September 1, 2021
Von Contraste
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Seit fĂŒnf Jahren arbeitet Lars Lange ehrenamtlich und gemeinnĂŒtzig im Mönchengladbacher Unverpackt-Laden »Tante LeMi« mit. Was ihn motiviert und wie es lĂ€uft, darĂŒber unterhielt sich CONTRASTE-Redakteurin Ariane Dettloff mit ihm.

CONTRASTE: Hallo Lars, du betreibst zusammen mit anderen einen speziellen Unverpackt-Laden in Mönchengladbach, »Tante LeMi« heißt er – ein Akronym aus »Lebensmittel«. Seit wann gibt es euch?

Lars Lange: GegrĂŒndet haben wir uns 2015 und im MĂ€rz 2016 haben wir den Laden eröffnet. Damit waren wir einer der ersten in Deutschland, noch vor Köln und DĂŒsseldorf.

Wie viele gibt es hierzulande mittlerweile?

Laut Unverpackt-Verband sind es 430, und 295 sind in Planung. Sieben bis acht eröffnen im Moment pro Monat. Allerdings muss man sagen, dass die Coronakrise die Unverpackt-LĂ€den ziemlich erwischt hat. Meine Motivation ist aber nicht primĂ€r der Unverpackt-Laden, sondern mir ist vorrangig wichtig, dass wir ein g e m e i n n ĂŒ t z i g er Laden sind, eine Art Reallabor, das zeigen möchte, dass Wirtschaft anders denkbar ist – am Beispiel eines Unverpackt-Ladens. Wobei das Unverpackte natĂŒrlich auch schon eine gute Auswirkung hat. Plastik ist ja nicht so ohne: Dieses Mikro-Plastik geht ganz elementar in unseren Körper und lĂ€hmt da die ZeugungsfĂ€higkeit, die Fruchtbarkeit. Dennoch ist es so: Wenn die Leute mit ihrem SUV oder mit ihrem Auto kommen und dann im Unverpackt-Laden ein paar Gramm Plastik sparen, dann haben wir zwar etwas weniger Mikroplastik, aber die Gesamt-Ökobilanz ist immer noch deutlich negativer im Vergleich, als wenn sie die gleichen Bio-Produkte verpackt im Supermarkt in ihrer NĂ€he kaufen wĂŒrden. Unsere Produkte sind alle bio, weil bio eine ganz entscheidende Rolle in der Ökobilanz spielt.

Die wirtschaftliche Lage der Unverpackt-LĂ€den in Deutschland stellt sich im Moment nicht so rosig dar; sie haben deutlich UmsatzeinbrĂŒche seit der Coronageschichte zu verkraften. Wir bei Tante LeMi haben jetzt nur noch etwa 70 Prozent der UmsĂ€tze des Vor-Corona-Niveaus. Das ist bei den anderen Ă€hnlich, auch fĂŒr viele durchaus existenzbedrohend. Es gibt also zwei Seiten: einerseits den Boom der LĂ€den, auf der anderen Seite aber einen deutlichen RĂŒckgang.

Ihr habt euch ja als Verein gegrĂŒndet – warum?

Dabei geht es uns darum, MĂ€rkte durch Gemeinschaften zu ersetzen. Unser Verein »Eine Erde e.V.« hat bereits 900 Mitglieder. Bei uns sind die Leute verpflichtet, Mitglied zu werden. Allerdings ist die Barriere denkbar niedrig. Die Mitglieder können sich aussuchen, ob und wie viel Beitrag sie zahlen möchten, so dass wirklich jedem ermöglicht wird, bei uns sehr gĂŒnstig Bio-Lebensmittel zu beziehen. Es darf aber nicht »bio« heißen, denn wir sind nicht bio-zertifiziert. Wir schreiben immer auf unsere Lebensmittel drauf, woher wir sie haben, von welchem GroßhĂ€ndler und welche Bio-Zertifizierung das Produkt hat, aber wir selbst sind nicht bio-zertifiziert und dĂŒrfen nicht sagen, dass wir Bio-Lebensmittel verkaufen, wir sagen stattdessen »organisch«. Der Begriff »Bio« ist geschĂŒtzt.

Welchen Vorteil hat die juristische Form des Vereins?

Zum einen ist es kein privatwirtschaftliches Unternehmen. Uns geht es ja darum, zu zeigen, dass Wirtschaft anders funktionieren kann. Das kann ein Verein sehr gut ausdrĂŒcken. Und ein Verein ist einfach zu grĂŒnden, sehr niederschwellig und von vornherein demokratisch strukturiert.

Und ihr kooperiert mit einer Solawi, einer Solidarischen Landwirtschaft?

Ja, das Ganze soll auch als »Gemeinheit« verstanden werden, als Allmende. Und der Verein kommt dem Gemeinheitsgedanken am nĂ€chsten, dem Gedanken der Solidarischen Ökonomie.

