August 2, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Tobias von Borcke
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 190 – Mai / Juni 2021

#Antiziganismus

Antifa Magazin der rechte rand
@ Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Es war der 16. Mai 1944, als ein Teil der im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau inhaftierten Sinti*zze und Rom*nja Widerstand leistete, indem sie den Befehl verweigerten, ihre Baracken zu verlassen. Grund hierfĂŒr war die vorausgegangene Warnung eines FunktionshĂ€ftlings, nach der die Sinti*zze und Rom*nja an diesem Tag ermordet werden sollten. Den Erinnerungen des Sinto Hugo Höllenreiner nach zog sich die SS zurĂŒck: »Die SS haben gedacht, wenn sie reinkommen, vielleicht schießen sie ein paar zusammen, aber dass unsere von denen auch ein paar umbringen. Die haben sich erhalten wollen. Und so muss es in anderen Blöcken auch gewesen sein. Und wenn es auf die anderen Lagerabschnitte ĂŒbergreift. Vielleicht waren sie in dem Glauben, dass alle MĂ€nner der Baracke dastehen und zuschlagen werden.« Unter denen, die sich widersetzten, war Hugos Vater, Josef Höllenreiner, ein ehemaliger Wehrmachtssoldat. »Da bin ich heute noch stolz drauf, das hat es selten gegeben«, Ă€ußert sich Hugo Höllenreiner rĂŒckblickend. Er war neun Jahre alt, als er mit seiner Familie von MĂŒnchen nach Auschwitz deportiert wurde. Von dort wurde er ins KZ RavensbrĂŒck, dann nach Mauthausen und schließlich nach Bergen-Belsen verschleppt, wo er 1945 seine Befreiung erlebte. Hugo Höllenreiner, seine fĂŒnf Geschwister und seine Eltern ĂŒberlebten, 36 ihrer Angehörigen jedoch fielen dem Holocaust zum Opfer.

Aufgrund des Widerstandes in Auschwitz-Birkenau zog sich die SS an diesem Tag zurĂŒck, die Mordaktion wurde verschoben. In den folgenden Wochen und Monaten wurden zwischen 2.000 und 3.000 der in Auschwitz inhaftierten Sinti*zze und Rom*nja in andere KZ verschleppt und dort zur Arbeit gezwungen. ZurĂŒck blieben jene, die in den Augen der SS nicht mehr arbeitsfĂ€hig waren: ĂŒberwiegend Kinder sowie alte und kranke Menschen.
Schließlich wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 die verbliebenen etwa 4.300 Personen in den Gaskammern ermordet.

Antifa Magazin der rechte rand
@ Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Am 2. August wird international der schÀtzungsweise 500.000 Opfer des Völkermordes gedacht. Der 16. Mai als Tag der Erinnerung an den Widerstand von Sinti*zze und Rom*nja ist bis heute weniger bekannt und wird vor allem von Selbstorganisationen der Minderheit begangen. Auch wenn die historischen Details bis hin zum genauen Datum wissenschaftlich umstritten sind, ist aufgrund von Zeug*innenaussagen davon auszugehen, dass der beschriebene Akt der Verweigerung stattgefunden hat.
Widerstand von Sinti*zze und Rom*nja ist nicht nur aus Auschwitz ĂŒberliefert. Auch in Treblinka setzten sich nach Aussagen von Überlebenden Sinti*zze und Rom*nja gegen ihre Ermordung zur Wehr. In den Konzentrationslagern widersetzten sich Angehörige der Minderheit etwa durch SolidaritĂ€t und gegenseitige UnterstĂŒtzung oder durch Flucht.

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@ Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Die nationalsozialistische Verfolgungspolitik zielte darauf, alle als »Zigeuner« kategorisierten Menschen zu erfassen, aus der Gesellschaft auszuschließen und schließlich zu ermorden. Die Handlungsoptionen der Verfolgten waren damit aufs Äußerste eingeschrĂ€nkt, hĂ€ufig blieb ihnen nur der nackte Kampf ums Überleben. Somit sind alle Versuche, den reibungslosen Ablauf von Verfolgung und Vernichtung zu stören, sich zu entziehen und unter verzweifelten Bedingungen die eigene Menschlichkeit zu wahren, als Widerstand zu bezeichnen.

