August 1, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf der anarchistischen Publikation aus den Baskischen LĂ€ndern, Ekintza Zuzena, die Übersetzung ist von uns.

Einleitung von uns,

„Die Geschichte der Völker, die eine Geschichte haben, ist die Geschichte des Klassenkampfes. Die Geschichte der Völker, die keine Geschichte haben, ist, wie wir mit gleicher Wahrheit sagen werden, die Geschichte ihres Kampfes gegen den Staat.“ Pierre Clastres, Die Gesellschaft gegen den Staat1

Über die leere Verwendung des Wortes Volk (People, Popolo, Pueblo, Peuple, usw.) kann vieles gesagt werden, etymologisch ist dieses Wort, je nach Sprache, je nach Intention, wie ein StĂŒck nasser Seife, desto mehr man versucht dieses festzuhalten, desto eher entgleitet es einem aus der Hand, also eine sogenannte Polysemie. Eine AmbiguitĂ€t fĂŒr uns, zu ungenau, zu unklar, zu unprĂ€zise und dennoch haben wir diesen Begriff in allen Übersetzungen respektiert, wenn wir selbst diesen nie zu verwenden gebrauchen wĂŒrden, die BegrĂŒndung dafĂŒr nannten wir schon. Seit der französischen Revolution bildet das souverĂ€ne Volk die Nation, die Nation welche das neue Zuhause des bourgeoisen und kapitalistischen Staates sein wĂŒrde und wurde. Volk und Nation sind daher nicht voneinander zu trennen, so sehr davor der Begriff, auch auf anderen Sprachen, fĂŒr die Bezeichnung irgendeiner Gemeinschaft einer Gruppe von Menschen galt, falls dies jemals der Fall gewesen war, so ist seit der französischen Revolution und danach seit dem Holocaust, dieser Begriff weder aufklĂ€rend noch brauchbar. In einer Welt in der die Menschen in Klassen aufgeteilt sind, sind die Klassen ein prĂ€ziserer Begriff. Nun dennoch, wollen wir uns in Zukunft vor allem mit der Nation auseinandersetzen. Dies hat mehrere GrĂŒnde, auch wenn dieses Thema eigentlich abgeschlossen sein sollte, kommt es einem wie MagensĂ€ure immer wieder hoch; sei es die widersprĂŒchliche Verwendung der möglichen Bedeutung dieses Begriffs/Konzeptes innerhalb der anarchistischen Bewegung und Geschichte, sei es durch die positive Konnotation einiger sogenannter Anarchisten und Anarchistinnen in Bezug auf nationalen Befreiungsbewegungen2, sei es der Krieg in der Ukraine und die Metamorphose sogenannter Anarchisten und Anarchistinnen in glĂŒhende Patrioten und/oder Nationalisten (je nach Interview oder Text variiert es).

DafĂŒr haben wir erstmals drei Texte ĂŒbersetzt, einen aus Chile, welcher die Konzeption der Nation in der Geschichte der anarchistischen Bewegung mit all ihren Positionen dazu subsumiert, um letztendlich ein Fiasko von subjektiver Meinung zu geben, einen von Alfredo Maria Bonanno aus dem Jahr 1976 zu der Frage der nationalen Befreiung und einen aus dem Jahr 1959 von Paul Mattick zu der Frage des Nationalismus. Diese Texte, wie weitere die folgen werden sowie auch eigene zum Thema, vor allem bezogen auf den Krieg in der Ukraine, woraus sich aber Allgemeines ableiten lassen wird, dienen als eine mögliche Grundlage fĂŒr diese Auseinandersetzung, die wir, zugegeben, durch Zeitmangel ĂŒbers Knie brechen. Wir leugnen nicht, dass innerhalb der anarchistischen Bewegung es widersprĂŒchliche Positionen dazu gibt, was wir als sehr problematisch empfinden, aber man muss es auch nicht leugnen, dafĂŒr sind wir ja da, um diese Fehler zu beheben.

Unsere Position ist klar, unser Ziel ist es, die Welt mitsamt all der Spezies, die auf dieser leben, vom Joch des Kapitalismus zu befreien. Der Kapitalismus wird in seiner jetzigen historischen Phase weltweit, aufgeteilt in hunderten von Territorien, von seinem Handlager dem Staat geschĂŒtzt und verwaltet. Diese Staaten, um eine KohĂ€sion durch die Vereinheitlichung und Zentralisierung des Lebens in all seinen Facetten fĂŒhren zu können, bildeten Nationen, auch wenn es vorkommt und nicht mal selten, dass im Gebiet eines Staates, einer Nation, sich weitere Nationen befinden, die um die eigenen Interessen kĂ€mpfen, sogar um die Bildung eines eigenen kapitalistischen Staates. Siehe den spanischen Staat als Beispiel. Die Nation, dessen Ideologie, der Nationalismus, seine Metapher, das Vaterland und dessen Ideologie, der Patriotismus3, sind fĂŒr uns nichts als Waffen der Reaktion, um den Klassenkrieg, den sozialen Krieg der Habenichtse und der Proleten zu bekĂ€mpfen. Der Anarchismus steht fĂŒr eine Welt ohne Staaten sowie fĂŒr eine Welt ohne Nationen, die den modernen kapitalistischen Staat bedingen, ohne diesen können sie nicht existieren. Wenn jetzt Anarchisten und Anarchistinnen in der Ukraine sowie diejenigen, die sie unterstĂŒtzen, sagen, sie wĂŒrden fĂŒr ihr Vaterland, ihre Nation kĂ€mpfen, dann sind sie keine Anarchisten und Anarchistinnen. Wir haben kein Vaterland und keine Nation, die Idee, dass der Mensch an einen Staat, an eine Nation, an eine Patrie als was natĂŒrliches gebunden ist, ist ein von der herrschenden Klasse erschaffenes Instrument der imperativen KohĂ€sion der Bevölkerung, die sie ausbeutet. Daher handelt es sich um was KĂŒnstliches. Weiteres dazu in kommender Zeit.

