November 23, 2020
Von ZĂŒndlumpen
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Die reale Welt zu spiegeln und den Menschen die digitale Kopie dieser Spiegelwelt (David Gelernter nannte das Anfang der 1990er Jahre Mirror World, wenn ich mich nicht irre) nicht nur als eine bequeme Alternative zu prĂ€sentieren, sondern vor allem auch als eine bereichernde Perspektive auf diese Welt, die diese „noch lebhafter“ erstrahlen lĂ€sst und die es einer*m vor allem erlaubt, die modellierte reale Welt mit einem Mausklick, einem Tastendruck oder einem Wisch ĂŒber den Bildschirm zu manipulieren, diese Vision durchzieht die Geschichte der Computer und des Internets wie ein roter Faden. Egal ob wir von Virtual-Reality-Brillen, Lifestreams, Videochats, Online-3D-Karten oder dem bei den bĂŒrokratischsten Institutionen abgeschauten UNIX-Motto „Everything is a File“ („Alles ist eine Datei“ bzw. etwas freier „Alles ist eine Akte“) sprechen, all diese Entwicklungen versuchen nichts anderes, als eine solche Spiegelwelt zu erschaffen, bei der der Mensch nicht mehr selbst mit seiner Umwelt und anderen Menschen in Beziehung tritt, sondern sich seine Beziehungen bloß noch durch jenen Kanal, den Monitor, Glasfaserleitungen, Funknetze, usw. eröffnen.

Lange Zeit konnte man solche Visionen von Spiegelwelten, Visionen davon, dass der Mensch morgens nicht einmal mehr um zur Arbeit zu gehen, das Haus verlassen muss (Bill Gates), als mehr oder weniger absurde Gedankenspiele oder angesichts der offensichtlich reizlosen Abbildungen der RealitĂ€t in den Gefilden des Digitalen als gelebten Science-Fiktion-Fetisch irgendwelcher Nerds abtun. Aber wĂ€hrend die von den VisionĂ€ren dieser Spiegelwelt-Zukunft verheißenen Fantastereien langsam aber sicher erst die Wissenschaftswelt, dann die GeschĂ€ftswelt und die Unterhaltungswelt eroberten, hĂ€tte man vielleicht erkennen können, dass von diesen Visionen eine reale Gefahr ausgeht, eine Gefahr fĂŒr die Welt vor dem Spiegel. Es ist ja auch nicht so, dass das keine*r erkannt hĂ€tte. 1993 etwa erhielt David Gelernter, der nicht nur von der Spiegelwelt schwĂ€rmte, sondern auch daran arbeitete sie umzusetzen, eine Briefbombe. Mit GrĂŒĂŸen vom Freedom Club. Und weder war er damals der einzige, der unliebsame Post bekam, noch verschickten alle, die seiner Vision und der so vieler anderer Computerenthusiast*innen etwas entgegensetzen wollten, Briefbomben.

Aber auch wenn es tausende Sabotageversuche gegen die Etablierung der weltumfassenden Spiegelwelt namens Internet gab und auch heute noch immer gibt, so muss man realistischerweise heute doch anerkennen, dass es sie gibt, diese Spiegelwelt, dass wir alle in ihr Gefangene sind und dass das Spiegelbild sich anschickt, sein Original abzuschaffen, bzw. vielmehr die Wirkungsweise der Spiegelung umzukehren. Seit Jahrzehnten haben sich die Computertechnologien ausgebreitet, haben einen Lebensbereich nach dem anderen erfasst und ihrer Logik unterworfen. Haben bequeme sowie in höchstem Grade unkomfortable Kommunikationsmethoden etabliert und sich erst unmerklich, dann immer prÀsenter Raum im Leben der Menschen erobert. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass es bei all dem immer darum ging, einzelne Aspekte des Lebens kontrollierbar zu machen oder jene, die sich als mit diesen Technologien unkontrollierbar herausstellen, durch andere Mechanismen abzulösen.