Hier der Solawi Neuenhoven


Genau, damit kooperieren wir dadurch, dass wir regelmĂ€ĂŸig Werbung dafĂŒr machen. Lebensmittel liefern können die uns nicht, weil wir haben unseren wirtschaftlichen Betrieb innerhalb eines gemeinnĂŒtzigen Vereins, bei der Solawi ist das aber ein Zweckbetrieb, das heißt die Solawi erfĂŒllt mit dem GemĂŒseanbau unmittelbar ihren Satzungszweck. Das tun wir nicht. Unser Satzungszweck wird im Moment hauptsĂ€chlich durch die Veranstaltungsreihen erfĂŒllt.

Ihr bekommt also nichts von denen geliefert?

Nein, das geht nicht – oder wir haben noch kein Schlupfloch gefunden, wie das gehen könnte. Es ist aber auch so, dass die ausschließlich GemĂŒse produzieren, und das einzige GemĂŒse, das wir haben, sind Kartoffeln. Da haben wir eine Kooperation mit dem ADFC, die holen uns mit LastenrĂ€dern regelmĂ€ĂŸig die Kartoffeln, die wir dann sehr gĂŒnstig verkaufen können. Frisches GemĂŒse fĂŒhren wir nicht, denn wir haben kaum Lagerraum und nur dreimal pro Woche geöffnet. Wir haben keine normalen Öffnungszeiten, weil wir alles ehrenamtlich machen.

Wie viele Menschen arbeiten denn bei euch mit?

Vor Corona waren es deutlich mehr, so etwa 30, jetzt sind es noch 15 von insgesamt 900 Mitgliedern. Die Mitarbeit ist nicht verpflichtend.

Ihr fĂŒhrt also hauptsĂ€chlich Dauerware, trockene Lebensmittel?

Genau, wir haben praktisch ĂŒberhaupt keinen Lebensmittel-MĂŒll. Wir mĂŒssen gar keine Lebensmittel wegschmeißen, selbst wenn Trockenware ablĂ€uft, verkaufen wir die weiter zum Normalpreis. Wir kennzeichnen das einfach: »Bohnen sind abgelaufen«, aber jeder weiß, dass getrocknete Bohnen 2.000 Jahre teilweise noch keimfĂ€hig sind! Unsere Mitglieder akzeptieren das auch.

Wie wĂŒrdest du euer Publikum charakterisieren?

Es ist auf jeden Fall sehr weiblich und sehr weiß. Vom Alter her ist es sehr gemischt.

Und Mittelstand wahrscheinlich?

Eher nicht – es gibt noch einen privatwirtschaftlich organisierten Unverpackt-Laden hier fĂŒr deren BedĂŒrfnisse. Die haben jeden Tag geöffnet und fĂŒhren auch so Chichi-Produkte, die wir gar nicht anbieten 


So etwas wie Chia-Samen zum Beispiel?

Ja genau – wir haben dafĂŒr dann halt getrocknete Erbsen. Das ist nicht so attraktiv. Wir arbeiten nicht Nachfrage-orientiert, sondern wir geben Produkte raus, die unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten ausgewĂ€hlt wurden. Wir haben zum Beispiel bewusst unseren Kassenschlager Cashewkerne rausgenommen. Denn zum einen kommen sie von sehr weit her.

Wir schaffen es allerdings nicht, radikal lokal zu sein, weil es an Ehrenamtler*innen fehlt, um das umzusetzen. Wir bestellen hauptsĂ€chlich bei zwei, drei GroßhĂ€ndler*innen. Aber nach Möglichkeit halten wir unser Angebot frei von Dingen außerhalb von Europa – ein paar wenige Joker wie Kaffee oder Kokosraspeln fĂŒr die asiatische KĂŒche, aus denen man selbst Kokosmilch machen kann, und Tee haben wir auch.

Wir fĂŒhren auch GewĂŒrze – dabei achten wir darauf, dass alles von außerhalb Europas fair gehandelt ist. Cashews haben wir rausgenommen, auch weil es die Arbeiter*innen verletzt durch die SĂ€ure, die beim SchĂ€len austritt. Wir geben ein Angebot vor, und wir haben auch durchaus LadenhĂŒter im Sortiment, weil wir denken: Ja, das ist ein wichtiges proteinhaltiges Lebensmittel wie zum Beispiel die getrockneten Erbsen.

Und sind eure Produkte alle vegan?

Ja, wir sind ein veganer Laden. Wir kehren das nicht groß nach außen, aber es steht tatsĂ€chlich bei uns in der Satzung drin.

Was sind die grĂ¶ĂŸten Vorteile, wenn man bei euch im Unverpackt-Laden einkauft?