Soligruppe fĂŒr Gefangene


NATION UND ANARCHISMUS

„Der Anarchist prĂŒft und erwĂ€gt alles, nimmt es an oder lehnt es ab, je nachdem, ob die vorgeschlagenen Ideen mit seiner Lebensauffassung oder seinen individuellen Bestrebungen ĂŒbereinstimmen oder nicht. Letztlich begnĂŒgen sich alle Menschen damit, von ihrer Umwelt bestimmt zu werden, der Anarchist hingegen strebt unter dem unvermeidlichen Vorbehalt einer physischen Ordnung danach, sich selbst zu bestimmen.“ (Émile Armand)

Nation und Anarchismus in einer Diskussion zu vereinen ist eine interessante konzeptionelle Übung, aber sie in einem gemeinsamen Projekt der revolutionĂ€ren Transformation zusammenzufĂŒhren ist eine Herausforderung. Trotz der Fortschritte und der Versuche mehrerer GefĂ€hrten, diese Überlegungen zu teilen, ist es klar, dass sie von der heterogenen anarchistischen Bewegung als Ganzes nicht viel Beachtung gefunden haben. Zumindest nicht in einer Dimension, die ĂŒber die zahlreichen GemeinplĂ€tze hinausgeht, die es gibt und die eine höhere Problematisierung verhindert haben. Dennoch sind Fortschritte zu verzeichnen. So lĂ€sst sich beispielsweise ohne weiteres feststellen, dass Nation nicht synonym mit Nation-Staat ist. Ich betone dies, weil einer der hĂ€ufigsten Fehler von Anarchisten bei der Behandlung des Themas darin besteht, die Angelegenheit zu vereinfachen, indem sie an der Vorstellung festhalten, dass es sich um homologe Themen handelt, und damit die Möglichkeit verweigern, ĂŒber die gefĂ€hrlichen Karikaturen hinauszugehen. Letzteres ist nur ein Beweis dafĂŒr, dass der Platz der Diskussion zwischen Nation und Anarchismus außerhalb der oben skizzierten Grenzen konsequent vernachlĂ€ssigt wurde. Das liegt meiner Meinung nach nicht an böser Absicht oder absichtlicher Unterlassung, sondern einfach daran, dass die meisten Anarchisten die Nation nicht als notwendiges Element beim Aufbau einer Gesellschaft ohne AutoritĂ€t betrachtet haben. Diejenigen, die sich fast ausschließlich mit dem Thema befasst haben, waren – jenseits der Vereinfachung – genau jene GefĂ€hrten, eine Minderheit, die die Nation als nĂŒtzliches Instrument im Kampf fĂŒr die Freiheit und gegen den Staat verstehen. Eine Situation, die sich in den Konflikten zeigt, die von Regionen ausgetragen werden, die kulturell und politisch von anderen unterdrĂŒckt wurden, wie die Basken gegen Spanien, die Mapuche gegen Chile, die Kolonien gegen die Imperien in den vergangenen Jahrzehnten, um nur einige Beispiele zu nennen. Und da die Nation, anstatt ein Element des Widerstands zu sein, im Allgemeinen mit dem Staat und seiner Herrschaft identifiziert wurde, gab es fĂŒr die meisten Anarchisten keine Notwendigkeit, die beiden Konzepte miteinander zu verbinden, und vielleicht aus demselben Grund gab es auch nicht viele Theorien zu diesem Thema. Deshalb sprechen alle Überlegungen, die zu diesem Thema angestellt wurden und werden, fĂŒr die gute Gesundheit einer Bewegung wie dem Anarchismus, die offen fĂŒr Selbstkritik und frei von geschlossenen Ideensystemen und ewigen Dogmen ist [[Diese Schrift stĂŒtzt sich auf verschiedene Aspekte eines frĂŒheren Artikels, der sich auf die chilenische RealitĂ€t beschrĂ€nkt. Veröffentlicht in El Surco, monatliche anarchistische Zeitung, Santiago, chilenische Region, Nr.18 und 19, August und September 2010.]]

Aber um diesen Text zu begrĂŒnden, versteht es sich von selbst, dass die folgenden Worte nicht darauf abzielen, den Anarchismus harmonisch mit der Nation zu vereinen, da ich letzterer ehrlich gesagt misstraue, auch wenn sie als Motivation fĂŒr antiautoritĂ€ren Widerstand verstanden wird. ZunĂ€chst geht es mir darum, die Überlegungen ein wenig zu vertiefen, einige der Antworten des Anarchismus zusammenzufassen, sie zu problematisieren und zu prĂŒfen, ob ein gemeinsamer Ausweg möglich ist, der keinen Vorverkauf der Freiheit impliziert. Wir werden zunĂ€chst die Konzepte der Nation und des Nationalismus ĂŒberprĂŒfen, dann die „staatenlosen“ Nationen als Mittel des Widerstands untersuchen und anschließend einige unserer Verdachtsmomente ĂŒber sie darlegen. Wir werden dann einige Antworten geben, die Anarchisten bisher auf die nationale Frage gegeben haben, und schließlich werden wir unseren Vorschlag skizzieren, der mehr als eine Schlussfolgerung ist, nicht mehr als eine offene Frage, von der ich hoffe, dass sie in irgendeiner Weise nĂŒtzlich fĂŒr die kollektive Debatte sein wird.

I.- Nationen

Nach Benedict Anderson, einem der meist zitierten Wissenschaftler, ist die Nation eine imaginĂ€re Gemeinschaft, in der sich die Mitglieder, auch wenn sie sich nicht kennen, als Teil eines menschlichen Kollektivs mit einer gemeinsamen Kultur, einem gemeinsamen Territorium, einer gemeinsamen SouverĂ€nitĂ€t und einer gemeinsamen politischen Organisation fĂŒhlen [[Das Konzept wird somit auf den Nationstaat reduziert. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass wir hier nicht nĂ€her auf die Unterschiede zwischen Nation und Vaterland eingehen werden, da diese Begriffe in der Regel gleichbedeutend verwendet werden, obwohl es wichtige Unterschiede gibt. Folgt man Maurizio Viroli, „liegt der entscheidende Unterschied in der Schwerpunktsetzung“, hĂ€tte das Vaterland mit der demokratisch-zivil-institutionellen Ordnung zu tun, wĂ€hrend die Nation – eher „ethnisch“ – zur kulturellen Differenzierung neigt. M, Viroli, Por Amor a la patria. Un ensayo sobre el patriotismo y el nacionalismo, Acento, Madrid, 1997]]. Diese Einheit ist ein Produkt des historischen Prozesses, der als Moderne identifiziert wird (Kapitalismus der Ökonomie, Industrialisierung der Produktion, Urbanisierung der Bevölkerung, Demokratie der Politik, Masse der Kultur), da ihre Existenz nur auf der Grundlage der Moderne möglich ist. Dank der Rationalisierung der Kommunikation, des Verkehrs, der Bildung und der gedruckten Kultur sowie anderer „moderner“ PhĂ€nomene können die Besonderheiten der Nation (die als solche etabliert sind) mehr oder weniger gleichmĂ€ĂŸig innerhalb einer Gemeinschaft verteilt werden und ihre Mitglieder in ihr vereinen. Diese nationale Homogenisierung wĂŒrde, so Anderson, in einer mehr oder weniger gleichzeitigen Zeit („leere Zeit“) stattfinden, eine Situation, die die begrenzte Entwicklung der Kommunikation in der Vergangenheit unmöglich gemacht habe, und daher mĂŒsse der Nationalismus, wenn ĂŒberhaupt, ein modernes PhĂ€nomen sein. [[Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflexiones sobre el origen y la difusiĂłn del nacionalismo, FCE, Mexiko, 2007. Dieser Autor ist neben Gellner, Smith, Hobsbawm und anderen einer der renommiertesten Nationalismusforscher.]]

