Dezember 18, 2021
Von InfoRiot
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Kommentar | Demonstrationen in Cottbus

Corona wurde an diesem Abend zur Nebensache


Sa 18.12.21 | 21:59 Uhr | Von Sebastian Schiller

Zwei Demonstrationen sind am Samstagabend in Cottbus eskaliert. Beide richteten sich laut Anmelder gegen die Corona-Maßnahmen – die spielten dann aber vor Ort kaum noch eine Rolle. Von Sebastian Schiller

Dass es ein spannender Abend in Cottbus wird, war vorherzusehen. Zum mittlerweile dritten Mal hatte der Chef der Cottbuser AfD, Jean-Pascal Hohm, fĂŒr Samstagabend zum Abendspaziergang gegen die Corona-BeschrĂ€nkungen aufgerufen, ein weiteres Mal sind tausende Menschen dem Aufruf gefolgt. Zeitgleich fand eine zweite Schwester-Demonstration auf dem Platz vor der Stadthalle statt.

Polizei und Anmelder hatten sich zu dieser Lösung entschieden, weil erstmals Corona-bedingte EinschrĂ€nkungen galten: Maximal Tausend Leute dĂŒrfen pro Veranstaltung anwesend sein, zudem bestand Maskenpflicht. Die Polizei hatte den Ort der Demonstration am Oberkirchplatz deshalb eingezĂ€unt. Der Andrang war aber grĂ¶ĂŸer, mehrere hundert Menschen standen außerhalb der EinzĂ€unung. Der Cottbuser AfD-Chef Jean-Pascal Hohm heizte die Stimmung zusĂ€tzlich an, denn es stand der mögliche Abbruch der Demonstration im Raum.

Polizei: Viele Teilnehmer aus Hooligan- und Neonaziumfeld

Nach einer kurzen Rede legte er den Demonstranten nahe, noch einen Spaziergang durch Cottbus zu machen. Weit mehr als 1.000 Menschen zogen daraufhin von der Oberkirche durch die Innenstadt, zur zweiten Demonstration vor der Stadthalle. Die Polizei versuchte den Zug mit einer Straßensperre aufzuhalten.

Daraufhin griffen einzelne Demonstranten Beamte an. Die Lage eskalierte nun völlig, mehrere DemonstrationszĂŒge bildeten sich und zogen durch die Innenstadt. Aus einem davon wurden immer wieder Böller geworfen. Die Polizei sprach hier von zahlreichen Teilnehmern aus dem Cottbuser Hooligan- und Neonaziumfeld. Mehrere Personen wurden in Gewahrsam genommen. Schon wĂ€hrend der Demonstration am Oberkirchplatz waren zahlreiche Menschen aus dem selben Milieu sichtbar. Vertreter der rechtsextremen Kleinstpartei “Der Dritte Weg” verteilten Flyer.

Aufruf zum Sturz von MinisterprÀsident Woidke

Corona wurde an diesem Abend zur Nebensache. Noch wĂ€hrend der Veranstaltung wurde dazu aufgerufen, den brandenburgischen MinisterprĂ€sidenten Dietmar Woidke zu stĂŒrzen. ‘”Woidke muss weg” stand auf einem Banner, das der spĂ€tere Demonstrationszug vor sich hertrug. Angestachelt wurden die Teilnehmer durch Jean-Pascal Hohm, der die EindĂ€mmungsverordnung als ein Mittel der Regierung beschrieb, die Demonstranten klein zu halten. Weiter rief er dazu auf, sich in den nĂ€chsten Wochen dezentral am Samstagabend in der Innenstadt zu treffen, sollten die Auflagen hĂ€rter werden.

Hohm selbst taucht in einem internen Gutachten des Verfassungsschutzes Brandenburg auf. Ihm wird vorgeworfen, zumindest zeitweise fĂŒr die als rechtsextremistisch eingestufte “IdentitĂ€re Bewegung” aktiv gewesen zu sein.

Eine völlige Enthemmung

Als der Demozug startete, brachen auch bei vielen Demonstranten alle DĂ€mme. Von Umsturzfantasien war die Rede, Polizisten wurden beleidigt und angepöbelt, teils auch attackiert. Es gab auch Aufrufe, das rbb-Team zu jagen und zu verprĂŒgeln. Was sich in Cottbus abgespielt hat war eine völlige Enthemmung bei den Demonstranten – mit Corona hatte all das inhaltlich nichts zu tun.

Ob es auch am nĂ€chsten Samstag eine Demonstration in Cottbus geben wird, ist fraglich. Dieser Abend wird aber vielen Demonstranten sicher in Erinnerung bleiben – als der Abend, an dem sie dem Staat gezeigt haben, dass sie auf einen menschlichen Umgang mit andersdenkenden, einen kooperativen Umgang mit der Polizei und auf die Corona-Maßnahmen pfeifen.

Sendung: Brandenburg aktuell, 18.12.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Sebastian Schiller




Quelle: Inforiot.de