieses Ziel zu erreichen, der tĂŒrkische Staat jedoch ist keinen einzigen Schritt auf uns zugegangen. Das, was der tĂŒrkische Staat uns auferlegt, ist unsere nationale Selbstverleugnung und die Aufgabe unserer politischen Rechte. Er lehnt potentiell alles ab, was die nationale IdentitĂ€t und Existenz der Kurden aufrechterhalten kann.

NatĂŒrlich wĂŒrden wir eine friedliche und demokratische Lösung bevorzugen. Doch solange die derzeitige MentalitĂ€t des Staates und die faschistische AKP/MHP-Regierung bestehen, wird dies nicht möglich sein. Der Weg zu einer demokratischen Lösung und zum Frieden wird sich erst öffnen, wenn diese faschistische Herrschaft zu Fall gebracht wird.

Bayik: Wir verteidigen den demokratischen Sozialismus – 2

„Unsere Bewegung hat große UmwĂ€lzungen in Bezug auf MentalitĂ€t und Bewusstsein durchgemacht. Wir verteidigen radikale Demokratie, nicht kontrollierte Demokratie”, erklĂ€rt Cemil Bayik im zweiten Teil des Interviews mit Responsible Statecraft.

Haben Sie im Irak tĂŒrkische Kriegsgefangene getötet? Bisher haben Sie das bestritten. Sollte die Welt Ihrer Geschichte glauben?

Unsere Haltung gegenĂŒber Kriegsgefangenen ist leicht in Erfahrung zu bringen, wenn man sich unsere 40-jĂ€hrige Bilanz in dieser Hinsicht ansieht. Unsere Bewegung kann fĂŒr andere Dinge kritisiert werden, aber niemals fĂŒr ihre Herangehensweise an Kriegsgefangene. Wir haben schon viele Male dutzende von Kriegsgefangenen freigelassen. Keiner von ihnen hat sich jemals ĂŒber negative Behandlung durch uns beklagt. Alle zeigten positive Reaktionen in Bezug auf unsere Kriegsgefangenenpolitik. Unser Umgang mit Kriegsgefangenen steht im Einklang mit den Konventionen der UN. Unsere Praxis spricht in dieser Hinsicht BĂ€nde. Bei dem was in Gare passiert ist, handelt es sich um eine mittels 50 Kampfjets vier Tage andauernde Bombardierung eines Lagers, in dem Kriegsgefangene untergebracht waren. Die geographische Struktur des Gebietes ist durch diese schweren Bombardierungen verĂ€ndert worden. Infolgedessen verloren sowohl die Kriegsgefangenen als auch die sie bewachenden GuerillakĂ€mpfer ihr Leben. Bei der HĂ€lfte der GuerillakĂ€mpfer, die die Kriegsgefangenen bewachten, gibt es keine Spuren von EinschĂŒssen. Dies zeigt, dass der tĂŒrkische Staat Chemiewaffen gegen das Lager eingesetzt hat. Jeder erkennt die Tatsache an, dass diese Kriegsgefangenen bis zum Tag der Operation in Sicherheit waren. Ihr Tod war die Folge von schweren Bombardierungen und ZusammenstĂ¶ĂŸen.

Auch innerhalb des Lagers fĂŒr die Kriegsgefangenen ist es zu schweren ZusammenstĂ¶ĂŸen gekommen. Da es der tĂŒrkischen Armee nicht gelang, den Widerstand der Guerilla zu brechen, setzte sie chemische Kampfstoffe ein, um in das Lager einzudringen. Da chemische Waffen wahllos töten, kann man leicht erkennen, wer die Verantwortung fĂŒr den Tod der Kriegsgefangenen trĂ€gt. Die Kommandantur der Guerilla hat ohnehin eine unabhĂ€ngige Untersuchung vor Ort gefordert.

Die Vereinigten Staaten von Amerika stufen Sie als Terrororganisation ein. Glauben Sie, dass die USA Sie von dieser Liste streichen sollten? Hat sich Ihre Ausrichtung seit dem Kalten Krieg wirklich verÀndert?

