November 30, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen und anarchistische Gefangene unterstĂŒtzen.

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William C. Anderson

„Die Last einer langen Haftstrafe wĂŒrde durch die Genugtuung erleichtert, zu wissen, dass die mir gestellte Aufgabe, meinem Volk zu helfen, sich von ihren UnterdrĂŒckenden zu befreien, erfĂŒllt wird.“ — Martin Sostre

Malcolm X sagte einmal: „Wir haben nur unter Amerikas Heuchelei gelitten 
 Wenn du ins GefĂ€ngnis gehst, na und? Wenn du Schwarz bist, wurdest du im GefĂ€ngnis geboren.“ FĂŒr Schwarze in den Vereinigten Staaten ist diese Aussage heute noch genauso wahr wie damals. Es ist die gelebte Erfahrung unzĂ€hliger Schwarzer Menschen ĂŒber Generationen hinweg, aber manchmal lassen sich unzĂ€hlige Leben in einem einzigen Bericht zusammenfassen, der die unterdrĂŒckende RealitĂ€t in allen Einzelheiten zeigt. Das Leben des großen intellektuellen, inhaftierten Rechtsgelehrten und revolutionĂ€ren Organisators Martin Sostre war genau das.

Obwohl sein Einfluss auf den GefĂ€ngniskampf so groß ist wie der von anderen Schwarzen Radikalen wie George Jackson, Angela Davis und Mumia Abu Jamal, ist Sostre heute nicht mehr vielen bekannt. Sostre verstarb am 12. August 2015. Seine Geschichte muss erzĂ€hlt werden, denn ohne ihn wĂ€re die Welt nicht so, wie wir sie heute kennen.

Vom GefÀngnisrebellen zum GemeinschaftspÀdagogen

Martin Sostre wurde 1923 in Harlem geboren und wuchs wĂ€hrend der Großen Depression auf. Schon frĂŒh wurde er von Schwarzen Redner*innen, Denker*innen und Aktivist*innen rund um den African National Memorial Bookstore in der 125th Street inspiriert. Aber Sostre erhielt auch eine andere Art von Bildung, nĂ€mlich Unterricht in dem, was er spĂ€ter als „die Methoden der Straße“ bezeichnete, die vieles von dem vorwegnehmen sollten, was noch kommen sollte. Er trat zunĂ€chst in die Armee ein, wurde aber nach mehreren ZusammenstĂ¶ĂŸen mit dem Gesetz „unehrenhaft“ entlassen. 1952 wurde Sostre wegen Drogenbesitzes verhaftet und zu 12 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt.

Dies war der Beginn einer jahrzehntelangen Reise, die ihn durch schreckliche Einrichtungen wie das Sing-Sing-GefĂ€ngnis, das Clinton-GefĂ€ngnis und das berĂŒchtigte Attica-GefĂ€ngnis fĂŒhrte und schließlich die eingeschrĂ€nkten gesetzlichen Rechte, die inhaftierten Menschen garantiert werden sollten, neu formte.

Im GefĂ€ngnis schloss sich Sostre zunĂ€chst der Nation of Islam an, angezogen von ihren Schwarzen nationalistischen Elementen. Als die GefĂ€ngnisbehörden versuchten, ihm das Recht zu nehmen, seine Überzeugungen zu Ă€ußern, und Sostre in Einzelhaft steckten, nachdem sie ihn beschuldigt hatten, er habe versucht, Dissens zu erregen, studierte er als Autodidakt Jura und beteiligte sich an einem erfolgreichen Rechtsstreit gegen die UnterdrĂŒckung seiner Überzeugungen durch die Behörden.

In einem Brief aus dem GefĂ€ngnis schreibt er: „Obwohl der Kampf eines Schwarzen Highschool-Abbrechers, der als sein eigener Anwalt gegen die massive Zwangsgewalt dieses Staates agiert, manchen wie ein aussichtsloser Kampf erscheinen mag, habe ich keinen Zweifel daran, dass meine UnterdrĂŒcker*innen letztendlich besiegt werden.“ In vielerlei Hinsicht waren seine juristischen KĂ€mpfe ein PrĂ€zedenzfall, und Sostre stand erst am Anfang einer Reihe strategischer Herausforderungen, die betrĂ€chtliche und historische Fortschritte fĂŒr Menschen im GefĂ€ngnis bringen sollten.