Facetten des Widerstandes
Ab 1933 waren Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland immer stÀrkerer Diskriminierung ausgesetzt und wurden zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrÀngt. In praktisch allen Bereichen findet sich auch Widerstand gegen Ausgrenzung und Verfolgung, etwa gegen den Ausschluss aus dem Wirtschaftsleben oder gegen »rassehygienische Untersuchungen«.
Ein gut dokumentiertes Beispiel ist die Geschichte von Christine Lehmann aus Duisburg, die einem rassistischen Eheverbot trotzte und im Geheimen weiter mit ihrem Partner Karl Hessel, mit dem sie zwei Kinder hatte, zusammenlebte. Christine Lehmann wurde schließlich verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie am 28. MĂ€rz 1944 infolge der unmenschlichen Bedingungen im Lager starb.

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Johann »Rukeli« Trollmann
© sintiundroma.de

Der Profiboxer Johann »Rukeli« Trollmann gewann am 9. Juni 1933 den Kampf um den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht. Sein beweglicher Boxstil war bereits vor diesem Kampf als »undeutsch« diffamiert worden, nun wollte der Boxverband den Sinto nicht als Deutschen Meister akzeptieren. Der Titel wurde ihm einige Tage spĂ€ter aberkannt. Vor seinem letzten großen Kampf im Juli 1933 war Trollmann massivem Druck ausgesetzt, »deutsch« zu boxen. Um diesen Rassismus öffentlich zu kritisieren, erschien er mit geweißten Haaren und weiß gepuderter Haut im Boxring. Den Kampf verlor er, seine sportliche Karriere war praktisch vorbei. 1939 zunĂ€chst zur Wehrmacht eingezogen, wurde er als Sinto 1942 ausgeschlossen. Anschließend wurde er verhaftet und ins KZ Neuengamme eingewiesen, 1944 im Außenlager Wittenberge erschlagen.
Von den Widerstandsformen, die Sinti*zze und Rom*nja in NS-Deutschland ausĂŒben konnten und ausgeĂŒbt haben, dĂŒrfte das Untertauchen die hĂ€ufigste gewesen sein. Zumindest einigen war es so möglich, drohenden Repressalien und damit hĂ€ufig dem Tod zu entgehen.

Im Untergrund
Als die meisten Mitglieder der Familie verhaftet und deportiert wurden, gelang es dem Sinto Oskar Rose unterzutauchen. Fortan lebte er unter falschem Namen im Untergrund. Im April 1943 sprach er in der MĂŒnchener Residenz von Kardinal Faulhaber vor, um diesen ĂŒber die verzweifelte Lage der Sinti*zze und Rom*nja zu informieren und zum Eingreifen zu bewegen. Faulhaber weigerte sich jedoch, ihn zu empfangen. In den folgenden Wochen richtete Oskar Rose anonyme Schreiben an zwei weitere ranghohe Vertreter der katholischen ­Kirche. Auch diese Hilfegesuche blieben ohne Reaktion: Ein öffentliches Einstehen der katholischen Geistlichkeit fĂŒr die verfolgten deutschen Sinti*zze und Rom*nja, die mehrheitlich katholisch waren, blieb aus. Auch wenn Oskar Roses Bestrebungen erfolglos blieben, sind sie von besonderer Bedeutung. Dass ein Angehöriger der verfolgten Minderheit in NS-Deutschland versucht hat, den Völkermord in seiner Gesamtheit zu stoppen oder zumindest ins Stocken zu bringen, ist in keinem anderen Fall dokumentiert. Oskar Roses Widerstand gegen die nationalsozialistische Verfolgungspolitik erschöpfte sich nicht in Bittgesuchen an die katholische Kirche. Im August 1944 gelang es ihm, seinen Bruder Vinzenz Rose aus dem Außenlager Neckarelz des KZ Natzweiler-Struthof zu befreien. Beide konnten sich bis zum Kriegsende verstecken und ĂŒberlebten.