Die Aufnahme der PKK in die Terrorliste durch die Vereinigten Staaten basiert vollstĂ€ndig auf politischen GrĂŒnden. Sie haben eine solche Entscheidung getroffen, um ihren NATO-VerbĂŒndeten, die TĂŒrkei, zu beschwichtigen. Die FĂŒhrung auf der Terrorliste ist auf Druck der TĂŒrkei auf die US-Regierung entstanden. Unsere GuerillakrĂ€fte haben nie eine militĂ€rische Aktion, direkt oder indirekt, gegen die Vereinigten Staaten von Amerika unternommen. Das Gleiche gilt auch fĂŒr die EU. In diesem Sinne kommt die Bezeichnung des Freiheitskampfes eines Volkes aus politischen Interessen als Terrorismus einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich. Die USA begehen ein Verbrechen am kurdischen Volk. Sie sind verantwortlich fĂŒr die Gefangenschaft und Inhaftierung von RĂȘber Apo [Abdullah Öcalan]. Von einer solchen Politik und Praxis sollten sie Abstand nehmen. Die US-Regierung hat kein legitimes Recht, im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten Entscheidungen gegen den Freiheitskampf des kurdischen Volkes zu treffen. Die USA haben Kopfgeld auf uns ausgesetzt. Das ist absolutes Unrecht und eine Respektlosigkeit. Die US-Regierung muss in dieser Hinsicht Selbstkritik ĂŒben. Andernfalls wird die Geschichte sie fĂŒr die Mitschuld beim Völkermord am kurdischen Volk und damit fĂŒr ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilen.

Seit den 1990er Jahren hat unsere Freiheitsbewegung große VerĂ€nderungen durchgemacht. Es gibt keine ideologischen und politischen Auswirkungen der Ära des Kalten Krieges mehr auf unsere Bewegung. Aber die USA verhalten sich immer noch entsprechend der Reflexe des Kalten Krieges. Sie haben die Visionen, Argumente und Politik, die fĂŒr die Ära des Kalten Krieges charakteristisch waren, weitgehend beibehalten.

Unsere Freiheitsbewegung verteidigt den demokratischen Sozialismus innerhalb des konzeptionellen Rahmens der „Demokratischen Moderne“. Wir glauben, dass der Sozialismus ohne Demokratie niemals erreicht werden kann und dass solche Konzepte wie „Diktatur der Proletariats“ falsch und antidemokratisch sind. Wir machen keinen Unterschied zwischen Demokratie und Sozialismus. Wir vertreten nicht mehr das klassische VerstĂ€ndnis, dass Staaten mit Gewalt gestĂŒrzt werden sollten. Unser Kampf basiert auf der Formel „Staat + Demokratie“. Wir haben die klassischen Revolutionsvorstellungen aufgegeben und den Ansatz der gesellschaftlichen Demokratie aufrechterhalten, wĂ€hrend wir viele radikale VerĂ€nderungen durchlaufen sind. Seit den 1990er Jahren hat unsere Freiheitsbewegung historisch große UmwĂ€lzungen in Bezug auf die MentalitĂ€t und das Bewusstsein durchgemacht. Wir verteidigen die radikale Demokratie, und nicht die kontrollierte Demokratie. Die drei HauptsĂ€ulen der radikalen Demokratie sind die Emanzipation der Frau, die gesellschaftliche Demokratie und die Ökologie. Wir sind Pioniere bei der Förderung dieser Werte auf globaler Ebene.

Unser VerstĂ€ndnis von Freiheit kann am besten mit den Worten von RĂȘber Apo, Herrn Abdullah Öcalan, verstanden werden, wenn er sagt: „Die Freiheit der Frau ist wertvoller als nationale und Klassenfreiheit“. Er betrachtet ökologisches Wissen als das grundlegendste Wissen. Die USA und die EU wissen um die VerĂ€nderungen, die wir durchgemacht haben. Aber sie erkennen diese RealitĂ€t nicht an. Wahrscheinlich finden sie unsere Vorstellung von Demokratie zu radikal, um sie anzuerkennen.