Dieser Definition ist hinzuzufĂŒgen, dass diese nationalen Besonderheiten von einem Netz mehr oder weniger zentraler MĂ€chte geformt und aufgezwungen werden, die im Allgemeinen mit staatlichen Strukturen identifiziert werden können, da es zwar reale kulturelle Merkmale gibt, die eine nationale Gemeinschaft kennzeichnen können, die nicht ausdrĂŒcklich durch Zwang aufgezwungen werden (z. B. die Sprache), diese aber nicht von den Bewohnern dieser geografischen Region frei gewĂ€hlt werden. Oder sie werden durch die Tradition der Gemeinschaft, in die wir hineingeboren werden, oder durch den Staat, in den dieses Kollektiv eingebettet ist, auferlegt. Familie oder Staat, mit oder ohne Liebe, nationale IdentitĂ€ten werden uns auferlegt. Wir werden alle in unterschiedliche kosmogonische Umgebungen hineingeboren, in diesem Sinne ist es vielleicht nicht abwegig zu sagen, dass wir alle mit einem Vaterland geboren werden. Einem zufĂ€llig auferlegten Vaterland.

Die Macht, die Nation in ihrem traditionellsten Sinne zu charakterisieren, liegt in erster Linie und ĂŒberwiegend in den HĂ€nden des Staates. Um es einfach auszudrĂŒcken: Es wĂŒrde legal eine große identitĂ€re Einheit mit einer gemeinsamen Tradition, einem Territorium, einer Folklore usw. geschaffen. Wenn die geografische Ausdehnung und die kulturelle Vielfalt grĂ¶ĂŸer sind, fasst der Staat mehrere besondere IdentitĂ€ten in einem einzigen Körper zusammen und vereinnahmt und unterwirft die Unterschiede in seiner vorgeblichen nationalen Harmonie. Ein paradigmatisches Beispiel sind die indigenen Völker, die in den sĂŒdamerikanischen Staaten entweder im Widerstand oder domestiziert ĂŒberleben. Der Staat und die Gesellschaft schaffen bestimmte Stereotypen jeder besonderen IdentitĂ€t, verschmelzen sie mit der Einheit der hegemonialen Nation und zwingen sie dann durch Schulen, die Presse, Institutionen, den MilitĂ€rdienst usw. allen, die innerhalb der Staatsgrenzen leben, auf. Wie wir wissen, ist die Schule der Ort des kulturellen Zwanges schlechthin. Dort wird Geschichte erzĂ€hlt und aufgesogen, voller Helden, glorreich, intakt, ungetrĂŒbt. Eine gemeinsame Geschichte wird erfunden und aufgezwungen, wo es keine gibt [[Im Fall des Pazifikkriegs (1879-1883), der durch private Interessen motiviert war und Chile gegen Peru und Bolivien ausspielte, wird er in diesen drei LĂ€ndern auf parteiische Weise gelehrt und hĂ€ufig von Politikern benutzt, um nationalistischen Hass zu schĂŒren und die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen. Ich kann mir vorstellen, dass Ă€hnliche FĂ€lle auch in anderen Regionen vorkommen mĂŒssen]].

Dennoch scheint es mir wichtig zu sein, auf die Revision hinzuweisen, die der indische Historiker Partha Chatterjje an den VorschlĂ€gen in Andersons inzwischen klassischem Buch vorgenommen hat, um die Darstellung fortzusetzen. FĂŒr ihn wird die Nation in einer heterogenen und diskontinuierlichen Zeit konstruiert (die „leere Zeit ist die Utopie des Kapitalismus“). Das liegt daran, dass jedes Individuum aufgrund von Unterschieden in puncto Geschlecht, Erfahrungen, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Klasse usw. eine andere Vorstellung davon hat, was die Nation bedeuten kann [[Chaterjje weist auch darauf hin, dass die Menschen aufgrund ökonomischer oder anderer Unterschiede Informationen zu unterschiedlichen Zeiten erhalten und wahrnehmen. Partha Chatterjee, La NaciĂłn en Tiempo HeterogĂ©neo y otros estudios subalternos, IEP, Lima: 2007. Chatterjee beteiligt sich zusammen mit anderen Forschern der Dritten Welt an der historiographischen Strömung der Subaltern Studies, Überlegungen, die fĂŒr eine anarchistische Epistemologie der Geschichte sehr nĂŒtzlich sein können.]]. Indem er seine Analyse auf den Menschen und nicht auf die Nation als Idee konzentriert, warnt Chaterjee unserer Meinung nach vor der Unmöglichkeit, dass jeder Einzelne, wenn er sich einer kulturellen IdentitĂ€t mit staatlichen Grenzen zugehörig fĂŒhlt, diese genauso schaffen und empfinden kann wie jeder andere auch.

