Februar 14, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: non.copyriot

In den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten sind mehrere Texte erschienen, die sich mit der Thematik auseinandersetzen und vieles wurde bereits gesagt. Dennoch halten wir es fĂŒr notwendig, gerade jetzt, unter den widrigsten Bedingungen, das staatliche Narrativ der autoritĂ€ren Pandemie-BekĂ€mpfung, dem zahlreiche linke (auch linksradikale) Gruppen brav Gefolgschaft leisten, anzugreifen. Weder wollen wir die Gefahr der Pandemie relativieren, noch wollen wir uns mit Querdenker*innen gemein machen. Es ist schon skandalös genug, dass sich jeder Versuch, der es wagt das staatliche Narrativ aus linker Perspektive in Frage zu stellen, erneut diesen absurden VorwĂŒrfen stellen muss. Wir sind keine Virolog*innen, Epidemiolog*innen oder Gesundheitsexpert*innen und wissen letztlich auch nicht mehr als die armen Teufel, die hier und da noch klandestin in kleiner Runde biertrinkend vor den Kiosken stehen und sich wortlos einig darĂŒber sind, dass wirklich fast alles den Bach runter geht. Wir arbeiten in KrankenhĂ€usern, Pflegeeinrichtungen, Refugee- und ObdachlosenunterkĂŒnften, in Schulen, Lagern und Fabriken (oder im besten Fall gar nicht) und teilen als Freund*innen eine gemeinsame EinschĂ€tzung der Situation, vor allem aber Wut auf alle, die bestĂ€ndig reden und dann das machen, was man sowieso schon wusste und fĂŒr sich in Anspruch nahm.

Die Euphorie, mit der linke und linksradikale Gruppen jeglicher Coleur kopflos auf den flotten ZeroCovid-Zug aufspringen, lĂ€sst uns mehr als irritiert zurĂŒck. Zutiefst verstörend ist nicht die Tatsache, dass sich ein Großteil der deutschen Linken einer Null-Infektionen-Strategie/Politik unterwirft, sondern vielmehr die inhĂ€rente RealitĂ€tsverleugnung, die mit dieser einhergeht. Anscheinend ohne jede Vorstellung davon, welche totalitĂ€ren TrĂ€ume hier bedient werden und realpolitischen wie sozial verheerenden Auswirkungen eine derartige Politik beinhalten wĂŒrde, vor allem fĂŒr die LebensrealitĂ€t sozial Benachteiligter, der nicht „angepassten“, „integrierbaren“ oder „widerstĂ€ndigen“ Teile der Gesellschaft (nicht weiß, studiert, priviligiert), wird mittels sozialdemokratischer Forderungen ein Staat angerufen, der schon seit Jahren immer weiter nach rechts rĂŒckt und seit fast einem Jahr nur eines unter Beweis stellt: Seine absolute UnfĂ€higkeit im Umgang mit der Pandemie sowie seinen reellen Status: den eines gescheiterten Staates, der in der Periode einer unerhofft wiedergefundenen Raison d’Être einzig das Bild der fĂŒr ihn wirkenden zu verbessern weiß. Den Regierenden UnfĂ€higkeit zu unterstellen wĂ€re schmeichelhaft. Deshalb lehnen wir auch die immer wieder eingebrachte Totschlaglogik der „Dringlichkeit“ oder Notlage ab, in der „wir“ uns befinden und die uns dazu verdammen soll, jetzt lieber nicht am Status Quo zu rĂŒtteln und sich besser in die Arme jener zu werfen, denen alles Soziale und somit das menschliche Leben scheiß egal ist. Aber erfahrungsgemĂ€ĂŸ war der Staat nie der beste Ansprechpartner fĂŒr emanzipatorische Bewegungen. Vor allem nicht in Krisensituationen und ihren Disziplinierungsfantasien:

„Dieser geschlossene, parzellierte, lĂŒckenlos ĂŒberwachte Raum, innerhalb dessen die Individuen in feste PlĂ€tze eingespannt sind, die geringsten Bewegungen kontrolliert und sĂ€mtliche Ereignisse registriert werden, eine ununterbrochene Schreibarbeit das Zentrum mit der Peripherie verbindet, die Gewalt ohne Teilung in einer bruchlosen Hierarchie ausgeĂŒbt wird, jedes Individuum stĂ€ndig erfasst, geprĂŒft und unter die Lebenden, die Kranken und die Toten aufgeteilt wird — dies ist das kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage.“(1)

