Juli 4, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Der folgende Text der Gruppe „Class War/Tridni Valka“, gefunden auf deren Seite, kritisiert die sogenannte „Revolution des 21. Jahrhunderts“ als dass, was sie ihrem materiellen Charakter nach ist: die Verteidigung von Ausbeutung und KlassenverhĂ€ltnissen. Auch wenn wir uns gewĂŒnscht hĂ€tten, dass auf einzelne Aspekte mehr eingegangen worden wĂ€re, teilen wir die grundlegende Analyse und Intention des Textes. Wir teilen die Analyse, dass die sogenannte „Revolution“ in Rojava vielmehr eine sozialdemokratische, konterrevolutionĂ€re Bewegung ist. In Nordsyrien hat die sogenannte Revolution keine Angriffe gegen den Staat, gegen Lohnarbeit und Ausbeutung gefĂŒhrt, sondern höchstens gegen den syrischen Staat, gegen die Ausbeutung durch ebendiesen, gegen die durch den syrischen Staat kontrollierten Schulen, GefĂ€ngnisse, Grenzen, Institutionen – und diese mit den eigenen ersetzt und teilweise demokratisiert. Die „Revolution in Rojava“ ist insofern ein konterrevolutionĂ€re Bewegung, sie ersetzt marode, nicht mehr funktionierende Mechanismen der Ausbeutung und Gewalt, von Staat und Kapital durch flexiblere, demokratische, inkludierende Institutionen, und bemalt sie mit dem Fetisch des Nationalismus und der Demokratie. Da wir uns in Zukunft noch weiter mit dem Thema beschĂ€ftigen werden, belassen wir es hier bei einigen Polemiken und Pejorativen.

Im Rahmen der Diskussionen zum Krieg in der Ukraine, an den auch wir uns beteiligt haben und beteiligen werden, beziehen sich selbsternannte Anarchistinnen und Anarchisten sowie andere Linke des Kapitals gerne auf Rojava, um ihre Verteidigung des ukrainischen Staates und die Ausbeutung durch das ukrainische Kapital gegen den russischen Staat und die Ausbeutung durch das russische Kapital zu rechtfertigen. Rojava sei schließlich ein revolutionĂ€rer Prozess, in einer Linie mit der Spanischen Revolution 1936, und in Rojava habe man ja schließlich auch Waffen der Amerikaner angenommen, um sich gegen das grĂ¶ĂŸte faschistische Übel auf der Welt zu verteidigen. Jetzt ist das grĂ¶ĂŸte faschistische Übel Russland, wieso sollte also die Verteidigung dagegen nicht auch von Anarchistinnen und Linken weltweit unterstĂŒtzt werden? Und wieso sollte man dann nicht auch Waffenlieferungen durch die NATO unterstĂŒtzen und fordern?

Das dachten wir uns auch, schließlich passt die Verteidigung des sozialdemokratischen Projektes in Nordostsyrien in die gleiche konterrevolutionĂ€re Logik, die sogenannte Anarchistinnen und Anarchisten zur Verteidigung des ukrainischen Nationalstaates in den Krieg treibt.

Doch gucken wir uns die LebensrealitĂ€t des Großteils der Menschen in Nordostsyrien an, bestimmen Lohnarbeit, Partei, Religion und Staat ihr Leben. Im Angesicht der materiellen Situation bleibt von ihrer sogenannten Revoltion nicht mehr, als ein sozialdemokratischer Versuch nationaler „Befreiung“.

Rojava bzw. Nordostsyrien wird, auch von Freundinnen und Freunden von uns, in der deutschsprachigen Linken und darĂŒber hinaus, oft als Paradebeispiel heutiger revolutionĂ€rer Prozesse benutzt, um alle möglichen konterrevolutionĂ€ren Positionen zu rechtfertigen. Dabei unterschlĂ€gt ein Teil die reale Situation, wĂ€hrend die anderen sie als unangenehme Notwendigkeit, als taktisches ZugestĂ€ndnis rechtfertigen. Die Rojavafans sind glĂŒcklich, schließlich können sie jetzt von „unserer“ Polizei sprechen, und schließlich sind die Leute in der Regierung ja auch alles unsere „Freunde“, „RevolutionĂ€re“, und wollen nur das beste fĂŒr die Menschheit, also die Revolution.

Die Analyse, dass die Situation in Nordostsyrien keineswegs so revolutionĂ€r ist, wie einige Leute gerne behaupten, teilen wir vermutlich mit vielen derer, die in Nordostsyrien sechs Tage die Woche in Teils unmenschlichen Bedingungen schuften gehen mĂŒssen, um irgendwie ihre Familie durchzubringen. Oder mit denjenigen, die einige Zeit im GefĂ€ngnis verbringen dĂŒrfen, weil sie schlecht ĂŒber den großen FĂŒhrer gesprochen haben.

Doch das wird von den Rojavisten und den KĂ€mpfer der „Territorial Defense“ gerne ignoriert – schließlich stehen sie endlich Mal auf der richtigen Seite der Geschichte.

Soligruppe fĂŒr Gefangene


Class War/Tridni Valka 13/2021: „Rojava Revolution“? „Antistaatlich“? „Antikapitalistisch“? Oder eine neue Mystifizierung?

Die wesentliche Frage, die wir uns in Bezug auf Rojava stellen sollten, ist die folgende: Ist das, was manche als „Rojava Revolution“ bezeichnen, wirklich eine soziale Revolution oder besser gesagt, ist sie ein Teil der Dynamik der Zerstörung der gegenwĂ€rtigen Gesellschaftsordnung (d.h. der kapitalistischen Ordnung)? Oder handelt es sich nicht vielmehr um einen Prozess der Instrumentalisierung und EindĂ€mmung einer authentischen Bewegung der Revolte gegen Elend und staatliche Repression durch sozialdemokratische (und damit bourgeoise) Institutionen unter dem Vorwand der „sozialen Befreiung“, um ihre „nationalen BefreiungskĂ€mpfe“ besser rechtfertigen zu können?

Die revolutionĂ€re Bewegung suchte natĂŒrlich die Antwort auf diese Frage in Diskussionen und Konfrontationen von oft widersprĂŒchlichen, vagen und komplexen Ansichten, Aussagen und Analysen. Als „Class War“ haben auch wir uns an dieser Debatte beteiligt und eine Auswahl von BeitrĂ€gen auf unserem Blog veröffentlicht.

Und wir können sagen, dass diese Debatte zu einer einzigen Schlussfolgerung gefĂŒhrt hat: dass die berĂŒhmte „Revolution in Rojava“ keineswegs Teil der revolutionĂ€ren „antikapitalistischen“ und „antistaatlichen“ Dynamik ist. Schließlich ist sie nichts anderes als eine lokale Variante der „Bolivarischen Revolution“ oder des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, die von einer mĂ€chtigen Propagandamaschine kontrolliert und begrenzt wird, der „libertĂ€re Munizipalismus“, Marxismus-Leninismus und „nationale Befreiung“ kombiniert.

Diejenigen, die diese Schlussfolgerung heute leugnen, sind keineswegs schwer von Begriff oder schlecht informiert. Sie sind einfach AnhĂ€nger der Reform des Kapitals, seiner Umlackierung auf „rot“, AnhĂ€nger der Strategie, alles zu Ă€ndern, damit das Wesentliche gleich bleibt. Und wenn wir heute auf internationaler Ebene vor allem die Stimmen der UnterstĂŒtzer von Rojava hören (wenn auch weniger als frĂŒher), dann deshalb, weil fĂŒr die RevolutionĂ€re diese Frage bereits gelöst ist und ihre kritische Haltung gegenĂŒber Rojava unverĂ€ndert bleibt (was nicht ausschließt, dass die proletarische Bewegung in der Region in Zukunft einen zweiten Atemzug tut und sich gegen die sozialdemokratische Wiederbelebung seines Kampfes stellt, die wir als Kommunisten natĂŒrlich unterstĂŒtzen).

Wichtige Sektoren des „Anarchismus“ (die offiziellen und auch die weniger offiziellen) erklĂ€ren sich zu ĂŒberzeugten AnhĂ€ngern der „Rojava Revolution“, die laut dem „bedeutenden“ Intellektuellen David Graeber eine „echte Revolution“ wĂ€re. Diese „Revolution“ wird von einer Reihe von Institutionen wie z.B. „Volksvollversammlungen“, „Kantonen“, „Kommunen“, „Gemeinden“ angezettelt und kontrolliert, die global und grundsĂ€tzlich die Reproduktion der gleichen sozialen VerhĂ€ltnisse nicht verhindern (und historisch gesehen nie verhindert haben), wie sie auf dem Planeten herrschen.

Waren wir naiv oder dumm, „den Anarchisten“ zu glauben, als sie erklĂ€rten, sie wĂŒrden Arbeit, Gerechtigkeit und die Armee fröhlich hassen?

In der Tat wird die Ausbeutung am Arbeitsplatz in Rojava durch die „soziale Ökonomie“ und ihre „Genossenschaften“ erreicht, wo der Proletarier immer so tief an „sein“ („ihre“) Arbeitswerkzeug, „seine“ („ihre“) Maschine, „seinen“ („ihre“) Arbeitsplatz, „seine“ („ihre“) RentabilitĂ€tsanforderungen „seiner“ („ihrer“) lokalen, kantonalen und „libertĂ€ren“ Ökonomie, kurz an „seine“ („ihre“) Ausbeutung gebunden ist, dass es durch die Magie der Worte gelingen wĂŒrde, „menschlicher“ zu werden. Im Namen des „Realismus“ und der Ablehnung von Kritikern, die als „ultralinks“ karikaturisiert werden, herrscht immer die Arbeit ĂŒber die Region, die Lohnarbeit natĂŒrlich, auch wenn die Versorgung in Papiergeld, in monetĂ€ren Exkrementen oder in MĂŒnzen des Reiches wegen des Krieges nicht immer ganz gesichert ist.

