November 25, 2020
Von Wildcat
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Brief aus dem Mittleren Westen der USA

In den Medien ist hier nicht viel ĂŒber den erheblichen Widerstand der Arbeiterklasse zu lesen. Bevor das Virus zuschlug, habe ich mich mit einigen Leuten getroffen, die an einer Organisierung bei Amazon arbeiten. Es war einiges in Vorbereitung, jetzt entwickeln sich die PlĂ€ne schnell, wĂ€hrend sich das Virus verbreitet. Die Lage Ă€ndert sich stĂ€ndig. Ich habe mittlerweile erfahren, dass es in den USA einen wichtigen Unterschied gibt zwischen Fulfillment Centers, die Bestellungen bearbeiten, und Verteilzentren (Distribution Centers), die die Pakete zum Endkunden ausliefern. Der Konzern baut(e) viele Verteilzentren im ganzen Land. Amazon scheint den Managern der Verteilzentren mehr Spielraum bei der Personalpolitik zu geben. Die Fulfillment Center sind stĂ€rker automatisiert und werden von der Konzernzentrale strenger ĂŒberwacht. Deshalb organisieren sich eher die Arbeiter in den Verteilzentren, so wie in meinem Stadtteil von Chicago, Pilsen.

Was die Lage der ArbeiterInnen und Proteste angeht, auch da passiert einiges. Einige BeschĂ€ftigte der Chicago Transit Authority protestieren, weil sie ohne SchutzausrĂŒstung Zugwaggons reinigen mĂŒssen und sich dabei anstecken.

Wir haben gerade erfahren, dass US Steel in Gary und an anderen Standorten Hochöfen runtergefahren hat. Das ist eine große Sache! Auch das Ford-Werk ist geschlossen. Die Unternehmer sagen, dass es sich um eine vorĂŒbergehende Stilllegung aufgrund von Störungen in der Lieferkette handelt. Sie verraten nicht, dass es dabei um einen wilden Streik bei einem Zulieferer geht! Jedenfalls haben sie gerade bekannt gegeben, dass die fĂŒr den 30. MĂ€rz geplante Wiedereröffnung verschoben wurde, ohne zu sagen, auf wann.

Mein Sohn arbeitet als Verlader in einem Betrieb im Logistikkomplex Joliet (sĂŒdwestlich von Chicago), wo sie Erdöl und verwandte Produkte umladen, die per Schiff, Bahn und Lastwagen weitertransportiert werden. Er hat mir gerade erzĂ€hlt, dass sie die Belegschaft aufteilen – die eine HĂ€lfte arbeitet zwei Wochen durch, wĂ€hrend die andere zwei Wochen frei hat. Ich denke, dass sie sehr lange Schichten arbeiten. Zudem hat er Bereitschaftsdienst. Er sagte, dass sie derzeit Isopropylalkohol transportieren, ein wichtiger Grundstoff zur Herstellung von Desinfektionsmitteln.

Die Schulen in Illinois, Wisconsin und vielen anderen Bundesstaaten sind geschlossen. Die Eltern kriegen Schwierigkeiten, weil keine Mittel fĂŒr eine Tagesbetreuung zur VerfĂŒgung stehen und es an Einrichtungen fehlt.

Im Allgemeinen haben die USA den Umgang mit der Krise völlig verkackt. Es gibt beĂ€ngstigende GerĂŒchte ĂŒber eine Rationierung der medizinischen Versorgung und die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Gesundheit und Produktion, indem man wieder mehr Leute zum Arbeiten bringt. Wir leben in einer gefĂ€hrlichen Zeit! Im Moment gehen sie hauptsĂ€chlich davon aus, uns alte Leute sterben zu lassen. Wenn es so weitergeht, kann das auf andere Gruppen ausgedehnt werden.

Einwanderer gehören zu den SchwĂ€chsten. Und die Einwanderer an euren [europĂ€ischen] Grenzen haben sehr dĂŒstere Aussichten! In den USA sind die Grenzen geschlossen, die Einwanderer an der SĂŒdgrenze zu Mexiko, die grĂ¶ĂŸtenteils aus Mittelamerika kommen, sind verzweifelt. Aber in letzter Zeit wurde in dieser Hinsicht viel gute Organisationsarbeit geleistet.

Wir fĂŒhren politische Diskussionen am Telefon und ich versuche zu lernen, wie man Zoom, FaceTime, usw. benutzt. Meine Frau und ich wollen versuchen, die Situation in Wisconsin zu ĂŒberdauern, wo wir zumindest im Moment sicherer sind als in der Wohnung in Chicago. Da ich 81 Jahre alt bin, halte ich meinen Kopf unten und versuche mein Bestes, mich nicht anzustecken. Wo wir leben, hĂ€ngt viel vom Tourismus ab, und viele Leute leben den Sommer ĂŒber hier. Wir wissen nicht, wie es im FrĂŒhsommer aussehen wird, aber erstmal sind viele Tourismusangebote abgesagt worden, und die ganze Stadt ist abgeriegelt, mit Ausnahme des LebensmittelgeschĂ€fts, der Post, des FĂ€hrhafens (wir sind auf einer Insel) und der Klinik. Wir wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben, außer fĂŒr die notwendigen EinkĂ€ufe, und uns nicht mit anderen zu treffen.

Bitte bleibt gesund!

Dave, 29. MĂ€rz 2020

Daves Buch Living and Dying on the Factory Floor besprachen wir in Wildcat 104.




Quelle: Wildcat-www.de