Lasst uns fortfahren. Dass die in einem Staat vorherrschende Nation zumeist bestimmten Individuen und Gemeinschaften zwangsweise aufgezwungen wird, ist kaum zu bezweifeln. Aber wir mĂŒssen vorsichtig sein, denn es ist nicht immer die Gewalt, die einen Menschen dazu bringt, sein Vaterland zu lieben [[wir sprechen von expliziter Gewalt, denn Gewalt ist auch die Auferlegung von IdentitĂ€t, die wir nur allzu oft in der Schule erlebt haben.]]. Und es wĂ€re gut, diesen Aspekt zu vertiefen, nĂ€mlich den der freiwilligen Zustimmung (A.d.Ü., adhesiĂłn, kann auch Beitritt bedeuten), ein Thema, das zweifelsohne eine eigene Analyse verdient. Doch parallel zu dieser „natĂŒrlichen“ und „unreflektierten“ Sympathie, die zum Beispiel aus dem geografischen und familiĂ€ren Umfeld erwachsen kann, gibt es eine obligatorische nationale Ideologisierung, die vom Staat ausgeht [[Bakunin spricht von natĂŒrlichem oder physiologischem Patriotismus. Siehe seine «Cartas sobre patriotismo», die er 1869 an die Genfer der Internationale schrieb.]]. Da diese „Zwangskonstruktion der Nation“ von den Anarchisten im Laufe ihrer Geschichte am meisten angegriffen wurde, werden wir hier nicht nĂ€her darauf eingehen [[Aus PlatzgrĂŒnden können wir nur diese These aufstellen, die mit der Unmöglichkeit zu tun hat, sich innerhalb eines Staates den nationalen Vorgaben zu verweigern (A.d.Ü., negieren), eine Situation, die, wenn sie durchgefĂŒhrt wurde – wie es die Anarchisten und manchmal auch die Sozialisten taten – Verhaftung, Zensur und Ermordung bedeutete. Es hat auch damit zu tun, dass der Patriotismus dazu benutzt wird, Menschen und Ideen sowie Ideologien, die als „fremd“ gelten, zu delegitimieren. Dieses GefĂŒhl der Abneigung gegenĂŒber Fremden, das durch das Vaterland geschĂŒtzt wurde, wurde in Gesetze und zahlreiche Zwangsmechanismen umgesetzt. Was den chilenischen Fall betrifft, so haben wir uns in «Arde la patria. Los trabajadores, la guerra de Don Ladislao y la construcciĂłn forzosa de la naciĂłn en Chile (1918-1922)», damit befasst]].

Wir haben gesagt, dass der Staat seine Nation denjenigen aufzwingt, die auf seinem Boden leben. Wie nicht anders zu erwarten, fĂŒhrt dies unweigerlich zu internen Spannungen zwischen den anderen IdentitĂ€ten, die ihren Raum fĂŒr Freiheit und autonome kulturelle Entwicklung suchen. Ein Beweis dafĂŒr sind die ethnischen Konflikte, die bis heute ĂŒberall auf der Welt ausgetragen werden und von denen auch das alte Europa nicht verschont bleibt. Die Basken in Spanien sind ebenso wie die Mapuche in Chile ein anschauliches Beispiel dafĂŒr, wie andere als die offiziellen Kulturen zwischen Widerstand und Assimilation, zwischen Trauer und Domestizierung kĂ€mpfen.

II.- Nationalismen

Wenn die Nation in erster Linie ein kulturelles Konstrukt ist, dann ist der Nationalismus die Ideologie, die die Verbreitung und die Achtung der Werte und Merkmale, die sie ausmachen (Geschichte, Sprache, Tradition usw.), gewĂ€hrleistet. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Nationalismus/Nationalismen (ökonomisch, religiös, kulturell usw.), wobei die vorherrschende diejenige ist, die die Nation mit dem Staat verbindet, d. h. die auf einer etatistischen Vorstellung von der Nation beruht. Ebenso stellen wir fest, dass es Nationalismen gibt, die explizit gewalttĂ€tig sind, und andere, die es offensichtlich nicht sind. Erstere agieren in der Regel in einem exklusivistischen, suprematistischen Ton. So etwas wie „Mein Land ist das beste, die anderen mĂŒssen unterlegen sein“.

FĂŒr Anarchisten ist es daher ĂŒblich geworden, Nationalismus in Verbindung mit Fremdenfeindlichkeit und Militarismus als Teile derselben Medaille zu sehen. DafĂŒr gab es viele GrĂŒnde, und wir werden jetzt nicht darĂŒber sprechen, aber es ist notwendig, eine Abgrenzung zwischen Nationalismus und nationalistischer Gewalt zu versuchen, um das Konzept besser zu verstehen, sonst verfallen wir in Karikaturen und verstehen nicht, warum Millionen von Menschen bereit sind, ihr Leben fĂŒr eine Idee zu geben, die wir in den meisten Aspekten als kĂŒnstlich und autoritĂ€r betrachten.

Nationalismus ist zweifelsohne ein komplexes PhĂ€nomen. Im Allgemeinen sehen wir es, wie oben erwĂ€hnt, als die Sehnsucht, die eigene Nation ĂŒber die der anderen zu stellen, und so scheint es auch von der Mehrheit der Bevölkerung verstanden zu werden. Wenn nicht, muss man sich eben eine Fußballweltmeisterschaft ansehen. Aber es gibt wichtige Unterscheidungen zu treffen.

Zweifellos ist der faschistische Nationalismus nicht dasselbe wie der Nationalismus von Völkern, die innerhalb und gegen einen anderen Staat-Nation kĂ€mpfen. Und so wie es einen gewalttĂ€tigen Nationalismus gibt, gibt es auch einen friedlichen Nationalismus, wie den derjenigen, die behaupten, dass es wĂŒnschenswert und möglich ist, dass alle Nationen ohne Konfrontation zusammenleben. Es gibt eine Reihe von Unterschieden zwischen den beiden. Um unsere Argumentation zu untermauern, möchten wir jedoch auf die Unterschiede zwischen den Nationen des Staates und den Nationen, die in einen Konflikt innerhalb des Staates verwickelt sind, hinweisen. Im Allgemeinen neigen Anarchisten natĂŒrlich dazu, gegen die Nationen des Staates zu kĂ€mpfen, aber wenn es um letztere geht, kommt es manchmal zu Komplikationen.

III.- Wenn Kultur Widerstand ist. Nationen ohne Staat.

Die Probleme der Anarchisten, die Nation zu interpretieren oder sich in Bezug auf sie zu positionieren, beginnen in der Regel, wenn sie mit staatenlosen Nationen arbeiten oder in ihnen leben. Lange Zeit war es ein libertĂ€rer Irrtum, die Nation mit dem Staat zu identifizieren, obwohl eine kulturelle Gemeinschaft nicht notwendigerweise ĂŒber eine staatliche Struktur verfĂŒgt, um sich anderen aufzudrĂ€ngen [[siehe unser Interview mit Asel Luzarraga „De vascos, mapuches y anarquistas“, in El Surco, Santiago, RegiĂłn chilena, nÂș 13, MĂ€rz 2010]]. Dies gilt auch fĂŒr Anarchisten, die in einem anderen kulturellen oder nationalen Umfeld als dem offiziellen leben, wie z.B. die Basken in Spanien oder die Mapuche in Chile, um auf die von uns verwendeten Beispiele zurĂŒckzukommen.