Die „Anarchisten“ haben immer ihren Hass auf den Staat und die Nation erklĂ€rt
 Und doch weist Rojava alle Merkmale des Staates auf
 Obwohl einige Leute Rojava als „Proto-Staat“ bezeichnen, d.h. einen Staat, der „eine gewisse Anzahl von Merkmalen moderner Staaten aufweist, ohne sie alle zu haben“, bestimmt unsere kritische Auffassung des Staates unsererseits, dass wir in diesen Gebilden nichts anderes sehen als eine Materialisierung des Staates der Kapitalisten. Jenseits des Konzepts des Nationalstaats ist der Staat ein soziales VerhĂ€ltnis, das sich aus verschiedenen Apparaten zusammensetzt: Regierung, Parlament, Polizei, Armee, Arbeitgeber, Gewerkschaften/Syndikate, politische Parteien, Schule und Familie
 kombiniert mit verschiedenen Ideologien, die ihm Kraft verleihen: Parlamentarismus, Religion, Positivismus, Autoritarismus
 Auf der gegenwĂ€rtigen Entwicklungsstufe der Klassengesellschaften, deren Endergebnis der Kapitalismus als Synthese frĂŒherer Produktionsweisen ist, kann der Staat nur der Staat der Kapitalisten sein, der als Staat organisierte Kapitalismus, als soziale Kraft, die die Diktatur des Wertes ĂŒber die Menschheit ausĂŒbt. FĂŒr uns ist es daher absurd, von einem „Proto-Staat“ zu sprechen
 Was die Nation betrifft, ist es wirklich notwendig, an die nationalistische Grundlage der „kurdischen Befreiungsbewegung“ zu erinnern?

„Die Anarchisten“ haben immer ihre Verachtung gegenĂŒber der Regierung, dem Parlamentarismus und den Wahlen zum Ausdruck gebracht
 Aber Rojava wird von einer unendlichen Anzahl von Parlamenten gefĂŒhrt, ob sie nun „Volksvollversammlungen“, „RĂ€te“, „Gemeinden“ oder „Kommunen“ heißen, ist nicht wichtig, wenn ihr praktischer Inhalt immer darin besteht, (mit einem „menschlichen Gesicht“ oder eher mit einer Fratze der Menschlichkeit) das soziale VerhĂ€ltnis zu verwalten, das die Welt weithin beherrscht (d.h. den Kapitalismus, auch wenn er rot oder rot-schwarz gestrichen ist). All diese Strukturen organisieren sich auf lokaler Ebene einer Straße, eines Viertels, eines Dorfes, einer Stadt, einer Region und unterliegen alle dem Wahlprinzip. Auf der ĂŒbergeordneten Entscheidungsebene schließlich haben die „Kantone“ ihre eigenen Regierungen sowie ihre Ministerien und die dazugehörigen Minister. Im Gegensatz zu dem, was wir als territoriale Organisationen bezeichnen: „Unionen“ in Deutschland 1919/20, „Shuras“ im Irak 1991 usw., geht es um den Inhalt der Subversion dieser Welt, darum, „die Dinge fĂŒr die Kapitalisten nicht profitabel zu machen“ (wie die KAPD sagte)


Die „Anarchisten“ geben vor, allergisch gegen jeden Begriff von „Partei“ zu sein, den sie auf die bourgeoisen politischen Parteien reduzieren, ob sie nun zu den Wahlen antreten oder nicht, oder sogar auf bolschewistische und leninistische Parteien. Doch plötzlich gibt es politische Parteien, die dieselben „Anarchisten“ mit Freude erfĂŒllen: Es handelt sich um die PKK („Arbeiterpartei Kurdistans“) in der TĂŒrkei und die PYD („Partei der Demokratischen Union“) in Syrien. Diese Parteien, und noch mehr die PYD als die PKK, entwickeln eine diplomatische Politik, die klassisch bourgeoiser nicht sein könnte, und gehen so weit, dass sie „BĂŒros“ (Botschaften in gewisser Weise) in Moskau und Prag eröffnen. Die PYD ging wĂ€hrend einer großen Europatournee sogar so weit, dass sie im Februar 2015 im ElysĂ©e-Palast „auftrat“, wo einige ihrer bekanntesten Vertreter von „Mr. President“ (damals) François Hollande persönlich empfangen wurden.

FĂŒr wichtige Bereiche des „Anarchismus“, fĂŒr LibertĂ€re, wĂ€ren die Ereignisse in Rojava im Wesentlichen libertĂ€r inspiriert, antistaatlich und antikapitalistisch. Zumindest wĂŒrde die „Revolution in Rojava“ nicht mehr den traditionellen Kriterien der „nationalen BefreiungskĂ€mpfe“ entsprechen, sondern ihre ideologische Strukturierung wĂŒrde sich direkt aus den Schriften des amerikanischen libertĂ€ren Akademikers Murray Bookchin und seinen Prinzipien des „Kommunalismus“, des „ Munizipalismus“ ergeben. Es gibt sogar einige, die den Vergleich zwischen Rojava und dem Spanien der 1930er Jahre wagen.

FĂŒr die andere politische Familie (die mit der anderen konkurriert, aber dennoch komplementĂ€r ist), fĂŒr diese ideologische Familie, die sich mehr oder weniger auf den „Marxismus“ beruft, ist es nicht verwunderlich, dass sie genau das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ vertritt, das Lenin, den Bolschewiken, der Dritten Internationale und ihren marxistisch-leninistischen, stalinistischen und trotzkistischen Erben am Herzen liegt. In einem Artikel der französischen Zeitung „L’HumanitĂ©â€œ war sogar zu lesen, dass die „Rojava Revolution“ eine neue Form des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zum Ausdruck bringen wĂŒrde


Das Konzept des „demokratischen Konföderalismus“, das vor einigen Jahren vom PKK-AnfĂŒhrer Abdullah Öcalan theoretisch entwickelt wurde und vor allem in libertĂ€ren Kreisen (aber nicht nur dort) populĂ€r und in Mode ist, erhebt den Anspruch, den Nationalstaat zu kritisieren, und die Schaffung eines neuen kurdischen Nationalstaates ist daher nicht mehr sein politisches Ziel (gemĂ€ĂŸ dem „neuen Paradigma“ der PKK). Neben der „direkten Demokratie“ ist das unmittelbare erklĂ€rte Ziel des „demokratischen Konföderalismus“ der „libertĂ€re Munizipalismus“, in dem „Volkvollsversammlungen“ eine SchlĂŒsselrolle spielen, sowie die regionale Autonomie jeder „kurdischen Einheit“ durch kantonale und kommunale Organisationen innerhalb jedes Nationalstaates. Wie hier zu sehen ist, behauptet die revidierte Ideologie der nationalen Befreiung (in ihrer Version des „demokratischen Konföderalismus“), dass sie natĂŒrlich nach einem Facelifting und einigen kleineren Reformen die gegenwĂ€rtig bestehenden Nationalstaaten beibehalten will. In der Vorstellung der PKK stehen „Dezentralisierung“ und „Autonomie“ gegen den „Zentralismus“ des Nationalstaates, gegen dessen Chauvinismus, und sie werden als Mittel zur SchwĂ€chung des Staates dargestellt. Ein Vertreter der KCK (eine der zahllosen der PKK nahestehenden Organisationen) in Diyarbakir, Kurdistan, TĂŒrkei, sprach in einem Interview von „Schrumpfung des Staates“


Die PKK bewegt sich also in denselben GewĂ€ssern wie die Zapatisten, die von der Kurdischen Nationalen Befreiungsbewegung so geschĂ€tzt werden. FĂŒr uns Kommunisten, Anarchisten, Internationalisten ist im Gegensatz zu all diesen Reformern des Kapitals klar, dass der Staat nicht „geschrumpft“ werden kann, dass wir nicht etwas „jenseits des Staates“ aufbauen können, sondern dass er von Grund auf abgeschafft werden muss und dass alle seine materiellen Grundlagen, die ihn am Leben erhalten, umgestĂŒrzt, ausgerottet werden mĂŒssen


Einige LibertĂ€re unterstĂŒtzen auch offen und ohne zu zögern die „Rojava Revolution“, weil sie, in ihren eigenen Worten, „antistaatliche Formen der nationalen Befreiung“ bringt. Erinnern wir uns also zum x-ten Mal daran, dass jeder Nationalismus, egal ob es sich um eine „kleine“ oder eine „große“ Nation handelt, historisch chauvinistisch, expansionistisch, imperialistisch
 und somit statistisch ist! Es genĂŒgt heute zu sehen, wie sich die drei Kantone, die 2014 ursprĂŒnglich Rojava bildeten, exponentiell entwickelt haben (Rojava besteht heute aus sieben Kantonen), um ein Gebiet unter politisch-militĂ€rischer Kontrolle der PYD und ihrer YPG/SDF-Milizen zu bilden, das ein Viertel des Territoriums des syrischen Nationalstaates ausmacht, das sich sogar ĂŒber die ehemalige Hauptstadt des selbsternannten Kalifats des Islamischen Staates (die Stadt Raqqa, die im Oktober 2017 nach monatelangen intensiven KĂ€mpfen und Beschuss, der nur Ruinen und Tausende von Leichen hinterlassen hat, eingenommen wurde) hinaus erstreckt und bis an den Rand der WĂŒste der Provinz Deir-ez-Zor, sehr weit von Rojava entfernt, reicht. Diese neue Verwaltungseinheit, die mehr oder weniger von ihren Waffenlieferanten, den USA, unterstĂŒtzt wird, hat den Namen Rojava (der „zu“ kurdisch klingt) vorĂŒbergehend fĂŒr den sehr bĂŒrokratischen Namen „Demokratische Föderation Nordsyrien“ (seit 2018 „Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien“) aufgegeben, der viel weniger „romantische“ Aspekte verbirgt, aber auf der internationalen diplomatischen BĂŒhne viel „seriöser“ ist.

