April 22, 2020
Von FAU Hamburg
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Mit der Kontrolle ĂŒber die Pandemie werden die gesellschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 nicht vorbei sein. Alle Staaten pumpen jetzt Unsummen an Geld in die Wirtschaft, sofern diese es sich leisten können, damit der erzwungene Stillstand keine lĂ€ngerfristigen Folgen hat. Denn es besteht die Gefahr, dass eine fĂŒr die kapitalistische Wirtschaft lĂ€hmende Kettenreaktion in Gang tritt. Durch die EinschrĂ€nkungen, aufgrund der Pandemie, bricht die Nachfrage ein. In der Folge gehen Firmen durch die fehlenden Einnahmen pleite. Die ehemaligen Arbeiter_innen und Angestellten haben weniger Geld zur VerfĂŒgung, wodurch die Nachfrage weiter einbricht. Wenn das flĂ€chendeckend passiert, bricht womöglich die grundlegende Versorgung zusammen.

Wir haben bereits einen Text veröffentlicht, in dem wir beim Bankrott einzelner Betriebe empfehlen, zu prĂŒfen, ob es eine Möglichkeit ist, diesen als Belegschaft in Selbstverwaltung weiter zu fĂŒhren, also zu kollektivieren. Im Folgenden soll es um ein weiteres Szenario gehen.

Es soll jetzt nicht darĂŒber spekuliert werden, wie wahrscheinlich das Eintreten einer umfassenden Wirtschaftskrise ist, oder was die genauen Mechanismen dahinter sind. Das wurde und wird an anderen Stellen ausreichend diskutiert. Uns reicht es hier, dass es diese Möglichkeit gibt. Und fĂŒr den Fall des Eintretens geht es uns darum, etwas Wesentliches in Erinnerung zu rufen, was dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaft widerspricht: nur weil die kapitalistische Form der Produktion und Verteilung von Reichtum, in Form von Waren, verschwindet, geht damit nicht der tatsĂ€chliche, stoffliche Reichtum verloren.

In anderen Worten: ein Betrieb mag durch Covid-19 Bankrott gehen und seine Produktionsmittel werden damit ins Abseits gestellt. In der Folge werden weder ArbeitskrĂ€fte angestellt, noch Waren auf den Markt geworfen. Trotzdem sind die Produktionsmittel auch weiter ohne Verluste vorhanden und haben auch weiterhin das Potential, GĂŒter herzustellen. Und auch die Arbeiter_innen, die zuvor gegen Lohn dort Waren produziert haben, gibt es noch, genauso deren Wissen, um die ganzen GegenstĂ€nde wie, GebĂ€ude, RĂ€ume, Maschinen, Werkzeuge, PlĂ€ne u.Ă€., sinnvoll zu nutzen.

Deshalb, sollte es nun ganz dicke kommen und viele Betriebe die Pforten schließen: nehmt Kontakt mit euren Kolleg_innen auf; sprecht bekannte Kolleg_innen an, die ihre Bekannten ansprechen und so weiter und versammelt euch im Betrieb. Bildet eine Strukur, um Entscheidungen finden zu können, ein Betriebskomitee oder -rat, und vernetzt euch mit den Gewerkschaften und anderen Betrieben. Dann ĂŒberlegt gemeinsam, wie der Betrieb sinnvoll zu nutzen ist.

Wenn die Wirtschaft im großen Stil zusammenbricht, geht es um die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen, da ist im Zweifel gar nicht die Zeit, um juristische Verhandlungen abzuwarten. Die Versorgung mit Lebensmitteln, MobilitĂ€t, medizinischem Material, Strom und vielem anderem muss sichergestellt werden! Und wer sollte das besser können, wenn nicht wir?

Es gibt Beispiele, bei denen das im großen Stil geklappt hat. Dazu muss gar nicht auf die Kollektivierungen im spanischen BĂŒrgerkrieg zurĂŒckgeschaut werden. WĂ€hrend der Wirtschaftskrise 2001 gingen in Argentinien zahllose Firmen bankrott und viele wurden durch die Belegschaft in Selbstverwaltung weitergefĂŒhrt. Je nach Ausmaß so einer Bewegung kann das ein Anstoß fĂŒr eine umfassende soziale Revolution sein, ein Umbau zu einer Gesellschaft, in der nicht mehr der Markt, sondern der Bedarf, die Produktion bestimmt.  Aber auch ohne dieses Ziel vor Augen muss der Schritt einer Besetzung* nicht gefĂŒrchtet werden: in Argentinien sind viele besetzte Betriebe im Nachhinein legalisiert worden und produzieren nun selbstverwaltet.

Auch wenn es nicht so hart kommt, wird es einen Kampf um die Verteilung der Lasten durch die Covid-19 Pandemie in der Gesellschaft geben. Es ist natĂŒrlich am besten, sich bereits in ruhigen Zeiten zu organisieren und fĂŒr KĂ€mpfe und Konflikte vorzubereiten, aber spĂ€testens jetzt ist der Zeitpunkt: organisiert euch in Gewerkschaften, bildet Betriebsgruppen, sprecht mit euren Kolleg_innen darĂŒber.

Keine Angst, wir haben eine Welt zu gewinnen!

*Eine Besetzung ist legal möglich, zum Beispiel durch eine stĂ€ndige Betriebsversammlung, umgesetzt beim Kampf gegen die Schließung der Fahrradfabrik “Bike Systems” in Nordhausen, 2007, bei der in Selbstverwaltung das Strike Bike produziert wurde.




Quelle: Hamburg.fau.org