April 27, 2021
Von Graswurzel Revolution
369 ansichten


Noam Chomsky: Über Anarchismus. BeitrĂ€ge aus vier Jahrzehnten, AusgewĂ€hlt, ĂŒbersetzt und kommentiert von Rainer Barbey, Verlag Graswurzelrevo-lution, Heidelberg 2020, 246 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-939045-42-7

Am 7. Dezember 2020 erschien im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch, das sich ausdrĂŒcklich dem Anarchismus-VerstĂ€ndnis Noam Chomskys widmet. Noam Chomsky prĂ€gte mit seiner Transformationsgrammatik zur Entstehung und zum Aufbau von Sprache die Linguistik (1). Sein Ansatz wurde weltweit zum Lehrgegenstand aller StudiengĂ€nge, die sich mit Sprache und Spracherwerb auseinandersetzen. Seine Forschungen und seine Mitarbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston seit 1955 sicherten ihm frĂŒh internationale Aufmerksamkeit, die er politisch einsetzte, als er sich in der BĂŒrgerrechtsbewegung gegen den Vietnamkrieg engagierte und damit seine zweite, ebenfalls öffentlichkeitswirksame Rolle als Kritiker der US-Politik einnahm (2). Seine Medienkritik und Medienanalyse „Manufacturing Consent“, „Consent without Consent“ etc. in der er die Mechanismen bloßlegte, wie in Demokratien Meinungsmanipulation eingesetzt wird und was sie bewirkt, kann als eine Art Vertiefung und Fortsetzung von George Orwells „Newspeak“ gewertet werden. Auch wenn in den 1980er/90er Jahren die großen Medien und Verlage ihm eher selten eine Plattform boten und es so schien, dass es manchmal etwas ruhiger um ihn wurde, bildete seine Kritik und Analyse der amerikanischen Außenpolitik kontinuierlich den Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit, die gern von kleineren, linken und anarchistischen Verlagen, alternativen Radiostationen, den Zeitschriften der Gegenöffentlichkeit und letztlich dem US TV-Sender „Democracy Now“ verbreitet wurde. Mit der Globalisierung und dem Entstehen des Weltsozialforums stieg das Interesse an ihm als einem langjĂ€hrigen Sachkenner von ZusammenhĂ€ngen, die oftmals die Frage aufwarfen, woher bezieht er all diese Insider-Informationen? Er selbst beantwortete diese Frage recht einfach: zum einen nutzt er alle offiziellen Quellen und zum zweiten kennt er weltweit andere Aktivist*innen, die sich ebenfalls Zugang zu Quellen in ihren LĂ€ndern verschaffen und sich mit ihm im Austausch befinden. Das erklĂ€rt beispielsweise auch seine gute Sachkenntnis zu Israel. Die Anerkennung weltweit stieg, in Deutschland verlieh ihm die Carl-von-Ossietzky-UniversitĂ€t den gleichnamigen Preis, den er in Oldenburg persönlich ebenso gerne in Empfang nahm wie den Erich Fromm-Preis in Stuttgart. Was treibt Chomsky an? Nachdem die Frage nach den Quellen fĂŒr seine Sachkenntnis geklĂ€rt ist, stellt sich natĂŒrlich die Frage, was treibt ihn an? 1928 geboren, im 93. Lebensjahr, könnte er sich zur Ruhe setzen und niemand wĂŒrde sich wundern. Stattdessen meldet er sich ununterbrochen zu Wort. Seit der rechtsnationalistischen PrĂ€sidentschaft Trumps, der vertieften Spaltung der US-Gesellschaft und den Gefahren durch die Wirtschaftspolitik der USA war seine Analyse besonders gefragt. Man kann davon ausgehen, dass es ihn stark umtrieb, was in dieser Zeit passierte, weil er in diesem Zusammenhang bereit war, entgegen einer puristischen Anarchismus-Haltung, staatliche Elemente wie die Sozialversicherungen als Schritt in eine bessere Richtung ins GesprĂ€ch zu bringen. Insofern kommt das neue Buch von dem Herausgeber und Übersetzer Rainer Barbey zu seinem