Das „neue“ ideologische Paradigma, das sich „demokratischer Konföderalismus“ nennt, ist letztlich nichts anderes als eine vulgĂ€re Hochstapelei, die sich irgendwie in das Gewand der „Revolution“ kleidet, den vagen Beigeschmack der „Revolution“ hat, aber absolut nichts mit einem Minimum an beginnenden Dynamiken gemein hat, die auf den Umsturz der herrschenden kapitalistischen GesellschaftsverhĂ€ltnisse hinauslaufen.

Werfen wir einen Blick auf eine der SĂ€ulen dieses „neuen“ Progressivismus, der weit verbreitet ist, um den revolutionĂ€ren Charakter der sozialen Bewegung in Rojava zu rechtfertigen: die „MultiethnizitĂ€t“ und der „Multikulturalismus“, die von allen PropagandakanĂ€len der ideologischen Apparate, die in Rojava und auch anderswo zu ihren Gunsten agieren, so sehr gepriesen werden.

Was fĂŒr uns als revolutionĂ€re Proletarier, kommunistische Militante oder Anarchisten (jenseits von Etiketten) wichtig ist, ist nicht das, was uns „unterscheidet“, es ist nicht unsere „Einzigartigkeit“, die Tatsache, dass wir „tschechisch“ oder „französisch“ oder „britisch“ oder „amerikanisch“ sind, wĂ€hrend andere „kurdisch“ oder „assyrisch“ oder „chaldĂ€isch“ oder „sunnitisch“ oder „schiitisch“ usw. sind. Wichtig ist vielmehr, was uns als menschliche und militante Gemeinschaft gegen die globale und universelle Diktatur des Kapitals eint, die sich fĂŒr uns alle durch Ausbeutung, Entfremdung, Verdinglichung unserer Körper und unseres Lebens, Elend, Krieg, Tod
 verwirklicht. Es geht uns darum, unsere Verachtung fĂŒr jede nationale Gemeinschaft, StaatsbĂŒrgergemeinschaft, Volksgemeinschaft, fĂŒr jede demokratische Gemeinschaft im tiefsten Sinne dessen, was Demokratie ist, sehr deutlich zu zeigen, d. h. nicht eine einfache Form (parlamentarische Demokratie, „Arbeiter“-Demokratie oder direkte Demokratie, kantonale oder kommunale Demokratie usw.), sondern vielmehr das Wesen des Kapitalismus und somit die Negation des Klassenantagonismus und die VerwĂ€sserung des Proletariats (revolutionĂ€re Klasse) in dieser bourgeoisen Einheit, die das Volk, die Nation und letztendlich der Staat ist. Es kommt vor allem darauf an, dass wir BrĂŒder und Schwestern des Elends und der Ausbeutung, BrĂŒder und Schwestern der Revolution sind oder werden, und dass wir dies bewusst erkennen.

Die Menschheit ist von sich selbst, von der Natur, von ihrer TĂ€tigkeit und ihrer Produktion getrennt worden, um zu Sklaven, Leibeigenen und modernen Proletariern gemacht zu werden. Die Menschheit ist von ihrer wirklichen menschlichen Gemeinschaft getrennt und sie ist zu einer falschen Multi-“etwas“-Gemeinschaft verbunden: multiethnisch, multikulturell, multinational
 Internationalismus ist nicht die HinzufĂŒgung von verschiedenen oder gar unterschiedlichen Nationalismen oder allen Nationalismen, sondern im Gegenteil seine vollstĂ€ndige und vollendete Negation


Stellvertreter-MilitĂ€rs? Wir möchten der Kritik an der „Revolution in Rojava „, die in verschiedenen BeitrĂ€gen in unserem Blog entwickelt wurde, ein weiteres wichtiges Element hinzufĂŒgen – die Hilfe des internationalen Kapitals, die Rojava erhalten hat. Die Hilfe der NATO, der EU, verschiedener nationaler Staaten und anderer kapitalistischer Institutionen, eine Hilfe, die den bourgeoisen Charakter der Organisationen, die vorgeben, die soziale Bewegung der Subversion dieser Welt in Rojava zu vertreten, nur noch mehr bestĂ€tigt.

In diesem Sinne, im Sinne der klassischen bourgeoisen Politik, gibt es nichts, worĂŒber man erstaunt oder beleidigt sein mĂŒsste, wenn die PKK/PYD sich mit ihren Partnern (in Washington wie in Paris oder Moskau
) trifft, um ihre Beziehungen zu stĂ€rken und ihre militĂ€rische Zusammenarbeit sowie die Angelegenheiten des Wiederaufbaus in Rojava und KobanĂȘ zu besprechen
 FĂŒr Frankreich war es auch notwendig, insbesondere angesichts der AnschlĂ€ge auf „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, in den Medien das Bild einer offiziellen AnnĂ€herung und eines BĂŒndnisses mit den KrĂ€ften zu vermitteln, die vor Ort den Dschihadismus, den „Radikalismus“, den „Islam-Faschismus“ bekĂ€mpfen


ErwĂ€hnen wir am Rande diese „besondere Freundschaft“, die die offensichtliche Komplizenschaft dieser „revolutionĂ€ren“ Organisationen aus Rojava mit unseren Klassenfeinden hervorhebt, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als der kapitalistische Staat (in Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien,
) neue sogenannte „antiterroristische“ Maßnahmen und Kampagnen initiierte, entwickelte und verstĂ€rkte, die „nationale Einheit“, die „heilige Vereinigung – union sacrĂ©e“, die „Verteidigung der republikanischen Werte“, das „Zusammenleben“ und letztendlich die Wiedervereinigung der Völker um die „gefĂ€hrdete Demokratie“, d.h. die kapitalistische Diktatur, die von den Ausgebeuteten so sehr gehasst wird. Diese terroristischen Kampagnen des Staates zielten in erster Linie und offiziell darauf ab, den Islamismus zu bekĂ€mpfen, aber in Wirklichkeit waren sie in einer zweiten Phase (und das ist ihr ursprĂŒngliches und wesentliches Ziel) viel mĂ€chtigere neue Werkzeuge im Kampf gegen die Subversion, gegen das Wiederaufleben des Klassenkampfes, gegen die kommende weltweite soziale Revolution. FĂŒr uns gibt es definitiv und im Gegensatz zu linken Kreisen kein „kleineres Übel“, das zu unterstĂŒtzen wĂ€re


Wirklich, was fĂŒr eine interessante „Revolution“, „antikapitalistisch“ und „antistaatlich“, die alle Merkmale eines Staates aufweist, mit einer von der „Einheitspartei“ PYD gefĂŒhrten Regierung, Ministerien, einer Vielzahl von Mini-Parlamenten, Gerichten, einer „Verfassung“ (genannt „Gesellschaftsvertrag“), einer Armee (die zunehmend militarisierten YPG/YPJ-Milizen), eine Polizei (die Asayish), die die innere soziale Ordnung durchsetzt (auch mit ihren „Antiterror-Sondereinheiten“, deren Rambo keinen Grund haben, neidisch zu sein auf ihre mörderischen Kollegen der entsprechenden Korps wie die „SWAT“ in den Vereinigten Staaten von Amerika, die „Spetsnaz“ in Russland, die „GIPN“ und „GIGN“ in Frankreich usw. ).

Die „Revolution“ ist umso interessanter, weil sie „von allen Seiten einkassiert“ wird: die YPG/YPJ sind nichts anderes als Stellvertreter-MilitĂ€rs der kapitalistischen MĂ€chte, ihre Hilfstruppen vor Ort, die einem „gemeinsamen Feind“ (Islamischer Staat) gegenĂŒberstehen. Wir haben die Anzahl der Offensiven, die von der YPG/YPJ und anderen SDF gemeinsam durchgefĂŒhrt wurden, aufgezĂ€hlt:

– mit der US-Luftwaffe,

– mit den „Green Berets“ (diese verdammten Folterknechte der US-Spezialeinheiten),

– mit der russischen Luftwaffe,

– mit der syrischen Baschar-Armee (mit der die PYD u.a. die Stadt Qamischli mitverwaltet) und ihrer Luftwaffe, die die Rebellengebiete bombardiert (und nicht unbedingt Al-Nusra und andere Dschihadisten!!!),

– mit der libanesischen Hisbollah,

– den iranischen „Revolutionsgarden“ (die unsere KlassenbrĂŒder und -schwestern abschlachten),

– und so weiter, bis zum Umfallen (ad nauseam)!

Wir können also Rojava beglĂŒckwĂŒnschen, das den Mördern der US-Luftwaffe erlaubt hat, die Schwierigkeiten bei der Nutzung ihres tĂŒrkischen VerbĂŒndeten, des LuftwaffenstĂŒtzpunkts Incirlik, auszugleichen. Rojava ist noch nicht Mitglied des Atlantischen BĂŒndnisses (NATO), aber ein bisschen mehr Anstrengung „GefĂ€hrten“
 Der ganze Schwachsinn ĂŒber „Demokratie ohne Staat“, Antikapitalismus und Revolution ist nichts als Show fĂŒr linke (libertĂ€re und marxistisch-leninistische) Milieus, die immer bereit sind, sich mit einem „kleineren Übel“ und einer Reform des Kapitalismus zufrieden zu geben.

