Februar 28, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf PublicaciĂłn Refrectario, die Übersetzung ist von uns. Dieser Text beschreibt nicht nur die jetzige Lage der Gefangenen der Revolte von 2019 bis heutzutage in Chile, sondern eröffnet, wieder mal, die historische Debatte um „Amnestie“, „Begnadigung“ und die revolutionĂ€re Option dazu. Dieses mal innerhalb des gegenwĂ€rtigen chilenischen Kontext.

Einige kurze Überlegungen vom Kampf um die Gefangenen des Aufstandes


Zwischen dem Aufstand und der SolidaritÀt mit den Gefangenen des Aufstandes

Wie wir wissen, hat uns die Revolte, die im Oktober 2019 begann, nicht nur schöne und bereichernde Erfahrungen im Kampf gegen den Staat und das Aufbrechen der AutoritĂ€tsverhĂ€ltnisse gebracht, sondern auch eine lange Liste von Toten, Gefolterten, Vergewaltigten, VerstĂŒmmelten und Inhaftierten.

In den ersten Tagen wuchs die Zahl der Randalierer, die in die GefĂ€ngnisse kamen, schnell von Dutzenden auf Hunderte und erreichte schließlich Tausende. Im Dezember 2019 hielt der Staat 2.500 Menschen hinter Gittern fest, die beschuldigt wurden, auf die eine oder andere Weise an den AufstĂ€nden beteiligt gewesen zu sein.

Im Laufe der Zeit gelang es vielen von ihnen, unter Hausarrest oder anderen Vorsichtsmaßnahmen wieder herauszukommen, da es sich bei den meisten hauptsĂ€chlich um kleinere Vergehen handelte (Unruhen, PlĂŒnderungen usw.). Diejenigen, die hauptsĂ€chlich der Brandstiftung und des Tragens von Mollis (Molotowcocktails) beschuldigt werden, sind in den verschiedenen GefĂ€ngnissen des Landes, buchstĂ€blich von Arica bis Punta Arenas, in Untersuchungshaft geblieben. Ab Februar 2021, ohne eine genaue Zahl zu nennen, sollten nicht mehr als 200 hinter Gittern sein, auch wenn eine große Zahl unter Hausarrest oder anderen Maßnahmen stehen wird.

Vom ersten Tag der Revolte an haben diejenigen, die das GefĂ€ngnis permanent in Frage gestellt und konfrontiert haben, nicht nur die drohende RealitĂ€t der Gefangenen erkannt, die infolge der Repression fallen wĂŒrden, sondern auch die Notwendigkeit, den Kampf fĂŒr die subversiven Gefangenen in Momenten des völligen Bruchs der etablierten Ordnung mit Kraft fortzusetzen. So riefen am 27. November 2019 verschiedene anarchistische und antiautoritĂ€re IndividualitĂ€ten zu einer großen Kundgebung vor dem Justizzentrum auf, bei der darauf hingewiesen wurde, dass „die Zahl der rebellischen Gefangenen in diesem Moment beeindruckend ist und ihnen sehr hohe Strafen drohen. Es ist notwendig, den Anti-Knast-Diskurs zu etablieren, bevor es zu spĂ€t ist
“ und mit dem Slogan enden, „Weil es jeder sein könnte. Feuer und Flamme gegen die KnĂ€ste, Freiheit fĂŒr unsere Gefangenen des Oktoberaufstandes und des sozialen Krieges“.

Im Laufe der Zeit bildeten sich dann mehr oder weniger dauerhaft verschiedene Koordinierungen und UnterstĂŒtzungsinstanzen fĂŒr die Gefangenen des Aufstandes, sowohl regional als auch landesweit. WĂ€hrend der Höhepunkte der Revolte arbeiteten diese Organisationen sowohl in der konkreten UnterstĂŒtzung als auch in der Verbreitung und Agitation auf Hochtouren, oft ohne mit der immensen Zahl der Gefangenen, den Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme mit ihren Umfeld und dem stĂ€ndigen Inhaftierung von neuen Menschen im GefĂ€ngnis fertig zu werden.