Ein einfaches Beispiel ist der Zahlungsverkehr, der sich in den letzten Jahrzehnten rasant verĂ€ndert hat. Weil sich Bargeld zumindest nicht in dem Maße kontrollieren lĂ€sst, wie das mit digital erfassten Finanzströmen der Fall ist, wurden von verschiedenen Akteur*innen, die sich durch diese Entwicklungen allesamt einen eigenen Anteil an der aus ihnen resultierenden Kontrolle versprechen, digitale Zahlungsmethoden entwickelt und etabliert. Vom Online-Banking, das zunĂ€chst einfach bequemer wirkte, als der Gang zum Bankschalter, war es nur ein kleiner Schritt zu den vielen Online-Bezahlmethoden, mit denen heute die Bestellungen bei den Online-GeschĂ€ften bezahlt werden. Durch Kartenzahlungsterminals in so gut wie jedem GeschĂ€ft, die einer*m den Gang zur Bank „abnehmen“, war es nur ein kleiner Schritt hin zu Formen des kontaktlosen Bezahlens und warum nun nicht gleich via Ausweis oder Smartphone bezahlen? Was fĂŒr die einen, die, die sich mit Freuden an die Regeln halten, weil sie auf die ein oder andere Art und Weise eben auch immer in ihrem Sinne waren, die Bequemlichkeit vergrĂ¶ĂŸert, ist fĂŒr diejenigen, die diese Regeln immer auf verschiedenen Wegen zu umgehen versuch(t)en zum Problem geworden. GrĂ¶ĂŸere Barzahlungen werden heute als etwas anrĂŒchiges angesehen, ja mittlerweile ist es sogar staatlich verboten, Transaktionen ĂŒber einem bestimmten Wert in Bar abzuschließen. Und auch wenn selbst die Corona-Pandemie hier bislang nicht dazu gefĂŒhrt hat, dass man selbst im Supermarkt komisch angesehen wird, wenn man in bar bezahlen will, so mag das nur noch eine Frage der Zeit sein, wenn man bedenkt, dass schon die ein oder andere Debatte darĂŒber gefĂŒhrt wurde, das Bargeld unter Vorwand der Übertragung von Krankheiten durch es, ganz abzuschaffen.

Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt ihrer mittlerweile tausende. Seit Jahren etwa gibt es Angebote fĂŒr Videotelefonie, die sich aber außer in bestimmten Hipster- und Businesskreisen höchstens einer einmaligen Neugier erfreut haben. Und doch sprechen heute alle von zoom. Von zoom KaffekrĂ€nzchen, dem (gem)einsamen zoom Abendessen, zoom Unterricht, zoom Kaffeepausen, zoom Schach, usw. Aber auch hier ist es nicht die Bequemlichkeit, die schließlich zur Akzeptanz von zoom und auch anderen Lösungen gefĂŒhrt hat, mit denen es ja doch niemals gelingen wird, eine sich real anfĂŒhlende Unterhaltung zu fĂŒhren, sondern vor allem ein initiales Moment, der Lockdown und seine scheinbare Alternativlosigkeit, das diese Akzeptanz geschaffen hat. Was sich hier nun an unzĂ€hligen Beispielen durchexerzieren ließe, lĂ€sst sich meines Erachtens nach auf eine simple Formel bringen: Computertechnologien haben in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, beinahe jeden Lebensaspekt in einer digitalen Spiegelwelt nachzubilden. Auf einer Ebene, die dabei jedoch kaum imstande ist, unseren tiefen Beziehungen zueinander und zu der uns umgebenden, realen Welt auch nur annĂ€hernd gerecht zu werden. Und auch wenn diese Spiegelwelten bislang immer nur partiell genutzt wurden, so ist es mithilfe des globalen Lockdowns gelungen, ihre flĂ€chendeckende Verbreitung mit einem Schlag umzusetzen.