Es gibt keinen Grund, sich zu wundern oder sich darĂŒber zu Ă€rgern, dass die PKK/PYD, die YPG/YPJ ganz offen ihre Zusammenarbeit (entweder gleichzeitig oder abwechselnd) mit den USA, Russland oder Syrien angekĂŒndigt haben. Gestern kollaborierten sie bereits mit der Hisbollah, dem syrischen Regime von Vater Assad: Öcalan und die gesamte PKK-FĂŒhrung hatten ihr Hauptquartier in Damaskus, bevor die Allianzen um 1998 gekippt wurden!!! Genauso wie die PKK 2013 Friedensabkommen mit der TĂŒrkei unterzeichnete, die bis 2015 hielten, nicht weil sie von der PKK (angeblich antistaatlich) endlich aufgekĂŒndigt worden wĂ€ren, sondern weil diese nicht mehr den tĂŒrkischen imperialistischen Notwendigkeiten entsprachen


WĂ€hrend die StreitkrĂ€fte des Assad-Regimes die von den Rebellen gehaltene Region al-Gutta östlich von Damaskus immer wieder schwer bombardierten, schickte dasselbe Regime einige paramilitĂ€rische Truppen (schiitische Milizen, die dem Iran nahestehen), um den Kanton Afrin zu verteidigen, der gerade im Februar 2018 von der tĂŒrkischen Armee und ihren islamistischen Hilfstruppen eingenommen worden war. Die Intervention der syrischen StreitkrĂ€fte erfolgt auf Ersuchen der PKK/PYD, der YPG/SDF-Milizen, mit einem konkreten politisch-militĂ€rischen Abkommen zwischen beiden Seiten – „Rojava Revolution“ und Baath-Regime.

Und in den Reihen der Rojavisten gibt es damit absolut kein Problem und es ist ganz normal fĂŒr sie, dass diese SchlĂ€chter kommen, um zu helfen, den „demokratischen Konföderalismus“ vor der tĂŒrkischen Aggression zu retten. Die Regierung von Rojava hat auch die StreitkrĂ€fte von Damaskus aufgefordert, die nationalen Grenzen und die IntegritĂ€t Syriens zu schĂŒtzen. Was zur Hölle bedeutet es, so zu tun, als ob man das Konzept des Nationalstaates (gemĂ€ĂŸ dem „neuen Paradigma“ der PKK) ablehnt, wenn man gleichzeitig (vielleicht aus „taktischen und zeitweiligen“ GrĂŒnden, wie von den Rojavisten gerechtfertigt) BĂŒndnisse mit dem syrischen Nationalstaat eingeht und zur Verteidigung des letzteren, „eines souverĂ€nen Staates“, aufruft?

Wie können die Partisanen der „Rojava Revolution“ die Augen vor diesen Tatsachen verschließen?

Die TĂŒrkei, Syrien, die USA, die EU, die Monarchien am Golf, Russland, der Iran und sogar „Proto“-Staaten wie Rojava und der Islamische Staat
 all diese Staaten, alle Staaten sind große Kumpel mit unterschiedlichem GlĂŒck, je nach geostrategischen UmstĂ€nden und der Verteidigung ihrer besonderen nationalen und nationalistischen Interessen; sie kommen miteinander aus auf Kosten von uns allen, den Ausgebeuteten, den Proletariern.

Und dieselben ParteigĂ€nger der „Revolution in Rojava“ rechtfertigen diese Zusammenarbeit mit folgendem Argument: „In den 1930er Jahren akzeptierten spanische Anarchisten Waffen aus der Sowjetunion, obwohl sie sich völlig bewusst waren, dass die an diese Waffen geknĂŒpften Bedingungen darauf abzielten, die Revolution zu untergraben.“ Wenn konterrevolutionĂ€re MĂ€chte (gestern die UdSSR, heute die USA, Russland, die EU usw.) Waffen und logistische Hilfsmittel zur VerfĂŒgung stellen, dann natĂŒrlich, weil sie ihre eigenen Interessen zu verteidigen haben und ihre eigene Agenda als MĂ€chte verfolgen. Und damals dachten viele unserer GefĂ€hrten in Spanien und heute denken die KĂ€mpfer in Rojava, dass sie nicht von diesen kapitalistischen, imperialistischen MĂ€chten benutzt werden, sondern dass sie sie in einer Art „taktischer und vorĂŒbergehender“ Allianzen benutzen werden. Die RealitĂ€t zeigte und zeigt immer noch, dass dies völlig falsch ist. Nachdem das Proletariat in Spanien gegen den Faschismus und fĂŒr die Verteidigung der bourgeoisen Republik gekĂ€mpft und sich geweigert hatte, die wirklichen Erfordernisse der sozialen Revolution vorzubringen (z.B. durch die selbsternannte „Diktatur der Anarchie“), war es gezwungen, die Auflösung der Arbeitermilizen und damit deren Militarisierung zu akzeptieren und damit seinen „revolutionĂ€ren Geist“ auf dem Altar eines „kleineren Übels“, fĂŒr das es zu kĂ€mpfen galt, einer „Revolution“, die „nach“ dem Sieg ĂŒber den Faschismus, der nie stattgefunden hat, durchgefĂŒhrt werden sollte, aufzugeben


Wenn die Revolution tatsĂ€chlich Waffen, Gewehre, Kanonen, Raketen und sicherlich noch viel mehr braucht, dann braucht die soziale Revolution vor allem eine klare Perspektive, was zu tun ist und mit wem. Das Gleiche gilt, wenn Arbeiter „ihre“ Fabriken in die Hand nehmen und verwalten; man erinnere sich an Leon Blums zynische, aber dennoch irgendwie treffende Bemerkungen ĂŒber die Besetzung von Fabriken in Frankreich im Jahr 1936: „Die Arbeiter besetzen die Fabriken, aber in Wirklichkeit sind es die Fabriken, die sie besetzen“, indem sie ihnen etwas zu tun geben (mit anderen Worten: sie von ihrer Aufgabe ablenken, die kapitalistischen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse zu zerstören)
 Das Problem ist nicht, die Fabriken als solche zu besetzen und die Produktionsmittel in die Hand zu nehmen, sondern von da an, was mit ihnen gemacht werden soll, was produziert werden soll und fĂŒr welche Zwecke


Die „militĂ€rische Frage“, der Einsatz von Waffen, ist nicht von der Gesamtheit der revolutionĂ€ren militanten Aufgaben, die zu ĂŒbernehmen sind, getrennt, sie ist keine Frage fĂŒr sich. Es ist nicht die militĂ€rische Frage, die die soziale Bewegung anfĂŒhrt, sondern das Gegenteil. Dieses Problem ist sehr akut in Bezug auf das, was in Rojava passiert: wir wurden buchstĂ€blich mit einer Flut von Kriegsmitteilungen ĂŒber die militĂ€rische Situation in Afrin (und davor in Manbij, Raqqa, Deir-Ezzor, etc. alle Regionen, die von der „Selbstverwaltung“ von Rojava geschluckt wurden) ĂŒberschĂŒttet. Es gibt keinen Ausweg und keine ErklĂ€rung dafĂŒr, wie ein „revolutionĂ€rer“ Kampf so einfach direkt mit der US-Luftwaffe und den US-SpezialkrĂ€ften (Green Berets) zusammenarbeiten konnte, mit der Tatsache, dass sich das Hauptquartier der US-Armee in Manbij (Gebiet unter der Kontrolle der YPG/SDF) befand, dass mehr als 2, 000 US-Soldaten in Rojava waren, die USA ĂŒber zehn MilitĂ€rbasen in Rojava verfĂŒgten (darunter zwei LuftwaffenstĂŒtzpunkte), sie hatten Absprachen mit der russischen Luftwaffe und der russischen Armee im Allgemeinen und auch mit den blutigen SchlĂ€chtern der Regierung in Damaskus (durch „OperationsrĂ€ume“ zur Koordinierung der militĂ€rischen AktivitĂ€ten zwischen den drei Armeen)


Das Proletariat als revolutionĂ€re Klasse hat kein Interesse daran, sich frontal mit dem Staat und seinen zentralen Repressionsapparaten auseinanderzusetzen. Was wir im Gegenteil entwickeln mĂŒssen, ist der revolutionĂ€re DefĂ€tismus, das heißt, die Auflösung der bourgeoisen Armeen voranzutreiben (vor allem, indem wir ihre Disziplin und ihren Zusammenhalt schwĂ€chen), natĂŒrlich mit Gewalt, durch direkte Aktionen, Sabotage, Generalstreiks und AufstĂ€nde
 in den Armeen, in den Fabriken, in den Minen, in den BĂŒros, in den Schulen
 ĂŒberall dort, wo wir unter der Ausbeutung dieser Welt des Todes und des Elends leiden
 aber auch durch die Kraft und Energie der Bewegung, die ihre Klassenperspektiven entwickelt. Vergesst eines nicht, Leute: Wo es Kriegsflugzeuge und Kriegsschiffe, Maschinengewehre und Raketen und Giftgas gibt, um unsere Klassenbewegung zu unterdrĂŒcken, stehen immer und ĂŒberall MĂ€nner und Frauen dahinter, die sie produzieren, sie an ihren Bestimmungsort transportieren, sie mit Treibstoff versorgen mĂŒssen
 Es ist die Pflicht der kĂ€mpfenden Proletarier, die Kriegsmaschine daran zu hindern, unsere BrĂŒder und Schwestern zu töten, das Produktionssystem zu stoppen, damit es funktioniert


Erinnern wir uns auch daran, dass sich das Kapital historisch gesehen nach jeder proletarischen Niederlage die materiellen Mittel schafft, die ursprĂŒngliche proletarische Energie, wenn nicht zur Zerstörung dieses gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisses, so doch zumindest zu dessen Infragestellung, in gegenteilige Energie umzuwandeln, in Energie, die darauf abzielt, sein gesellschaftliches VerhĂ€ltnis zu stĂ€rken. Das Kapital nĂ€hrt sich von unseren Revolten, unseren Niederlagen, es ĂŒbernimmt das Vokabular des Proletariats, seine Fahnen, seine Parolen (wobei es darauf achtet, sie von ihrem genuin subversiven Inhalt zu entleeren), um die durch die Niederlage verwirrten, aber immer noch rachsĂŒchtigen Proletarier auf seine Seite zu bringen. Die rote Fahne, die von den „roten“ Bourgeois aufgestellt wird, zieht die Proletarier an, die noch kĂ€mpfen, sich aber mit ein bisschen Lametta, ein paar Ersatzrevolutionen zufrieden geben sollen


