Oktober 13, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Philipp Vergin
Antifa-Magazin ┬╗der rechte rand┬ź Ausgabe 195 – M├Ąrz / April 2022

#Preu├čen

F├╝r die extreme Rechte in Deutschland ist Preu├čen seit jeher eine sinnstiftende ideengeschichtliche Chiffre. Ein historischer ├ťberblick.

Antifa Magazin der rechte rand
Bismarck-Fans bei einer AfD-Kundgebung mit Bj├Ârn H├Âcke 2018 in Eisenach.
┬ę Mark M├╝hlhaus / attenzione

Bekanntlich handelte es sich bei der Reichsgr├╝ndung von 1871 um ein autorit├Ąres Projekt des preu├čischen Adels unter der F├╝hrung von Otto von Bismarck ÔÇô Preu├čen setzte sich als dominierende politische Kraft in Deutschland durch. Es folgte die wilhelminische Epoche, die den Aufstieg des deutschen Reiches zur europ├Ąischen Gro├čmacht vollzog. Im politischen Leben des fr├╝hen Kaiserreichs bis zur Jahrhundertwende standen die ┬╗Deutsch-Konservative Partei┬ź, die ┬╗Kreuzzeitung┬ź und die von dem Antisemiten Adolf Stoecker gef├╝hrte ┬╗Christlich-Soziale Partei┬ź auf der ├Ąu├čersten rechten Seite des Reiches. Ihr Wirken diente dem Kampf gegen die aufstrebende revolution├Ąre Sozialdemokratie und den politischen Liberalismus.

┬╗Alldeutsche┬ź Radikalisierung

Mit der Jahrhundertwende gewann dann die entstehende v├Âlkische Bewegung an Einfluss auf die ideologische Ausrichtung der Rechten, namentlich der ┬╗Alldeutsche Verband┬ź und die diversen, aus dem preu├čischen Milit├Ąr und dem Gro├čb├╝rgertum getragenen nationalistisch-militaristischen Flottenvereine. Sie dr├Ąngten auf eine aggressivere Aufr├╝stung und ein Primat des Milit├Ąrs in der Au├čenpolitik. Die ┬╗Alldeutschen┬ź radikalisierten sich unter ihrem Vorsitzenden Heinrich Cla├č zusehends und forderten am Vorabend der Entfesselung des Ersten Weltkrieges von Kaiser Wilhelm II. einen offenen Imperialismus mit dem Ziel kolonialer Eroberungen. Dabei propagierten sie einen rassistischen Sozialdarwinismus samt Lebensraum-Ideologie. W├Ąhrend des Ersten Weltkrieges warben die ultranationalistischen Verb├Ąnde in Bev├Âlkerung und Wirtschaft f├╝r Kriegsanleihen zur Finanzierung dieser historischen Materialschlacht. Nach 1917 wollten sie die Fortsetzung des Krieges selbst dann noch, als die K├Ąmpfe einen zuvor nicht dagewesenen Blutzoll gefordert hatten.

Die im Jahr darauf begonnene Novemberrevolution und die Abdankung des Kaisers empfanden die gesamte wilhelminische Elite und das nationalistisch eingestimmte B├╝rgertum als Schmach. Im Zuge der Rhetorik vom Dolchsto├č, welchen die Front durch die Revolution erlitten habe, mehrten sich antisemitische Motive in der rechten Publizistik. Darin wurde den J├╝dinnen und Juden die Schuld f├╝r den verlorenen Krieg und den Systemwechsel zugewiesen.

┬╗Fesseln┬ź von Versailles

Das Ende des Kaiserreiches ist f├╝r die Rechte in Deutschland eine Niederlage der alten, von ihr als nat├╝rlich angesehenen Ordnung. Doch nicht die Restauration der Monarchie hat die sich nach 1918 formierende neue extreme Rechte in der Weimarer Republik im Sinn, sondern je nach politischer Selbstverortung den Aufbau eines autorit├Ąren, hierarchischen St├Ąndestaates, eine Diktatur des Milit├Ąrs oder eines Pr├Ąsidialkabinetts. Gemeinsam ist allen Str├Âmungen der Weimarer extremen Rechten das Ziel, die ┬╗Fesseln┬ź des Versailler Vertrages abzusch├╝tteln, die Wiederaufr├╝stung Deutschlands voranzutreiben und eine Revanche gegen Frankreich und England vorzubereiten.