Nach seiner Entlassung aus dem GefĂ€ngnis im Jahr 1964 eröffnete Sostre den Afro-Asian Bookstore in Buffalo, New York. Nachdem er im GefĂ€ngnis selbst eine politische VerĂ€nderung durchgemacht hatte, verglich Sostre seine Reise mit der von Malcolm X. Als er jedoch die Black-Power-Politik der Jugend draußen beobachtete, trennte sich Sostre von der Nation Of Islam. Sein Buchladen wurde zu einem Ort, an dem er den Widerstand fĂŒr eine ganze Gemeinschaft kultivierte. Er verkaufte radikale BĂŒcher zu Themen wie Schwarzer Nationalismus und Kommunismus.

Unter den Gemeindemitgliedern, die seinen Laden als Ort des Lernens und der Gemeinschaft nutzten, wurde er als Lehrer anerkannt. Damit geriet er in Konflikt mit der Polizei von Buffalo, die Sostre wegen seines Handelns bedrohte. Er politisierte die Schwarze Jugend zu einer Zeit, als der Staat sich zunehmend Sorgen machte und BefĂŒrwortende des antikapitalistischen Schwarzen Empowerments in den ganzen Vereinigten Staaten ĂŒberwachte.

„Trotzt der weißen AutoritĂ€t!“

WĂ€hrend des langen, heißen Sommers von 1967 kam es ĂŒberall im Land zu AufstĂ€nden von Schwarzen. Die Rebellionen waren eine Reaktion auf die vielen Erscheinungsformen des institutionellen Rassismus wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsdiskriminierung und Polizeigewalt. Die KĂ€mpfe auf den Straßen waren eine direkte Herausforderung an die rassistische Staatsgewalt. Zu dieser Zeit sprach auch der Polizeichef von Miami die berĂŒchtigte Drohung aus: „Wenn die PlĂŒnderung beginnt, wird auch geschossen.“

Als die Revolte in Buffalo ausbrach, war Sostre zur Stelle und tat das, was er am besten konnte: Er unterrichtete, verteilte radikale Literatur an die Schwarze Gemeinschaft — vor allem an junge Menschen — und vermittelte ZusammenhĂ€nge. Sostre organisierte sich durch Bildung und unterstĂŒtzte den Aufstand mit den Methoden, die er in seiner Jugend in Harlem von den Redner*innen, Lehrpersonen und StraßenkĂ€mpfenden gelernt hatte. Sein Buchladen wurde zum sicheren Hafen, in dem die Menschen dem TrĂ€nengas und der Polizeigewalt entkommen konnten. Er unterrichtete und verteilte Befreiungsliteratur an die Menschen, die sich in seinem Laden versteckten, den die Behörden als Bedrohung ansahen. Der Laden blieb bis weit in die Nacht hinein geöffnet und gut besucht, wĂ€hrend die Menschen gegen die Polizei rebellierten.

Schließlich entschlossen sich die Behörden, mit dem aufsĂ€ssigen Sostre fertig zu werden, indem sie seinen Laden stĂŒrmten und durchwĂŒhlten. Er und Geraldine Robinson (seine Mitangeklagte) wurden wegen BetĂ€ubungsmitteln und Anstiftung zum Aufruhr inhaftiert. Nachdem der Aufstand in Buffalo abgeklungen war, wurde er von einer ausschließlich weißen Jury zu 31 bis 41 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt. Sostre wurde vor Gericht geknebelt, ließ sich aber von dem, wie er es nannte, „törichten“ Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, nicht beeindrucken.

SpĂ€ter schrieb er, dass er im Gerichtssaal „die SchwĂ€che dieser faschistischen Bestie“ demonstrierte und ermutigte Schwarze, sich anzusehen, was er dem UnterdrĂŒcker antat. Sostre versprach, konsequent auf Konfrontationskurs zu gehen, und aus dem GefĂ€ngnis heraus ermutigte er Schwarze dazu, „der weißen AutoritĂ€t zu trotzen“ und durch sein Handeln ein Zeichen zu setzen.