Einer Zero-Covid- oder Null-Infektionen-Politik, wie sie u.a. in autoritĂ€ren Staaten wie China angewendet wird, darf gewiss unterstellt werden, dass fĂŒr ihre konsequente Umsetzung eine Architektur der sozialen Kontrolle und Überwachung in einer Dimension geschaffen werden muss, die auch die letzten demokratischen Gepflogenheiten zwangslĂ€ufig beiseite rĂ€umen wird. Selbst dann, wenn es sich bei der großen „Null“(-nummer) nur um eine Zielsetzung handelt. Im Klartext: Wir reden hier ĂŒber Grenzschließungen, die Ausweitung von Tracking und Tracing-Technologien, biometrische Authentifizierungssysteme, QuarantĂ€ne-Einrichtungen zur Isolierung Infizierter, grĂŒne und rote Zonen, strikte MobilitĂ€tskontrollen, „Corona-KnĂ€ste“, ausgedehnte Sanktionsmechanismen und vieles mehr. Die privatwirtschaftlichen Drehkreuze, die auf dem Fuße folgen werden, sind fĂŒr diese Diskussion nicht relevant, genauso wie wir es nicht fĂŒr erforderlich halten die repressive Natur des (Polizei-)Staates genauer zu erlĂ€utern. Das alles soll selbstverstĂ€ndlich unter der Miteinbeziehung der „Community“ durchgesetzt werden, so der fromme Wunsch der ZeroCovid-Initiatoren aus Großbritannien.(2) Einige LösungsansĂ€tze dĂŒrften den meisten schon bekannt vorkommen: Es werden die gleichen sein, mit denen die „Wohlstandsinsel“ EU auf Flucht- und Migrationsbewegungen an ihren Außengrenzen antwortet. Aus- und Einsperrung, Selektion und Sanktionierung. Ganz nebenbei: Jede(r) der/die in diesem Zusammenhang ĂŒber Grenzschließungen sinniert, sollte sich dann auch endlich eingestehen, dass die Kampagne „Leave no one behind“ spĂ€testens ab sofort in die Winterpause geht. Die Frage, die ĂŒberdies unweigerlich, aber Milieu ĂŒbergreifend unbeachtet im Raum steht: Wer wird all diejenigen ein- und aussperren, verwalten, ĂŒberwachen, begĂŒnstigen und bestrafen, die zu den widerstĂ€ndigen, gefĂ€hrlichen, ausgestoßenen, unangepassten, also „unkontrollierbaren“ Teilen der Gesellschaft zĂ€hlen und wer wird die Restgesellschaft in Gesunde, Infizierte und Tote aufteilen? Eine rhetorische Frage, natĂŒrlich. Wir kennen die Antwort.