US-PrĂ€sident Biden hat kĂŒrzlich die Huthis von der Terrorliste streichen lassen. Einige Kreise in Washington sprechen sich fĂŒr die Notwendigkeit aus, Sie zu kontaktieren, vor allem weil es einen Krieg gegen den islamistischen Terrorismus gibt. Glauben Sie, dass die Biden-Regierung Ihre Einordnung als Terrororganisation auf der Liste ĂŒberprĂŒfen wird?

Biden weiß, dass wir den grĂ¶ĂŸten Kampf gegen den IS gefĂŒhrt haben. Einige unserer ehrenhaftesten und wertvollsten Mitglieder sind im Kampf gegen den IS, insbesondere in Rojava, gefallen. Wir haben eine entscheidende Rolle fĂŒr den Sieg von Rojava im Kampf gegen den IS gespielt. Wie wurde Raqqa befreit? Es ist seltsam, dass einige Leute ĂŒber den Sieg ĂŒber den IS in Raqqa sprechen, aber die entscheidende Rolle tausender GuerillakĂ€mpfer, die diesen Sieg durch das Opfer ihres eigenen Lebens sichergestellt haben, ignorieren. Das ist ein völlig inakzeptabler Ansatz und unvereinbar mit jeglicher Ethik, mit Gewissen, Rechtschaffenheit und IntegritĂ€t. Ihr könnt euch nicht hinstellen und sagen, es ist gut, wenn ihr sterbt, aber schlecht, wenn ihr lebt. Die Aufnahme der PKK auf die Terrorliste ist zu einer Last auf den Schultern der US-Politik geworden, von der sie sich befreien muss. Die Streichung der PKK sollte das Hauptanliegen der neuen US-Regierung sein. Wie kommt es, dass sie kein Wort ĂŒber das unmenschliche Vorgehen des tĂŒrkischen Staates und seine UnterstĂŒtzung fĂŒr den IS verliert, aber gegen die PKK vorgeht? Das ist das grĂ¶ĂŸte Unrecht in der Geschichte der PKK – einer Bewegung, die einen Freiheitskampf gegen die schmutzigen Ambitionen des HauptunterstĂŒtzers des IS, den tĂŒrkischen Staat, fĂŒhrt.

Der Gerechtigkeitssinn und das Gewissen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten können diese Ungerechtigkeit nicht akzeptieren. Die Verantwortlichen, die den Namen der PKK auf die Terrorliste gesetzt haben, haben die AutoritĂ€t, die ihnen das amerikanische Volk verliehen hat, offen missbraucht. Als der damalige PrĂ€sident Obama an die Macht kam, haben wir ihn gebeten, diese Ungerechtigkeit gegenĂŒber der PKK zu korrigieren. Diese Ungerechtigkeit zu berichtigen, wird ein Gradmesser fĂŒr PrĂ€sident Bidens Sinn fĂŒr Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und Gewissen sein. Die Ausschreibung zur Fahndung von drei PKK-FĂŒhrungskrĂ€ften wurde von der Trump-Administration aufgrund deren engen Beziehung zu Erdoğan getroffen. Wenn es einen Wandel in der regionalen und tĂŒrkischen Politik der Trump-Ära geben soll, muss auch diese Ausschreibung widerrufen werden.

Haben Sie in den letzten Jahren Kontakt zu den Vereinigten Staaten aufgenommen? Und wenn ja, geschah das durch Vermittler in Rojava und ƞengal oder direkt?