Diese „Demokratie ohne Staat“ (Abdullah Öcalan, 2010), dieser „Staat ohne Staat“, diese „demokratische Autonomie“, dieser „demokratische Konföderalismus“ ist immer noch und immer ein Staat, in dem Sinne, den die kommunistische Kritik diesem Begriff gibt. Das heißt, das bestehende gesellschaftliche VerhĂ€ltnis, der gegenwĂ€rtige Stand der Dinge, und daher die Organisation in Handlungen dieses VerhĂ€ltnisses. Eine Organisation, die darauf abzielt, dieses VerhĂ€ltnis zu erweitern und aufrechtzuerhalten. Und ohne die Revolution, die die alte Ordnung hinwegfegt, kann dieses gesellschaftliche VerhĂ€ltnis, dieser Zustand der Dinge nur der der Kapitalisten sein und bleiben, ungeachtet der Reformen, die ihn in einer anderen, verbesserten Form erscheinen lassen. Der Kapitalismus reformiert sich stĂ€ndig
 Er „revolutioniert“ sich sogar manchmal selbst, aber diese „Revolution“ mit ihren ErschĂŒtterungen (die zig Millionen Tote zur Folge haben), die natĂŒrlich fĂŒr die Ausgebeuteten, aber auch manchmal fĂŒr bestimmte konkurrierende und/oder ĂŒberholte Fraktionen der kapitalistischen Klasse Ă€ußerst gewalttĂ€tig sind, ist nie etwas anderes als eine „Revolution“ innerhalb des sozialen VerhĂ€ltnisses selbst, das gestĂ€rkt und ausgeweitet werden muss.

Es wĂ€re fatal, eine soziale Bewegung und einen sozialen Prozess mit ihrer bourgeoisen FĂŒhrung zu verwechseln, eine proletarische Revolution mit der Konterrevolution, soziale Befreiung mit nationaler Befreiung („national-sozialer Befreiungismus“), eine militante Dynamik gegen die Diktatur des gegenwĂ€rtigen Zustands mit einer Reihe von reformistischen Maßnahmen zur Konsolidierung dieses Zustands, die offensichtlich unter einem neuen Deckmantel, mit neuen Etiketten und mit umgestalteten Institutionen und Ideologien wie „Volksvollversammlungen“, „Genossenschaften“, „demokratischer Konföderalismus“, „Sozialwirtschaft“, „Frauenbefreiung“ usw. auftreten und es schließlich akzeptabler macht, dass UnterdrĂŒckte an ihrer eigenen UnterdrĂŒckung teilnehmen, Entfremdete an ihrer eigenen Entfremdung, Ausgebeutete an ihrer eigenen Ausbeutung


Es gibt einige, die sagen werden, dass wir ad hoc „Anti-Rojava“ sind oder dass wir die Existenz der „Rojava Revolution“ leugnen. Weit gefehlt, wir sind nicht mehr „Anti-Rojava“ als wir effektiv gegen Großbritannien oder gegen die USA oder gegen irgendeinen anderen Nationalstaat sind.

Die Position der Kommunisten und Anarchisten ist klar: Mögen alle kapitalistischen Staaten sterben, möge der tĂŒrkische Staat mit seiner grausamen Repression gegen die revoltierende Bevölkerung im SĂŒdosten des Landes und anderswo sterben, möge der syrische Staat und seine Massaker sterben, mögen die Staaten USA, die EU, die Monarchien am Golf, Russland und der Iran sterben, und mögen auch alle „progressiven“ und linken Staaten sterben: Kuba, Venezuela, Bolivien sowie die „Proto“-Staaten wie Rojava und der Islamische Staat


Was die wirkliche Revolution in Rojava betrifft, so sind wir natĂŒrlich eminente UnterstĂŒtzer dieser Revolution, wie auch der Revolution im Nahen Osten und in der ganzen Welt. Wir stehen fĂŒr eine weltweite soziale und somit antikapitalistische Revolution, die das Privateigentum, den Staat, die sozialen Klassen, die Religionen usw. abschaffen wird.

Class War – Sommer 2021

AnhÀnge:

Im Folgenden möchten wir einen Beitrag vorstellen, den wir vor einiger Zeit erhalten haben: „A View of Rojava or Criticism as an Opportunity for Growth and Development“, der sich vor allem an die anarchistische Bewegung in der Tschechischen Republik richtet. Wir haben ihn ins Englische (und auch ins Französische) ĂŒbersetzt und veröffentlichen ihn schließlich im Folgenden, mit großer VerspĂ€tung, aber auch in der Überzeugung, dass es auch heute noch nicht zu spĂ€t ist.

Der Text berĂŒhrt die Fragen, die RevolutionĂ€re auf der ganzen Welt in Bezug auf Rojava gestellt haben und weiterhin stellen, und die natĂŒrlich auch auf andere „autonome Gebiete“ angewendet werden können, sei es historisch (Spanien 1936) oder aktuell (Zapatisten).

Wir teilen voll und ganz die Kritik an Rojava, die der Text entwickelt. Womit wir jedoch nicht einverstanden sind, ist sein Subtext – der Versuch, die einseitige Verehrung von Rojava durch eine kritische Stimme „auszugleichen“, um eine „Gelegenheit“ zur Diskussion zu schaffen.

Unserer Meinung nach beruht die Haltung der anarchistischen Bewegung und der extremen Linken in der Tschechischen Republik zu den Ereignissen in Rojava (und dasselbe geschieht auch anderswo in der Welt) jedoch nicht auf einem MissverstĂ€ndnis der Lage, wenig verfĂŒgbaren Informationen oder fehlenden Diskussionsmöglichkeiten, wie der Text annimmt, sondern es handelt sich um ein viel tieferes Problem – das Problem, welchen Inhalt die AnhĂ€nger von Rojava der sozialen Revolution zuschreiben. Was soll die Revolution verĂ€ndern und wie? Diejenigen, die meinen, das Ziel der Revolution sei die Demokratisierung der Gesellschaft oder die Befreiung der Frauen, streben im Grunde nur nach einer Art Verbesserung der heutigen Gesellschaft, nach der Vollendung der bourgeoisen Revolution, das heißt derjenigen, die die Herrschaft des Kapitals endgĂŒltig durchgesetzt hat. Die wirklichen RevolutionĂ€re hingegen streben danach, diese auf Klassen und Ausbeutung basierende Gesellschaft zu zerstören, sie vollstĂ€ndig zu verĂ€ndern.

Der Text „View of Rojava
“ stellt fĂŒr uns keinen Aufruf zur Diskussion innerhalb der „anarchistischen Bewegung“ dar, die in der Lage ist, auch eindeutig reaktionĂ€re Ereignisse (wie wir sie oben entwickelt haben) als „revolutionĂ€r“ zu bezeichnen, nur weil sie von rot-schwarzer PR-Propaganda begleitet werden. Eine solche Diskussion ist fĂŒr uns nicht möglich.

Im Gegenteil, wir betrachten sie als Kritik an der oben beschriebenen Haltung, als Versuch, den Begriff der sozialen Revolution im Kontext der Ereignisse in Rojava zu klĂ€ren. Und als solches veröffentlichen wir ihn auch im Zusammenhang mit unseren eigenen Anmerkungen, die sich auf die internationale Diskussion ĂŒber Rojava stĂŒtzen, wie sie in den letzten Jahren von verschiedenen Gruppen und Militanten gefĂŒhrt wurde.

Und nicht zuletzt, da die Ereignisse in Spanien 1936 sehr oft von den Partisanen von Rojava beschworen werden, veröffentlichen wir am Ende dieses Bulletins einen Beitrag der Internationalistischen Kommunistischen Gruppe (GCI-ICG) ĂŒber die Revolution und Konterrevolution in Spanien, die falsche Polarisierung Faschismus vs. Antifaschismus zu dieser Zeit


Wir erhielten, wir ĂŒbersetzen und veröffentlichen

Ein Blick auf Rojava oder Kritik als Chance fĂŒr Wachstum und Entwicklung

Die Ereignisse in Rojava sind ein aktuelles Thema, mit dem sich viele Menschen, Gruppen und Initiativen beschĂ€ftigen. Die positiven Seiten der RealitĂ€t in Rojava könnten sicherlich ausfĂŒhrlich beschrieben werden, und viele haben dies bereits an anderer Stelle getan. Verweise auf einige dieser BeitrĂ€ge finden sich unter diesem Text1. Es gibt jedoch viel mehr solcher Artikel im Vergleich zu Texten, die die SchwĂ€chen und WidersprĂŒche der Ereignisse in Rojava ausfĂŒhrlicher beschreiben wĂŒrden. Das vorliegende Material versucht, diese Diskrepanz auszugleichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die positiven Bereiche von Rojava unwichtig oder vernachlĂ€ssigbar sind.

Manchmal wird gesagt, dass „Rojava kein Paradies ist, aber eine Hoffnung“, und dem können wir zustimmen. Und gerade weil Rojava auch seine SchwĂ€chen hat, mĂŒssen wir auch ĂŒber sie sprechen, damit wir ĂŒber sie nachdenken und uns der ErfĂŒllung von Hoffnungen fĂŒr die Zukunft nĂ€hern können, in der sie keine große Rolle mehr spielen werden. Wenn wir nur die StĂ€rken herausstellen und die SchwĂ€chen verschweigen, werden wir einer einseitigen Propaganda erliegen, wie sie in der Vergangenheit viele Hoffnungen zerstört hat. Dieser Text wurde als aufrichtiger Beitrag zur ErfĂŒllung der Hoffnungen von Rojava geschrieben.