Die starken repressiven Maßnahmen, die im MĂ€rz 2020 unter dem Vorwand der Pandemie eingefĂŒhrt wurden, haben den Rhythmus des Straßenkonflikts tief und unbestreitbar getroffen. So hielten diese hartnĂ€ckigen Initiativen in den akutesten Monaten der Einschließung und Einsperrung1 die Notwendigkeit der UnterstĂŒtzung der Gefangenen der Revolte und die Sichtbarkeit ihrer unterschiedlichen besonderen Situationen wach. Als die Straßen von den AufstĂ€ndischen wieder massenhaft und mit Elan eingenommen wurden, war das Thema der politischen Gefangenen des Aufstandes bereits voll verankert.

Gerade im Zusammenhang mit dem Plebiszit fĂŒr eine neue Verfassung (September-Oktober-November) entstand nicht nur eine große Anzahl von UnterstĂŒtzungsgruppen fĂŒr die Gefangenen des Aufstandes, sondern auch eine große Anzahl von territorialen Vollversammlungen und Einzelpersonen wandte ihr Interesse der Frage der Gefangenen zu. Nach dem Plebiszit wurde diese RealitĂ€t unleugbar, vielleicht von SchuldgefĂŒhlen bewegt, nachdem sie die Institutionalisierung der Revolte unterstĂŒtzt hatten, mit einer gewissen Scham derjenigen, die in den Wahlurnen der Herrschaft gestimmt hatten (einschließlich einiger „Anarchist*innen“) oder vielleicht wegen der „demokratischen Pflicht“, die Frage der Gefangenen der Revolte am Vorabend des neuen Prozesses zu lösen. Die Wahrheit ist, dass das Thema wirklich ĂŒberall explodierte und jede Form der Organisation2 ĂŒberflutete, das einen bestimmten Charakter in der UnterstĂŒtzung hinter Gittern hatte. Seitdem hat die Situation der Gefangenen der Revolte einen Protagonismus erlangt und wurde zu einem der Hauptpunkte in den aktuellen Straßenmobilisierungen.

In der Sackgasse herumwĂŒhlen

Ende 2020 begann sich in einigen Sektoren das BedĂŒrfnis zu entwickeln, eine „politische Lösung“ fĂŒr die Gefangenen der Revolte zu finden, und basierend auf diesem BedĂŒrfnis, an ihrer Schaffung, Leitung und natĂŒrlich ihrer Verwaltung zu arbeiten.

Die „politische Lösung“ geht davon aus, dass die Inhaftierung derjenigen, die sich an der Revolte beteiligt haben, politisch motiviert ist und daher eine der Möglichkeiten fĂŒr ihre Freilassung eher politisch-administrativ als juristisch wĂ€re. Dies alles in Anbetracht der enormen Anzahl von Angeklagten und der unterschiedlichen Situationen der Gefangenen des Aufstandes.

Unter dieser PrĂ€misse begannen verschiedene Interessen zu konvergieren und eine institutionelle Lösung fĂŒr die Inhaftierten zu bilden. Auf der einen Seite gab es eine Fraktion der Herrschenden, der politischen Parteien und der Verwalter der Strukturen, die aus dieser Mobilisierung politisch Kapital schlagen wollen, um sich selbst zu reglementieren und politisch zu bestĂ€tigen sowie ihre eigenen Kandidaten fĂŒr die WĂ€hlerschaft zu unterstĂŒtzen. Die Wette dieser Sektoren ist die Demobilisierung und der soziale Frieden nach der „Lösung“ des Problems der politischen Gefangenen, die Fortsetzung der Institutionalisierung der Revolte sowie die SĂ€uberung des verfassungsgebenden Prozesses.

