Januar 5, 2023
Von Paradox-A
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Lesedauer: 5 Minuten

(Anti-)Politik im mutualistischen und kommunitÀren Anarchismus

zuerst veröffentlicht in: Contraste. Zeitschrift fĂŒr Selbstorganisation #459

Was viele von uns motiviert, ist die Sehnsucht nach einem guten Leben fĂŒr alle in friedlicher und kooperativer Koexistenz. Damit brauchen wir nicht bescheiden umzugehen. Um dies zu realisieren, gilt es die herrschaftliche Gesellschaftsform, in der wir leben, grundlegend zu verĂ€ndern. Mit diesem großen Anspruch nehmen wir uns selbst ernst und bleiben auf der Suche, anstatt uns in alternativen Blasen unter Gleichgesinnten einzurichten. Mit dem folgenden Beitrag möchte ich einige Erkenntnisse aus meiner intensiven BeschĂ€ftigung mit anarchistischer Theorie weitergeben, um zur Reflexion und Diskussion ĂŒber alternative Praktiken und Strategien anzuregen.

Die sozialistische Bewegung entstand als Graswurzelbewegung. Erst im letzten Drittel des 19. Jh. wurden sozialistische Parteien gegrĂŒndet und der sozialdemokratische Weg politischer Reformen sowie der autoritĂ€r-kommunistische Weg der politischen Revolution beschritten.

Dagegen richtete sich der Anarchismus als dritte Hauptströmung im Sozialismus. Einerseits glaubten seine AnhĂ€nger*innen nicht an die Reformierbarkeit sozialer MissstĂ€nde innerhalb des politischen Systems des bĂŒrgerlichen Staates, welcher von kapitalistischen Interessen dominiert wird. Andererseits haben Anarchist*innen unter anderem in Frankreich bei den Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 sowie bei der Niederschlagung der Kommune-Bewegung 1871 wiederholt die Erfahrung gemacht, dass eine Revolution, die auf die Übernahme der Staatsmacht abzielt, letztendlich zur Erhaltung und Erneuerung der Herrschaftsordnung fĂŒhrt. Deswegen kritisieren sie die Form der politischen Partei als autoritĂ€r, zentralistisch und hierarchisch und damit als der Herrschaftsordnung zugeordnet, welche sie ĂŒberwinden wollen. Stattdessen setzen sie auf freiwillige, dezentrale und autonome Netzwerke, mit denen sie eine Gegen-Gesellschaft aufbauen wollen.

Der Streit um diese unterschiedlichen Analysen und Strategien, drĂŒckt sich auch in der anarchistischen Ablehnung von »Politik« aus. Argumentiert wird, dass es gar nicht effektiv, sinnvoll und emanzipatorisch sei, wenn Sozialist*innen sich auf das politische Feld begeben und sich politischer Mittel bedienen. Stattdessen sollten sie sich weiterhin selbst organisieren, freiwillig zusammen schließen und außerhalb der etablierten politischen Rahmenbedingungen betĂ€tigen.

Das Soziale und die Gemeinschaft als Bezugspunkte

Politisch ist nicht gleich staatlich. Das Problem ist aber, dass der moderne Staat versucht, alle politischen BestĂ€tigungen zu vereinnahmen, zu regulieren und zu verstaatlichen, anstatt Menschen selbstbestimmte Lösungen suchen und umsetzen zu lassen. Auch die sogenannte »Zivilgesellschaft« wird auf diese Weise vom Staat kon­struiert und ihm zugeordnet. Gleichzeitig glauben die meisten Menschen unter dem Einfluss der Herrschaftsideologie, nur wenn ihre AktivitĂ€ten politisch ausgedrĂŒckt werden (GesprĂ€che mit Politiker*innen, Medienaufmerksamkeit, Aufgreifen der Forderungen durch Parteien, entsprechende Gesetze usw.) wĂ€ren sie relevant und könnten erfolgreich sein. Deswegen wollen hĂ€ufig auch viele Aktive in sozialen Bewegungen diese politisch ausrichten. Politik funktioniert auf diese Weise in der Gegenwartsgesellschaft als ein staatliches HerrschaftsverhĂ€ltnis, das es grundlegend zu kritisieren und zu dem es Alternativen zu suchen gilt.