Eine besondere Revolution?

Rojava wird oft als ein revolutionĂ€res Ereignis bezeichnet. Genauer gesagt, als eine Revolution, die ĂŒber das europĂ€ische oder amerikanische Konzept der Revolution hinausgeht. Es heißt, diese Besonderheit mĂŒsse respektiert und akzeptiert werden. Diejenigen, die sie nicht akzeptieren, werden oft als ĂŒberhebliche Paternalisten bezeichnet. Die Partisanen von Rojava stellen sich jedoch nur selten die Frage, ob eine wirklich soziale Revolution in verschiedenen Regionen sehr unterschiedliche Dinge bedeuten kann und dennoch fĂŒr diejenigen attraktiv ist, die mit dem Kapitalismus Schluss machen wollen.

Obwohl die LebensrealitĂ€ten in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedlich sind, ebenso wie die kulturellen und geopolitischen Kontexte, ist es falsch, die soziale Revolution so zu betrachten, als wĂŒrde sie in einem anderen Gebiet etwas anderes bedeuten. NatĂŒrlich können unterschiedliche Kontexte, die an bestimmte Regionen gebunden sind, Unterschiede im revolutionĂ€ren Prozess hervorrufen, in der Art und Weise, wie sich die Menschen organisieren, welche Terminologie und Symbole sie wĂ€hlen, aber der Inhalt der Revolution ist ĂŒberall auf der Welt identisch. Es gibt keine verschiedenen sozialen Revolutionen an verschiedenen Orten; es gibt nur die Weltrevolution und die Weltkonterrevolution.

Die in diesem Text enthaltene Kritik bezieht sich also ĂŒberhaupt nicht auf formale Unterschiede. Der Text kritisiert zum Beispiel nicht, dass Rojava von demokratischem Konföderalismus und nicht von Anarchie und Kommunismus spricht. Was stattdessen kritisiert wird, ist der nicht-revolutionĂ€re Inhalt, der von einigen fĂ€lschlicherweise verteidigt wird, als sei er revolutionĂ€r. Selbst wenn der revolutionĂ€re Inhalt mit den am wenigsten verlockenden Worten dargestellt wĂŒrde, gĂ€be es genĂŒgend GrĂŒnde, fĂŒr ihn einzutreten, ebenso wie der nicht-revolutionĂ€re Inhalt kritikwĂŒrdig ist, selbst wenn er wie im Fall von Rojava in die revolutionĂ€re Terminologie gehĂŒllt ist. Die Farbe der Flagge und die Namen sind nicht von Bedeutung. Wir kritisieren nicht in erster Linie die Worte. Es geht nicht so sehr darum, wie jemand ĂŒber sich selbst spricht, sondern darum, wie er handelt. Und es ist die inhaltliche Essenz einer Handlung, die hier kritisiert wird.

Gewiss, die Revolution kann nicht nach vorher festgelegten PlĂ€nen und Definitionen ablaufen. Sie ist in vielerlei Hinsicht unvorhersehbar. Um den Vorwurf des Dogmatismus und des Festhaltens an ideologischer Reinheit zu vermeiden, möchten wir daher betonen, dass der Grund fĂŒr unsere Kritik nicht darin liegt, dass wir glauben, dass die Ereignisse von irgendwelchen universellen Schemata abwichen, wie die Revolution in Bezug auf Organisationsformen oder Terminologie verlaufen sollte. Es ist ein Fehler, an einem solchen „revolutionĂ€ren Schema“ festzuhalten, und es war notwendig, es zu kritisieren. Die Revolution hat keine allgemeingĂŒltigen Szenarien, die am Tisch geschrieben und dann ohne Abweichungen befolgt werden können. Die formale Seite der Revolution entsteht in Bewegung und damit mit einem gewissen Maß an Unvorhersehbarkeit, Improvisation und Überdenken. DarĂŒber hinaus leidet jede Revolution an ihren WidersprĂŒchen und Grenzen. Es ist jedoch notwendig, mit dem Handeln zu beginnen, auch wenn sie sich manifestieren. Die Aufgabe der revolutionĂ€ren KrĂ€fte besteht dann darin, sie aufzudecken und zu handeln, um sie zu ĂŒberwinden, und nicht, sie zu ignorieren und darĂŒber zu schweigen, wie es im Fall von Rojava oft der Fall ist.

Das italienische Kollektiv Il Lato Cattivo stellt in seinem Text ĂŒber die „kurdische Frage“ fest

„Ein breites Mosaik an Bewegungen – welche bewaffnet oder unbewaffnet sind und von sozialem Banditentum bis zur organisierten Guerilla-AktivitĂ€t reichen – agieren in den elendsten Zonen der globalen kapitalistischen MĂŒllhalde (
). Obwohl die Diskurse und Kampfformen dieser Bewegungen nicht blosse EpiphĂ€nomene sind, ist es wesentlich, ihren gemeinsamen Inhalt zu erfassen: Selbstverteidigung. Eine Selbstverteidigung, die womöglich auch als lebensnotwendig betrachtet werden könnte, wobei sie sich in ihrem Wesen nicht von dem unterscheidet, was in jedem Arbeitskampf ausgedrĂŒckt wird, welche zum Ziel hat, die Löhne oder Arbeitsbedingungen der dort Arbeitenden zu schĂŒtzen. Genau wie es ein Taschenspielertrick wĂ€re, einen wenn auch sehr heftigen und breiten Lohnkampf als „revolutionĂ€re Bewegung“ darzustellen, so ist es genauso abwegig, dieser Art von Selbstverteidigung, welche von solchen erschöpften Bevölkerungen praktiziert wird, einen inhĂ€renten revolutionĂ€ren Sinn zu geben.“2

Der zitierte Teil ist interessant, weil es ein Vergleich ist, der gut zu den Ereignissen in Rojava und ihrer hĂ€ufigen Interpretation als revolutionĂ€re Ereignisse passt. Es besteht ĂŒberhaupt kein Zweifel daran, dass es in Rojava viele aufrichtige RevolutionĂ€re gibt. Das macht aus der kurdischen nationalen Befreiungsbewegung jedoch noch keine revolutionĂ€re Bewegung. Die Menschen vor Ort organisieren mit starker internationaler UnterstĂŒtzung einen erbitterten Kampf, der in erster Linie eine Selbstverteidigung gegen den Genozid an der kurdischen Ethnie ist. Die soziale Revolution ist jedoch eine inhaltliche Frage – der Angriff auf die kapitalistischen VerhĂ€ltnisse. Aber das geschieht in Rojava nicht. Nur die politischen, administrativen und ökonomischen HerrschaftsverhĂ€ltnisse sind betroffen, aber das Privateigentum bleibt bestehen. Zusammen mit dem Privateigentum gibt es auch soziale Klassen, die die Grundlage des kapitalistischen Aufbaus sind. Rojava befindet sich in einer demokratischen Transformation, nicht in einer sozialen Revolution. Das bedeutet vor allem Folgendes:

– Demokratisch und horizontal verwaltete Kooperativen/Genossenschaften oder Kommunen in Rojava arbeiten auf einer Marktbasis, einem LohnverhĂ€ltnis und einem Geldaustausch, d.h. auf einer Basis, die sich nicht von jedem Unternehmen in anderen Gebieten unterscheidet, das sich stolz der Ideologie der kapitalistischen Ökonomie verschrieben hat3. Der Kapitalismus, in dem die Arbeiter allein und ohne Chefs ihr Elend verwalten, ist immer noch Kapitalismus, denn es geht nicht nur darum, wer verwaltet und wie, sondern vor allem darum, was verwaltet wird. Im Fall der Rojava-Kooperativen/Genossenschaften stehen die kapitalistischen Unternehmen nur unter der Selbstverwaltung der Arbeiter4. Der kapitalistische Inhalt ist auf demokratische Weise organisiert.

– Der demokratische Konföderalismus in Rojava ist keine klassenlose Gemeinschaft (und geht auch nicht in diese Richtung), sondern eine Form des Regierens, bei der Mitglieder verschiedener Klassen „an einem Tisch“ zusammenkommen, um gemeinsame und/oder gegensĂ€tzliche Aktionen zu „gemeinsamen ethnischen/nationalen Fragen“ zu planen. Es ist nur eine weitere Variante dessen, was wir aus der parlamentarischen Politik kennen. Die Tatsache, dass diese Verwaltung eine direktere Beteiligung der StaatsbĂŒrger ermöglicht, Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass der Kern des Inhalts identisch ist. Diese Tatsache wird durch die stĂ€ndige Wiederholung von Phrasen ĂŒber das „kurdische Volk“ verschleiert, als ob nicht klar wĂ€re, dass das „Volk“ keine homogene Gesamtheit ist, sondern eine Klassengesellschaft, deren Dynamik durch einen Konflikt antagonistischer Interessen (Klassenkampf) bestimmt wird. Genau wie in anderen Teilen der Welt. In Rojava wurde eine Verfassung mit der Bezeichnung Sozialer Vertrag entwickelt. Darin wird die „gegenseitige und friedliche Koexistenz und das VerstĂ€ndnis zwischen allen Teilen der Gesellschaft“ proklamiert. Dabei geht es nicht um die Zerstörung der Klassenhierarchie, sondern um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Klassen auf unterschiedlichen Ebenen der Hierarchie. Seien wir ehrlich, die Region Rojava wird von einer Klassengesellschaft bewohnt, und die maßgeblichen KrĂ€fte, die sich hinter der revolutionĂ€ren Terminologie verstecken, wollen dies noch nicht Ă€ndern.