Auf der anderen Seite stehen die verschiedenen Gruppen und Kollektive, die in den letzten Monaten zur UnterstĂŒtzung der politischen Gefangenen der Revolte entstanden sind, einige von ihnen mit politischen Parteien oder WĂ€hlerkandidaten im RĂŒcken (man muss nur ein bisschen graben, um das zu erkennen, nicht viel, nur ein bisschen, um ihre Transparente zu sehen), die zusammen mit einigen Organisationen versuchen, sich vor den Herrschenden zu legitimieren (daher die unzĂ€hligen und langweiligen Briefe, die seit mehr als einem Jahr an Parteien, Politiker, Institutionen usw. geschrieben werden), mit dem Wunsch nach mehr Demokratie und mehr Rechten. Es sind die Ausgeschlossenen, die in die Strukturen der Herrschaft einbezogen werden wollen, die nicht danach streben, die herrschende Ordnung zu zerstören, sondern sie zu reformieren und das Funktionieren ihrer ZahnrĂ€der zu verbessern.

Als Beweis fĂŒr all das können wir im November 2020 die Entstehung einer „Initiativgruppe zur Befreiung der politischen Gefangenen“ (Grupo de iniciativa por la LiberaciĂłn de los presos polĂ­ticos) sehen, die sich natĂŒrlich nicht auf alle bezieht, die als politische Gefangene in Frage kommen, sondern nur, ausschließlich und exklusiv auf die der Revolte. Diese Initiative wird (oder wurde) von der Gruppierung von Familienangehörigen von politischen Gefangenen Santiago I (AgrupaciĂłn de Familiares de Presos PolĂ­ticos Santiago 1), der AgrupaciĂłn de Familiares y Amigos de Presos de PolĂ­ticos, der Gruppierung von Familienangehörigen und Freunden von politischen Gefangenen Guacoldas (AgrupaciĂłn de Familiares y Amigos de Prisioneros PolĂ­ticos Guacoldas), Gruppierung von politischen Gefangenen der Granja (AgrupaciĂłn de Prisioneros PolĂ­ticos de la Granja) zusammen mit einer Reihe von Abgeordneten der Kommunistischen Partei (Partido Comunista), der Demokratischen Revolution (RevoluciĂłn DemocrĂĄtica) und der Progressiven Partei (Partido Progresista) gebildet.

Es ging nicht mehr darum, eine politische Lösung zu erzwingen, wie es sonst bei unzĂ€hligen Hungerstreiks, Straßenmobilisierungen oder ZwischenkĂ€mpfen geschieht, sondern darum, Teil der Gruppe zu sein und den Herrschenden zu helfen. Als gute Verhandlung aus der Hand der Herrschaft wandelten viele dieser Gruppen ihre Positionen um und passten sich an, wĂ€hrend sie mit den Herrschenden gingen, wie wir unten sehen werden.

Die Gefangenen der Revolte

Die RealitĂ€t der Gefangenen der Revolte ist bekanntlich vielfĂ€ltig und unterschiedlich, wie auch die Revolte selbst: Studenten, Siedler, bewusste Subjekte, revolutionĂ€re Positionen, Demokraten, Empörte, StaatsbĂŒrgerschaft, fĂŒr die neue Verfassung, gegen alle Verfassungen, usw.

Der Glaube an eine eigene IdentitĂ€t oder eine logische Form der Gefangenen der Revolte ist nicht nur nicht real und könnte eine historische FĂ€lschung bedeuten, sondern erzeugt stĂ€ndig den Zusammenstoß gegen die Wand der Tatsachen. Die stĂ€ndigen Bitten/Empfehlungen/Suggestionen, die die Gefangenen der Revolte selbst organisieren, um sie mit anderen Momenten der Masseninhaftierung (Diktatur oder wĂ€hrend der 1990er Jahre) zu vergleichen, sind völlig von der RealitĂ€t abgekoppelt. Nicht wegen einer VerĂ€nderung des Repressionsgrades, auch nicht wegen der VerĂ€nderungen in der GefĂ€ngnisrealitĂ€t zwischen Gendarmen3 und Gefangenen, auch nicht wegen des GefĂ€ngnistyps, sondern gerade wegen der unterschiedlichen WerdegĂ€nge und Positionierungen der Individuen. Oft gibt es völlig unterschiedliche, widersprĂŒchliche oder sogar antagonistische Positionen, sowohl politisch als auch im Alltag.

