Januar 5, 2022
Von Paradox-A
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zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blÀttle.ch

Insbesondere im deutschsprachigen Raum ist die Anarchismusforschung bekanntlich nicht besonders ausgeprĂ€gt. Passend zur SchwĂ€che der anarchistischen Szene, könnte man meinen. Dabei ist das Wissen um die Geschichte der eigenen Strömung wirklich wichtig, um sich selbst in dieser verorten zu können – und um von Fehlern und Erfolgen zu lernen. Wenngleich die Arbeit der anarchistischen Geschichtspflege zumeist von verschrobenen Ă€lteren KĂ€fersammlern betrieben wird, sind mir auch schon einzeln jĂŒngere Frauen begegnet, die ein Faible dafĂŒr haben. Vielleicht spiegelt sich auch darin der Zeitpunkt, an dem GĂŒnther Bartsch beim Verfassen seines dreiteiligen Doppelbands seinerzeit (1972 und 1973) stand: NĂ€mlich an der Wende der zwei ganz verschiedenen Welten der wenigen, verbliebenen „Altanarchisten“, die den NS-Faschismus ĂŒberlebt hatten, zu den „Anarchos“, die sich in Anschluss an die 68er-Bewegung zusammen fanden.

Bartsch unterscheidet fĂŒnf grundlegende Strömungen im deutschsprachigen Anarchismus. Den Individual-Anarchismus, Sozial-Anarchismus, Anarcho-Kommunismus, Anarcho-Syndikalismus und Anarcho-Liberalismus. Den zweiten, „Sozial-Anarchismus“, dessen bekanntester Protagonist Gustav Landauer ist, wĂŒrde ich heute passender als „kommunitĂ€ren Anarchismus“ bezeichnen. Die letzte Strömung, die sich unter anderen auf Silvio Gesell und Werner Zimmermann mit deren „Freiwirtschaftslehre“ bezieht, sehe ich heute eigentlich nicht mehr als vorhanden im Anarchismus an. Einerseits ging sie in die Esoterik ĂŒber, andererseits wurde sie eher von mutualistischen AnsĂ€tzen aufgenommen, in denen regionale WirtschaftskreislĂ€ufe und dergleichen durchaus eine Rolle spielen.

Im ersten Band geht Bartsch von drei Phasen des Anarchismus der Nachkriegszeit aus. Entgegen einiger Annahmen kam es nĂ€mlich zu einer Wiederbelebung des Anarchismus zwischen 1945 und 1949, da auch die stalinisierter UdSSR schon hinreichend diskreditiert war. ZunĂ€chst bestand die große Aufgabe vor allem darin, die verstreuten ĂŒberlebenden Genoss*innen zu suchen, anzuschreiben und zu versammeln. Darauf aufbauend, mussten anarchistische Positionen festgehalten und fĂŒr die neue geopolitische und gesellschaftliche Situation, weiterentwickelt werden. Eine herausragende Rolle spielten dabei die „Informationsstelle“ in Zwickau, die „Föderation freiheitlicher Sozialisten“ mit ihrem Sitz in Darmstadt, die „Gilde freiheitlicher BĂŒcherfreunde“ in Bremen und Frankfurt am Main die „Internationalen Sozialisten“ in Berlin und die „Föderation freier Sozialisten und Antimilitaristen“ in Hamburg. Diese und einige weitere Gruppen verfĂŒgten ĂŒber eigene Rundbriefe, aus denen spĂ€ter u.a. die Zeitung „Befreiung“ hervor ging.

Die zweite Phase datiert Bartsch zwischen 1950 und 1959. Er kennzeichnet sie durch Versuche fortwĂ€hrender Reorganisation und der Schaffung einer deutschsprachigen Föderation – die aber gesamt gesehen scheiterten und daraufhin offenbarten, dass die Szene bereits in einem Zustand der Stagnation angekommen war. Neben fatalen inneren Streitigkeiten, scheint es auch der Fall gewesen zu sein, dass der Anarchismus theoretisch den raschen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht recht folgen konnte. Zudem konnte das SpannungsverhĂ€ltnis zwischen „Altanarchisten“ und „Anarchos“ offenbar nie ĂŒberwunden werden. So fand in der dritten Phase von 1960 bis 1965 ein kontinuierlicher Niedergang statt, in welchem sich die RichtungskĂ€mpfe verstĂ€rkten und Publikationen eingestellt wurden. Eine plausible Feststellung trifft Bartsch auch darin, dass der Anarchismus grĂ¶ĂŸtenteils nicht als „linksradikal“ bezeichnet werden kann.