Neu allerdings ist die Betonung auf die Herstellung eines gesellschaftlichen Konsens, der in der englischen Variante „EndCoronaVirus“ besonders hervorgehoben wird. Ohne die Einbeziehung der Zivilbevölkerung, die diesen dystopischen Traum der Regierenden abnicken soll, geht der Plan leider nicht ad hoc auf. Mit dem „Abnicken“ war es dann aber auch schon in Sachen „demokratischer Diskurs“. Einige sind sogar der Meinung, gerade das Gegenteil in dem Aufruf zu entdecken: Die zauberhafte Wiederkehr der bĂŒrgerlichen Sozialdemokratie mit starken Sozialsystemen, sozialer Gerechtigkeit und „direktdemokratischen Elementen“ als Kirsche obendrauf. Oder noch schlimmer: Die Morgenröte der sozialistischen Revolution. Das haben die Ideengeber der ZeroCovid-Strategie und ihre „EhrenmĂ€nner“(3), wie der griechische MinisterprĂ€sident und Saubermann Mitsotakis, richtig erkannt. Ein autoritĂ€res wie totalitĂ€res Projekt von solcher GrĂ¶ĂŸenordnung ist ohne einen „runden Tisch“, bestĂŒckt mit allen Beteiligten (wir sitzen ja alle im selben Boot), nicht zu verwirklichen. Und einige Linke freuen sich bereits auf „Nachbarschaftskomitees“, kein Witz. Doch genau aus diesem Fallstrick der „Community-Efforts“ ergibt sich eine potenzielle AnschlussfĂ€higkeit fĂŒr eine Linke, die sich aufgrund ihrer HandlungsunfĂ€higkeit oder Fantasielosigkeit ĂŒber Monate hinweg damit begnĂŒgte, auf dem Sofa zu hocken und ihre Apathie obendrein als SolidaritĂ€t zu verkaufen. #staythefhome. Das alles auf die Gefahr hin, letztlich als Scharnierfunktion im Ausnahmezustand zwischen autoritĂ€rem Staat und der eigenen Gemeinschaft zu enden. Aber nun. Endlich. Ein Aufruf zum „solidarischen“ Total-Shutdown! #zerocovid, warum nicht?! Und warum nicht auch gleich #zeroemissionen oder #zeroklimawandel? Die Ökologie wird nĂ€mlich den nĂ€chsten Rahmen fĂŒr den kommenden und permanenten Ausnahmezustand stellen. Das pfeifen mittlerweile sogar die Lauterbachs dieser Welt von den DĂ€chern.(4) Bei dem Grad gesellschaftlicher Domestizierung sollte die große Mobilisierung im Namen der zu rettenden Umwelt aber ein SelbstlĂ€ufer werden. Die Reichen zur Kasse bitten! Gern, nur fordert das neben dem Papst auch Sozialdemokrat Olaf Scholz. Vielleicht bei der nĂ€chsten Wahl. Vielleicht werden die Großkapitalisten in einem Akt der NĂ€chstenliebe ihre astronomischen VermögenszuwĂ€chse, die sie im Zuge einer unvergleichbaren Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums ‚von unten nach oben‘ seit Beginn pandemischen Krise angehĂ€uft haben, sozialisieren? #werhatdergibt. Wir mĂŒssen Bezos & Co. nur den Klingelbeutel unter die Nase halten. Endlich bei Arbeitgebern und Unternehmen hart durchgreifen! Aus dem Recht auf menschenwĂŒrdigere, sichere und bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung, sprich Arbeitskampf, ist ein Recht auf
(Trommelwirbel)
 Home-Office geworden. Doch nicht einmal das kann den Arbeitgebern abgetrotzt werden. Spoiler: Am Ende ist es dem kybernetischen Unternehmen einerlei, wo einer ihrer digitalen Nomaden funktioniert, am Strand, im Co-Working-Space bei McDonalds oder in seinem Wohnzimmer. „Solange das W-LAN funktioniert.“(5) Die Missionare der „Arbeit 4.0“, der sogenannten „vierten industriellen Revolution“ werden uns ĂŒberraschen, keine Sorge. Auch nicht um die humanitĂ€re Katastrophe, die sich zwischen Lipa und Lesbos tagtĂ€glich wiederholt. Die ist gerade mal drei Wörter wert: „GeflĂŒchtete dezentral unterbringen“ Wir sehen schon die weißhĂ€utigen Hobby-Sozialingenieure in heimischer QuarantĂ€ne sitzen und schwadronieren, wie die Massen von zu verwaltenden Menschen hierzulande denn hin- und herzuschieben und ein- und auszusperren sind. „SammelunterkĂŒnfte auflösen“. Die Obdachlosen sterben wie die Fliegen auf der Straße. Aus deutschen SammelunterkĂŒnften fliegen sie raus, weil sie aus RumĂ€nien, Bulgarien, Äthiopien oder Guinea kommen und ihnen der schlichtweg Anspruch auf ein „Hotel auf Staatskosten“ (Behördensprech) fehlt. Im Niedriglohnsektor herzlich willkommen, aber hör‘ auf von „Bleiberecht“ zu schwafeln! Egal, ob in Sachen Impfstoff oder Kara Tepe: Germany first! Wer wird unterbringen, auflösen, einrichten, abschieben und verwalten? Auch diese Antwort kennen wir.