Das ist die RealitĂ€t der Gefangenen der Revolte und ihrer Dynamik auf landesweiter Ebene. Es gibt auch eine Reihe von Besonderheiten in jedem GefĂ€ngnis und sogar in jedem Trakt, wo es oft an Wissen ĂŒber die jĂŒngere (oder sogar aktuelle) Geschichte der politischen Gefangenschaft oder sogar ĂŒber andere RealitĂ€ten von Gefangenen der Revolte im gleichen Gebiet mangelt.

Im Mai 2020 warnten „einige Anarchist*innen, die im Trakt 14 von santiasco 1 inhaftiert sind“ vor „der schĂ€dlichen „Romantisierung“, die die Straße und der Kampf diesem Trakt von „Demonstrant*innen“ gegeben hat. Die Kampfstimmung löste sich nicht nur auf der Straße auf, sie wirkte sich tatsĂ€chlich auf die KoordinationsfĂ€higkeit zwischen uns und der Außenwelt aus.“

Es ist innerhalb dieser großen Vielfalt, dass es Ausnahmen gibt, die verschiedene Instanzen innerhalb, von Bibliotheken, Zerschlagung der Zellen und Gesten, die ihnen erlauben, sich in der einen oder anderen Weise zu positionieren erhöht haben.

Aus praktischer Sicht finden wir derzeit kleine Gruppen von Gefangenen in den Regionen und eine grĂ¶ĂŸere Anzahl in Santiago, hauptsĂ€chlich im (privatisierten) GefĂ€ngnis/Firma Santiago 1. Die meisten derjenigen, die fĂŒr Aktionen im Zusammenhang wegen der Revolte verknackt wurden, begannen den Trakt 14 zu bewohnen, das zunĂ€chst ausschließlich fĂŒr sie bestimmt war, um spĂ€ter, bis heute, in den Trakt 12 verlegt zu werden. Diejenigen, die nach der QuarantĂ€ne in den VerschĂ€rfung der Demonstrationen festgenommen wurden, begannen im Trakt 3 zu leben, all dies ohne BerĂŒcksichtigung mehrerer FĂ€lle von Gefangenen des Aufstandes, die in anderen Trakten fĂŒr verschiedene UmstĂ€nde verstreut sind.

In demselben praktischen Sinne haben es einige geschafft, mit einer Änderung der Vorsichtsmaßnahmen herauszukommen, einige haben ein schnelles Verfahren akzeptiert und es geschafft, ihre Strafe in „BewĂ€hrung“ zu verbĂŒĂŸen, es gibt diejenigen, die gerade verhaftet wurden, andere warten auf ihren Prozess, wĂ€hrend es diejenigen gibt, die es geschafft haben, freigesprochen zu werden und einige wenige (bisher nur eine Handvoll) wurden zu einer GefĂ€ngnisstrafe verurteilt. Die RealitĂ€t ist extrem dynamisch und vielseitig unter den Gefangenen der Revolte.

Obwohl einige Texte von den Gefangenen der Revolte herausgekommen sind, einige mit Unterschriften, andere anonym und einige vereint als „Subversive Gefangene im Widerstand“ (Presxs Subversivxs en Resistencia), hat die Familie eine relevante Rolle sowohl als Sprecher sowie bei der Integration bestimmter Instanzen erworben.

Begnadigung/Amnestie

Bevor wir fortfahren, eine kurze und einfache Definition dieser außergewöhnlichen Maßnahmen, um in einen Rechtsprozess durch den Staat zu intervenieren: Die Begnadigung „vergibt“ die Strafe des Verbrechens, des bereits Verurteilten; wĂ€hrend die Amnestie das Verbrechen selbst „vergibt“, fĂŒr das der/die Angeklagte verfolgt wird. Die Begnadigung setzt voraus, dass es ein Verbrechen und eine Strafe gab, aber es ist die Strafe, die begnadigt wird, wĂ€hrend die Amnestie davon ausgeht, dass das Verbrechen aufgrund besonderer Bedingungen des Kontextes, in dem es stattfand, nicht wirklich ein Verbrechen war.