Die anarchistische Kritik am Politikmachen ermöglicht es, anderen Handlungsmöglichkeiten nachzugehen. Als anti-politische Bezugspunkte in verschiedenen AusprĂ€gungen des Anarchismus können die Individuen (Individualanarchismus), die Gesellschaft (anarchistischer Kommunismus), die Ökonomie (Anarch@-Syndikalismus) und eine Projektion von ultimativer »Freiheit« (Insurrektionalismus) beschrieben werden. FĂŒr die Lesenden der CONTRASTE scheinen mir dabei die Vorstellungen, die auf das Soziale abzielen (Mutualismus) und AnsĂ€tze, die auf die Gemeinschaft (Kommunitarismus) fokussieren am bedeutendsten zu sein. Letztendlich vermischen sich diese verschiedenen AnsĂ€tze und damit verbundenen Praktiken und Stile in anarchistisch beeinflussten Szenen hĂ€ufig.

Mutualismus bedeutet »Gegenseitigkeit« und zielt darauf ab, mit freien Vereinbarung zwischen Einzelnen oder Gruppen kooperative Beziehungen herzustellen, statt sich in aufgezwungene Ausbeutungs- und RechtsverhĂ€ltnissen zu begeben. Trotz berechtigter Kritik an seinem Sexismus und Antisemitismus ist Pierre-Joseph Proudhon als Vordenker dieses Konzepts zu nennen. Michael Albert kann zum Beispiel als ein zeitgenössischer Vertreter gelten. Auch wenn die vereinzelnde Massengesellschaft es ihnen erschwert, sozial eingebunden zu sein, befinden sich die meisten Menschen in unterschiedlichen sozialen ZusammenhĂ€ngen. Diese sozialen Beziehungen sind nicht in jedem Fall fĂŒr alle Beteiligten gelingend, wohltuend oder genĂŒgen emanzipatorischen AnsprĂŒchen. Dennoch lĂ€sst sich hier ansetzen, damit Menschen sich selbst organisieren und aktiv den sozialen Raum gestalten, in den sie eingebunden sind.

Gedanken zum kommunitĂ€ren Anarchismus wurden insbesondere von Gustav Landauer formuliert und werden aktuell von John P. Clark weitergedacht. Im Sinne der Lebensreformbewegungen geht es darum, mit jenen anzufangen, welche einen Drang nach VerĂ€nderung der Gesellschaft und ihres eigenen Lebens spĂŒren. In alternativen Gemeinschaften werden sozialistische Organisationsformen und Beziehungen vorweggenommen, um so auf experimentelle Weise und mit offenem Ausgang ein neues Beginnen zu wagen. Diese Gemeinschaften können Kommune-Projekte sein, wo die Mitglieder ihr gesamtes Leben teilen, sich aber genauso in Gegen-Kulturen finden, in denen sich Menschen durch ihren Protest, eigene Stile und utopische Vorstellungen verbunden fĂŒhlen. Wenn die entsprechenden Gruppen nach außen wirksam werden, geben sie damit wichtige Impulse in ihre Umgebung, ohne anderen ihre Vorstellungen aufzuzwingen.

Der anarchistische Mutualismus und Kommunitarismus gehen tatsĂ€chlich hĂ€ufig ineinander ĂŒber. Ihre BefĂŒrworter*innen interessieren sich nicht besonders fĂŒr »die« Revolution im Sinne eines großen »Umsturzes«. Wenn es zu einer spĂŒrbaren VerĂ€nderung des derzeitigen Gesellschaftssystems kommt, gehen mutualistisch und kommunitĂ€r eingestellte Anarchist*innen nicht davon aus, dass sie dies großartig beeinflussen könnten oder darauf hinwirken mĂŒssten. Was sie aber durchaus tun, ist neue soziale und gemeinschaftliche Institutionen und Beziehungen zu entwickeln. Denn je umfassender Menschen im Sozialen selbst organisiert sind, in Gemeinschaften ihre Leben teilen und dabei sozialistische Werte wie Gleichheit, soziale Freiheit, SolidaritĂ€t, Vielfalt und Selbstbestimmung leben, desto eher unterscheidet sich eine neue Gesellschaftsform von der vorherigen und gewinnt eine andere QualitĂ€t. Was wir heute aufbauen, weist bereits die Richtung in eine erstrebenswerte Zukunft und wenn diese eintritt, ist sie nur so schön, wie das, was wir bereits verwirklicht haben.

