November 22, 2021
Von Indymedia
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In der Buchbeschreibung heißt es

“Ist die gesellschaftliche Linke staatstreu geworden und reiht sich ein ins “Gemeinsam gegen Corona”? Das war eine der Leitfragen, welche die HerausgeberInnnen seit Dezember 2020 in einer Veranstaltungsreihe mit GĂ€sten digital diskutiert haben.”

Wir haben einige dieser BeitrĂ€ge online verfolgt und waren ĂŒber viele dort vertretene Positionen nicht sonderlich entzĂŒckt… Die Protagonist:innen begaben sich in die Rolle, als linke Aktivist:innen und Theoretiker:innen alles einmal kritisch aufrollen zu wollen und dabei auch besonders auf die eigene Szene zu schauen. In der Linken breit geteilte Positionen wie Kritik am profitorientierten Gesundheitsystem oder geforderte UnterstĂŒtzung fĂŒr prekĂ€re und besonders betroffene Menschen wurden hier als Haltungen dargestellt, die angeblich viel zu wenig beleuchtet wĂŒrden. Dabei waren die ersten linken Proteste auf der Straße nach Ausbruch der Pandemie genau mit diesen Themen befasst: Klinikproteste, Moria Auflösen etc….

Aber geschenkt – viel Ă€rgerlicher waren die Momente, wo sich die Organisator:innen der Veranstaltungsreihe mit Leuten oder Positionen befassten, die nahe am rechten Rand der Corona-Debatte stehen. Damit meinen wir z.B. den Auftritt Michael Kronawitters aus dem Berliner Praxiskollektiv in der Reichenberger Straße. Auf deren Homepage wird immer noch auf Texte des Antisemiten Sucharit Bhakdi und des Schwurbel-Arztes Wodarg als angeblich kritische Stimmen verwiesen – beide kandidierten fĂŒr die Querdenker-Partei “Die Basis” fĂŒr den Bundestag. Von Kronawitter findet sich auch ein Beitrag im Buch. In mehreren Veranstaltungen wurde viel VerstĂ€ndnis fĂŒr besorgte Positionen gegenĂŒber Impfungen formuliert, ohne das solidarische Moment von Impfungen in einer pandemischen Situation dagegen zu halten oder die zum Teil esoterisch begrĂŒndete Wissenschaftsskepsis des “alternativmedizinischen” Milieus in Deutschland nĂ€her zu betrachten. Auf der einen Seite wurden Ängste und Verunsicherung gegenĂŒber den Maßnahmen ausfĂŒhrlich thematisiert (22.03.2021: Corona-Regelbefolgung durch Angsterzeugung?) auf der anderen Seite machte sich Elisabeth Voss darĂŒber lustig, dass sich Bekannte aus Besorgnis vor Ansteckung jetzt nur noch auf dem Balkon und nicht mehr in der Wohnung mit ihr treffen wollten…

NatĂŒrlich mĂŒssen Bedeutung und Effekte von z.B. AusgangsbeschrĂ€nkungen von links kritisch thematisiert werden. Aber in dieser Kritiker:innen-Rolle wurde sich allzu bequem und exklusiv eingerichtet, obwohl wir alle keinerlei Erfahrungen mit einer Pandemie und möglichen UmgĂ€ngen damit haben. Man konnte fast froh sein, dass immerhin auch Vertreter:innen der Zero-Covid-Strategie eingeladen worden waren…