Von Zeit zu Zeit haben wir ĂŒber Rojava und ƞengal indirekte Nachrichten ausgetauscht. Auch Briefe an die US-Regierungen wurden geschickt. Durch verschiedene Vermittler haben einige unserer Einheiten eine Reihe von GesprĂ€chen mit US-Einheiten auf lokaler Ebene gehabt. Sie wollten wohl unsere Ansichten kennenlernen. Es waren keine GesprĂ€che auf hoher Ebene. Da wir den legitimsten Kampf in der Welt fĂŒhren, sind wir von unseren Ansichten, unserer RechtmĂ€ĂŸigkeit und unserer Politik ĂŒberzeugt. Deshalb können wir uns mit allen Seiten treffen. Wir haben keine Vorbehalte, verschiedene Parteien zu treffen. Obwohl wir seit etwa 50 Jahren einen Kampf gegen den tĂŒrkischen Staat fĂŒhren, hatten wir diverse Treffen und Kontakte. Wir vertrauen auf uns. Wir bauen alle Arten von Beziehungen auf, von denen wir denken, dass sie im Interesse des Kampfes unseres Volkes fĂŒr Freiheit und Demokratie sind. Aber wir bauen keine Beziehungen zu einer Partei auf Kosten der Interessen einer anderen Partei auf. Wir werden uns niemals auf Beziehungen einlassen, die unseren freien Willen unterdrĂŒcken und belasten wĂŒrden. Wenn die Vereinigten Staaten eine Politik zugunsten der Lösung der kurdischen Frage und der Demokratisierung machen wĂŒrden, warum sollten wir uns dem entgegenstellen? In dieser Hinsicht haben wir an die Vereinigten Staaten bereits mehrfach appelliert, ihre Rolle einzunehmen. Denn das Haupthindernis auf dem Weg zur Demokratisierung und zur Lösung der kurdischen Frage ist das NATO-Mitglied und die US-VerbĂŒndete TĂŒrkei. Wir appellieren erneut an die Vereinigten Staaten und die NATO, nicht die völkermörderische Politik der TĂŒrkei gegen die Kurden zu unterstĂŒtzen und zu begĂŒnstigen.

Barack Obama hatte den Schwenk weg vom Nahen Osten und Europa vorgezeichnet und den Blick zunehmend auf den Fernen Osten gerichtet. US-PrĂ€sident Biden ging im ersten Monat nach seiner Wahl keine Telefon-Diplomatie mit den Staatschefs des Nahen Ostens ein. Glauben Sie, dass der Nahe Osten fĂŒr die USA keine PrioritĂ€t mehr hat? Ist das eine positive oder eine negative Entwicklung aus Ihrer Sicht und der Ihrer Partei?

Es heißt, der Fokus wĂŒrde kĂŒnftig mehr auf Fernost und weniger auf dem Nahen Osten liegen. Dies ist vor allem eine wirtschaftliche Perspektive und spielt die Rolle von Geschichte und Kultur herunter. Im Kapitalismus hĂ€ngt alles am Konsum. Folglich sind Diskurse von einem großen Konsumentenmarkt in Fernost oberflĂ€chliche Betrachtungsweisen. Der Nahe Osten hat einen tief verwurzelten kulturellen und historischen Hintergrund. Es ist verkehrt, ihn mit Blick auf die derzeitige Situation geringzuschĂ€tzen. Andererseits wĂ€re es ebenfalls verkehrt, den Nahen Osten von Europa zu separieren. Das tief verwurzelte kulturelle und historische Erbe des Nahen Ostens und seine geografische NĂ€he zu Europa haben einen großen Beitrag zu dessen Fortschritt geleistet. Heute ist Europa in gewisser Weise mit dem Nahen Osten verbunden. Weder die strategische Bedeutung Europas noch die des Nahen Ostens nimmt ab.

Der Nahe Osten und seine Umgebung sind nach wie vor die Heimat der komplexesten Agenda der internationalen Politik. Der IS war eine gemeinsame Herausforderung, es gab Interventionen im Irak und in Afghanistan. Auf der anderen Seite sollten wir nicht vergessen, dass Israel ein Teil des Nahen Ostens ist. Ein Blick auf die geografische Lage des Nahen Ostens genĂŒgt, um seine Bedeutung zu verstehen.