Wir haben gesagt, dass es FĂ€lle gibt, in denen die Nation als ein Element des Widerstands gegen einen Staat verstanden werden kann. In diesen FĂ€llen wĂŒrde der Weg, den einige Anarchisten einschlagen, darin bestehen, jede Nation zu unterstĂŒtzen, die versucht, sich von der Herrschaft einer anderen zu befreien, solange diese Befreiung nicht einen Rollentausch zwischen UnterdrĂŒckern und UnterdrĂŒckten impliziert. Empathie wĂ€re in diesem Fall der Kampf um die ungehinderte Entwicklung der eigenen Kultur, der eigenen Form der Kosmogonie, der eigenen Sichtweise der Welt (soweit die Nation das bestimmt). Dies erklĂ€rt zum Teil, warum einige GefĂ€hrten die nationalen Befreiungskriege als einen Aktionsraum betrachtet haben. Eine Entscheidung, die in vielen FĂ€llen von Idealisierungen und mangelnder Kritik begleitet wurde, obwohl es viele gute GrĂŒnde dafĂŒr gibt [Anarchisten wie Bakunin waren fĂŒr die slawischen Völker, die gegen die Imperien kĂ€mpften, die sie unterjochten]. Diejenigen, die dies getan haben oder tun wollen, mĂŒssen jedoch die Nichtexistenz von Theorien zu diesem Thema retten, denn die Vereinigung der Nation mit dem Anarchismus bleibt mehr als ein richtiger oder gewĂŒnschter Weg, eine offene Frage, obwohl Bakunin selbst und andere wie Gustav Landauer sie vor langer Zeit skizziert haben. Aber ich habe Zweifel: Angenommen, diese unterdrĂŒckten Nationen wollen keinen Staat fĂŒr sich selbst, was eine recht großzĂŒgige Hypothese ist und weit von dem entfernt ist, was wir heute sehen: Inwieweit sind diese marginalisierten Nationen nicht ebenso kĂŒnstlich konstruiert wie Nationalstaaten?

Betrachten wir dazu ein Beispiel: den Konflikt zwischen Mapuches und Chilenen (Mestizen) innerhalb des Staates Chile. Vielleicht kann man eine Parallele zu dem ziehen, was zwischen Spaniern und Basken geschieht. Grob gesagt, haben die Chilenen die Macht (politisch, kulturell und ökonomisch) und die Mapuches haben sie nicht. Und es ist nicht so, dass Macht ein „Ding“ ist und nicht auf verschiedenen Ebenen wirkt, wir beziehen uns nur auf ihre traditionelleren Ausdrucksformen. Die konkreten Unterschiede scheinen abgrundtief zu sein: Die einen haben das Vermögen, die Waffen, das Land, die staatlichen Institutionen, die anderen hingegen haben nur ihre „Kultur“ und den legitimen Wunsch, das zurĂŒckzuerhalten, was ihnen gewaltsam genommen wurde [Wie so viele indigene Völker wurden die Mapuche nach einem langen Prozess des Krieges, der Einschleppung von Krankheiten, der Auferlegung von Produktionsweisen und westlicher Kultur usw. in die „SouverĂ€nitĂ€t“ des chilenischen Staates kooptiert]. Das ist wahr, sehr wahr, aber wie viel von dem, was wir heute von den Mapuche und den indigenen Völkern im Allgemeinen verstehen, ist Idealisierung und schematische Homogenisierung? Wie kann man in diesem Fall die Menschen, die am Meer leben, mit denen, die in den Anden leben, die StĂ€dter mit denen vom Land, die Verwestlichten mit denen, die nicht verwest sind, die, die das Land zurĂŒckgewinnen wollen, und die regierungsfreundlichen Bauern, die Machis [[Machis sind Menschen, die TrĂ€ger der Weisheit sind, Heiler, im Westen wĂŒrde man sie als „Zauberinnen“ bezeichnen, obwohl die Analogie nicht exakt ist.]] mit den Ureinwohnern, die Polizeiuniformen tragen, mit denen, die in Argentinien leben, mit denen, die in Chile leben, mit den Mestizen und denen, die sagen, sie seien keine Mestizen?

Um all dieses Babel zu vereinen, war es notwendig, eine gemeinsame IdentitĂ€t, eine Nation, zu schaffen, oder, um es euphemistisch auszudrĂŒcken, zu erfinden. Es musste ein Weltbild konstruiert werden, indem man auswĂ€hlte, was in dieses Weltbild passt und was nicht. Und man sei gewarnt: Der Staat hat dabei nicht immer seine schmutzige Nase hineingesteckt. Diese Schöpfung geschah natĂŒrlich nicht per Dekret, auch nicht in kurzer Zeit und schon gar nicht auf der Grundlage kĂŒnstlicher Elemente. Denn der Berg, die FlĂŒsse und das Land sind real, ebenso wie die BrĂŒderlichkeit vieler Mapuche und indigener Völker im Allgemeinen – wenn auch nicht aller ihrer Mitglieder – mit den natĂŒrlichen Elementen und der gemeinsamen Sprache, dem GefĂŒhl der Verwurzelung und den phĂ€notypischen Wurzeln; ebenso real wie der Einfluss der Machis und Caciques, die Usurpation der LĂ€ndereien und das zu ihrer Verteidigung vergossene Blut. All dies geschah und geschieht, aber es sind Tatsachen, die von einer gemeinsamen IdentitĂ€t ĂŒberlagert werden, so dass die Erfahrung einiger – oder der meisten – allen aufgezwungen wird. Diese Überlagerung, ein langer und komplexer Prozess der Auswahl und Unterscheidung ihrer Charaktere, ist es, was – so glaube ich – eine Nation, was auch immer sie sein mag, historisch konstituiert (und daher anfĂ€llig fĂŒr VerĂ€nderungen und/oder Zerstörung) macht. In diesem speziellen Fall hat vielleicht etwas Ähnliches wie ein anderer Punkt von Chaterjee stattgefunden, nĂ€mlich die Konstruktion einer Nation im Gegensatz zu anderen.

