Juni 5, 2021
Von La Presse
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Die Abschiebungen nach Afghanistan zu stoppen – eine Forderung, die seit Dezember 2016 immer wieder aus der Gesellschaft erhoben wird. Damals hob erstmals wieder ein Abschiebeflieger in Deutschland in Richtung Kabul ab. Der Protest gegen Abschiebungen in gerade dieses Zielland wird von einem breiten Spektrum Akteur*innen organisiert und unterstĂŒtzt. Kirchenvertreter*innen haben sich dagegen ausgesprochen genauso wie Politiker*innen von Linken und GrĂŒnen, auch von der SPD, Aktivist*innen, die FlĂŒchtlingsrĂ€te und weitere NGOs, nicht zuletzt Selbstorganisationen afghanischer GeflĂŒchteter.

Gestoppt hat das Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer die Abschiebungen jedoch nicht. Auch die Pandemie hat dem kein Ende bereitet und so soll bereits am kommenden Dienstag der nÀchste Flieger gehen. Diesmal von Leipzig/ Halle. Hier demonstrierte das Aktionsnetzwerk Protest LEJ am Samstag auf dem Marktplatz. Etwa 300 Menschen hatten sich versammelten, mit zwei Fahrraddemos aus dem Leipziger Osten und Westen reisten zahlreiche Demonstrant*innen an. Das erhoffte Bild, wie die FahrrÀder auf den Marktplatz mitsamt roter Papierdrachen strömten, wirkte. Denn Drachensteigen ist eine afghanische Tradition, die die Taliban dort verbieten, wo sie herrschen.

Und auch in anderen StĂ€dten in der Bundesrepublik gingen Menschen auf die Straße und brachten selbstgebastelte Drachen mit. In Berlin, Köln, LĂŒbeck, MĂŒnchen, weiteren StĂ€dten wurde unter dem Hashtag #Afghanistannotsafe mobilisiert. Maxi Funke von Protest LEJ erklĂ€rt: „Der koordinierte Aktionstag ist notwendig geworden. Bundesweit signalisieren wir, dass genug ist, seit Langem! Bisher wurden 1.035 Menschen aus der Bundesrepublik abgeschoben, deswegen muss es Protest in möglichst vielen StĂ€dten geben. Und praktische SolidaritĂ€t.“ fĂŒgt sie hinzu.

Auch Mohammad Okasha, frisch in den Migrant*innenbeirat der Stadt Leipzig gewĂ€hlt, sprach auf der Kundgebung. „Einem Mitarbeiter der AuslĂ€nderbehörde wĂŒrde ich gern sagen: ‚Wenn du Afghanistan so sicher findest, dass du Menschen dahin abschiebst, dann nimm doch deine Familie und mach Urlaub da!“ Der Kampf um ein Bleiberecht ist existentiell, das verdeutlicht seine Rede klar. Okasha spricht aus eigener Erfahrung, ĂŒber ein Jahr habe er selber die Abschiebung aus Leipzig fĂŒrchten mĂŒssen. Der Blick auf das Schicksal von Menschen, die nach Afghanistan abgeschoben wurden, zeigt, was auf dem Spiel steht. Mindestens ein Mensch beging Suizid, ein weiterer wurde Ziel eines Bombenanschlags. Einige fliehen erneut. In den Iran beispielsweise, viele Menschen afghanischer StaatsbĂŒrgerschaft wurden dort geboren. Andere sind bereits wieder in Europa. Was die Abschiebemaschinerie fĂŒr Tragödien produziert, dass sie rassistisch und gewaltvoll ist, schallte den GĂ€st*innen in den CafĂ©s und Restaurants rund um den Leipziger Markt mehrfach entgegen. Und, dass Abschiebungen auch ein GeschĂ€ft sind.

Das verdeutlichte ein aus Berlin angereister Vertreter der Gruppe NoBorder Assembly. In einer umfassenden Recherche hat die Gruppe die Airlines recherchiert, die 2020 fĂŒr Sammelabschiebungen Flugzeuge und Crew bereitstellten. Besonders hervor sticht die spanische Airline „Privilege Style“, die die letzten neun Abschiebungen nach Afghanistan mitzuverantworten hat. #AllPrivilegeNoStyle lautet die Kampagne, die nun darauf aufmerksam macht, dass durch Abschiebungen eben auch Unternehmen Profite einstreichen.

Die intensiv mit Reden und Live-Musik ausgestaltete Demo ließ sich auch nicht von dem einbrechenden Regen unterbrechen. In diesem Sinne kĂŒndigte die Vertreterin von Protest LEJ an: „Wir werden nicht aufhören bis niemand mehr nach Afghanistan abgeschoben wird. Wir werden nicht aufhören, bis gar niemand mehr abgeschoben wird! Denn: bis wir uns aussuchen können, wo wir geboren werden, bis dahin gehört die Welt allen! Afghanistan is not safe! Also: was wollen wir? Stop deportatons! Wann wollen wir das? Jetzt!“ Am 8. Juni, wenn wieder ein Flieger nach Afghanistan abhebt, wollen Protest LEJ erneut demonstrieren. Diesmal am vorgesehenen Abschiebeflughafen Leipzig/ Halle, die Mahnwache startet 19 Uhr. / MG




Quelle: La-presse.org