Wir wollen nicht auf die positiven und negativen Dimensionen der VerĂ€nderungen in den Interessenschwerpunkten der USA eingehen. Wir glauben nicht, dass die Bedeutung des Nahen Ostens abnehmen wird. Im Übrigen ist es in einer zunehmend globalisierten Welt nicht vorstellbar, dass die Bedeutung des Nahen Ostens abnehmen wird. Es gibt GrĂŒnde, die das Gegenteil nahelegen.

Was Kurdistan betrifft, so wird es seine Bedeutung bewahren. Allein schon der demokratische Kampf des kurdischen Volkes und seine von der Idee einer Demokratischen Nation inspirierte Vorreiterrolle bei der GewĂ€hrleistung des friedlichen Zusammenlebens verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften hat die Bedeutung Kurdistans steigen lassen. Die Kurden sind mit ihrer Kultur und Politik zu einem Pfeiler fĂŒr Frieden, StabilitĂ€t und Demokratie im Nahen Osten geworden.

Seit geraumer Zeit nimmt Europa eine durchsetzungsfĂ€higere und unabhĂ€ngigere Rolle gegenĂŒber dem Nahen Osten ein. Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron etwa greift in die Krise im Libanon und den Konflikt im Mittelmeer zwischen Griechenland und der TĂŒrkei ein. Erwarten Sie europĂ€ische Initiativen fĂŒr Ihre Sache? Und wie wĂŒrden Sie allgemein Ihre Beziehung zu Europa beschreiben?

Das Interesse der europĂ€ischen LĂ€nder am Nahen Osten ist verstĂ€ndlich und ohnehin eine Erfordernis. Aber es muss auf positiven AnsĂ€tzen beruhen. Wir sehen keinen großen Unterschied zwischen Europa und dem Nahen Osten und befĂŒrworten Beziehungen auf gegenseitigen Interessen. Frankreich und das Vereinigte Königreich etwa haben eine historische Verantwortung gegenĂŒber dem Nahen Osten. Es sieht so aus, als hĂ€tten die USA diese Verantwortung von den Briten ĂŒbernommen oder untereinander aufgeteilt. Frankreich zeigte schon immer Interesse am Libanon und an Syrien. Hier gleichgĂŒltig zu bleiben, wĂŒrde letzlich die Verbindung Frankreichs zum Nahen Osten kappen. Die USA wissen um den fanzösischen Einfluss in Syrien und im Libanon und verfolgen hier eine gemeinsame Politik.

Wir wĂ€ren Initiativen von Europa zur Lösung der kurdische Frage nicht abgeneigt. Maßgeblich verantwortlich fĂŒr das Aufkommen der kurdischen Frage nach dem Ersten Weltkrieg waren schließlich Großbritannien und Frankreich. In Lausanne erhielt der tĂŒrkische Staat im Austausch gegen Mosul und KerkĂ»k die ErmĂ€chtigung, einen Völkermord an den Kurden zu begehen. Oder der tĂŒrkische Staat ĂŒberließ Mosul und Kirkuk der britischen Hegemonie, um den kurdischen Genozid zu vollziehen. Insofern erwarten wir, dass Europa als Schöpfer der kurdischen Frage nicht lĂ€nger die tĂŒrkische Vernichtungspolitik unterstĂŒtzt, sondern eine positive Rolle bei der Lösung des Problems spielt.

