Dezember 28, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Ernst Kovahl
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Kirche

Im reaktionÀren Erfurter »St. Georgs-Orden« kommen evangelische KirchenfunktionÀre, Politik und »Neue Rechte« zusammen. Der Gegner: die Ideale der Französischen Revolution von 1798.

»Auf dem Weg zum Gottesdienst durfte nicht gesprochen werden. Wir standen (
) schweigend im fahlen Licht, das flackernde Kerzen ĂŒber KirchenbĂ€nke und WĂ€nde warfen. Dann setzten die feierlichen KlĂ€nge von Mozarts â€čAve verum corpusâ€ș ein, und OrdensbrĂŒder im schwarzen Ornat schritten an uns vorbei zum Chor, wo sie betend niederknieten. Kaum zu glauben, schoß es mir durch den Kopf, als ich das silberne Ordensschwert im Kerzenschein blitzen sah, daß ich mich hier in einem protestantischen Gotteshaus mitten in ThĂŒringen befinde, als Gast einer evangelischen Bruderschaft!« Heimo Schwilk, der Autor neu-rechter Werke der frĂŒhen 1990er Jahre, war offenbar beeindruckt, als er 2005 in der Zeitung Welt am Sonntag ĂŒber eine Veranstaltung der »Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden« berichtete, die ansonsten eher im Stillen wirkt.

2018 erhielt der Orden – seine Mitglieder ausschließlich MĂ€nner – verstĂ€rkt Aufmerksamkeit in der bundesweiten Presse. Denn ihr fĂŒhrendes Mitglied Ulrich Schacht – in den 1990er Jahren Autor wichtiger Werke der »Neuen Rechten« – war im September des Jahres verstorben. Die Feuilletons widmeten ihm Nachrufe, da seine Werke auch in seriösen Verlagen, zum Beispiel im Berliner »Aufbau Verlag« oder bei »Matthes & Seitz«, erschienen. Der Literaturbetrieb ĂŒberhĂ€ufte ihn zu Lebzeiten mit Preisen fĂŒr seine kulturpessimistische Lyrik.

Die »SĂŒddeutsche Zeitung« schrieb in ihrem Nachruf, er sei einst gegen die »Weltverfallenheit« der heutigen Kirche als »Bruder Wismar« in den konservativen »St. Georgs-Orden« »geflĂŒchtet«. Der agiert meist hinter dicken Klostermauern in Erfurt, dort, wo einst Martin Luther tĂ€tig war, und druckt seine theologischen und politischen Texte in BĂŒchern religiöser Verlage. In den Institutionen der Evangelischen Kirche Ostdeutschlands hat sich zwischen Kirche, CDU-dominierten Verwaltungen und konservativer Politik ein reaktionĂ€res Netzwerk entwickelt. Dieses stĂŒtzt sich – abseits der Blicke der Bundespolitik oder kritischer Presse – auf konservative und rechte DDR –Oppositionelle und ist mit dem Argument der erlittenen Verfolgung in der DDR vor öffentlicher Kritik geschĂŒtzt.

Neu-rechter Star-Autor

1987 war der inhaftierte Oppositionelle Schacht, der in der DDR Theologie studierte, von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft worden und fand im Westen schnell Anschluss an konservative Kreise. Er schrieb unter anderem fĂŒr die Zeitungen Welt und Welt am Sonntag – und spĂ€ter fĂŒr die neu-rechte »Junge Freiheit« (JF). In der neuen Heimat habe er einen »Zweifrontenkrieg« gefĂŒhrt, schreibt die SĂŒddeutsche Zeitung: Gegen die DDR und gegen »das sich als ‚linksliberal‘ verstehende Milieu der alten Bundesrepublik«. Diesen Kampf fĂŒhrte er auch in der vom ihm und anderen Personen ostdeutscher Kirchenkreise 1987 gegrĂŒndeten »Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden«, deren Arbeit er als Leiter (»Großkomtur«) entscheidend prĂ€gte. Die Organisation hat heute ihren Sitz im Augustinerkloster in Erfurt, das zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gehört. Dort veranstaltet er Tagungen und publiziert die VortrĂ€ge in einer Buchreihe. 2014 erkannte die EKM den Orden mit damals etwa 20 Mitgliedern als »KommunitĂ€t« als offiziellen Teil der Kirche an.