Und natĂŒrlich soll die Idee zur Etablierung „gemeinschaftlicher Einrichtungen“, um Betreuungs- und Sorgearbeit innerhalb der „Community“ leisten zu können, nicht zu kurz kommen. Die ZeroCovid-Strategen dazu: „Depending on the size of the community, larger sub-groups of say 5-10 buddy pods can form a „BuddyGroup“ that will be available to one another as additionalresource to brainstorm and work together to solve problems bigger than one Buddy Pod can handle.“(6) Das klingt doch schön. „Buddy Pods“ sollen es richten. Und so schließt sich der Kreis. Fesche LeitfĂ€den zu „Decentralized organizing“ fĂŒr die AnpassungsfĂ€higen und AufgeklĂ€rten, Abstrafung und Erziehungslager fĂŒr das zurĂŒckgelassene Subproletariat. Kurz und knapp: Wir dĂŒrfen das Elend, das die zukĂŒnftige Welt fĂŒr uns bereit hĂ€lt, selbst verwalten. Ein Graffiti aus Oaxaca/Mexico mahnte bereits 2006: „Sie wollen uns zum Regieren zwingen, auf diese Provokation werden wir uns nicht einlassen.“(7)

Zu guter Letzt sollen dem geforderten Ausbau des Gesundheitssystems noch einige Worte gewidmet werden. Der Pflegenotstand, die Unterfinanzierung sowie Überlastung der KrankenhĂ€user, Pflegeeinrichtungen und Altersheime sind das Ergebnis einer seit Jahrzehnten andauernden neoliberalen Umstrukturierung, die mit der Agenda 2010 unter Schröder volle Fahrt aufnahm und in immer wiederkehrenden marktradikalen Forderungen zur Effizienzsteigerung gipfelt. Der Think Tank „Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina“, aktuell gefragter Berater der Bundesregierung, forderte zuletzt 2016 in einem lancierten Papier zur Schließung von 1300 Kliniken auf.(8) Deutschlandweit gibt es ungefĂ€hr 1600 Kliniken. Der Aufruf kursierte in abgewandelter Form sogar noch 2019, kurz vor Beginn der Pandemie. Ohne große argumentative Anstrengungen lĂ€sst sich offensichtlich konstatieren, dass die Regierung in den vergangenen Monaten absolut nichts unternahm, was einem Ausbau der Gesundheitssysteme gleich kĂ€me. Im Gegenteil, es kann aufgrund zahlreicher Krankenhausmitteilungen davon ausgegangen werden, dass im Laufe der Pandemie sogar weiter an einem Abbau der KapazitĂ€ten gearbeitet wird. In vielen KrankenhĂ€usern wurden Stationen geschlossen und teilweise bis zu 35% der Patienten entlassen, um KapazitĂ€ten fĂŒr die Intensivpflege der an Covid19-Infizierten freizuhalten. Kein Ausbau, sondern eine Verschiebung von (u.a. personellen) Ressourcen, zulasten anderer (vorrangig pflegeintensiver) Patienten. Hier werden Menschenleben verspielt und nicht in geheimen Zockerrunden in den Shisha-Bars. FĂŒr Menschen, die in diesen Bereichen beschĂ€ftigt sind, ohnehin ein alter Hut. Zu Beginn der Pandemie, als das medizinische Personal großzĂŒgig mit der Balkon-SolidaritĂ€t, also von Balkonien aus mit Applaus in der Werbepause beglĂŒckt wurde, war in den Straßen der Ruf einer Krankenpflegerin zu hören, die sich gerade auf dem Heimweg befand. Ihre wĂŒtende Antwort: „Spart euch das dĂ€mliche Geklatsche!“. Die plötzliche Empörung ĂŒber den katastrophalen Zustand des Gesundheitssystems (und hierzulande sind die Bedingungen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig rosig) ist verlogen und kommt definitiv zu spĂ€t. Der Großteil der Menschen, die hierzulande an Covid19 sterben, wartet in den heruntergewirtschafteten Altersheimen in sozialer Isolation auf den einsamen Tod. Wie viele hochbetagte und schwer erkrankte Menschen mĂŒssen sich tatsĂ€chlich der Frage stellen, ob es dieser Virus sein wird oder vielleicht das soziale Koma, das ihnen das Leben aushaucht? Doch wer interessierte sich jemals ernsthaft dafĂŒr, was das Leben und Sterben in diesen Heimen bedeutet?