Er beteuerte seine Unschuld und unterscheidet in dem Dokumentarfilm Frame-Up! von 1974 „zwischen einem politischen Gefangenen im klassischen Sinne und einem politisierten Gefangenen.“ Er stuft sich selbst als letzteren ein, als jemanden, „der im GefĂ€ngnis ein politisches Bewusstsein entwickelt hat, obwohl das ursprĂŒngliche Verbrechen, das er begangen hat, kein politisches Verbrechen war.“

Martin hat auch einen Prozess ĂŒber die Zensur von Literatur im GefĂ€ngnis gewonnen. Er erinnerte sich daran, dass er so hart dafĂŒr gekĂ€mpft hatte, dass es im GefĂ€ngnis mehr politische Literatur gab als je zuvor. WĂ€hrend seiner Inhaftierung leistete er weiterhin die politische Bildungsarbeit, die er zuvor in der Gemeinde geleistet hatte. Er hat vor Gericht mehrere Siege fĂŒr die Rechte der Gefangenen errungen, von politischen und religiösen Freiheiten bis hin zur EinschrĂ€nkung der Isolationshaft. Er selbst war der Folter der Einzelhaft ausgesetzt und war EinschĂŒchterungen ausgesetzt — alles wegen seiner Arbeit. Aber Sostre blieb seiner Sache treu.

EinfĂŒhrung in den Anarchismus

Sostre war ein scharfer Kritiker von FĂŒhrung, AutoritĂ€t und Imperialismus. Er war ein erbitterter Gegner des Imperiums und identifizierte sich mit den antiimperialistischen BemĂŒhungen. In einem Brief aus dem GefĂ€ngnis von 1967 schreibt Sostre: „Ich werde mich niemals unterwerfen. Der Einsatz der massiven Zwangsgewalt des Staates reicht nicht aus, um mich zum Aufgeben zu bringen; ich bin wie ein Vietcong — ein Schwarzer Vietcong.“ Weiter sagt er, dass der vietnamesische Kampf gegen den Imperialismus ein Beispiel sei, dem er nacheifern wolle. Er bringt den weltweiten Kampf gegen den US-Imperialismus immer wieder mit dem Kampf fĂŒr die Befreiung der Schwarzen in Verbindung.

Er besteht darauf, dass „wir die faschistischen UnterdrĂŒcker*innen nur besiegen können, wenn wir ihre LĂŒgen und Taten auf der Straße, im Gerichtssaal und auf dem Schlachtfeld herausfordern und ihnen entgegentreten.“ In einem anderen Brief aus demselben Jahr erklĂ€rt er, dass eines der ersten Dinge, die er nach seiner Entlassung aus dem GefĂ€ngnis tun wird, die GrĂŒndung eines „Verteidigungsfonds“ ist, denn niemand sollte inhaftiert werden mĂŒssen, „weil die Kaution nicht bezahlt werden konnte.“ In einem anderen Brief aus dem Jahr 1968 kritisiert er sogar Razzien ohne Durchsuchungsbefehl und „stop-and-frisk“ [1] als Anzeichen fĂŒr eine bevorstehende MachtĂŒbernahme der Rechten. Sostre war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus.

1971 widerrief der Haupt“zeuge“ gegen Sostre seine Aussage und gab zu, dass er geholfen hatte, Sostre zu belasten, damit er selbst aus dem GefĂ€ngnis entlassen werden konnte. Dies geschah zusĂ€tzlich zu einer landesweiten Kampagne fĂŒr die Freiheit von Sostre, der inzwischen ein bekannter inhaftierter Radikaler geworden war und schließlich aus der Einzelhaft entlassen werden sollte. Dies geschah auf Anordnung der US-Bezirksrichterin Constance Baker Motley, die als erste Schwarze Frau in das Bundesgericht berufen wurde. Sie sprach ihm auch Schadensersatz zu und er wurde schließlich begnadigt, nachdem er durch eine Kampagne fĂŒr seine Freiheit bekannt geworden war.

Sostres unermesslicher Beitrag hatte auch einen großen Einfluss auf das Leben und Denken des Schwarzen Anarchisten Lorenzo Kom’boa Ervin. Es war Sostre, der das ehemalige Mitglied der Black Panther Party mit dem Anarchismus vertraut machte, nachdem sie sich in einem BundesgefĂ€ngnis kennengelernt hatten. Lorenzo war zu lebenslanger Haft verurteilt worden, nachdem er auf der Flucht vor Waffenbesitz in den USA ein Flugzeug nach Kuba entfĂŒhrt hatte. Ervin war nach seiner Zeit auf Kuba, in der Tschechoslowakei und in Ostdeutschland desillusioniert. Er erinnerte sich an sein Leben im „sowjetischen Sozialismus“ als „elitĂ€r, autoritĂ€r und unterdrĂŒckerisch“. Außerdem argumentierte er, dass der marxistisch-leninistische Maoismus „dazu beigetragen hat, die Neue Linke der 1960er Jahre und den radikalen FlĂŒgel der Black-Power-Bewegung mit Personenkult, Mittelklasse-Snobismus, Manipulation und Opportunismus zu zerstören.“