Zum Orden gehört der einst in Hagenow und heute in Erfurt registrierte Verein »Bonhoeffer-Haus e.V.«, dessen stellvertretender Vorsitzender der frĂŒhere Star-Autor der »Neuen Rechten« Schacht bis zu seinem Tod war. In Schachts Todesanzeige von 2018, die in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« veröffentlicht wurde, fand sich ein Who-is-Who der deutschen Rechten, was seine anhaltende Bedeutung fĂŒr dieses Spektrum klar macht. Unter den Unterzeichner*innen waren beispielsweise Michael Klonovsky, Dieter Stein, GĂŒnter Zehm, Matthias Mattusek, Heimo Schwilk, Siegmar Faust und Vera Lengsfeld. Auch die BlĂ€tter der deutschen Rechten wĂŒrdigten Schacht als einen der ihren und betonten seine Leistungen fĂŒr das Spektrum der reaktionĂ€ren und »Neuen Rechten« – von »Cato« und »Tumult« ĂŒber die JF bis hin zur »Preußischen Allgemeinen Zeitung«. Schacht hatte im ersten Aufschwung der »Neuen Rechten« in den 1990er Jahren gemeinsam mit Schwilk zwei Standardwerke der Szene herausgegeben: 1994 den Sammelband »Die selbstbewußte Nation« und 1997 dann »FĂŒr eine Berliner Republik. Streitschriften, Reden und Essays nach 1989«. Als Kandidat fĂŒr den »Bund freier BĂŒrger« unterstĂŒtzte er parteipolitische Versuche, eine Rechtspartei zu etablieren.

NĂ€he zur radikalen Rechten

In der radikalen Rechten wird die Arbeit des Ordens mit Interesse verfolgt. So berichtete die neu-rechte Online-Publikation »Blaue Narzisse« 2009 ĂŒber den damaligen Konvent des Ordens und die Wochenzeitung »Junge Freiheit« veröffentlichte im November 2012 anlĂ€sslich des 25. GrĂŒndungsjubilĂ€ums ein ausfĂŒhrliches PortrĂ€t und lobte das Ziel des Ordens, das Christentum in der sĂ€kularen Gesellschaft und gegenĂŒber einer als links oder linksliberal verstandenen Kirche »entschieden und streitbar« zu leben. Man wollte als »geistig-geistliche Gemeinschaft ritterlicher Tradition« an widerstĂ€ndige Traditionen in der DDR und des »Deutschen Ordens« anknĂŒpfen. Die »Bruderschaft« wolle »missionarisch im intellektuellen Diskurs wirken«, teilte die EKM 2014 nach der Anerkennung der Struktur mit. Die Kirche hoffte, dass sich der Orden »in das Leben unserer Kirche einbringen und es bereichern« werde.

2005 widmete sich das Symposium des Ordens dem rechtsradikalen Philosophen GĂŒnter Zehm, der als Dauerkolumnist fĂŒr die JF schrieb und auch selbst bei der Veranstaltung unter dem Dach der Evangelischen Kirche in ThĂŒringen referierte. Und im Oktober 2020 trat in der Vortragsreihe »Bonhoeffer-Studienkreis« des Ordens Harald Seubert auf, ehemaliger PrĂ€sident des rechten »Studienzentrum Weikersheim« und Autor neu-rechter Publikationen. Moderiert wurde die anschließende Diskussion vom Mitglied und »Spiritual« des Ordens Christian Dietrich, Unterzeichner des 2016 von der JF initiieren »Appell fĂŒr die Pressefreiheit« und bis 2018 Stasi-Beauftragte ThĂŒringens. Weitere Mitglieder der Bruderschaft sind unter anderem der »Ordenskanzler« Axel Große, der – so berichtete die JF – aufgrund »der vornehmlich linken Einstellung« in einer Studentengemeinde mit dem Glauben gebrochen und schließlich ĂŒber den Orden wieder zurĂŒckgefunden habe. Insgesamt lĂ€sst sich eine große NĂ€he zu der neu-rechten Wochenzeitung unter den Mitgliedern feststellen. So unterschrieb auch der »Erste Landkomtur« des Ordens, JĂŒrgen K. Hultenreich, den »Appell fĂŒr die Pressefreiheit« fĂŒr die JF, ebenso wie das frĂŒhere Vorstandsmitglied des Orden-TrĂ€gervereins Dirk Jungnickel. Und das verstorbene Mitglied Werner Pfeiffer war lange Jahre Autor der Zeitung.