Es ist ja grundsĂ€tzlich ursympathisch, innerlinke Kontroversen aufzugreifen, sich umstrittenen Themen zuzuwenden und auch streitbare Positionen in der Linken zu thematisieren. Wir hatten jedoch den starken Eindruck, dass sich die Veranstaltungsreihe nach und nach verstĂ€rkt gegenĂŒber rechten Positionen geöffnet hat.
Zur Veranstaltung vom 26.04.2021: “Coronarebellen” und Antifa” war ein Mensch eingeladen, der bei den “SchweigemĂ€rschen” in Berlin mitgemacht hatte.
Irritiert hat uns hier die starke Kritik an “der” Antifa. Diese wĂ€re zu kritischÂŽgegenĂŒber Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen gewesen… “Wir impfen euch alle” war z.B. fĂŒr Hanloser viel zu allgemein und falsch, es wĂ€ren ja nicht nur Nazis dort mitgelaufen – puh, was fĂŒr eine Erkenntnis… Alle (leider zu wenigen) Linken, die antifaschistisch vor Ort gewesen waren, konnten natĂŒrlich unterscheiden zwischen organisierten Nazis und anderen Teilnehmer:innen. Die vertretenen Positionen rĂŒckten jedoch bei jedem Aufmwarsch weiter und weiter nach rechts, Richtung VerschwörungserzĂ€hlungen, Coronaleugnung und Antisemitismus – und vor allem entwickelte sich keine Abgrenzung nach rechts. Bei Hanloser und anderen Organisator:innen fand sich doch arg viel VerstĂ€ndnis fĂŒr die auf diesen Demos vertretenen Positionen und ein starker Fokus auf Kritik an der Antifa. Wir sind eher sehr froh, dass Antifaschist:innen frĂŒhzeitig auf der richtigen Seite standen und die rechten Protagonist:innen vor Ort identifizierten. Die Antifa Nordost (NEA), die bei der hier zitierten Veranstaltung teilnahm, klĂ€rte ausfĂŒhrlich ĂŒber die Teilnehmenden auf und ordnete das aus unserer Sicht politisch durchaus passend ein. Wir wissen nicht, warum von ihnen kein Beitrag im Buch ist, vielleicht hĂ€ttte deren Sichtweise nicht in die Grundausrichtung des Buches gepasst? Vielleicht ist es besser so…

Ein weiterer Punkt, der aus dem Format einer Online-Diskussion resultiert:

Es gab einen mitlaufenden offenen Chat, also ein partizipatives Mitdiskussions-Modell fĂŒr alle Zuschauenden. Wie wir alle jedoch aus Offline-Veranstaltungen wissen: es gibt oft genug nervende und störende Teilnehmer:innen – und es gibt Teilnehmer:innen, die wo weit rechts sind, das sie aus unseren linken Veranstaltungen ausgeschlossen werden mĂŒssen. Online haben solche Typen noch viel mehr Möglichkeit, ihren Mist abzusondern, weil es anonym geschehen kann. Eine nicht ganz neue Erkenntnis – aber auch hier haben die Organisator:innen nach unserem Kenntnisstand bis zuletzt einen unmoderierten Chat laufen lassen, in dem zum Teil wirklich widerliche Inhalte gepostet wurden, (Bill-Gates-Lobby als Akteur, armes unverstandenes Russland, ImpflĂŒgen etc.). Hier hĂ€tte schlicht jemand Verantwortung nur fĂŒr den Chat ĂŒbernehmen und auch Leute rausschmeißen mĂŒssen, wie im sonstigen Veranstaltungsleben. Antifas haben hierzu eigentlich genug Erfahrungen gemacht, auf die mensch hĂ€tte zurĂŒckgreifen können.
Da wundert es uns dann auch nicht mehr sonderlich, dass Anne Seeck in ihrem Buch-Beitrag ein gewisses VerstĂ€ndnis fĂŒr die Positionen von Sarah Wagenknecht Ă€ußert.

Was uns doch ein wenig wundert ist die Tatsache, dass der linke Buchladen Schwarze Risse in Berlin Kreuzberg am Di, 23.11.21 eine BuchprĂ€sentation und Diskussion ĂŒber “Corona und linke Kritik(un)fĂ€higkeit” machen will.
Wir haben das Buch nicht gelesen – die Veranstaltungen haben uns gereicht. Wir finden nur, mensch sollte wissen, was sich einige unter “linker Kritik(un)fĂ€higkeit” so vorstellen.

Wer und welche vielleicht doch lieber zu anderen BĂŒchern greifen wollen, denen empfehlen wir z.B. den Beitrag „Regressive Rebellen. Konturen eines Sozialtyps des neuen Autoritarismus“ von Oliver Nachtwey und Maurits Heumann aus dem Buch:
„Konformistische Rebellen. Zur AktualitĂ€t des autoritĂ€ren Charakters“
Hrsg. von Katrin Henkelmann, Christian Jäckel, Andreas Stahl, Niklas Wünsch und Benedikt Zopes
Verbrecher Verlag, Berlin 2020

P.S.:

Die Videos der Veranstaltungsreihe sind noch online nachzusehen, eingestellt z.B. bei vimeo von Elisbath Voss unter:
https://vimeo.com/user14565390 (auf videos klicken)




Quelle: De.indymedia.org