MĂ€rz 15, 2021
Von Emrawi
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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ca. die HĂ€lfte der Corona-Toten lebte zuvor in einem Alten oder Pflegeheim. In einem Drittel dieser Heime kam es zu Clustern, mit teilweise mehr als 100 Infizierten. Zwar hat sich durch die Impfungen die Lage etwas entspannt, dennoch kommt es nach wie vor zu Neuinfektionen. In anderen Quartieren, wie jenen fĂŒr Refugees und Obdachlosen, sind fĂŒr die dortigen Klient*innen die Impftermine noch in weiter Ferne.

Die Lage in den Heimen ist kein Unfall, keine Naturkatastrophe, sondern Ergebnis massiven staatlichen Versagens. Schon zu Beginn der Pandemie wurde klar, dass Massenquartiere Orte sind, an denen sich das Virus unkontrolliert ausbreiten kann. Dennoch wurde nur wenig reagiert. Vor allem letzten Sommer, als die Pandemie fĂŒr ein paar Monate an Dynamik verlor, wĂ€re Zeit gewesen fĂŒr infrastrukturelle Verbesserungen. Durch mehr Personal, mehr Raum und bessere BetreuungsschlĂŒssel hĂ€tte die Verbreitung innerhalb der Einrichtungen deutlich gebremst werden können. Stattdessen gab es Besuchsverbote, Maskenpflicht, etc. – also Maßnahmen, die vergleichsweise wenig bringen, wenig kosten und stets zu lasten der Klient*innen geht. Die Heime blieben so Brandbeschleuniger in der Pandemie.

Betroffen sind nicht nur die dortigen Klient*innen, sondern auch die Basismitarbeiter*innen. Ihre Arbeitssituation hatte sich in den letzten Monaten massiv verschlechtert hatte. Von den Clustern bleiben ja auch die Basismitarbeiter*innen nicht verschont. Die KrankenstĂ€nde sowie das Fernbleiben aus Angst vor Ansteckungen fĂŒhrte vielerorts dazu, dass die ohnehin schon chronische Unterbesetzung sich noch weiter verschĂ€rft. Dazu kamen viele neue, manchmal auch widersprĂŒchliche Regeln, die exekutiert werden mĂŒssen. Auch viele Chef*innen, waren von der neuen Situation ĂŒberfordert, doch konnten sie den Druck und die Verantwortung nach unten weitergeben.

Erstaunlich war und ist, dass unter diesen UmstĂ€nden so wenig von den Skandalen in der Betreuung, von den MissstĂ€nden in der Arbeit, von dem massiven staatlichen Versagen in der Pandemie, ans Licht kommen. Wenn schon Klient*innen dank ihres geringen sozialen Status nicht gehört werden, so könnten doch Angehörige und noch viel mehr Basismitarbeiter*innen MissstĂ€nde ansprechen. Meine Erfahrung nach machen das auch viele Menschen – allerdings mehr auf einer privat-individualistischen Ebene als auf eine öffentlich-kollektive Art und Weise. Der Frust wird in GesprĂ€chen mit Freund*innen rausgelassen. Als einzige Lösungswege, den auch ein paar meiner Freund*innen gewĂ€hlt haben, erscheinen Krankenstand und KĂŒndigung. Kollektives Aufbegehren und Protest werden durch fehlendes Interesse von außen, von der Schwierigkeit der Organisation innerhalb der Einrichtungen und von fehlenden echten Interessensvertretung erschwert. Hier ist ein Bericht einer gescheiterten Organisierung in einem Kindergarten im zehnten Wiener Gemeindebezirk.

Möglicherweise Ă€ndert sich das im Moment: Die Situation in einem Notquartier ebenfalls in Favoriten eskalierte in einer Art und Weise, die – siehe oben – typisch fĂŒr das massive staatliche Versagen ist. Zu den Unterbesetzungen kamen mehr und mehr Corona-Infektionen, die zu einem Cluster anwuchsen. Betroffen waren auch Basismitarbeiter*innen. Als Ersatz gab es nur das ohnehin schon dezimierte Team. Nach Protesten gab es zwar kurzfristige Erleichterungen, doch kurz darauf wurde verkĂŒndet, dass das ganze Quartier schließen – laut Vermutung der Basisarbeiter*innen, um ihren Protest zu unterdrĂŒcken.

Auf den ersten Blick geht es hier um einen einzelnen Arbeitskampf, auch wenn dieser systematische Ursachen hat. Doch der Protest hat das Potenzial, viel weiterzugehen, nĂ€mlich die Corona-Politik von unten neu zu verhandeln. Das momentane System der privaten KontaktbeschrĂ€nkungen als pandemischer Feuerlöscher kann nicht funktionieren, wenn gleichzeitig die Brandbeschleuniger der Massenquartiere unangetastet bleiben. Logischerweise wĂ€re ein umgekehrtes Vorgehen notwendig: Zuerst mĂŒssten es statt der Massenquartiere dezentrale Unterbringung mit guter Versorgung geben, damit so die Dynamik der Pandemie gebremst werde. Danach kann geschaut werden, ob und welche weiteren Maßnahmen es braucht. So könnte ein anderer, ein fairerer, ein sozialer Umgang mit der Pandemie. Schon alleine deswegen ist es wichtig, SolidaritĂ€t mit den Basismitarbeiter*innen der NQ Gudrunstraße zu zeigen. Diese treten am Mittwoch, 17. MĂ€rz, um 15:00 in einen Warnstreik. Gleichzeitig gibt es eine Kundgebung am Keplerplatz.




Quelle: Emrawi.org