Anarchismus-VerstĂ€ndnis genau zum richtigen Zeitpunkt. Was ein wenig irritiert ist, dass Barbey bei den Angaben zu den Texten zwar immer auf die amerikanischen Originale verweist, aber mit der Ausnahme von Kapitel 2 die bereits vorliegenden deutschen Übersetzungen nicht nennt. So ist das Kapitel 3 „Anmerkungen zum Anarchismus“ beispielsweise 1974 als „Bemerkungen zum Anarchismus“ in dem edition suhrkamp BĂ€ndchen „Aus Staatsraison“ in der Übersetzung von Burkhard Kroeber veröffentlicht worden. Das Kapitel 5 „ObjektivitĂ€t und liberale Wissenschaft“ kam als „ObjektivitĂ€t und liberales Gelehrtentum“ 1967 in der Suhrkamp Hardcover-Ausgabe „Amerika und die neuen Mandarine“ in der Übersetzung von Anna Kamp heraus. Und das Kapitel 7 „Ziele und Visionen“ wurde unter diesem Titel 1997 von Michael Schiffmann fĂŒr die Nr. 60 des „Schwarzen Fadens“ ĂŒbersetzt. Barbey gibt in seinem zehnseitigen Vorwort einen gelungenen ersten Einblick in Chomskys Denken und rechtfertigt damit auch seine getroffene Auswahl. Den versammelten Texten auf den folgenden 200 Seiten liegt ein Menschenbild zugrunde, das als ErfĂŒllung des Mensch-Seins die FĂ€higkeit nach kreativer SelbstĂ€ußerung benennt. Jeder Mensch soll in der Lage sein, alle Aspekte seines Lebens und Denkens frei kontrollieren zu können. Diesem Ziel widerspricht fĂŒr Chomsky in erster Linie die entfremdete Arbeit, der die ĂŒbergroße Mehrheit der Menschen unterliegt. In Diktaturen und im Staatssozialismus tritt dies offen zu Tage und lĂ€sst sich nicht beschönigen, deshalb betont Chomsky, dass auch in den Demokratien der Welt der Wirtschaftsbereich von jeder Mitbestimmung der Bevölkerung ausgespart blieb. Die sogenannten reprĂ€sentativen Demokratien beziehen ihren eh schon minimalen Anteil an Mitbestimmung nur auf den politischen Bereich, die Wirtschaft wird nicht tangiert. Stattdessen werden ĂŒber Sportsendungen, Sitcoms, ausgesuchte TV-Diskussionsrunden und auch ĂŒber das scheinbar harmlose FrĂŒhstĂŒcksfernsehen etc. die „richtigen Wertvorstellungen“ und Denkweisen indoktriniert. Seine Kritik an den Methoden des vorherrschenden Kapitalismus speist sich aus den Beobachtungen und der Analyse von Ursachen und Wirkung. Die ideengeschichtliche Verankerung, aus der Chomsky seine Haltung zu den Erscheinungsformen und zur Wirkungsweise des Kapitalismus ableitet, nimmt er aus dem Anarchismus Michail Bakunins und Peter Kropotkins, dem Anarchosyndikalismus Rudolf Rockers und den Freiheitsgedanken Wilhelm von Humboldts. Dass letzterer seine Kritik der Macht nur am Staat und der Kirche festgemacht hat, sieht Chomsky der Epoche geschuldet. In Humboldts Zeit, so Chomsky, habe es noch keine ausgeprĂ€gte wirtschaftliche Machtkonzentration gegeben, die die menschliche Freiheit dermaßen einschrĂ€nken konnte, wie dies in unserer Gegenwart möglich wurde. Wirtschaftliche Macht als grĂ¶ĂŸte Bedrohung der Freiheit Dass Chomsky in der wirtschaftlichen Macht jedoch die grĂ¶ĂŸere Bedrohung fĂŒr die menschliche Freiheit sieht, wurde erneut deutlich, als er die Entscheidungen Trumps – angefangen mit massiven Steuerentlastungen – zugunsten der Wirtschaftsvertreter und gegen die sozial Schwachen kritisierte und dabei den Sozialstaat als Zwischenschritt zur freien Gesellschaft in Kauf nahm. In diesem Zusammenhang verortet er im Übrigen die rechtspopulistische US-Partei der Libertarians auf Seiten Trumps und dessen republikanischen Nachbetern und nimmt deren Vertretern die von ihnen propagierten Freiheitsideale nicht ab. Die antistaatlichen