Gegen die Französische Revolution

Das Ordens-Mitglied Peter Voß erzĂ€hlte 2013 der Welt am Sonntag, es gehe der Bruderschaft um das »aristokratische Prinzip« und um die Schaffung einer neuen »Aristokratie des Geistes« in einer Gesellschaft von »geistlichen und geistigen VerwĂŒstungen, die der gottfeindliche Kommunismus und der gottvergessene Kapitalismus angerichtet haben und anrichten« – klassisch reaktionĂ€res Denken also.

2009 berichtete die JF ausfĂŒhrlich ĂŒber den 36. Ordens-Konvent »Geist und Revolution. Geschichtstheologische Fragen an die gesellschaftlichen UmbrĂŒche von 1789 und 1989«. Dort stellte Schacht die »Deutsche Revolution« von 1989 in den »erklĂ€rten Gegensatz zur â€čFranzösischen Revolutionâ€ș von 1789« und als deren »monströse Fortsetzung« die russische Revolution von 1917 dar. WĂ€hrend es 1798 um den »neuen Menschen« als »herstellbares Produkt menschlicher Vernunft« gegangen sei, habe man sich 1989 »unter dem Kreuz Christi« gesammelt. Auch der neu-rechte Philosoph Seubert kritisierte einen »antichristlichen Charakter der Französischen Revolution«, wie die JF schrieb. Die BeitrĂ€ge der Tagung wurden in einem Sammelband »1989 contra 1789« zusammengefasst. Im Vorwort ziehen Schacht und Seidel eine scheinbar direkte Linie von der französischen Revolution ĂŒber die russische Revolution zum NS-Volksgerichtshof und prĂ€sentieren den Mauerfall von 1989 als »friedliche Revolution« gegen die »blutige von 1789«. Freiheit, Gleichheit und SolidaritĂ€t – also die Ziele der französischen Revolution – werden ganz im Geiste der reaktionĂ€ren Haltung in ihr Gegenteil umgedeutet. Schacht und Seubert untermauerten mit ihren BeitrĂ€gen das offenbare Ziel des Ordens: Die Wiedererrichtung einer ewigen, göttlichen Ordnung durch die Überwindung von 1789.

Einfluss

Zu den Veranstaltungen werden regelmĂ€ĂŸig auch prominente Personen eingeladen. So referierten beispielsweise zum 25. OrdensjubilĂ€um der Rektor der UniversitĂ€t Jena Klaus Dicke und 2016 der frĂŒhere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio. Den politischen und gesellschaftlichen Einfluss des Ordens kennzeichnet aber auch die Person von Thomas A. Seidel, der seit Jahren an der Seite von Schacht die Organisation fĂŒhrte. Seit 2019 ist er nun Leiter (»Großkomtur«) der Bruderschaft. Der Oberkirchenrat ist eine einflussreiche Person in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Der frĂŒhere Beauftragte der Kirche beim ThĂŒringer Landtag und der Landesregierung war 2017/2018 Beauftragter der Landesregierung zur Vorbereitung des prestigetrĂ€chtigen ReformationsjubilĂ€ums Luther 2017.

Bisher störte sich niemand an der TĂ€tigkeit des Ordens unter dem Dach der Kirche oder an der Person Seidel, der an der Seite des profilierten »Neu-Rechten« und ReaktionĂ€rs Schacht tĂ€tig war. Aus der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands hört man keine Kritik, der Orden ist bis heute offizieller Teil der Kirche. Geld fĂŒr die Arbeit der Bruderschaft kam in der Vergangenheit unter anderem von der Sparkasse MittelthĂŒringen, der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, vom Landeskirchenrat der EKM oder dem Freistaat ThĂŒringen. Dabei hielt Schacht mit seinen Positionen nie hinterm Berg – sei es durch seine Veranstaltungen, seine Texte oder indem er 2018 die »Gemeinsame ErklĂ€rung« gegen »illegale Masseneinwanderung« unterschrieb.




Quelle: Der-rechte-rand.de