Er hat festgestellt, dass der Nationalismus in Indien – der von ihm untersuchten Region – grĂ¶ĂŸtenteils ein Erbe Europas war, da die britische Herrschaft ĂŒber dieses Gebiet die zuvor zersplitterten oder nur lose zusammenhaltenden Einwohner zwang, sich als Antwort auf den anderen, den Eindringling, zusammenzuschließen. Es gab zwar eine Art spirituellen oder religiösen Nationalismus, aber die Sehnsucht nach Nationalismus in seiner politischen Dimension (mit Territorium, Verwaltung und begrenzter SouverĂ€nitĂ€t) wurde von den UnterdrĂŒckern importiert. Wie man sich vorstellen kann, gab es die Idee der Nation in ihrem modernen Sinn vorher nicht. Die Vorherrschaft des britischen Weltreichs brachte ungewollt die Begeisterung fĂŒr die Idee des Staates-Nation in seine Kolonien und damit die UnabhĂ€ngigkeitsbewegungen. Vielleicht geschah etwas Ähnliches mit den spanischen Siedlungen, die heute die modernen lateinamerikanischen Staaten bilden.

Im Falle der Mapuche entstand die Idee der Nation und damit diese Art von indigenem Nationalismus zum Teil durch den Krieg mit dem spanischen Reich und dann in der Konfrontation mit der anderen erfundenen Nation, die wir heute als Chile kennen. Das eine wird – zum Teil – im Gegensatz zum anderen definiert. Dies ist zugegebenermaßen eine etwas leichtfertige ErklĂ€rung, denn es gab sicherlich einen viel komplexeren Prozess als den, den wir skizziert haben. Dennoch scheint es einige Aspekte zu erfĂŒllen.

IV.- Anarchismus und Nationen.

Das nationale Problem wird seit den AnfĂ€ngen der revolutionĂ€ren sozialistischen Bewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts diskutiert. Die Antwort war Internationalismus bis zum Gehtnichtmehr fĂŒr diejenigen, die erkannten, dass die Revolution weltweit sein musste und dass der soziale Kampf der Arbeiter (damals die unbestrittene Avantgarde der Revolution) mit dem ihrer Mitstreiter ĂŒberall auf der Welt verbunden war. Die verschiedenen politischen Schulen, die sich in der Ersten Internationale (1864-1876) zusammenfanden, hatten keine grĂ¶ĂŸeren Differenzen bei der Verteidigung dieser Prinzipien, obwohl spĂ€ter Anarchisten und Marxisten darĂŒber stritten. FĂŒr die damaligen autoritĂ€ren Sozialisten (Kommunisten) war der Kampf zwar seinem Wesen nach supra-national, aber „die Arbeiterbewegung war ihrer Form nach national, in dem Sinne, dass die Arbeiter mit ihrer eigenen Bourgeoisie „abrechnen“ mussten. Und da die Arbeiterklasse in jedem Land die politische Macht erobern musste, musste sie notwendigerweise als nationale Klasse auftreten“ [[Lewis Lorwin, Historia del Internacionalismo obrero, t. I, Ercilla, Santiago, 1937, S. 38; siehe auch JaleĂ©, Pierre, El proyecto socialista (aproximaciĂłn marxista), ANAGRAMA, Barcelona, 1976, S. 160; und G.D.H. Cole, Historia del Pensamiento Socialista. T. II: Marxismo y Anarquismo (1850-1890), Fondo de Cultura EconĂłmica, Mexiko, 1958]]. Indem sie auch die AutoritĂ€t und damit den Staat bekĂ€mpften, konnten die Anarchisten dem nicht zustimmen.

Es gab eine Zeit, in der sich der Anarchismus theoretisch mit der Nation verband, und zwar gerade in ihrer Eigenschaft als Element des Widerstands gegen die unterdrĂŒckenden Staaten. Dies geschah zum Beispiel mit Bakunins panslawistischer Gesinnung und seinem Kampf gegen das preußische Kaiserreich. Gleichzeitig warnte der russische RevolutionĂ€r jedoch: „Das Vaterland und die NationalitĂ€t sind, wie die IndividualitĂ€t, natĂŒrliche und soziale, physiologische und historische Tatsachen zugleich; keines von beiden ist ein Prinzip. Nur das, was universell und allen Menschen gemeinsam ist, kann als menschliches Prinzip angesehen werden; die NationalitĂ€t trennt die Menschen und ist daher kein Prinzip. (
) Jeder, der aufrichtig nach Frieden und internationaler Gerechtigkeit strebt, sollte ein fĂŒr allemal auf das verzichten, was man Ruhm, Macht und GrĂ¶ĂŸe des Vaterlandes nennt, auf alle egoistischen und eitlen Interessen des Patriotismus“.

Im Laufe der Jahre und vielleicht durch die Konsolidierung der modernen Staaten wurde diese Verbindung jedoch zurĂŒckgedrĂ€ngt, bis eine antinationale („anationale“, wĂŒrde Rocker sagen) Perspektive vorherrschte, ohne dass es viel Widerspruch gab. „Unser Vaterland ist die Welt“ war der Slogan schlechthin. So wurde jeder Versuch, mit den Nationen zu sympathisieren, als Ketzerei gebrandmarkt. Kropotkin wusste das sehr gut bei seinen deutschfeindlichen AusbrĂŒchen im Ersten Weltkrieg, als ihn weder die Jahre noch das Ansehen, das er sich als libertĂ€rer Denker erworben hatte, vor dem Ausschluss aus der Bewegung bewahrten, als er unter dem Vorwand der Rettung der westlichen Zivilisation seine Sympathien fĂŒr Frankreich nach außen trug [[Luigi Fabbri, Malatesta, Editorial America lee, Buenos Aires, 1945]].