Obwohl am Anfang die verschiedenen Gruppen die Möglichkeit einer politischen Lösung zu evaluieren begannen, war man immer der Meinung, dass Straßenmobilisierungen, Anzeigen und Agitation die Herrschaft auf einen Weg fĂŒhren wĂŒrden, auf dem eine Amnestie die angemessenste Lösung fĂŒr die Situation der Gefangenen des Aufstandes zu sein schien.

Es scheint, dass die GrĂŒndung und die Verhandlungen innerhalb der „Initiativgruppe“ schnell zu einer VerĂ€nderung verschiedener Diskurse und Positionen fĂŒhrten. Einige Gruppen mussten ihre Amnestie-Transparente wegwerfen und ihre Pamphlete und/oder ErklĂ€rungen neu verfassen. Nun wĂŒrde eine Amnestie nicht funktionieren und wĂ€re auch nicht möglich, aber der beste Weg wĂ€re eine Begnadigung. Einigen Bereiche der alten Menschenrechtsorganisationen, wahre Dealer der Erinnerung und der Toten, war das Konzept der „Amnestie“ unangenehm, weil es sie an die Anwendung dieses Instruments wĂ€hrend der Diktatur erinnerte (mit einem KurzzeitgedĂ€chtnis voller bekannten allgemeinen PlĂ€tzen/Orte). Ebenso ist die Begnadigung weniger schĂ€dlich fĂŒr den Rechtsstaat, da sie in gewisser Weise das Funktionieren der Ermittlungen, der Polizei, der Gerichte anerkennen wĂŒrde und nur das begnadigt, was verurteilt wurde.

Am 9. Dezember 2020 schließlich begannen die an der „Initiativgruppe“ beteiligten Senatoren mit der Bearbeitung des Gesetzes zur Begnadigung von Gefangenen des „sozialen Ausbruchs“, ein Projekt, das sich schließlich als Mischform zwischen Amnestie und Begnadigung entpuppte.

Im Rahmen dieser öffentlichen Debatten, in RĂ€umen der SolidaritĂ€t, innerhalb des GefĂ€ngnisses und auch in den vielfĂ€ltigen Reibungen, die die Teilnahme oder VerknĂŒpfung von Vertretern der Institutionen „subversiver Gefangener im Widerstand“ bedeuteten, gaben sie von Santiago 1 aus eine ErklĂ€rung ab, in der sie auf eine Reihe von Forderungen hinwiesen, „ob Amnestie oder Begnadigung“, und ihre totale Ablehnung des Zusammenlebens mit den Herrschenden zeigten.

Andere RĂ€ume4 entschieden sich, weiterhin auf Amnestie zu setzen, obwohl in der Praxis nur das Projekt der Begnadigung existiert. Von nun an eine Kampagne und StraßenprĂ€senz fĂŒr „Sofortige Freiheit ohne Bedingungen“ zu entwickeln, ohne unbedingt auf diese Begnadigung Bezug zu nehmen.

Im Laufe der Geschichte und in verschiedenen historischen Momenten wurden beide Instrumente (Begnadigung oder Amnestie) vom Staat je nach dem Moment und den bestimmten historischen Perspektiven eingesetzt. Manchmal wurden diese Möglichkeiten von verschiedenen revolutionĂ€ren Gruppen gesehen und verstĂ€rkt, um nur einige Beispiele zu nennen, haben wir die Begnadigungen der frĂŒhen 2000er Jahre, die durch Mobilisierung und Kampf fĂŒr subversive Gefangene, die bewaffneten Gruppen der 90er Jahre angehörten und zu sehr hohen GefĂ€ngnisstrafen verurteilt wurden, erreicht wurden, was ihnen erlaubte, das GefĂ€ngnis zu verlassen, von denen einige Jahre spĂ€ter wieder inhaftiert wurden, weil sie weitergekĂ€mpft hatten.

Auf der anderen Seite gibt es die verschiedenen Amnestien wÀhrend der Diktatur, die es geschafft haben, verschiedene politische Gefangene zu befreien, sowie die juristische Straffreiheit von Bullen zu gewÀhrleisten.