Und wer dabei glaubt oder immerhin hofft, dass dies eine temporĂ€re Entwicklung sei, die*der scheint mir doch zumindest naiv zu sein. Wer von der Welt der sozialen Medien ersteinmal gefangen genommen wurde, deren*dessen Innenleben schien auch bisher immer weiter abzuflachen. Da mag es auch noch so viele Emojies geben. Schließlich lĂ€sst sich das eigene Empfinden ebensowenig in einem „Like“ einfangen, wie in einem „Facepalm“. Oder vielleicht doch? Manchmal habe ich den Eindruck und ich halte das auch nicht fĂŒr besonders abwegig, dass das nur eine Frage der Domestizierung ist. Empfindensweisen sind auch außerhalb sozialer Netzwerke sehr stark von einem sozialen Kontext geprĂ€gt und bestimmt. Es gibt Empfindungsweisen, die anerkannt sind und solche, die es nicht sind. Und manche Empfindungen sprengen jeglichen sozialen Rahmen. Nicht selten werden sie als Geisteskrankheiten gebrandmarkt und mit roher (medikamentöser) Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen unterdrĂŒckt. Und das, man kann es nicht verhehlen, mit einigem Erfolg. Denn auch wenn es hier und dort immer gewisse Reibungen gibt, scheint das Empfinden einer ĂŒberwiegenden Mehrheit der Menschen zumindest die meiste Zeit mit den sozialen Normen konform zu verlaufen. Warum sollte sich die nur verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig große KomplexitĂ€t des Empfindens einer Welt vor Facebook, Whatsapp, Instagram, und wie diese Spiegelwelten alle heißen, nicht auch mit dem allgemeinen Ersatz von Empfindungen durch Emojies noch weiter abflachen lassen. Und wie das mit den individuellen Empfindungen ist, so ist das auch mit den sozialen Beziehungen. Wer kann von sich behaupten ĂŒber Whatsapp und Co. – und da ist freilich auch jede angeblich ach so „sichere“ Alternative nicht ausgenommen – ĂŒberhaupt irgendeine tiefgehende soziale Beziehung zu fĂŒhren? Und schon gar nicht, wenn Text- und Sprachnachrichten und vielleicht eine gelegentliche Videotelefonie nun die einzigen Kontaktmöglichkeiten sein sollen. Und doch werden viele schon in wenigen Monaten, wenn das nicht vielfach bereits heute der Fall ist, von sich sagen, dass eben jene Beziehungen, die ĂŒber irgendeinen Bildschirm vermittelt werden, die tiefgehendsten und wichtigsten Beziehungen in ihrem Leben sind. Es gibt ja (dann) fĂŒr sie auch keine anderen mehr. Und ebenso wie einige schon vor langem vielleicht vergessen (oder es nie erlebt) haben, wie es auch ohne Smartphone, ja sogar ohne Handy möglich ist, einander zu treffen, so werden auch die tiefgehenden Beziehungen, die man vielleicht vor dem Lockdown noch zu anderen Menschen gefĂŒhrt hat, in Vergessenheit geraten. Und man wird sich fragen: Wie haben das die Menschen frĂŒher nur gemacht, als es noch kein zoom gab. Aber das ist die gleiche Frage, wie die danach, wie das wohl vor dem Zeitalter der Smartphones, der Handys, der Festnetztelefone, der Briefe, usw. gelaufen ist. Und die Antwort ist ebenfalls die gleiche: Das wirst du erst dann verstehen, wenn du es selbst tust.

Aber geht das ĂŒberhaupt noch? LĂ€sst sich aus einer Spiegelwelt ĂŒberhaupt ausbrechen, wenn man erst einmal vollstĂ€ndig in ihr gefangen ist? Auf jeden Fall ist es nicht einfach. Und nur fĂŒrs Protokoll, mit „ausbrechen“ meine ich hier nicht irgendwelche Tech-Yuppie Selbstfindungstripps, wie sie unter „digital detox“ seit einigen Jahren ganz besonders dort in sind, wo man ansonsten mit Hochdruck daran arbeitet, immer mehr Menschen mit immer neuen Angeboten in die Gefilde irgendeiner Spiegelwelt zu locken. Nein, unter „ausbrechen“ verstehe ich das, was sich vielleicht vielmehr dort andeutet, wo Menschen, die infolge eines Blackouts oder einer Störung ihres Teils des „Netzes“ aus ihren Wohnungen ins Freie treten, den Blick nicht auf ihr Smartphone gerichtet, sondern sich die Augen reibend, im blendenden Sonnenlicht, das selbst ihre graue Betonumgebung in schillernden Farben erstrahlen lĂ€sst. Etwas, das seine Vollendung nicht darin findet, nach einer bestimmten Anzahl von Tagen, endlich die sich aufgestauten E-Mails und Nachrichten abzuarbeiten, sondern im matten Feuerschein der brennenden Tech-Spiegelwelt.