Die Absicht, den Anarchismus mit der Nation zu problematisieren, erlebte eine wichtige Wiederbelebung nach der Mitte des 20. Jahrhunderts, als die damaligen LibertĂ€ren, vor allem die EuropĂ€er, sich angesichts der antikolonialen Kriege oder der nationalen Befreiungskriege (wie in Algerien) positionieren mussten. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, einen Text des damals – 1976 – jungen Alfredo Bonanno zu diskutieren. Darin verurteilt der italienische Insurrektionalist, dass die Anarchisten ihrem Internationalismus „eine ErklĂ€rung von Prinzipien entgegensetzen sollten, die weder vage noch abstrakt, sondern konkret und klar definiert sind“. Gleichzeitig wetterte er gegen einen gewissen „idealistischen Anarchismus“, der unter Berufung auf einen abstrakten Universalismus praktische Lösungen fĂŒr die Probleme der Zeit, wie die nationale Frage, scheute. Was den Begriff der Nation an sich betrifft, so hat der Italiener nicht wirklich etwas beigetragen und sich in seinen AusfĂŒhrungen auf Bakunin bezogen, der darauf hinwies, dass der Patriotismus etwas NatĂŒrliches, Historisches und Wirksames ist. Wichtig ist meines Erachtens die Betonung der Rolle der Nation als Grundlage fĂŒr die Gesellschaft der Zukunft, in der freie, von Nationen abgegrenzte Föderationen an die Stelle des Staates und seiner kĂŒnstlichen politischen Grenzen treten. Der nationale Föderalismus, fĂŒr den Bonanno plĂ€diert, dĂŒrfe nicht mit dem Separatismus der Marxisten verwechselt werden, der auf die Schaffung neuer Staaten abziele. Ohne ihre Apologie des Klassenkampfes aufzugeben und in Anlehnung an die Anarchisten der Front Libertaire wird angedeutet, dass der Feind nicht eine fremde Nation ist, sondern die Bourgeoisie und jede Nation [[In einem merkwĂŒrdigen Zusammenhang argumentiert die Front Libertaire, dass „die ethnische Kultur nicht das ist, was allen Menschen gehört, die in einem gemeinsamen Territorium geboren wurden oder leben oder die dieselbe Sprache sprechen. Es ist die Kultur derjenigen, die in einer bestimmten Gruppe die gleiche Ausbeutung erleiden. Die ethnische Kultur ist eine Klassenkultur und deshalb eine revolutionĂ€re Kultur“. Das Einzige, was wir aus diesem Zitat – auf das sich Bonanno bezieht – retten können, ist der erzwungene Wunsch, eine hegemoniale kulturelle Frage in Form einer Klassenfrage zu lesen]]. Die AntiautoritĂ€ren, so argumentiert der RĂ€uber, mĂŒssen sich weigern, sich an den nationalen Befreiungsfronten zu beteiligen [Obwohl der Autor 1985 diesbezĂŒglich schrieb: „Jede Verringerung der Macht der Staaten ist eine positive Bewegung, die grĂ¶ĂŸere, wenn auch eingeschrĂ€nkte RĂ€ume der Freiheit, konsequentere Verteidigungsbewegungen, Hoffnungen auf bessere Zeiten, auf das Überleben, wenn man so will, aber auch organisatorische Formen des Kampfes ermöglicht, die die repressiven Giganten leicht zerstören. Die Teilnahme an den KĂ€mpfen, die Staaten zerfallen lassen, ist daher eine positive Bewegung, und in diesem Bereich waren die nationalen BefreiungskĂ€mpfe – leider nicht immer – Gelegenheiten, den monolithischen Charakter der Macht zu durchbrechen und mögliche Linien der sozialen Divergenz vorzuschlagen, Alternativen, die in der Lage sind, verschiedene praktikable Wege aufzuzeigen“. Aus dem Buch No podrĂ©is pararnos. La lucha anarquista revolucionaria en Italia. Ed. Klinamen (2005). Anm. E.Z.]], und an den Fronten der Klassen teilnehmen, „mĂŒssen den nationalen BefreiungskĂ€mpfen ihre ganze UnterstĂŒtzung geben, konkret in der Teilnahme, theoretisch in den Analysen und Studien“ [[Alfredo Bonanno, „Anarchismus und nationaler Befreiungskampf“, 1976]]. Mit der Beendigung der nationalen Befreiungskriege wurde die Debatte, von der Bonanno sprach, fĂŒr die „Mehrheit“ der internationalen anarchistischen Bewegung verwĂ€ssert und marginalisiert.

Anarchisten haben sich historisch mit ihrem Internationalismus auseinandergesetzt [[Bakunin skizzierte eine frĂŒhe Kritik am Nationalismus. Unter den anderen Texten ragen die „Briefe ĂŒber den Patriotismus“ von 1869 heraus. Der Russe wies darauf hin, dass der Patriotismus aus vier Elementen besteht: 1. dem physiologischen (natĂŒrlichen) oder instinktiven, das mit dem Kampf der Spezies (Darwin) zusammenhĂ€ngt; 2. dem ökonomischen; 3. dem politischen und 4. dem religiösen oder fanatischen]] und wenn wir in die Vergangenheit blicken, finden wir auf der Suche nach Antworten dieser Ideologie auf das „nationale Problem“ oft den Begriff „Region“, den die GefĂ€hrten verwenden, um einen geografischen Raum zu bezeichnen, der sich in den meisten FĂ€llen (oder in den am meisten erinnerten) auf einen Staat bezieht. Bereits 1870 schloss sich die iberische Sektion, die den antiautoritĂ€ren FlĂŒgel der Ersten Internationale vertrat, zum spanischen Regionalverband zusammen. In Lateinamerika wurden Jahre spĂ€ter die FederaciĂłn Obrera Regional Argentina (FORA) (1901), die FederaciĂłn Obrera Regional Uruguaya (1904), die FederaciĂłn Obrera Regional Peruana (1912), die FederaciĂłn Obrera Regional Paraguaya (1906), die FederaciĂłn Obrera Regional Venezolana (1958) und die FederaciĂłn Obrera Regional Chilena (1913 und 1926) gegrĂŒndet, alle mit anarchistischen Wurzeln. Und es ist festzustellen, dass es in keinem Fall eine organische Verbindung zwischen diesen Gewerkschaften/Syndikaten gab. Die damaligen GefĂ€hrten wiesen darauf hin, dass die Bezeichnung „Regional“ im Falle von FORA beispielsweise darauf zurĂŒckzufĂŒhren sei, dass „die politische Aufteilung des Territoriums nicht akzeptiert wird, da eine Region eine Nation, eine Provinz ein Bezirk und eine Stadt eine Ortschaft ist“ [[Diego Abad de SantillĂĄn, La FORA. IdeologĂ­a y trayectoria del movimiento obrero revolucionario en la Argentina, Libros de Anarres, Buenos Aires, 2005 (Originalausgabe: Nervio, 1933), S. 122]]. Es war eine Antwort, die uns von der symbolischen Welt der Anarchisten erzĂ€hlt, von ihrem Versuch, selbst in den kleinsten Details und in ernsten Momenten (wie den Antikriegskampagnen) den Nationalismus zu ĂŒberwinden. Denn auch wenn die Grenzen nicht durch eine Änderung der Worte aufgehoben werden, so wurde doch der Wunsch bekrĂ€ftigt, heute mit der TraumrealitĂ€t von morgen zu beginnen.