Die Verantwortlichen sind im politischen Betrieb zu suchen und Anliegen einer kritischen Linken hĂ€tte es bereits im MĂ€rz 2020 sein mĂŒssen, die KĂ€mpfe im Gesundheitssektor zu unterstĂŒtzen, auszuweiten und radikale Forderungen zu stellen, die zweifellos große Zustimmung erfahren hĂ€tten. Stattdessen arbeitet mensch sich lieber an „Maskenmuffeln“, Jugendlichen oder den Querdenkern ab. Das geht dann so weit, dass sich linke Aktivisten zu MNS-Experten mausern und im Netz reihenweise Bilder von „Fake-Masken“ tragenden Personen veröffentlichen, natĂŒrlich unter Verlinkung @Polizei. Nicht falsch verstehen, ĂŒber die nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Elemente innerhalb der Querdenker-Bewegung sind wir uns durchaus bewusst. Dieser „Bewegung“ muss sich in den Weg gestellt werden. Aber wĂ€re es nicht auch folgerichtig, selbst eine staats- und kapitalismuskritische ErzĂ€hlung vorzubringen, die einer völlig realitĂ€tsfremden und verwirrten Ansammlung wie „Querdenken“ sofort die Luft abschnĂŒren wĂŒrde? In der Tat: „Die eigene UnfĂ€higkeit ist die neue StĂ€rke der Rechten.“(9) Es ist natĂŒrlich bequemer sich hinter dem staatlichen Narrativ zu verstecken.Obwohl mittlerweile auch der Letzte begriffen haben sollte, dass die Katastrophe nicht Covid19 heißt, sondern kapitalistischer Normalbetriebund staatliches Krisenmanagement in einem Kapitalismus, der versucht sich mittels einer zunehmend autoritĂ€r werdenden Absicherung, vor allem polizeilich und militĂ€risch, vor dem Schlimmsten zu bewahren. Den AufstĂ€nden. Die bereits da sind. Und denjenigen, die wie ein FlĂ€chenbrand auf diese Krise folgen werden. Nach der Krise ist bekanntermaßen vor der Krise. Auch wenn wir keine Aneinanderreihung von Krisen sehen, sondern nur ein einziges großes Debakel.

„Jetzt liegt es an uns, diese spontane Organisation zu vertiefen und zu stĂ€rken, damit wir gemeinsam etwas finden, das noch schrecklicher und mĂ€chtiger ist als das, was wir letzte Nacht gesehen haben.“(10)

Nun, fĂŒr die Freunde und Freundinnen der LeitfĂ€den, der konstruktivere Teil dieses Beitrags.

Es gab von Beginn der Pandemie an ausreichend Gelegenheiten (und die gibt es immer noch) sich als (radikale) Linke an gesellschaftlichen Konflikten, wie auch an ArbeitskĂ€mpfen zu beteiligen und in den verschiedensten Lebensbereichen zu intervenieren. Die Mahnwachen und Kundgebungen der u.a. in KrankenhĂ€usern Angestellten zĂ€hlen noch immer nicht mehr als eine Handvoll solidarischer Menschen. In Athen versorgt Rouvikonas, ein anarchistisches Kollektiv, KindergĂ€rten, Obdachlose und bedĂŒrftige Familien mit Mitteln des tĂ€glichen Bedarfs und stattet u.a. korrupten Firmenchefs und Ärzten, die sich an der Pandemie bereichern, Hausbesuche ab. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Hamburger „Superhelden“, die 2006 gemeinschaftlich FeinkostlĂ€den ĂŒberfielen und die Beute an sozial Schwache verschenkten? Die nimmersatten Barbaren in Gelb, die Gilets Jaunes kombinieren ihren antikapitalistischen Systemkampf mit den KĂ€mpfen im Gesundheitssektor. In Köln besetzen und beleben Obdachlose ein Haus in Selbstverwaltung zu einem strategisch gĂŒnstigen Zeitpunkt. Zum Thema „SammelunterkĂŒnfte auflösen“. In einem x-beliebigen Kuhkaff solidarisieren sich migrantische Jugendliche und vertreiben die Bullen, weil sie genug von der staatlichen Repressionsmaschine haben. In Slowenien sind es linke KrĂ€fte, die einer rechtsextremen Regierung die Stirn bieten und ihrer autoritĂ€ren Pandemie- und AufstandsbekĂ€mpfung ein Bein stellen. Es sind die Streikenden bei Amazon, die eine kĂ€mpferische SolidaritĂ€tsbekundung begrĂŒĂŸen wĂŒrden, auch wenn dabei die verdammte Wellblech-Halle in Flammen aufgehen sollte. In Frankreich sind es landesweit tausende SchĂŒler*innen, die ein angemessenes Hygienekonzept einfordern, den Schulbetrieb hierfĂŒr lahmlegen und sich KĂ€mpfen mit den Bullen stellen mĂŒssen. Da die nigerianische Regierung ihrer Bevölkerung SchutzausrĂŒstung und Lebensmittel vorenthielt, plĂŒnderten hunderte von Protestierenden einfach die örtlichen LagerhĂ€user. In Portland wird im Dezember 2020 die ZwangsrĂ€umung einer Familie verhindert und anschließend einfach mal ein ganzer Straßenzug besetzt und gemeinschaftlich umgestaltet. Mit Maske und Abstand. Zu den Bullen. Es wĂ€re uns ein VergnĂŒgen, die nĂ€chsten Seiten mit Beispielen wie diesen zu fĂŒllen. Das alles wird die Pandemie nicht beenden. Ebensowenig wie die sich hauptberuflich ihre Öffentlichkeit schaffenden Gesundheitsminister und den in dieser nur anfĂ€nglich nebenberuflich ihre Expertise anpreisenden Wissenschaftler*innen. Und keine ZeroCovid-Strategie, die am liebsten eine ganze Welt unter QuarantĂ€ne stellen will, ohne die damit verbundene autoritĂ€re Transformation ganzer Gesellschaften voraussehen zu wollen.