Ich denke, was man verstehen muss, wenn man aus einer Spiegelwelt ausbrechen will, ist, dass diese nicht einfach eine Scheinwelt ist, ein Traum aus dem ich bloß zu erwachen brauche. Nein, auch wenn ich mich hier und dort einer Teilnahme an dieser verweigere, so bedeutet das doch nicht, dass diese nicht auch mein Leben bestimmt. Denn das Problem all der Spiegelwelten da draußen ist, dass es sich bei ihnen eben nicht um Computerspiele handelt, auch wenn letztere eine große Rolle fĂŒr ihre Entwicklung gespielt haben mögen. Wenn ich in einem Computerspiel, sagen wir in einem Ego-Shooter, eine*n andere*n Spieler*in erschieße, dann wird diese*r schlicht an irgendeinem Ausgangspunkt wiederbelebt. In einer Spiegelwelt ist das nicht so. Und das gilt nicht nur fĂŒr diejenigen, die von tausende Kilometer entfernten Drohnenpilot*innen vor einem Computerbildschirm ausgelöscht werden. Das gleiche gilt fĂŒr die Opfer von Wirtschaftskrisen und „Umweltkatastrophen“, die etwa durch eine Fehlfunktion eines Atomkraftwerks ausgelöst werden. Der einzige Unterschied dabei ist vielleicht, dass den Drohnenpilot*innen die Auswirkungen ihrer Handlungen trotz Computerspielambiente auch in der Spiegelwelt noch halbwegs vor Augen gehalten werden. Wer dagegen an Börsen letztlich auf die in irgendeinem Portfolio versteckten Hungersnöte wettet, die*der hat hĂ€ufig nicht einmal das Kleingedruckte dieser Wette gelesen. Aber es ist ja auch nicht immer der Tod von Menschen, ĂŒber den leichtfertig mit einem Mausklick oder Tastendruck entschieden wird. Es geht vielmehr um alle denk- und undenkbaren Auswirkungen in der realen Welt.

Und auffĂ€llig scheint mir dabei, dass die Spiegelwelten vorrangig von jenen propagiert werden, die jenen, denen der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt, auch in der realen Welt ein Leben verunmöglichen. Oder soll man die tĂ€gliche Schinderei am Fließband eines Untenehmens bzw. die Plackerei des Auslieferns seiner Produkte an die Spiegelweltler, jene AktivitĂ€ten eben, die vorerst realweltlich bleiben, als Leben bezeichnen? Ebensowenig wie die Freiheit im Inneren eines der tĂ€glichen Amazon-Pakete darauf wartet, ausgepackt zu werden, liegt sie darin, die stattdessen abgepackten Ersatzprodukte fĂŒr ihre Besteller*innen zu erzeugen, zu verpacken oder auszuliefern.

Jene, die uns davon predigen, welche Möglichkeiten uns diese oder jene Spiegelwelt bieten wĂŒrde, wissen das natĂŒrlich. Oder glaubst du beispielsweise Bill Gates, einer der derzeit einflussreichsten Prediger*innen, wĂŒrde nicht verstehen, von was fĂŒr einer Welt er den Menschen da vorschwĂ€rmt? Eine Welt in der wegen Viren und Klimakrise und was weiß ich, was den alten Bill des Nachts noch alles wach liegen lĂ€sst, alle eingesperrt werden, pardon, sich selbst einsperren wenn es nach ihm geht, und nur zu jenen produktiven Zwecken an die frische Luft dĂŒrfen, die ihm und seinesgleichen Reichtum und Macht verleihen. In ihren Spiegelwelten, die den Menschen nur als ein weiteres RĂ€dchen im Leibe jenes kĂŒnstlichen UngetĂŒms betrachtet, das in Zukunft nicht nur die Erde unterjochen wĂŒrde, sondern auch benachbarte Planeten, ist Freiheit fĂŒr keine*n anderen als dieses UngetĂŒm selbst denkbar. Auch wenn sie das vielleicht am wenigsten verstehen.

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkĂŒrlich des eingangs erwĂ€hnten Beispiels von der Briefbombe fĂŒr den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wĂ€re auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines PĂ€ckchens zwischen den tĂ€glichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wĂ€re es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wĂ€re doch, wir wĂŒrden nicht zögern, auch den Spiegel ein fĂŒr alle Mal zu zertrĂŒmmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.


PS: Und wo der*dem ein oder anderen Feminist*in vielleicht aufgefallen sein mag, dass es ja die Bill & Melinda Gates Stiftung sei und ich hier in chauvinistischer Manier den weiblichen Part verschwiegen habe, da möge sie*er doch gerne einspringen und zu Weihnachten auch der Melinda ein PÀckchen schicken.

PPS: Und wo nun sicherlich irgendwer bereit steht, zu betonen, dass ich hier ganz fĂŒrchterlich „abgeschwurbelt“ (?!) hĂ€tte und der liebe Bill und die liebe Melinda nun wirklich nicht als einzige Weihnachtspost verdient hĂ€tten, so bin ich ganz deiner Meinung. Und ich bin mir weiterhin sicher, dass der Weihnachsmann etwas Hilfe dabei gebrauchen könnte, seine PĂ€ckchen an die richtigen Adressat*innen zu verteilen.

PPPS: Und fĂŒr all diejenigen, die einen Text von solcher LĂ€nge nicht leicht verdauen können, gibt es hier auch eine freilich reduktionistische Zusammenfassung als Internetmeme:




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org