Widerstand in Europa
Der Widerstand von Sinti*zze und Rom*nja hatte auch eine internationale Dimension. So waren Angehörige der Minderheit in besetzten LĂ€ndern am militĂ€rischen Kampf gegen NS-Deutschland beteiligt. Belegt sind beispielsweise Verbindungen zur französischen RĂ©sistance. Zeitweise lebten Sinti*zze und Rom*nja hier mit bewaffneten Widerstandsgruppen in den WĂ€ldern, unter anderem unterstĂŒtzten sie entkommene britische Kriegsgefangene und abgeschossene Piloten bei der Flucht. Die Beteiligung von Rom*nja an Partisan*innengruppen ist insbesondere fĂŒr das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien dokumentiert, aber auch fĂŒr Polen und die Sowjetunion. Zumeist schlossen sich Rom*nja dabei bestehenden VerbĂ€nden der Widerstandsbewegungen an, in einzelnen FĂ€llen gab es spezielle Rom*nja-Einheiten, wie zum Beispiel in Kroatien. Nicht zuletzt leisteten Sinti*zze und Rom*nja auch als Angehörige der alliierten Armeen einen Beitrag zum Sieg ĂŒber Nazideutschland.

Besonders bemerkenswert ist die Biografie von Alfreda Markowska. Die polnische Romni war selbst unmittelbar von Verfolgungsmaßnahmen betroffen. Sie entging dem Tod nur knapp und hat zahlreiche Angehörige verloren. Von den Deutschen im besetzten Polen zur Zwangsarbeit eingesetzt, suchte sie die StĂ€tten von Massenerschießungen auf, um nach Überlebenden zu suchen und diesen zu helfen. Markowska hat 50 Kindern, darunter Rom*nja und jĂŒdische Kinder, das Leben gerettet, indem sie sie bei sich versteckte und ihnen gefĂ€lschte Papiere verschaffte.

Keine »Stunde Null«
Die Zeit nach Kriegsende war in vielen Bereichen durch KontinuitĂ€ten geprĂ€gt. Die TĂ€ter*innen des Völkermordes konnten ihre Karrieren fortsetzen und mussten nur in wenigen FĂ€llen juristische oder andere Konsequenzen befĂŒrchten. Die wenigen Sinti*zze und Rom*nja, die ĂŒberlebt hatten, sahen sich hingegen fortgesetzter Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Sie und ihre Nachkommen wurden vielfach ins gesellschaftliche Abseits gedrĂ€ngt. Die Dominanzgesellschaften beider deutscher Staaten verdrĂ€ngten und beschwiegen die an Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen ĂŒber Jahrzehnte. Mit rassistischen BegrĂŒndungen wurden Sinti*zze und Rom*nja in der BRD EntschĂ€digungszahlungen verweigert – in Gerichtsprozessen und Gutachten Ă€ußerten sich als »Expert*innen« ausgerechnet Menschen, die in der NS-Zeit TĂ€ter*innen waren, bei der Kriminalpolizei oder als »Rasseforscher*innen«. Zu den ersten, die sich gegen diese ZustĂ€nde wehrten, gehörten Oskar und Vinzenz Rose. Die BrĂŒder setzten sich fĂŒr eine juristische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen ein und prangerten den fortgesetzten Antiziganismus an. Sie waren die Wegbereiter der BĂŒrgerrechtsbewegung deutscher Sinti*zze und Rom*nja, aus der heraus 1982 der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gegrĂŒndet wurde. Im selben Jahr erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt als erster deutscher Spitzenpolitiker den rassistisch motivierten Völkermord an Sinti*zze und Rom*nja als solchen an.

Trotz der Erfolge der BĂŒrger*innenrechtsarbeit ist Antiziganismus in Deutschland und Europa bis heute weit verbreitet und fest verankert. Auch die Geschichte der Verfolgung und Ermordung von Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus ist zu wenig bekannt. Eine Voraussetzung fĂŒr die BekĂ€mpfung des Antiziganismus in Politik, Medien und Gesellschaft besteht darin, dass sich die Dominanzgesellschaft den Perspektiven von Sinti*zze und Rom*nja öffnet und sowohl die bis heute wirksamen historischen Wunden als auch Stereotype, Ausgrenzung und Gewalt in der Gegenwart anerkennt und daraus Konsequenzen zieht.

Tobias von Borcke ist Mitarbeiter des Bildungsforums gegen Antiziganismus. Der vorliegende Text basiert auf Recherchen und Überlegungen zu diesen Bildungsmaterialien: »Wir geben uns nicht in ihre HĂ€nde«. Bildungsmaterialien zum Widerstand von Sinti und Roma gegen den Nationalsozialismus (2019, zusammen mit der GedenkstĂ€tte Deutscher Widerstand), www.gegen-antiziganismus.de




Quelle: Der-rechte-rand.de