Gesellschaftsvorstellungen etwa Murray Rothbards nennt er grauenvoll und hasserfĂŒllt, weil an die Stelle des Staates ein rĂŒcksichtsloser Egoismus der Reichen und damit wiederum der einflussreichen WirtschaftsfĂŒhrer treten wĂŒrde. Chomsky sieht die originĂ€ren libertĂ€ren Inhalte eindeutig mit freiheitlich sozialistischen Inhalten verknĂŒpft. Dabei nennt er bewusst Ideen, die im Anarchosyndikalismus und im RĂ€tekommunismus entwickelt wurden und verweist wiederholt auf Rudolf Rocker, Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek. SpĂ€testens ab 1917 diente die Idee der RĂ€te, der Kollektivierung und der Selbstverwaltung als Modell fĂŒr eine Kontrolle der Arbeit durch die Arbeitenden selbst und als Modell fĂŒr eine Mitbestimmung der Menschen an ihren Wohnorten, sei es in der Stadt oder auf dem Land. Dass dies nicht eins zu eins auf heute ĂŒbertragen werden kann, versteht sich von selbst, aber als motivierender Ausgangspunkt fĂŒr eine Anpassung an die heutigen Bedingungen und Möglichkeiten sollten diese Modelle zugunsten der Freiheit der Menschen weiterentwickelt werden. Die Kritik an Chomsky, gerade auch von anarchistischer Seite, gilt den Zwischenschritten, die sich daraus ergeben können, dass man sich z.B. zugunsten einer ‚Krankenversicherung fĂŒr alle’ auf sozialstaatliche Regelungen einlĂ€sst, oder aus der Gegenwart: dass man – zumindest in der Anfangsphase der Pandemie – zugunsten der Gesundheit der Menschen im Land mit Hilfe staatlicher Politik teilweise gegen wirtschaftliche Interessen entschied, etwas was in der Folge dann wieder zurĂŒckgenommen werden musste und zu dem – sich selbst permanent widersprechenden – kaum noch nachvollziehbaren Zickzackkurs gefĂŒhrt hat. Trotzdem gilt es zu bedenken, dass solche Fragen auch von einer freiheitlichen Gesellschaft beantwortet werden mĂŒssen. FĂŒr Chomsky geht kein Weg an einer guten Bildung vorbei; fĂŒr ihn wurde auch die Soziale Revolution in Spanien 1936/37 nur umsetzbar durch die ausgiebige und langjĂ€hrige Bildungsarbeit der Anarchosyndikalist*innen in den Ateneos vor Francos Putsch. Ohne dieses „Handwerkszeug“ wĂ€re eine Kollektivierung in einer Industriestadt wie Barcelona genauso wenig möglich gewesen wie die Kollektivierungen auf dem Land in Aragon, Katalonien, der Levante etc. FĂŒr Chomsky schließt sich hier beispielhaft ein Kreis, Humboldts Bildungsideal fĂŒr alle Menschen, um sie zur Erhaltung der Freiheit zu befĂ€higen, Bakunins und Kropotkins Anarchismus als radikale und soziale Fortentwicklung des Liberalismus und Rockers rigorose Ablehnung jeder hierarchischen und totalitĂ€ren Einflussnahme durch Parteien oder einer Symbiose von Staat und Partei fĂŒr die Herausbildung einer freien Gesellschaft. Um diese zu erreichen werden Handlungen und Experimente hilfreich, die Erkenntnisse vermitteln, auch wenn sie innerhalb kapitalistischer Staaten ansatzweise ausprobiert werden. In diesem Sinn ist Rainer Barbey zuzustimmen, wenn er in der langwierigen Umsetzung anarchistischer Ideen bei Chomsky den behutsam vorgehenden reformistischen Anarchisten entdeckt. Denn Vorrang hat fĂŒr Chomsky, dass möglichst viele Menschen an Erfahrungen teilhaben, die vorgebliche AutoritĂ€ten ĂŒberprĂŒfen und hinterfragen. In „Radical Priorities“ schrieb er 1981: „Keine Bewegung fĂŒr eine soziale
VerĂ€nderung kann hoffen ihr Ziel zu erreichen, bevor sie nicht in den Bevölkerungsschichten verankert ist, die in jedem Bereich die produktive und kreative Arbeit machen.“




Quelle: Graswurzel.net