In gewisser Weise schließen dann der zweite und dritte Band (die aber in einem Buch vereint sind), dann mit einer vierten Phase an. Und hierbei betrachtet Bartsch verstĂ€ndlicherweise insbesondere die Entwicklungen der 68er-Bewegung. Spannend ist, dass er den Aktiven des SDS und auch anderen AntiautoritĂ€ren eine (neuartige) „anarchoide Tendenz“ attestiert. In gewisser Hinsicht könnte als von einem intuitiven Anarchismus gesprochen werden, der neben seinem Rebellentum auch einen Drang nach persönlicher Befreiung und kultureller VerĂ€nderungen zum Ausdruck bringt. Bekanntermaßen zerfiel die kurzlebigen, aber starken und wirkmĂ€chtigen ZusammenhĂ€nge der antiautoritĂ€ren Achtundsechziger.

Und zwar darin, was spĂ€ter als sechs „Scherben“ bezeichnet wurde: 1. Die Maoist*innen, welche zwar die UdSSR und DDR kritisiert, aber darĂŒber hinaus eine eminent autoritĂ€re Wende vollzogen; 2. eine trotzkistische Scherbe, die fĂŒr eine internationale politische Revolution auch in den sozialistischen Staaten eintraten; 3. in eine „autonom sozialistische“ oder auch „linkssozialistische“ Strömung, die radikaler als die DKP stand, sich außerhalb von ihr organisierte und zudem Arbeiter*innen-Selbstverwaltung propagierte; 4. in eine anarchistische Strömung mit starker Kommunebewegung und subkultureller AusprĂ€gung (welche es zuvor nicht gab!); 5. in eine rĂ€tekommunistische Scherbe und schließlich 6. in eine „autonom-kommunistische“ Scherbe, die sich multinational zusammensetzte und sich von sozialistischen Staaten distanzierte (Bartsch 1973: 54).

Spannend in der Verworrenheit und Verwobenheit der verschiedenen mehr oder weniger antiautoritĂ€ren Strömungen und StrĂ€nge ist die Reetablierung einer anarchistischen Strömung, welche einerseits nicht einfach an den klassischen Anarchismus der Vorkriegszeit anknĂŒpfen konnte (und wollte) und andererseits Abgrenzungsmerkmale gegenĂŒber anderen „antiautoritĂ€ren“ Gruppierungen benötigte, um sich formieren zu können. Vermutlich wechselten einzelne Aktive alle halbe Jahre ihre Weltanschauung und Gruppen, aufgrund der vielfĂ€ltigen Angebote. Ob dabei immer die jeweilige Ideologie ĂŒberzeugend war und nicht möglicherweise die Stile und Partys der Gruppen, kann nur gemutmaßt werden. Jedenfalls widmet Bartsch diesen Entwicklungen einige Abschnitte (Bartsch 1973: 43-69), bevor er auf die Herausbildung des „Neuen Anarchismus“ mit seinen entsprechenden bekannten Gruppen und Publikationen eingeht (Ebd.: 70-122). Doch auch der „alte Anarchismus“ kam phasenweise zu neuem Leben. Ein Moment, wo beide zusammen kamen, war die internationale anarchistische Konferenz in Carrara 1968. Ein wichtiges „Pfingsttreffen“ gab es 1970 in Hamburg, auf welchem unter anderem mal wieder die „Gewaltfrage“ diskutiert wurde. Daraus hervor ging unter anderem das Heftchen „Anarcho-Info“. 1971 kam es zum einem „Kronstadt-Kongress“ an der TU in Berlin, auf welchem nicht zu sparsam mit den politischen Konkurrent*innen ins Gericht gegangen wurde.

Was die Zusammensetzung der Anarcho-Gruppen angeht, geht aus einer Umfrage von 1972 hervor, dass ihr Durchschnittsalter bei 21 Jahren liegt. Erschreckenderweise waren nur 1 von 6 Mitglieder Frauen. „Übrigens haben wir selbst feststellen können, daß es in zahlreichen Anarcho-Gruppen auffallend viele PĂ€rchen gibt. Beispielsweise in einer Kölner gleich sechs. Aus der Beantwortung von Fragen, die das KoordinationsbĂŒro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung. Die Anarchos waren im Oktober 1972: 78 28% SchĂŒler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter und zu 7% Angestellte und Freiberufliche“ (Ebd.: 214). Tja, wer Teil einer Jugendbewegung sein wollte, war dort zu dieser Zeit offenbar ganz richtig. Zumindest als junger Mann.