Aufmerksamen Lesern ist sicherlich aufgefallen, dass in den meisten weltweiten Aufrufen zur UnterstĂŒtzung von Rojava genau von der UnterstĂŒtzung der kurdischen Bewegung, des kurdischen Volkes, des kurdischen sozialen Experiments, der kurdischen Autonomie usw. die Rede ist. Allerdings hört man selten etwas ĂŒber Klassen, geschweige denn eine Klassenanalyse. Bei allen öffentlichen Veranstaltungen, die seit Beginn der tĂŒrkischen Invasion zur UnterstĂŒtzung von Rojava in Prag stattgefunden haben, wurde beispielsweise das Wort Klasse nicht ein einziges Mal ausgesprochen. Das ist ziemlich schockierend, wenn man bedenkt, dass diese Leute von einer sozialen Revolution sprechen. Aber sie sprechen von einer Revolution im Rahmen einer Gemeinschaft, die zwar mit einer demokratischen Regierungsform experimentiert, aber das Privateigentum nicht in Frage stellt und somit die sozialen Klassen intakt lĂ€sst. Es ist erstaunlich, wie oft der Begriff „Volk“ in den Namen der lokalen Widerstandsorganisationen von Rojava verwendet wird5 und wie sehr der Begriff Klasse und Klassenkampf fehlt. Als ob wir vergessen hĂ€tten, dass das Volk (Ă€hnlich wie das „Kurdische“) eine klassenĂŒbergreifende Kategorie [ĂŒber den Klassen] ist, die sowohl die Ausgebeuteten als auch die Ausbeuter umfasst.

Aber zurĂŒck zu dem Zitat aus Il Lato Cattivo. Wir könnten es so zusammenfassen, dass die Ereignisse in Rojava, um wirklich revolutionĂ€r zu werden, ĂŒber den bestehenden Inhalt hinausgehen mĂŒssen, der die Selbstverteidigung des Lebens, der Kultur, der Sprache, der Ethnie, des Territoriums, der lokalen Ökonomie, der ArbeitsplĂ€tze, der zivilen und religiösen Rechte darstellt. Die Ereignisse mĂŒssen sich weiterentwickeln. Zu dem Inhalt, der die offensive Phase darstellt. Dabei wird es nicht um zivilen Aktivismus und bloße demokratische Verwaltung gehen, sondern um den proletarischen Klassenkampf. In der Praxis setzt dies Kampfformen voraus, die die SĂ€ulen des Kapitals wie Klassen, Eigentum, Tausch, Arbeit, Geld, Markt, Staat untergraben – und gleichzeitig nicht nur andere Organisationsformen, sondern vor allem einen anderen sozialen Inhalt schaffen. Dies ist in Rojava noch nicht der Fall. Das soll natĂŒrlich nicht dazu fĂŒhren, den kĂ€mpfenden RevolutionĂ€ren in Rojava die UnterstĂŒtzung zu verweigern. Im Gegenteil, es ist ein Aufruf, die KlassenbrĂŒder und -schwestern zu unterstĂŒtzen, die dort agieren und die versuchen zu verstehen, warum in Rojava noch keine revolutionĂ€ren Ereignisse stattgefunden haben und was geĂ€ndert werden muss, damit dort und anderswo auf der Welt revolutionĂ€re Aktionen stattfinden. Es geht nicht darum, sich von Rojava abzuwenden, aber auch nicht darum, alles, was dort geschieht, unkritisch zu unterstĂŒtzen. Weder Ablehnung noch Romantik. Es geht darum, einen nĂŒchternen, nicht propagandistischen Blick zu bewahren.

So wie man in Rojava nicht von einer Revolution oder einer nicht-kapitalistischen Gemeinschaft sprechen kann, kann man auch nicht sagen, dass es sich um eine staatenlose Organisation handelt. Die Verwaltung selbst, mit Hilfe von Föderationen dezentralisierter Gemeinden, bedeutet noch nicht das Aussterben des Staates. Wenn wir an der Tatsache festhalten, dass der Staat ein Ausdruck und ein Instrument der Klassenherrschaft ist, dann ist es offensichtlich, dass seine Existenz nicht nur als eine Reihe von bestimmten Strukturen, Institutionen und Behörden gesehen werden kann, d.h. Polizei, Armee, Parlament usw. Diese sind zwar ein wichtiger Teil des Staates, aber wir können ihn nicht auf sie reduzieren. Der Staat ist auch – und vor allem – das Ergebnis bestimmter sozialer Beziehungen. Das bedeutet, dass er auf der Dynamik des VerhĂ€ltnisses zwischen sozialen Klassen und ihrem VerhĂ€ltnis zum Eigentum beruht. Wo also Klassen und Privateigentum erhalten bleiben, gibt es einen Staat. Dies ist, wie bereits oben erwĂ€hnt, in Rojava der Fall. In einigen Gebieten von Rojava bedient sich der Staat lediglich der Volksvollversammlungen anstelle des Parlaments, und die politische Agenda des Staates wird auf dezentralere, weniger bĂŒrokratische Weise umgesetzt.

Internationalismus

„Die Revolution ist nicht sicher und Rojava braucht den starken Geist auslĂ€ndischer RevolutionĂ€re, die hier vor Ort ihre UnterstĂŒtzung geben. Es reicht nicht aus, ein paar symbolische Gesten zu machen. Wenn ihr RevolutionĂ€re seid, dann hört auf mit euren scherzhaften Ausreden, ihr habt etwas zu tun“, schrieb einer der Akteure aus Rojava.6

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Aufruf eigentlich besagt, dass RevolutionĂ€r sein bedeutet, die Vision einer sozialen Revolution als globalen Prozess aufzugeben und sich an die Idee der Revolution in einem Land zu klammern. Das heißt, an der Vorstellung festzuhalten, dass die Revolution ein lokal isoliertes Ereignis ist, das in einer Region stattfindet, in die sich alle RevolutionĂ€re begeben mĂŒssen, um sie erfolgreich zu vollenden.

RevolutionĂ€rer Internationalismus ist das Gegenteil eines solchen Konzepts, d.h. das Bestreben, die revolutionĂ€ren KrĂ€fte nicht an einem Ort zu konzentrieren, sondern ĂŒber die ganze Welt zu verteilen, denn der Kapitalismus ist ein globales System, das nicht auf lokaler Ebene besiegt werden kann, sondern nur durch einen Angriff der globalen Kampfgemeinschaft. Ein koordinierter Angriff von vielen Orten aus zur gleichen Zeit, nicht erst „dort“ und dann „woanders“.

„Wo sind denn all die qualifizierten Leute? Wir brauchen keine SolidaritĂ€tsbekundungen oder Hilfe von außen. Wir brauchen Leute hier vor Ort. Wir brauchen Leute, die unterrichten, Projekte starten und leiten und echte Lösungen anbieten können“, fordert uns ein Anarchist aus Rojava auf. Und um das Konzept der Revolution als ein rĂ€umlich isoliertes, lokales Ereignis zu unterstreichen, fĂŒgt er hinzu: „Von außen kann man nichts tun, was wirklich effektiv ist.“

Das heißt also, dass man nur in Rojava ein RevolutionĂ€r sein kann, der an einer revolutionĂ€ren AktivitĂ€t teilnimmt? Dort ist er „innerhalb“ einer revolutionĂ€ren AktivitĂ€t, ĂŒberall sonst ist er „außerhalb“ und seine AktivitĂ€t ist unbedeutend, unwirksam und nicht revolutionĂ€r? Es ist ziemlich schockierend, solch einen Elitismus und eine Entfremdung von einer internationalistischen Perspektive von einem Anarchisten zu hören. GlĂŒcklicherweise sind nicht alle Anarchisten so. Es lohnt sich, daran zu erinnern, was der kĂŒrzlich verstorbene Stuart Christie7 in seinem Text „Brothers in Arms“ ĂŒber den Spanischen BĂŒrgerkrieg schrieb:

„Im Gegensatz zur Komintern hat die anarchistische Internationale, die IAA, keine zentrale Rekrutierungskampagne durchgefĂŒhrt. Die CNT-FAI [
] lehnte die Rekrutierung von AuslĂ€ndern in ihre Milizen ab – mit Ausnahme von staatenlosen FlĂŒchtlingsfreiwilligen wie Italienern und Deutschen – und zog es stattdessen vor, dass die GefĂ€hrten ihre SolidaritĂ€t zeigten und den revolutionĂ€ren Charakter des Spanischen BĂŒrgerkriegs durch Aktionen und politischen und industriellen Druck im eigenen Land verteidigten.“8

Diese anarchistische Haltung ist sehr viel sympathischer. Übertragen auf die heutige Situation bedeutet das: Wenn die revolutionĂ€ren Tendenzen in Rojava gestĂ€rkt und die konterrevolutionĂ€ren ĂŒberrollt werden sollen, ist es notwendig, dass der Kampf der revolutionĂ€ren KrĂ€fte nicht nur dort, sondern auch in anderen Teilen der Welt intensiviert wird. Streiks, Krawall, Besetzungen, Blockaden, Sabotagen, Aneignung von Ressourcen, Bildung und Aufbau einer Kampfinfrastruktur. All dies findet in verschiedenen Teilen der Welt statt. Aus der Perspektive des revolutionĂ€ren Internationalismus betrachtet, sind dies alles AktivitĂ€ten, die nicht von den sich manifestierenden militanten Tendenzen in Rojava getrennt werden können. Ebenso können die AktivitĂ€ten der Rojava-RevolutionĂ€re nicht als etwas wahrgenommen werden, das separat und ohne Verbindung zu den proletarischen KĂ€mpfen in anderen Teilen der Welt stattfindet. In diesem Sinne gibt es den Gegensatz zwischen „innen und außen“ nicht wirklich. Es ist eine falsche Trennung, die die Dinge verkompliziert.