Wer den Staat fĂŒr seine UntĂ€tigkeit oder UnfĂ€higkeit an den Pranger stellen möchte, hĂ€tte zu jeder Zeit folgende Fragen in den Diskurs bringen können: Warum waren KrankenhĂ€user und medizinische Einrichtungen ĂŒber Monate hinweg mit SchutzausrĂŒstung unterversorgt? (Die Angestellen in diesen Bereichen stellen immerhin elf Prozent aller Infizierten.) Wo waren die massenhaften und koordinierten Tests der Heimbewohner*innen und des medizinischen Personals zu Beginn der Pandemie? Wo war die groß angelegte Kampagne fĂŒr den Stellenausbau im Gesundheitswesen? Warum mĂŒssen sich Krankenpfleger*innen krank zur Arbeit schleppen? Warum lagen die Schnelltests und Masken nicht von Beginn an kostenlos in jedem verdammten Briefkasten? Wo bleiben die Millionen, die nun in den Gesundheitssektor gepumpt werden? Nun ja, diese Fragen langweilen uns. Stellen wir besser andere Forderungen:

FĂŒr eine linke Bewegung, die sich aus dem Stockholm-Syndrom befreit und eigene, emanzipatorische und kĂ€mpferische AnsĂ€tze entwickelt. FĂŒr eine exponentielle VervielfĂ€ltigung der AufstĂ€nde.

Den Kommunismus leben, die Anarchie verbreiten.

Fußnoten:

Jacek Rozpalać OgieƄ

(1) Michel Foucault: Ăœberwachen und Strafen. Die Geburt des GefĂ€ngnisses. 15. Auflage 2015, S.253.

(2) https://de.endcoronavirus.org/all-guidelines

(3) https://de.endcoronavirus.org/hall-of-fame

(4) https://verfassungsblog.de/corona-und-klima-krise-als-chance/ oder https://www.welt.de/politik/deutschland/article223275012/Kampf-gegen-Klimawandel-Lauterbach-wegen-Coronazeit-pessimistisch.html

(5) https://www.personio.de/hr-lexikon/arbeit-4-0/

(6) https://static1.squarespace.com/static/5b68a4e4a2772c2a206180a1/t/5e778f76683f0c72e524f1df/1584893816375/CommunitySupport.pdf

(7) https://wortstreit.noblogs.org/files/2015/11/an-unsere-freunde.pdf S.39.

(8) https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-wissenschaftler-halten-1300-kliniken-fuer-ueberfluessig-1.3221646

(9) https://schwarzerpfeil.de/2020/11/27/antiautoritaere-resignation-die-eigene-unfaehigkeit-ist-die-neue-staerke-der-rechten/

(10) https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2020/08/24/how-it-might-should-be-done/

taken from here

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Quelle: Abc-wien.net