November 19, 2020
Von Autonomie Magazin
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Das folgende fĂŒnfteilige Diskussionspapier wurde am Anfang der Corona-Pandemie innerhalb der Assoziation autonomer Gruppen diskutiert. Dort konnte aber kein Konsens darĂŒber gefunden werden, weswegen wir das Papier nun bei uns veröffentlichen, obwohl ein paar wesentliche Aspekte fehlen. Das grĂ¶ĂŸte Manko dĂŒrfte die VerkĂŒrzung des Papiers auf eine mögliche Produktionskrise sein, die Auswirkungen auf das Finanzsystem finden nur am Rande ErwĂ€hnung. Ebenso wird das Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution auf zu einfache Weise betrachtet. Dennoch lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Papier, vor allem, weil es sich umfassend mit der Frage von Sicherheit, Ordnung und Freiheit, der faschistischen Gefahr, als auch mit den falschen Vorstellung mancher Verteilungslinker und den Gefahren durch eine Produktionskrise beschĂ€ftigt, und dazu einen klaren Standpunkt einnimmt. Wer Positionen zu Detailfragen sucht wird hier nicht fĂŒndig werden, vielmehr bietet das Papier klare, allgemeingĂŒltige Standpunkte, aus denen sich Erkenntnisse fĂŒr die Praxis ableiten lassen. Da die Papiere bereits Ă€lter sind haben wir diese, wo nötig, aktualisiert.

Teil I bleibt allgemein, wĂ€hrend es in Teil II explizit um Fragen von Verteilung (von Werten) und Reform geht. Teil III und IV beschĂ€ftigen sich noch einmal ausfĂŒhrlich mit den Themen Sicherheit, Ordnung, Freiheit, Wohlstand und den EinschrĂ€nkungen der Grundrechte. Zum Schluss behandelt Teil V noch einmal die Gefahr die von einer Produktionskrise ausgeht, aber auch die Chancen fĂŒr den Klassenkampf von unten.

Kritiken, Anmerkungen und Beschimpfungen können wie immer gerne an info@autonomie-magazin.org geschickt werden.

Euer Autonomie Magazin


Sicherheit und Wohlstand

Schon im Kapital „Die Freiheit, die ich meine“ wurden die höchst ambivalente Beziehung zwischen Freiheit und Sicherheit angesprochen und wie sie sich gerade im politischen Kontext völlig unterschiedlich darstellen kann. Das reziproke VerhĂ€ltnis drĂŒckt sich direkt aus durch die bereits erwĂ€hnte Parole “Freiheit stirbt mit Sicherheit”. Im AlltagsverstĂ€ndnis steht die Linke sicherlich eher fĂŒr die Werte der Freiheit, wĂ€hrend die Rechte eher Sicherheit und Ordnung reprĂ€sentieren. FĂŒr die meisten Menschen sind beide Werte, auch wenn sie sich in manchen Situationen zu widersprechen scheinen, lebensnotwendig. Je nach den Ă€ußeren Gegebenheiten ĂŒberwiegt mal das BedĂŒrfnis nach Freiheit, mal das BedĂŒrfnis nach Sicherheit.

Das dritte BedĂŒrfnis in diesem Bunde ist der Wohlstand. Wohlstand – hier nicht nur monetĂ€r verstanden – ist der Zustand in Freiheit und Sicherheit zu sein, Auskommen zu haben. Dabei streben die meisten Menschen keine kolossalen ReichtĂŒmer an, sondern sind mit einem bescheidenen gesicherten Auskommen vollauf zufrieden. Dieser Wohlstand stellt sich nicht ein, wenn nicht ein Mindestmaß an Sicherheit gegeben ist, die sich in einer, wie auch immer gearteten, Gesetzlichkeit Ausdruck verleiht, die ihrerseits wieder die Freiheit einschrĂ€nkt.

Die Suche nach der Balance dieser drei Faktoren beschĂ€ftigen PolitikerInnen wie PhilosophInnen gleichermaßen. Letztlich dominiert die gesellschaftliche Kraft, die diese BedĂŒrfnisse gleichermaßen zu gewĂ€hrleisten scheint. So waren es 1917 die Bolschewiki, die das despotische Regime des Zaren ablösten mit dem Versprechen den Krieg zu beenden und das Land gerecht an die Bauern und BĂ€uerinnen zu verteilen. Also Garant fĂŒr Freiheit, Sicherheit und Wohlstand zu sein. Sie waren auch die Macht, die im bĂŒrgerkriegsgeschĂŒttelten Russland die entsprechende Ordnung durchsetzen konnte. Dasselbe gilt fĂŒr die chinesische Kommunistische Partei, die mit diesen Verheißungen den Kampf fĂŒr sich entscheiden konnte. (Ob sie ihr Versprechen adĂ€quat einlösten, darĂŒber kann gestritten werden, auch wenn mancher Stammtischrevoluzzer sich schon entschieden hat und dieselben als “VerrĂ€ter” beschimpft. Leider ist festzustellen, dass diese Leute in der Regel Null und nichts auf die Reihe kriegen, geschweige den ganze LĂ€nder mit Millionen von Menschen tĂ€glich zuverlĂ€sslich mit Nahrung, Energie und dergleichen zu versorgen. Aber es geht hier nur darum eine Wirkungsweise aufzuzeigen).

Aber auch den Faschisten ist es gelungen, explizit dem Nationalsozialismus in Deutschland, damit die gesellschaftliche Hegemonie zu erlangen. Mit dem Versprechen, die Deutschen vom “Versailler Schandvertrag“ zu “befreien” und fĂŒr Sicherheit und Wohlstand in Deutschland nach verlorenem Krieg und Revolutionswirren zu sorgen, konnten sie große Teile der Bevölkerung hinter sich bringen, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen.

Es gibt immer eine linke und eine rechte Lösung.

Die meisten Menschen sind einfach gestrickt und wollen ihr Leben in Sicherheit und bescheidenem Wohlstand ohne UnterdrĂŒckung verbringen. Das mag spießbĂŒrgerlich klingen und fĂŒr manchen gar lĂ€cherlich sein, doch das Fehlen dieser drei Grundelemente war schon die Voraussetzung fĂŒr so manche Revolution.

Nur eine Linke, der man zutraut neben ihren essentiellen politischen Inhalten auch Freiheit und Sicherheit und Wohlstand (den sicheren Schutz vor Armut und UnterdrĂŒckung) zu garantieren und auch die organisatorische Macht hat dies durchzusetzen, kann die gesellschaftliche Hegemonie erringen.

Der Sozialismus gewĂ€hrleistet dies im Idealfall. Sorgen wir dafĂŒr, dass er eintritt.




Quelle: Autonomie-magazin.org