Das Problem, das wir damals wie heute mit denjenigen haben, die von „Regionen“ anstelle von LĂ€ndern sprechen, ist, dass das Wort selbst keine Anerkennung der verschiedenen kulturellen IdentitĂ€ten, die in einem Staat leben, impliziert, und wir scheinen die kĂŒnstliche Nation, die vom Staat geschaffen wurde, aufrechtzuerhalten, indem wir uns auf dieselben Grenzen beziehen, die diese sehr komplexe Sache geschaffen hat. Wir haben dieses Problem nicht gelöst. Teillösungen könnten darin bestehen, „in“ dem Wort „von“ vorzuziehen, um auf die Herkunft oder den Aufenthalt von Personen zu verweisen (Anarchisten in Spanien, nicht Anarchisten aus Spanien), von StĂ€dten statt von LĂ€ndern zu sprechen (Personen aus ValparaĂ­so, nicht Personen aus Chile), und so weiter. Die Verwendung des Wortes „Region“ zur Bezeichnung eines Landes ergibt jedoch Sinn, wenn es der spanische Staat und nicht etwa der deutsche Staat ist, der diejenigen unterdrĂŒckt, die in dem Gebiet leben, das er als sein Territorium betrachtet, und diese RealitĂ€t kann nicht ignoriert werden. Obwohl alle Staaten die Unterwerfung der Bevölkerung unter ihre SouverĂ€nitĂ€t wollen und wir Anarchisten gegen alle Staaten sind, leben wir in einer Umgebung, die von einigen verwaltet wird und von anderen nicht. Aus diesem Grund und trotz der Tatsache, dass es eine anstehende Reflexion gibt, ist es immer noch sinnvoll, von einer Region zu sprechen [[Und zwar deshalb, weil der Begriff Nation unter LibertĂ€ren immer Misstrauen hervorgerufen hat. TatsĂ€chlich trĂ€gt die spanische anarchosyndikalistische ConfederaciĂłn Nacional de los Trabajadores (CNT) diesen Namen nicht aus Sympathie fĂŒr das betreffende Konzept, sondern um zu vermeiden, dass das Akronym einer Ă€hnlichen Organisation, der französischen CGT, kopiert wird. Siehe Alfredo Velasco Nuñez, El hilo negro vasco. Anarquismo y anarcosindicalismo en el PaĂ­s Vasco (1870-1936), Bilbao 2010, S. 65]].

V. Ein vorĂŒbergehender Ausweg.

Lasst uns zurĂŒckkehren. Da wir die Regierung oder ihre Nationen nicht anerkennen, sind wir ĂŒberall AuslĂ€nder, obwohl wir jedes Recht haben, ĂŒberall zu leben, da niemand sich aussucht, wo und in welcher Kultur er geboren wird. Und genau aus dieser RealitĂ€t sollte sich das anarchistische Misstrauen gegenĂŒber der Nation ergeben, gegenĂŒber jeder Nation, selbst der intimsten und konkretesten, denn jede Auferlegung ist Gewalt und Autoritarismus. Wir können ein Terroir (Verwurzelung) oder unsere kleinen Nationen so sehr lieben wie unsere kleinen BrĂŒder, eine sĂŒĂŸe Zuneigung, aber meistens nicht gewĂ€hlt. „Die patriotische Leidenschaft ist offensichtlich eine Leidenschaft der SolidaritĂ€t“, wie Bakunin zu Recht feststellte. In unserem Fall sollten wir in der Lage sein, durch unsere Gesten, Taten und Gedanken zu zeigen, dass SolidaritĂ€t ĂŒber Blut-, Gemeinschafts-, Staats- und Kulturgrenzen hinausgehen kann. Die Familie ist unsere erste Auferlegung, so schön sie auch sein mag, aber dennoch eine Auferlegung. Die Familie und die Nation haben insofern viel gemeinsam, als sie dazu neigen, sich unkritisch zu lieben. Aber Freiheit entsteht meiner Meinung nach, wenn man sich seine eigene IdentitĂ€t schafft und nicht, wenn man sie vererbt bekommt.

Wir wollen keine Welt der identischen Massen, die die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Uniform tragen, das ist nicht unsere Gleichheit. Wir streben eine Welt an, in der jeder Mensch sich in SolidaritĂ€t mit anderen entwickelt, in der jeder die Elemente seiner IdentitĂ€t frei wĂ€hlt und in der dies niemals zur UnterdrĂŒckung der einen gegenĂŒber den anderen fĂŒhrt.

Vielleicht ist dies der Kern dieses Papiers, d.h. welche Diskussion wir zum Nachdenken anregen möchten. Ich bestreite nicht, dass es Faktoren der kollektiven kulturellen IdentitĂ€t gibt, die mit anarchistischen Ideen vereinbar sind. Ich bin auch nicht der Meinung, dass die Schaffung von IdentitĂ€t ein ausschließlich individueller Prozess ist – die erzwungene Konstruktion von IdentitĂ€t wird nicht ohne Grund kritisiert. Ich betone vielmehr die Art und Weise, wie diese Informationen von den Einzelnen aufgenommen und verarbeitet werden. Wenn sie unkritisch und passiv aufgenommen wird, wĂŒrde ich zweifellos behaupten, dass wir es mit einer Zumutung zu tun haben, mit einem Akt des Autoritarismus (unabhĂ€ngig davon, ob unsere IdentitĂ€t von einer anderen unterdrĂŒckt wird oder nicht). Und ich bestehe darauf, dass diese Indoktrination von allen erdenklichen Liebschaften begleitet sein mag, aber das entbindet sie nicht von ihrem ungewĂ€hlten Charakter. Ebenso ist es klar, dass jede individuelle Entscheidung durch die Ideen vermittelt wird, die im Kopf eines Individuums entstehen, das in eine bestimmte konkrete RealitĂ€t mit einem Universum von begrenzten Alternativen eingebettet ist. Letzteres wĂŒrde die vermeintliche Autonomie bei der Wahl der eigenen IdentitĂ€tselemente in Frage stellen, da unser Wahlhorizont im Allgemeinen bereits durch unseren Platz in der Welt (kulturell, politisch, wirtschaftlich usw.) begrenzt ist. Eine Wahl zu treffen, und dies sogar angesichts begrenzter Alternativen, scheint jedoch kohĂ€renter anarchistisch zu sein als sich aufzwingen und reproduzieren zu lassen, ohne die von Dritten stammenden BrĂ€uche und Kulturen zu kritisieren.

Und so viel dazu. Wir hoffen, dass diese Zeilen – trotz unserer Unkenntnis in verschiedenen Bereichen – zur notwendigen Debatte zwischen den Nationen und dem Anarchismus beitragen werden.

Manuel de la Tierra

Santiago, chilenische Region. Dezember 2010





Quelle: Panopticon.blackblogs.org