„Martin Sostre machte mich mit einem neuen Wort bekannt: ‚Anarchistischer Sozialismus.‘ Damals hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach 
 Er erklĂ€rte mir den „selbstverwalteten Sozialismus“, den er als frei von staatlicher BĂŒrokratie, jeder Art von Partei- oder FĂŒhrungsdiktatur beschrieb. Fast jeden Tag erzĂ€hlte er mir von „direkter Demokratie“, „Kommunitarismus“, „radikaler Autonomie“, „Generalversammlungen“ und anderen Dingen, von denen ich nichts wusste. Also hörte ich stundenlang zu, wĂ€hrend er mich unterrichtete.“ — Lorenzo Kom’boa Ervin

Lorenzo konzentrierte sich auf Black Autonomy, seine eigenen Prozesse im GefĂ€ngnis und seine „Free Lorenzo“-Kampagne, die mit Hilfe von Sostres Anweisungen hin zu seiner Freiheit fĂŒhrte. Durch Lorenzo inspirierte Sostre indirekt eine neue Generation von Schwarzen Anarchist*innen (mich eingeschlossen).

Ohne Martin Sostre wĂ€re ein Großteil der wichtigen Arbeit von politischen Gefangenen, politisierten Gefangenen und GefĂ€ngnisbewegungen, wie wir sie heute kennen, nicht möglich gewesen. Durch seine BemĂŒhungen wurden den Menschen im GefĂ€ngnis neue Rechte zugestanden, die fĂŒr viele vorher nicht vorstellbar waren.

Sostre hat uns den Weg gezeigt

Martins Leben zeigt uns, dass wir uns fĂŒr die Abschaffung des GefĂ€ngnisses einsetzen sollten, egal ob es sich um ein GebĂ€ude oder den Staat selbst handelt. GefĂ€ngnisse sind ein Instrument der Gewalt, das der Staat einsetzt, um uns zu unterdrĂŒcken, aber der grĂ¶ĂŸere Apparat, den wir als Staat kennen, ist genauso wenig zu retten wie die Polizei, die Gerichte oder irgendein Teil der Prozesse, die uns in eine Zelle fĂŒhren. Auch wenn Martin Sostre das Rechtssystem gegen seine EntfĂŒhrenden einsetzen konnte, ist es deshalb nicht weniger tödlich. Sie hĂ€tten ihm viel mehr Schaden zugefĂŒgt, wenn sie es gekonnt hĂ€tten, aber so kam es nicht dazu.

Was bedeutet es, ein Leben wie das von Martin Sostre zu fĂŒhren und dabei weitgehend unbemerkt zu bleiben? Es entlarvt die nackte Wahrheit einer Gesellschaft, die sowohl die Menschen als auch die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, ausblenden. Unter albtraumhaften Bedingungen, in denen unverzichtbare Geschichte am Rande verschwindet, sind Happy Ends schwer zu finden. Das, was jemand, der sein Leben wie Martin Sostre lebt, der Sicherheit am nĂ€chsten kommt, ist ein hoffentlich ruhiges, bescheidenes Leben.

Doch Jahrzehnte der Folter und des Leids sollten nicht das Vorwort fĂŒr eine unserer Geschichten sein. Wir feiern die hart erkĂ€mpften Siege von Sostre, als er noch in den SchĂŒtzengrĂ€ben eines nicht gewonnenen Krieges stand. Er ließ sich auch dann nicht von seinem Engagement abbringen, als viele sich anders entschieden hĂ€tten. Er lebte ein Leben, in dem er sich fĂŒr den Abbau von Teilen des GefĂ€ngnissystems einsetzte, auch wenn er selbst in einem KĂ€fig saß.

Wir werden alle auf die eine oder andere Weise sterben, aber wir sollten hoffen, dass wir ein StĂŒck des Staates mitnehmen können, bis er vollstĂ€ndig beseitigt ist. Martin Sostre hat uns den Weg gezeigt.

[1] polizeiliche Kontrollmaßnahmen, bei der VerdĂ€chtige angehalten und durchsucht wird

~ Burn this world to build a new. ~

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Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de