Dezember 10, 2021
Von Contraste
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Seit ĂŒber 30 Jahren arbeitet und wirkt im »Haus der Demokratie« eine bunte Mischung aus Initiativen und linken Gruppen. Sie fĂŒhren das VermĂ€chtnis der ostdeutschen BĂŒrger*innen-Bewegungen fort, deren außerparteiliche Arbeit der Motor der friedlichen Revolution 1989 war.

Helene JĂŒttner, Berlin

Ein oranges Banner flattert vor der Fassade der Greifswalder Str. 4, nicht unweit vom Berliner Alexanderplatz: Haus der Demokratie und Menschenrechte. Das Haus und der gleichnamige Verein beherbergen mehr als 50 Initiativen aus aller Welt, im Hofeingang hĂ€ngen in langer Reihe mehr als 70 BriefkĂ€sten. In Raum 1102 können interessierte Leser*innen die Bibliothek der Freien Anarchistischen BĂŒcherei durchstöbern, nebenan arbeitet eine Interessenvertretung von Menschen mit Autismus und eine Etage tiefer bemĂŒht sich ein Nichtraucherbund um AufklĂ€rung.

Hervorgegangen ist das Projekt aus den ostdeutschen BĂŒrger*innen-Bewegungen der 80er und 90er Jahre. Der Verein hat zwei klare Ziele: Erstens, einen Ort zu schaffen, der Platz fĂŒr außerparteiliche, gesellschaftspolitische Arbeit bietet. Und zweitens das ostdeutsche Narrativ als die Sicht der »Wende-Verlierer*innen« rund um die Wiedervereinigung lebendig zu halten. Durch die KontinuitĂ€t der beteiligten Menschen und ihr einzigartiges Wissen als Zeitzeug*innen verfĂŒgt der Verein ĂŒber vielfĂ€ltige Perspektiven und wertvolle Erfahrung mit politischem Engagement.

Begonnen hatte alles im Dezember 1989. Der Zentrale Runde Tisch ĂŒbergab den ostdeutschen BĂŒrger*innen-Bewegungen die Friedrichstraße 165 als Zentrale. Damit war eine materielle Basis fĂŒr die Arbeit jener Bewegungen geschaffen, deren politisches und gesellschaftliches Engagement die Wende mit möglich gemacht hatten. WĂ€hrend der Verfassungsentwurf des Runden Tisches rasch in Vergessenheit geriet und die politische Landschaft Ostdeutschlands von den westdeutschen Parteien absorbiert wurde, organisiert sich im HdD ein breites Spektrum linker Gruppen. Ihnen gemeinsam sind die Bestrebungen, die ehemalige DDR noch »von links« zu ĂŒberholen und die gesellschaftspolitische Sprengkraft der friedlichen Revolution zu nutzen, um den Traum einer befreiten Gesellschaft zu verwirklichen. Doch mit der WĂ€hrungsreform und dem ungehemmten Aufprall des kapitalistischen Westdeutschland auf die wackeligen Überreste der Planwirtschaft der DDR entstand fĂŒr ehemalige Ostdeutsche ein enormer ökonomischer Integrationsdruck.

Die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten nach dem Mauerfall war kurz. Das Momentum des Umbruchs war verklungen, die Bedeutung der BĂŒrger*innen-Bewegung schwand, ihr Hauptquartier in exzellenter Hauptstadtlage zog begehrliche Blicke auf sich. Lange Konflikte um unklare BesitzverhĂ€ltnisse prĂ€gten seit Mitte der 90er die Arbeit im Haus. Die Parteivermögenskommission entschied schlussendlich, dass das Haus nicht weiter von den Bewegungen genutzt werden dĂŒrfe. In der Friedrichstraße erinnert heute nur noch eine kleine bronzene Gedenktafel an die politische Geschichte des Hauses. Zehn Jahre und dem eher unfreiwilligen Umzug spĂ€ter findet sich das Haus der Demokratie an seinem neuen Standort wieder: weniger Fassaden-Stuck und weniger Prestige, dafĂŒr mehr BĂŒrorĂ€ume und eine gesicherte Zukunft. Denn die Abfindung, die den Rausschmiss etwas abmildern soll, reichte zusammen mit einem Kredit, um die RĂ€ume in der Greifswalder Straße zu kaufen.

Zum Bedauern der Vereinsmitglieder*innen hat sich das Haus in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem reinen BĂŒro-Haus entwickelt. Das Hausplenum tagt nur noch, wenn es Probleme gibt und selbst dann lĂ€sst die Beteiligung zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Das widerspricht der GrĂŒndungsidee des Hauses der Demokratie: Als Gemeinschaft in den umgebenden Raum wirken und sich untereinander vernetzten. Doch die eingefleischten Strukturen widerstehen der sich einschleichenden Leblosigkeit. Das jĂ€hrliche Hausfest am Tag der Befreiung, gemeinsame Spendensammelaktionen und Kollaborationen mit anderen BĂŒndnissen und Initiativen halten den Geist am Leben. Die RĂ€ume des HdD stehen auch kurzfristig immer offen fĂŒr Plena, Workshops und Tagungen linker Gruppen.

Mittlerweile ist der inhaltliche Rahmen viel weiter gesteckt als in den AnfĂ€ngen. Und in einer Stadt, in der der Investitionsdruck die linken RĂ€ume immer schneller dahinrafft, ist das HdD eine Oase gesicherter Zukunftsperspektiven fĂŒr Gruppen, die eine materielle Basis fĂŒr ihre Arbeit brauchen. Jetzt ist es an Berlins linker Szene sich diesen Freiraum zu Nutze zu machen und seine Potenziale wieder besser auszuschöpfen.

Link: https://www.hausderdemokratie.de

Titelbild: Das »Haus der Demokratie« im Jahr 1990 – noch in der Friedrichstraße 165. Foto: Rolf Walter

Und heute:

FrĂŒher gelb, heute orange – das Banner am Haus der Demokratie. Foto: Haus der Demokratie und Menschenrechte e.V.



Quelle: Contraste.org