Die von geschichtlichem Bruch beklagte Einf├╝hrung der parlamentarischen Demokratie und die Unterzeichnung des Vertrages von Versailles lasteten die Nationalisten der neuen Regierung an, die als ┬╗Novemberverbrecher┬ź denunziert wird. Vor diesem Hintergrund ereigneten sich die rechtsterroristischen Morde an Finanzminister Matthias Erzberger und Au├čenminister Walter Rathenau. An diesen Taten war auch der Romanschriftsteller Ernst von Salomon beteiligt, seinerseits Protagonist der heute von Neurechten oftmals rezipierten ┬╗Konservativen Revolution┬ź. Es folgten die Eins├Ątze pr├Ąfaschistischer Freikorps gegen die Arbeiter*innenbewegung und 1920 der gescheiterte Kapp-Putsch, mit dem die Republik gest├╝rzt werden sollte.

┬╗Preu├čischer Sozialismus┬ź

Zeitgen├Âssische Autoren wie Arthur Moeller van den Bruck und Oswald Spengler griffen in den fr├╝hen 1920er Jahren den Preu├čenmythos in ihren Schriften auf. Dabei ging es nicht um eine faktisch-historische Betrachtung, vielmehr wurde Preu├čen f├╝r die extreme Rechte der Weimarer Republik zur politischen Chiffre jenes antimodernen und antidemokratischen Wertekanons, mit dessen Hilfe es gelingen sollte, die verhasste Demokratie und die Versailler Ordnung in Europa abzusch├╝tteln. Die Besinnung auf preu├čisch tradierte Werte wie Gemeinschaft, Tugend und Disziplin wurde gegen die Republik und den Individualismus in Stellung gebracht.

Im Jahr 1919 erschien Spenglers programmatische Schrift ┬╗Preu├čentum und Sozialismus┬ź. Darin setzte er dem marxistischen Konzept des Sozialismus das eines ┬╗preu├čischen Sozialismus┬ź entgegen. Dieser m├╝sse vor dem Hintergrund der preu├čischen Geschichte und dessen, was Spengler f├╝r die Deutschen f├╝r wesensgem├Ą├č hielt, illiberal und autorit├Ąr verfasst sein. Preu├čen war f├╝r ihn die Summe von Realismus, Disziplin und Korpsgeist, Bildung und Schw├Ąrmerei.

Die Nationalrevolution├Ąren f├╝hrten das Preu├čentum und die Praxis der bolschewistischen Massenmobilisierung in der Sowjetunion in der Zeit des B├╝rgerkrieges ideologisch zusammen. In der Gestalt des Arbeiters beziehungsweise des Soldaten sahen sie den politischen Akteur einer neu formierten Gesellschaft, die sich auf das preu├čische Ethos gr├╝nden sollte.

Die antirepublikanischen Parteien betrieben in der Weimarer Republik zudem einen folkloristischen Kult um Reichskanzler Otto von Bismarck und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Dazu geh├Ârten ├Âffentliche Sedan- und Tannenbergfeiern, mit denen die Schlachten des preu├čischen Heeres glorifiziert wurden. Die Jugend- und Wehrverb├Ąnde der Antirepublikaner ergingen sich in einer nationalistischen und v├Âlkischen Rhetorik. Dabei bef├Ârderte der Bezug zum Preu├čentum die Mobilisierung antifranz├Âsischer Ressentiments, etwa nach der Ruhrbesetzung durch alliierte Truppen 1923.

Vom K├Ânig zum Soldatentum

Mit dem ┬╗Tag von Potsdam┬ź am 21. M├Ąrz 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche suchte Hitler in einer Zeremonie den symbolischen Schulterschluss mit dem Adel und der Tradition Preu├čens. Ein Bild aus der Zeit um dieses Ereignis zeigt den Despoten in einer Reihe mit Friedrich dem Gro├čen, Bismarck und Hindenburg. Dazu findet sich die Aussage: ┬╗Was der K├Ânig eroberte, der F├╝rst formte, der Feldmarschall verteidigte, rettete und einigte der Soldat.┬ź