In den 1970er Jahren finden wir die Begnadigung von Miristas und Vopistas durch die Unidad Popular sowie eine Reihe von Amnestien, die der Staat nach sozialen Konflikten verhĂ€ngte, um seine LegitimitĂ€t und den sozialen Frieden wiederherzustellen. Auf internationaler Ebene sind die KĂ€mpfe der Autonomen Gruppen in Spanien5, die fĂŒr die totale Amnestie aller revolutionĂ€ren Gefangenen der verschiedenen bewaffneten Gruppen dieser Zeit kĂ€mpften, oder die Verweise auf eine „Generalamnestie“ durch die am meisten radikalisierten Sektoren der ETA im GefĂ€ngnis gut in Erinnerung6.

Das ist nur ein Auszug aus der Geschichte und aus tausenden von anderen existierenden Erfahrungen. Kritik an der Begnadigung als Instrument gibt es zuhauf, da sie als Bitte um Vergebung und Nachsicht gegenĂŒber dem Staat angesehen wird; wĂ€hrend die Kritik an der Amnestie vor allem bei Alfredo Bonanno7 zu finden ist, der darauf hinweist, dass die Berufung auf diese Maßnahme ein Aufruf ist, den Konflikt zu beenden und sogar die Existenz dieses Antagonismus zu leugnen. Sicher ist, dass beides Maßnahmen des Staates sind, Formeln, die, wenn sie durch Kampf, ohne Reue, mit WĂŒrde und festen revolutionĂ€ren Positionen erreicht wurden, einen Teilsieg in entschlossenen KĂ€mpfen bedeuten können. Diese Logik ist anwendbar, wenn man von revolutionĂ€ren Positionen aus denkt. Das Ă€ndert sich, wenn wir verstehen, dass in einer sozialen Revolte diejenigen, die am Straßenkampf teilnehmen, diejenigen, die inhaftiert sind oder von der Repression geschlagen wurden, nicht unbedingt GefĂ€hrt*innen sein mĂŒssen und die RealitĂ€t ganz anders bewerten. Das Hauptrisiko ist der Glaube, der wirkliche Glaube8 an den Staat, an die Gerechtigkeit und daran, mit dem Feind die Bedeutung von Begriffen zu teilen: Vergebung, Frieden, Reue, Demokratie, Menschenrechte und Nachsicht.

FĂŒr alle, die von der Herrschaft gekidnappt wurden

Wir erkennen an, dass die Gefangenen Geiseln des Staates sind, und in dieser Situation gehen wir davon aus, dass die verschiedenen KĂ€mpfe, die gefĂŒhrt wurden und werden, immer Verhandlungen aus der Korrelation der KrĂ€fte mit dem Feind implizieren, wie Mobilisierungen, Hungerstreiks, die Anerkennung von „Knastrechten“, sogar einige Prozesse oder medizinische Behandlungen. Das Gleichgewicht zwischen dem Erreichen einer gĂŒnstigen Entscheidung durch einen Hungerstreik oder akute Straßenmobilisierungen ist nicht dasselbe und wird nicht dasselbe sein, wie sich hinzusetzen, politische Lösungen als Ganzes und aus dem System selbst heraus zu schmieden, zu verwalten und zu faszinieren. Selbst wenn es einen Dialog mit der Herrschaft und dem Feind geben kann, wird dies nicht aus dem niedrigsten politischen Klientelismus, der Koexistenz oder der Suche nach ihrer BestĂ€tigung sein.

Die zentrale Bedeutung, die der Kampf fĂŒr die Freiheit der Gefangenen des Aufstandes hatte, ist wichtig und war vor allem fĂŒr die Straßenmobilisierung selbst relevant. Das GefĂ€ngnis als mögliche RealitĂ€t zu etablieren, das Unsichtbare der Inhaftierung sichtbar zu machen und eine scharfe Kritik am Staat und seinen GefĂ€ngnissen zu formulieren, ist eine permanente Herausforderung auf dem fruchtbaren Feld der sozialen InstabilitĂ€t, das sich seit Oktober 2019 aufgetan hat. Aber dieser Kampf darf nicht die stĂ€ndigen KĂ€mpfe mit dem Rest unserer Mitgefangenen vergessen, wir beziehen uns speziell auf Juan Aliste, Marcelo Villarroel, JoaquĂ­n GarcĂ­a, Juan Flores, Mauricio HernĂĄndez, Pablo Bahamondes, Francisco Solar, MĂłnica Caballero und Felipe RĂ­os, fĂŒr die es in manchen RĂ€umen der SolidaritĂ€t eine stillschweigende Trennung zwischen „guten“ und „schlechten“ Gefangenen zu geben scheint. Das Vergessen der Opferdiskurse ist nicht nur wichtig, sondern eine Notwendigkeit fĂŒr das Überleben der revolutionĂ€ren SolidaritĂ€t, ohne von demokratischen und Menschenrechtsdiskursen erstickt zu werden.