StĂ€rker als bei anderen anarchistischen AnsĂ€tzen liegt hinter dieser Herangehensweise ein Vertrauen in die soziale Evolution der Gesellschaft. Das bedeutet, dass Menschen, die selbstorganisiertes Soziales und rebellische Gemeinschaften stiften, pflegen und gestalten, auf lange Sicht grundlegende VerĂ€nderungen bewirken können. Es stimmt dabei, dass dem eine Herrschaftsordnung entgegensteht, in welche viele Menschen zutiefst verstrickt und verhaftet sind, die sie vereinzelt, ihre Vorstellungskraft beschrĂ€nkt, ihre Hoffnung zerstört, welche in vielerlei Hinsicht auf Gewalt beruht und gewaltsam aufrecht erhalten wird. Aber letztendlich stellt sich fĂŒr uns die Frage, wie wir leben wollen und was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten tun können, um grundlegende VerĂ€nderungen zu bewirken.

In Distanz zur herrschenden Politik andere Wege gehen

Anarchist*innen gehen dabei davon aus, dass erstrebenswerte solidarische, gleiche und freiheitliche VerhĂ€ltnisse parallel zu jenen der dominanten HerrschaftsverhĂ€ltnisse bestehen und ausgeweitet werden können. Statt dem Staat können sich Menschen in Föderationen freiwilliger, autonomer Kommunen organisieren; statt dem Kapitalismus dezentrale sozialistische Wirtschaftsformen wie Kollektivbetriebe, Genossenschaften, regionalen WirtschaftskreislĂ€ufe etc. einrichten. Auch zu Patriarchat, weißer Vorherrschaft und Naturbeherrschung gibt es lebenswerte Alternativen.

Ein theoretischer Baustein, um dies zu denken, besteht darin, eine kritische Distanz zu dem aufzubauen, was alltagsweltlich und fachgemĂ€ĂŸ unter »Politik« verstanden wird. Damit geht es darum, außerhalb vorgefertigter Bahnen zu denken, sich auf die Vielen zu beziehen, welche gar nicht im politischen Prozess reprĂ€sentiert oder mitgedacht werden, und zu hinterfragen, was uns als effektiv, wirksam und sinnvoll prĂ€sentiert wird. »Politik« ist ein Begriff, der mit allen möglichen Bedeutungen aufgeladen und in seiner Definition hochgradig umstritten ist. Viele Anarchist*innen beschĂ€ftigen sich offensichtlich viel und kritisch mit dem, was politisch geschieht. Wenn wir darĂŒber nachdenken, weisen unsere Vorstellungen und GefĂŒhle in Bezug auf »Politik« allerdings darauf hin, dass oftmals ziemlich unklar ist, was wir tatsĂ€chlich meinen, wenn wir von »der« Politik sprechen.

Trotzdem werden wir die BeschĂ€ftigung mit Politik nicht ganz los. Und zwar aus dem Grund, weil die zahlreichen kleinen Projekte, welche im mutualistischen und kommunitĂ€ren Anarchismus hervorgebracht werden, rasch dazu tendieren können, zu Selbstzwecken zu werden. Jede*r die*der in Kollektivbetrieben, Genossenschaften, Hausprojekten etc. involviert war oder ist, kennt das. Wie schnell verlieren wir aus dem Blick, weswegen viele von uns eigentlich darin aktiv sind: Weil wir etwas anderes schaffen und aufbauen wollen – gegen den Trend der Zeit, gegen den Zwang und die Zerstörung, welche mit der Herrschaftsordnung einhergehen. Daher gilt es, dass wir unsere AktivitĂ€ten in den verschiedenen kleinen Projekten auf das große Ziel der GesellschaftsverĂ€nderung insgesamt ausrichten; dass wir uns sozial-revolutionĂ€r orientieren. Dies bedeutet, sich nicht in eine Szene zurĂŒckzuziehen, sondern selbstbewusst mit den eigenen SehnsĂŒchten, Vorstellungen und Erfahrungen nach außen zu treten, um andere davon zu ĂŒberzeugen. Damit können wir auch die Frage aufwerfen, wie eine libertĂ€r-sozialistische Gesellschaftsform politisch organisiert wird. Wir können dabei bereits auf Konzepte der RĂ€tedemokratie, der Gegenmacht und auf eigene Erfahrungen mit kommunaler Selbstorganisation zurĂŒckgreifen und durch sie unser VerhĂ€ltnis zu gegenwĂ€rtiger Politik besser bestimmen.




Quelle: Paradox-a.de