Dass die NSDAP auf dem Weg zur Macht vom Adel und auch von den landbesitzenden Junkern ├Âstlich der Elbe unterst├╝tzt wurde, ist hinreichend historisch nachgewiesen. Die Nazis nahmen auf die preu├čische Tradition Bezug, da sie deren Militarismus teilten und zugleich um Unterst├╝tzung im protestantisch national-konservativen B├╝rgertum warben. Dieses stand der NS-Bewegung aus Gr├╝nden eines elit├Ąren D├╝nkels habituell skeptisch gegen├╝ber, teilte jedoch den militanten Anti-Marxismus und Anti-Liberalismus der Nazis. Im Adel und im B├╝rgertum ├╝berwog die Erleichterung dar├╝ber, dass Hitler die ihnen verhasste Demokratie beseitigt und die Arbeiter*innenbewegung samt marxistischen Parteien zerschlagen hatte.

Im Januar 1933 wurde Hermann G├Âring, sp├Ąter unter anderem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, preu├čischer Reichskommissar und drei Monate sp├Ąter formell Ministerpr├Ąsident. Bereits zuvor war die als republikanisch gesinnt geltende Polizei Preu├čens unter die Kontrolle Franz von Papens gestellt und als demokratischer Faktor ausgeschaltet worden. Die Gleichschaltung der L├Ąnder durch die Nazis lie├č Preu├čen zur leeren H├╝lle werden.

Neue europ├Ąische Mittelmacht

Nach dem Ende des Nationalsozialismus erkl├Ąrten die Alliierten den Staat Preu├čen 1947 in einem Kontrollratsgesetz f├╝r aufgel├Âst. Dieser hochgradig symbolische Beschluss trug dem Umstand Rechnung, dass Preu├čen als der Inbegriff deutschen Militarismus und imperialistischen Expansionsstrebens galt.

Doch seit der Nachkriegszeit ist ┬╗Preu├čen bleibt Preu├čen┬ź f├╝r Konservative, die extreme Rechte und Vertriebenenverb├Ąnde ein konstanter Bezugspunkt. So bringt die ┬╗Landsmannschaft Ostpreu├čen┬ź bis heute die ┬╗Preu├čische Allgemeine Zeitung┬ź heraus ÔÇô urspr├╝nglich 1950 als ┬╗Ostpreu├čenblatt┬ź gegr├╝ndet (s. drr Nr. 172).

Nach 1990 gewann Preu├čen neue Strahlkraft. In den rechten Periodika setzte eine Debatte um die R├╝ckkehr Preu├čens als politischer Faktor ein. Ganz in diesem Geiste verlegte die Zeitung ┬╗Junge Freiheit┬ź (JF) ihren Redaktionssitz Anfang der 1990er Jahr kurzzeitig in die fr├╝here Garnisonsstadt Potsdam. Doch die Hoffnungen in der ┬╗Neuen Rechten┬ź, vermittels der Wiedervereinigung die Westanbindung zu entsorgen, und wie das historische Preu├čen beziehungsweise das Deutsche Reich als europ├Ąische Mittelmacht agieren zu k├Ânnen, erf├╝llten sich bekannterweise nicht.

Bezugspunkt bis heute

┬╗Hurra, wir haben Geburtstag┬ź titelte die JF (3/21) p├╝nktlich zum Jubil├Ąum der Reichsgr├╝ndung im Januar vergangenen Jahres. Diese ├ťberschrift darf zweifellos als politische Standortbestimmung zugunsten des MythosÔÇś vom Deutschen Reich gelesen werden. In seinem Leitartikel f├╝hrte Chefredakteur Dieter Stein dar├╝ber Klage, dass die Reichsgr├╝ndung weder f├╝r das kollektive Ged├Ąchtnis der Deutschen noch in der Politik eine konstitutive Rolle spiele. In G├Âtz Kubitscheks ┬╗Sezession┬ź (Nr. 100) bilanzierte Autor Dag Krienen im Februar 2021, dass ┬╗kein Obrigkeit- und F├╝rstenstaat, sondern der Staat der gesamten Nation, eine sowohl nationale als auch demokratische Errungenschaft ersten Ranges┬ź gewesen sei. Kein Zweifel: Die preu├čische Geschichte ist f├╝r die extreme Rechte nach wie vor zentraler identit├Ąrer und geschichtlicher Bezugspunkt.




Quelle: Der-rechte-rand.de