Der große Vorteil fĂŒr mich persönlich ist der sehr gĂŒnstige Preis. Wir sind fraglos PreisfĂŒhrer in Mönchengladbach! Eigentlich muss man ja bei Unverpackt-LĂ€den von »Umverpackt-LĂ€den« sprechen. Denn die meisten Sachen kommen zwar wirklich in PapiertĂŒten und in großen 20-Kilo-Gebinden. So spart man tatsĂ€chlich sehr viel VerpackungsmĂŒll. Aber es fĂ€llt immer noch MĂŒll an. Die kleinen Gebinde sind noch mal in grĂ¶ĂŸere Gebinde verpackt. Wenn man 500 Gramm von irgendwas kauft, sind diese TĂŒten oft in Kartons eingepackt und diese noch einmal in Kartons. Das heißt, man kommt nicht auf Zero Waste. Das ist sehr schwierig. Wir haben einen Anbieter, der Pfandgebinde anbietet – das können wir aber nicht machen, weil wir ĂŒberhaupt keine LagerflĂ€chen dafĂŒr haben. Uns fehlt auch die Man- und Womanpower, um die Gebinde dann zurĂŒckzuschicken, weil wir alles ehrenamtlich machen.

Welche Nachteile nimmt man in Kauf, wenn man bei euch einkauft?

Wir sind kein Vollsortimentler, das ist vielleicht ein Nachteil. Es wĂ€re natĂŒrlich schön, wenn wir noch eine Auswahl an GemĂŒse und Obst hĂ€tten. DafĂŒr sind wir zu klein


Zahlt ihr Miete?

Nein, weil unser Vermieter uns die seit Beginn erlÀsst. Wir zahlen nur Nebenkosten.

Macht ihr Gewinne?

Ja, wir machen tatsĂ€chlich Gewinne, wobei wir die im Moment noch in die Ausstattung des Ladens stecken. Wir haben super gĂŒnstig angefangen, und zwar mit nur sagenhaften 1.500 Euro. Damit haben wir die Ladenausstattung bestritten und die Lebensmittel eingekauft.

Wie war das möglich?

Wir haben einen 19 Jahre alten Computer, auf dem Linux lĂ€uft und haben uns eine Excel-Liste gebastelt, die konform ist mit dem Finanzamt. Also wir machen alles so gĂŒnstig wie möglich, damit wir die Lebensmittel auch gĂŒnstig anbieten können zum einen, und aber auch einen Gewinn erwirtschaften, damit wir unsere Satzungsziele erfĂŒllen können.

Welche sind denn eure Satzungsziele?

Die Förderung eines ressourcenschonenden und ökologischen Lebensstils.

DafĂŒr macht ihr auch Veranstaltungen?

Genau, den erfĂŒllen wir in der Hauptsache durch Veranstaltungen, wobei wir weniger auf Probleme hinweisen, sondern eher Lösungen aufzeigen. Dazu laden wir Referent*innen ein, die Ideen fĂŒr ein Leben nach dem Kapitalismus haben.

Welches war denn die letzte Veranstaltung?

Hans Widmer aus der Schweiz, der sich frĂŒher P.M. genannt hat.

Was hat er geboten?

Er hat ĂŒber neue Lebensformen, ĂŒber Kommunen letztendlich referiert, viel aus dem NĂ€hkĂ€stchen geplaudert. Er hat ja selbst mehrere kommunitĂ€re oder gemeinschaftsfreundliche, nachbarschaftliche Projekte in der Schweiz angestoßen. Er lebt selbst in der Bau- und Wohngenossenschaft »Kraftwerk 1«, einer ökosozialen Stadtkommune in ZĂŒrich.

Nennst du noch ein paar weitere Beispiele?

Gern. Nico Paech sprach ĂŒber die Postwachstumsgesellschaft, Tobi Rosswog ĂŒber »Wege aus dem Arbeitsblues«, Friederike Habermann ĂŒber »Ausgetauscht! Warum gutes Leben fĂŒr alle tauschlogikfrei sein muss«. Auch Mitglieder halten manchmal VortrĂ€ge. Es gab einen Workshop zur Herstellung von Sauerkraut, wir hatten ein historisches Thema ĂŒber Konsumgenosssenschaften im 19. und 20. Jahrhundert


Was sind fĂŒr euch und den Verein Eine Erde e.V. besondere Herausforderungen?

Die große Herausforderung ist es, wie wir mehr Menschen gewinnen, die mitmachen, die das als Schatz ansehen fĂŒr Mönchengladbach, die das Neue darin sehen, die auch die Chance darin sehen, unsere Gesellschaft zu verĂ€ndern, die das als Reallabor sehen, als Keimzelle fĂŒr etwas Neues, das grĂ¶ĂŸer werden kann.

Link: https://tantelemi.wordpress.com/

Titelbild: Ehrenamtlich und stolz aufÂŽs Tante LeMi-Sortiment: Mitarbeiterin Barbara. Foto: Eine Erde e.V.




Quelle: Contraste.org