Optimistisch stimmte, dass es in 55 deutschen StĂ€dten 70 „Anarcho-Gruppen“ gab. Im Durchschnitt bestanden sie aus 10 bis 20 Personen. Manche hatten nur 5, wenige aber auch bis zu 100 Mitgliedern. „Das KoordinationsbĂŒro bezifferte den neuanarchistischen Kaderstamm auf 1000 bis 1500 junge Leute, die von einer großen und kurzfristig mobilisierbaren Sympathisantenmasse umgeben sind“ (Ebd.: 215). Wie sieht es dagegen heute aus? Schwer zu beziffern, vermutlich weiß der Verfassungsschutz da mehr. Die FAU zĂ€hlt 37 Gruppen. Die FdA gibt um die 20 Gruppen an. Sicherlich gibt es einige stabile Bezugsgruppen, die sich als anarchistisch verstehen, ohne damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ansonsten verstehen sich einige Haufen von Autonomen so. DarĂŒber hinaus bleibt es jedoch Definitionssache, welche Gruppen als anarchistisch gelten können – und ob man das an der Selbstbezeichnung, einem gewissen inhaltlichen Reflexionsgrad oder vor allem an den Praktiken festmacht


Wie auch immer, Bartschs Buch war einst brandaktuell, hat heute aber seine 50 Jahren auf dem Buckel und stellt also eher ein Andenken dar. Wichtig ist auch, dass der Autor zahlreiche AuszĂŒge aus anarchistischen Zeitungen sowie Bilder von Plakaten abdrucken lĂ€sst und Einsicht in einige Briefwechsel hatte – etwas, was fĂŒr die heute Recherche sicherlich unvorstellbar ist, selbst wenn die Autor*in gut vernetzt und anerkannt in der Szene ist. Zu guter Letzt sind Bartschs BĂŒcher von zeitgeschichtlicher Bedeutung, in dem sie den recht kurzen Abschnitt von 28 Jahren in den Blick nehmen – und damit ein Beitrag zum SelbstverstĂ€ndnis von Anarchist*innen bilden. Diese Darstellung gelingt ihm nur, weil er neben dem Sammeln und Anordnen von Dokumenten auch ein theoretisches VerstĂ€ndnis des Anarchismus hat.

So schreibt er einleitend: „Der Anarchismus ist eine soziale, aber antipolitische, antiparteiliche und anationale Bewegung, die sich primĂ€r die Aufhebung des Staates und seine Ersetzung durch eine vielförmige Föderation zum Ziel gesetzt hat, deren Modell die anarchistische Organisationsform sein soll. Man könnte den Anarchismus auch ganz kurz als antiautoritĂ€re Bewegung bezeichnen. Das wĂŒrde jedoch gerade heute zu oberflĂ€chlichen Gleichsetzungen fĂŒhren“ (Bartsch 1972: 13). Insbesondere das zweite Charakteristikum ist bedeutend. Der Anarchismus stelle „eine soziale, aber keine politische Bewegung“ dar, was aus seiner prinzipiellen Staatsfeindlichkeit hervorgehe: „Er kĂ€mpft nicht um die Macht, weil er sie fĂŒr verderblich hĂ€lt. Macht ist das entscheidende Mittel jener Herrschaft von Menschen ĂŒber Menschen, die er unmöglich machen will. Da sie stets im Ergebnis politischer KĂ€mpfe errungen wird, kann sie nach Überzeugung der Anarchisten durch Politik nicht abgebaut, sondern höchstens in ihrer Form verĂ€ndert werden. So kam es zur Antipolitik, die eine Schöpfung des Anarchismus ist“ (Ebd.: 12).

Bartsch, GĂŒnther, Anarchismus in Deutschland 1945-1965, Bd. 1, Hannover 1972.

Bartsch, GĂŒnther, Anarchismus in Deutschland 1945-1965, Bd. 2/3, Hannover 1973.




Quelle: Paradox-a.de