In Europa lebt eine bedeutende Anzahl von Kurdinnen und Kurden. Auf diese Weise fĂŒhren wir Beziehungen mit europĂ€ischen LĂ€ndern, die verschiedene Aspekte umfassen. Wir haben einen positiven Einfluss auf die demokratische Öffentlichkeit in Europa. Auch existieren bis zu einem gewissen Grad Beziehungen zu politischen KrĂ€ften. Doch aufgrund interessenbedingter Bindungen an die TĂŒrkei, die vor allem aus der gemeinsamen NATO-Mitgliedschaft resultieren, haben diese Beziehungen nur einen begrenzten Einfluss auf die Politik der europĂ€ischen LĂ€nder. Sie kennen unsere Bewegung und erkennen ihre positive Rolle bei der Demokratisierung der TĂŒrkei und des Nahen Ostens an. Aber die Beziehungen zur TĂŒrkei bringen sie wie bereits zur Zeit des Kalten Krieges immer noch an den Punkt, die TĂŒrkei zu unterstĂŒtzen. In diesem Sinne sind sie VerbĂŒndete der tĂŒrkischen Vernichtungspolitik gegenĂŒber den Kurden.

US-PrĂ€sident Joe Biden hatte jĂŒngst eine RĂŒckkehr zum Atomabkommen mit Iran in Aussicht gestellt und zur Wiederaufnahme der Verhandlungen zur Atomfrage aufgerufen. Sehen Sie unabhĂ€ngig vom Erfolg dieser Dialoge eine Entwicklung, die sich positiv oder negativ auf die Kurden und Ihre Bewegung auswirkt? Was halten Sie von dem Abkommen von 2015?

Wir befĂŒrworten weder die Herstellung von Atomwaffen noch irgendwelche Sanktionen. Unserer Meinung nach hat beides negative Auswirkungen auf die Völker. WĂ€ren die Absichten beider Seiten aufrichtig gewesen, hĂ€tte man aus dem Abkommen von 2015 positive Bilanz ziehen können. Nichts ist falscher und gefĂ€hrlicher als die Existenz von Atomwaffen im Nahen Osten. Atomwaffen sollten nicht als ein Werkzeug zur Demonstration von StĂ€rke gesehen werden. Das wĂ€re unethisch und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie man im Zweiten Weltkrieg gesehen hat. Atomwaffen sind nicht nur fĂŒr die Kurden schĂ€dlich, sondern fĂŒr alle Völker des Iran. Ambitionen zum Besitz von Atomwaffen zu haben bedeutet, die Denkweisen aus dem Kalten Krieg nicht ĂŒberwunden zu haben.  Der Erfolg des Abkommens von 2015 wĂŒrde fĂŒr alle Völker des Nahen Ostens positive Ergebnisse bringen. In Anbetracht der Tatsache, dass Demokratisierung der beste Ansatz zur Lösung der Probleme im Iran ist, sollte sich die öffentliche Meinung im In- und Ausland nicht nur mit der Atomfrage beschĂ€ftigen. Die Islamische Republik Iran muss sich einem Demokratisierungsprozess unterziehen. Deshalb hat RĂȘber Apo den Begriff des Demokratischen Islam gefördert. Wir betrachten die demokratischen islamischen KrĂ€fte als Teile und Komponenten des demokratischen Lebens.

Mustafa al-Kadhimi gilt als der MinisterprĂ€sident des Iraks, der die SouverĂ€nitĂ€t des Landes wieder herstellen wird.  Glauben Sie, dass er der Einmischung der TĂŒrkei und des Iran in innere Angelegenheiten entgegenwirken wird? Und was wĂŒrde dies fĂŒr Ihre Partei bedeuten? Sie bewegen sich auf irakischem Staatsgebiet. Wie sind Ihre Beziehungen zu Bagdad?

Al-Kadhimi ist nicht in der Lage, sich dem Iran und der TĂŒrkei entgegenzustellen. Er besitzt nicht die nötige Macht dafĂŒr. Die SouverĂ€nitĂ€t des Irak kann durch die Annahme einer bestimmten Geisteshaltung gewĂ€hrleistet werden, nicht durch die Ernennung einer bestimmten Person. Der Irak muss sich das Konzept der demokratischen Nation zu eigen machen. Das heißt, es bedarf eines ideologischen und politischen Ansatzes, der die friedliche Koexistenz aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften gewĂ€hrleisten kann. Weder Sektarismus noch Nationalismus sollten im Irak die Oberhand gewinnen. Die Demokratisierung des Irak wird es anderen schwer machen, sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumischen. Wir sind gegen jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Irak.