Das Begnadigungsprojekt wird seinen Weg fortsetzen, wenn es einigen Gefangenen der Revolte erlaubt, auf die Straße zurĂŒckzukehren, perfekt, wenn sein Projekt scheitert (man erinnere sich nur an die von der Regierung ausgesprochene Drohung, ein Veto gegen das Projekt einzulegen), muss unsere Haltung wissen, wie man diese Formeln und Berechnungen der Herrschenden ĂŒberwindet. FĂŒr die Gefangenen der Revolte, die Subversiven, die Anarchist*innen und die Mapuche zu kĂ€mpfen und zu mobilisieren ist ein Kontinuum, das nicht in diese Vereinbarungen zwischen Senatoren und diesen Parodien der revolutionĂ€ren Bewegungen der 80er und 90er Jahre passt. Die Annahme der realen Möglichkeiten, GefĂ€hrt*innen aus dem GefĂ€ngnis zu holen, muss eine Herausforderung sein, die ĂŒber die bloße „Hilfe“ zu ihrer Inhaftierung oder die abstrakten und himmlischen BezĂŒge, die die Materialisierung der Entriegelung verhindern, hinausgeht.

Es sollte daran erinnert werden, dass es auf der Straße, in der Propaganda und in der vielgestaltigen Agitation ist, wo unsere Kraft und VitalitĂ€t liegt. Gerade aus der totalen Opposition gegen diese Welt können wir Strategien entwickeln, um die GefĂ€hrt*innen aus dem GefĂ€ngnis zu holen und konkreten Hindernissen zu begegnen, wie der Änderung des Dekrets 321, das die „BewĂ€hrung“ stoppt, oder der Fortsetzung der Verurteilung von revolutionĂ€ren Gefangenen (Marcelo Villarroel und Mauricio Hernandez) durch die MilitĂ€rstaatsanwaltschaft und den bevorstehenden Prozessen gegen Gefangene der Revolte, die Jahrzehnte der Inhaftierung verbĂŒĂŸen sollen, die in KĂŒrze kommen werden.

Die Zerstörung und Überwindung dieser Hindernisse werden spezifische und greifbare Errungenschaften des Kampfes sein, ebenso wie die Wiederherstellung von Besuchen mit einem Mindestmaß an WĂŒrde. Alles wird von unserem eigenen Willen und dem unserer GefĂ€hrt*innen im GefĂ€ngnis abhĂ€ngen, dem Willen und den konkreten Gesten. NatĂŒrlich können wir uns damit zufrieden geben, mit dem minimalen Gewinn, wir können behaupten, dass die Hand des Staates hinter allem steckt, wo jeder Kampf von vornherein verloren ist, oder wir können einfach alles geben, was wir geben mĂŒssen, um den millimeterlangen Kampf in den GefĂ€ngnissen fortzusetzen, um die GefĂ€hrt*innen aus den GefĂ€ngnissen herauszuholen und natĂŒrlich, damit von den Gittern und der Haft nur Ruinen bleiben.

Gefangene der Revolte auf die Straße, Straßen fĂŒr die Revolte!

Aufhebung der Änderung von 321! Kampf gegen die verschleierte lebenslange Freiheitsstrafe!

Dass die Revolte die GefÀngnismauern brechen!

-PublicaciĂłn Refractario-

-Februar 2021-




Quelle: Panopticon.blackblogs.org