Das Terrain des Klassenkampfes ist global, ebenso wie der Kapitalismus. Der offensive Kampf gegen ihn in einer Region ist gleichzeitig eine UnterstĂŒtzung fĂŒr den Kampf, der in anderen Regionen gefĂŒhrt wird. Die Wirksamkeit wird nicht dadurch bestimmt, ob er „innerhalb“ oder „von außen“ einer bestimmten Region gefĂŒhrt wird, sondern welche Formen und Inhalte der Kampf annimmt. In diesem Sinne kann zum Beispiel ein Kampf, der die ProduktionssphĂ€re in tschechischen RĂŒstungsbetrieben oder Dienstleistungen an FlughĂ€fen (oder anderen Unternehmen, die die tĂŒrkische Armee und Ökonomie unterstĂŒtzen) betrifft, effektiver sein und eine positivere Auswirkung auf Rojava haben, als wenn sich Proletarier mit der kurdischen Bourgeoisie in einer Vollversammlung von Kommunen verbrĂŒdern, um den Handel zwischen Genossenschaften und Privatunternehmern zu organisieren.

TekoƟüna AnarƟüst beklagte in einem Interview im Juli 2020: „Eine große Anzahl von Internationalisten, die nach Rojava kommen, beteiligen sich einige Monate lang an der Verteidigung der Revolution und kehren dann in ihr altes Leben zurĂŒck. Ist es das, was wir wollen? Ist das unsere Vorstellung von internationalistischer SolidaritĂ€t? Nein, wir wollen etwas anderes.“

Nach Ansicht dieser Militanten bedeutet revolutionĂ€re AktivitĂ€t also, die eigene Wohnung und das eigene Leben zugunsten einer gemeinsamen Sache aufzugeben? Bedeutet die RĂŒckkehr nach Hause zwangslĂ€ufig das Ende der revolutionĂ€ren Initiative? Diese Klage ĂŒber die RĂŒckkehr in ihr Leben ist also ein offenes EingestĂ€ndnis, dass die Ereignisse in Rojava die vollstĂ€ndige Aufgabe des eigenen Lebens erfordern? Wenn dem so ist, haben einige RevolutionĂ€re offenbar viel mit religiösen Fundamentalisten gemeinsam.

Es gibt viele FĂ€lle, in denen die Ausreise nach Rojava das Leben der Menschen wirklich verĂ€ndert hat. Allerdings nicht nur positiv, z. B. durch den Gewinn wertvoller Erfahrungen und Inspiration, sondern auch negativ, z. B. durch die VerkrĂŒppelung der Beziehungen zu den Angehörigen an den Orten, von denen sie nach Rojava gingen. Hinter den erfreulichen Worten ĂŒber die Gemeinschaft, den Gemeinschaftsgeist und die SolidaritĂ€t in Rojava steht auch eine Entfremdung, die außerhalb dieser Region verstĂ€rkt wird. Auch dies ist eine traurige RealitĂ€t, die es zu reflektieren gilt.

Möglichkeiten der Kritik

Zum positiven Teil der Rojava-RealitĂ€t gehört auch TekmĂźl. Ein Ritual, das konstruktiv mit Kritik, Selbstkritik und Reflexion arbeitet. Gegenseitige Kritik wird als Verbesserung der kollektiven Praxis verstanden. Doch auch dieser ritualisierte Prozess hat seine TĂŒcken. Manchmal scheint es, als sei er nur fĂŒr diejenigen gedacht, die sich in kurdische Gemeinschaften integrieren. Wenn freundliche Kritik von Menschen außerhalb dieser Gemeinschaften geĂ€ußert wird, wird sie nicht als konstruktiver Beitrag zur Diskussion betrachtet, sondern automatisch als Ausdruck von Arroganz. Der kommunistische Theoretiker Gilles DauvĂ© hat zusammen mit einem anderen Autor eine interessante kritische Reflexion geschrieben9, die als sachliche Analyse und nicht als feindseliger Angriff betrachtet werden kann. Gleichwohl gab es viel Ärger und VorwĂŒrfe der Arroganz und der paternalistischen Überlegenheit, die ihnen entgegenschlugen. Warum eigentlich? DĂŒrfen nur diejenigen Kritik ĂŒben, die jeden Morgen gemeinsam mit kurdischen Militanten frĂŒhstĂŒcken und dann gemeinsame Gemeinschaftsprojekte in Angriff nehmen? MĂŒssen die anderen entweder unkritisch alles hinnehmen oder ihre Kritik Ă€ußern und sich das Etikett der respektlosen Überheblichen gefallen lassen? Die Dinge sind nicht schwarz-weiß. Es gibt nicht nur rĂŒcksichtsvollen Respekt auf der einen Seite und schonungslose Kritik auf der anderen. Es gibt auch Positionen, die irgendwo dazwischen liegen. Es ist möglich, Kritik an bestimmten Fehlern und WidersprĂŒchen zu Ă€ußern, dies aber in einer rĂŒcksichtsvollen Weise, die die unterschiedliche Selbstbestimmung der kritisierten Personen respektiert. Genau das versuchen sowohl Gilles DauvĂ© als auch dieser Text zu tun.

Die Reaktionen, die oft auf die Kritik an einigen Teilen der RealitĂ€t in Rojava folgen, Ă€hneln sehr der Situation in der Tschechischen Republik, wo bestimmte Kreise von Aktivisten die gleiche Argumentation verwenden, wenn sie mit der Kritik an der Haltung von Proletariern mit Roma-Herkunft im Rahmen von KĂ€mpfen gegen UnterdrĂŒckung konfrontiert werden. Damit meinen wir zum Beispiel die Kritik an ihren patriarchalischen AusdrĂŒcken, an der Hierarchie und am Gehorsam gegenĂŒber den Roma-Bossen oder auch an solchen Dingen wie dem Wegwerfen von eintĂ€gigen Lebensmitteln. All diese Muster werden durch die kulturellen BrĂ€uche der Roma verteidigt, die respektiert werden mĂŒssen. Und diejenigen, die sie nicht respektieren, werden als arrogante Überhebliche bezeichnet, die die Selbstbestimmung der Roma nicht respektieren und den Roma ein dominantes Modell der Mehrheit aufzwingen wollen.

Wenn man unter Respekt die grenzenlose Toleranz gegenĂŒber allem versteht, was als kulturelle Tradition oder lokale Selbstbestimmung gekennzeichnet ist, könnte man so weit gehen, kannibalistische Praktiken und Hinrichtungen durch Steinigung in einigen Gemeinschaften oder nationalchauvinistische Traditionen, die sich in der tschechischen Mehrheit manifestieren, zu respektieren. Der Respekt vor unterschiedlichen kulturellen BrĂ€uchen ist angebracht, aber er muss gewisse Grenzen haben, sonst kann der Verweis auf kulturelle Traditionen leicht zu einem Instrument der Manipulation bei der Verteidigung des Unhaltbaren werden.

Wenn dieser Text eine Kritik an den Besonderheiten der Ereignisse in Rojava zum Ausdruck bringt, so geschieht dies mit Respekt vor vielen kulturellen Traditionen der Gemeinschaft in Rojava, die sich sicherlich sehr von dem unterscheiden, was wir auf kultureller Ebene im lokalen Kontext praktizieren. Kritik muss nicht gleichbedeutend mit RĂŒcksichtslosigkeit sein, genauso wie Respekt nicht bedeutet, alles zu akzeptieren, was der andere sagt und tut.

So wie dieser Text kritische Anmerkungen zu einigen Schritten der RevolutionĂ€re in Rojava enthĂ€lt, wĂ€re es schön, die gleichen kritischen Antworten aus Rojava hier auf dem Gebiet der sogenannten Tschechischen Republik zu erhalten. Die revolutionĂ€re Bewegung ist internationalistisch, also muss die Kritik der GefĂ€hrten in alle Richtungen fließen, um ein konstruktiver Teil des Prozesses der Schaffung einer gemeinsamen Theorie und Praxis zu sein. Wenn wir die soziale Revolution als einen globalen Prozess begreifen, hat jeder, der sie anstrebt, etwas dazu zu sagen, was manchmal natĂŒrlich bedeutet, GefĂ€hrten zu kritisieren, die in einem anderen Teil der Welt tĂ€tig sind.

Die internationale Brigade TekoƟüna AnarƟüst sagte in einem Interview: „Nachdem wir einige Jahre hier gearbeitet haben, haben wir gute und auch schlechte Seiten der Revolution gesehen, und unser Engagement mit ihr basiert auf einem Rahmen von Internationalismus und kritischer SolidaritĂ€t.“ Wenn dies tatsĂ€chlich der Fall ist, könnte es nicht schaden, in der Flut der Aufrufe zur UnterstĂŒtzung von Rojava auch mehr kritische Stimmen zu sehen. Wenn es um eine kritische UnterstĂŒtzung geht, nicht um eine bedingungslose, unkritische, unbegrenzte.

„Die Praxis von TekmĂźl, Plattform, Kritik und Selbstkritik, leiten uns in unserem Wachstum und unserer Entwicklung als RevolutionĂ€re“, sagt TekoƟüna AnarƟüst. Wenn diese Worte aufrichtig sind und wenn sich die Menschen, die sich mit dem Kampf in Rojava solidarisieren, damit identifizieren, werden sie diesen Text sicherlich mit Begeisterung als Chance fĂŒr Entwicklung und Wachstum annehmen. Andernfalls bedeutet dies, dass Worte und Taten nicht immer im Einklang stehen und dass wir weiterhin nach diesem Einklang suchen mĂŒssen.

Anmerkung zur Autorenschaft: Es ist uns ein großes Anliegen, unsere Energie nicht mit Spekulationen darĂŒber zu verschwenden, wer diesen Text geschrieben hat, sondern sie vielmehr dafĂŒr zu verwenden, den Inhalt des Textes zu analysieren, darĂŒber zu diskutieren und praktische Schlussfolgerungen zu ziehen. RĂŒckmeldungen sind unter lokomotiva1@riseup.net willkommen.





Quelle: Panopticon.blackblogs.org