Unsere KrĂ€fte befinden sich hauptsĂ€chlich in den Medya-Verteidigungsgebieten in Position. Das sind Regionen an der Grenze zur TĂŒrkei. In Kooperation mit der KDP (Demokratische Partei Kurdistans, abgekĂŒrzt auch PDK, Anm. d. Red.) greift die TĂŒrkei diese Regionen an. Der Irak ist zu schwach, um sich gegen diese Angriffe zur Wehr zu setzen. Unsere Beziehungen zum Irak sind nicht schlecht. Unsere Haltung und die Positionierung unserer KrĂ€fte richtet sich ohnehin nicht gegen den Irak. Doch sowohl die TĂŒrkei als auch Iran ĂŒben hin und wieder Druck auf den Irak aus, um das Land gegen uns aufzubringen. Da aber unsere PrĂ€senz keine Gefahr fĂŒr den Irak darstellt, bleiben diese BemĂŒhungen in der Regel ohne Ergebnis. Im Kampf gegen den IS hatte der ehemalige MinisterprĂ€sident Haider al-Abadi der KCK seinen Dank fĂŒr den Schutz der irakischen BĂŒrger ausgesprochen. Der Irak war das Land, das unsere Rolle im Kampf gegen den IS und den Preis, den wir dafĂŒr bezahlt haben, als erstes zu schĂ€tzen wusste. Der KDP-Vorsitzende Mesud Barzani dankte unserer Guerilla ebenfalls fĂŒr ihren Einsatz gegen den IS und ihre Rolle bei der Verteidigung von HewlĂȘr (Erbil). Doch danach billigte und legitimierte er die Angriffe der TĂŒrkei gegen die GuerillakrĂ€fte, denen er gedankt hatte.

Von einer engen Beziehung zum Irak kann aber nicht die Rede sein. Von Zeit zu Zeit fĂŒhren unsere KrĂ€fte in verschiedenen Regionen GesprĂ€che mit irakischen Vertretern. Das Ziel dabei ist es, die Politik des jeweils anderen zu verstehen. Wir haben sie jedoch dafĂŒr kritisiert, dass sie am 9. Oktober 2020 mit der KDP das ƞengal-Abkommen geschlossen haben, ohne die Eziden mit einzubeziehen. Es ist völlig unvereinbar mit dem Gewissen, mit Fairness oder politischer Moral, dass der Irak und die KDP ohne Beteiligung der ezidischen KrĂ€fte, die ihre Region seit sechs Jahren gegen den IS verteidigen, einen Vertrag aushandeln. Denn sie waren es, die ƞengal dem IS ĂŒberließen. Die Umsetzung verlĂ€uft ohnehin nicht nach Plan. Selbst die USA, die zuvor vom Irak, der TĂŒrkei und der KDP eine Lösung fĂŒr die ƞengal-Frage gefordert hatten, erkennen mittlerweile, dass der Ausschluss des Willens der Eziden aus diesem Abkommen nicht konstruktiv ist. Die USA sollten inzwischen zu dem Schluss gekommen sein, dass die beste Lösung diejenige ist, bei der die Eziden eine aktive Rolle spielen.




Quelle: Fkfbs.noblogs.org
Kommentar Im Forum


FOLGE UNS
AUF TWITTER
FOLGE UNS
AUF MASTODON
FOLGE UNS
AUF TUMBLR




Anarchist news | Noticias anarquistas | ActualitĂ© anarchiste | Anarchistische Nachrichten | NotĂ­cias Anarquistas | Notizie anarchiche | NotĂ­cies anarquistes | ΑΜαρχÎčÎșÎź ÎŸÎŒÎżÏƒÏ€ÎżÎœÎŽÎŻÎ±

Meinungen sind die der Mitwirkenden und werden nicht unbedingt von unterstĂŒtzt Anarchistischefoderation.de [Haftungsausschluss]