November 25, 2021
Von SchwarzerPfeil
297 ansichten


Manch eine*r mag sagen, dass zur Corona-Pandemie und zum (Nicht-)Umgang von linker Seite aus bereits alles festgehalten wurde, und sicher stimmt das auch, dennoch möchte ich an dieser Stelle einige Punkte zum Versagen der Linken in eben jener Pandemie ansprechen. Warum das Ganze? Einen besonderen Zweck wird es wohl nicht erfĂŒllen, doch wer sieht nicht gerne TrĂ€nen und Schimpftiraden von weißen und priviligierten Wohlstandslinken? Die nachfolgende Kritik richtet sich auch an Anarchist*innen — zumindest jene, die sich auch selbst als links betrachten (obwohl das Links-Rechts-Spektrum ein Konstrukt des Systems ist und der Anarchismus eine Zerstörung eben jenes Systems, bzw aller Systeme, beabsichtigt — damit agieren Anarchist*innen außerhalb dieses Spektrums und lassen sich nicht diesem unterordnen, auch wenn Anarchist*innen und Linke durchaus mehrere gemeinsame Nenner haben können).

Dazu, dass die Linke in die Bedeutungslosigkeit versunken ist, wurde bereits von anderen so einiges geschrieben (und das bereits im vergangenen Jahr) und inzwischen dĂŒrften alle eingesehen haben, dass dieser Fehler nicht mehr umkehrbar ist. Die Bruchlinien sind bereits gezogen. Wenn es richtig und konsequent ist Tankies und Terfs zu Feind*innen zu erklĂ€ren, so bleibt fĂŒr Anarchist*innen nur die Konsequenz sich auch von eben jenen Linken zu trennen, die sich wĂ€hrend der Pandemie auf Seite der AutoritĂ€t gestellt haben und alldiejenigen, die es nicht taten, in die ideologische NĂ€he von Querdenken gerĂŒckt haben.

„Antilinks“, wie es in schlechten Analysen gerne genannt wird, ist kein Argument. Es ist eine notwendige Konsequenz den angesprochenen Linken genau so feindlich gegenĂŒber zu stehen wie auch Rechten. Und diese Feindschaft beruht auf Gegenseitigkeit. FĂŒr Menschen, die der AutoritĂ€t den Krieg erklĂ€rt haben, ergibt sich damit die Konsequenz einen Krieg an drei Fronten zu fĂŒhren: gegen das System, gegen Querdenken, gegen staatstreue Linke. Wenn sich Linke 2020 hinter staatlichen Narrativen gestellt und Zerocovid abgefeiert haben, ist das noch verzeihlich, schließlich war die Situation neu und die Angst vor dem Unbekannten kann zu abstrusen Verhaltensweisen fĂŒhren, doch wer es heute noch macht ist einfach nur lost. Ein Umdenken findet nicht statt und es ist nur richtig hier von einer priviligierten Wohlstandslinken zu reden, denen das völlige VerstĂ€ndnis dafĂŒr fehlt, welche Auswirkungen die Pandemie und die Corona-Politik vor allem auf die Ausgestoßenen der Gesellschaft hat (aber nicht nur).

Endlich Bulle spielen

Es ist kein Geheimnis: LinksautoritĂ€ren ging wĂ€hrend des gesamten Ausnahmezustandes so richtig einer ab, wann immer der Staat eine neue autoritĂ€re und repressive Politik durchsetzte. Kontaktverbote und Lockdown? Fuck yeah, hoffentlich prĂŒgeln die Cops den Pöbel von der Parkbank! Impfpflicht? Bitte so schnell wie möglich her damit, körperliche Selbstbestimmung braucht niemand! 2G im autonomen Zentrum? Stabil! Endlich selber Bulle spielen und Ausweise kontrollieren.

Die psychischen Auswirkungen von sozialer Isolation werden ignoriert. Ein weiterer Lockdown wird ebenfalls viele töten. Kontaktverbote, Ausgangssperren, Lockdowns, Impfpflicht, 2G/3G und andere Politiken treffen zudem vor allem Obdachlose, BIPOC, Menschen, deren Zuhause nicht sicher ist, Menschen ohne Papiere, Behinderte und andere Ausgestoßene der Gesellschaft. Menschen, die von der weißen Wohlstandslinken gerne ĂŒbersehen werden, solange sie nicht gerade fĂŒr ihre politische Agenda missbraucht werden können.

Linke sind schnell dabei auf Demos gegen die Festung Europa Parolen fĂŒr GeflĂŒchtete zu skandieren, doch fĂŒr GeflĂŒchtete und Migrant*innen im Land bleibt kaum Support. Die meisten haben weder Bezug zu migrantischen Communities und „Ghetto-Kids“ noch versuchen sie ĂŒberhaupt einen solchen Bezug aufzubauen. HĂ€tten sie einen solchen Bezug, wĂŒssten sie, dass die derzeitigen Debatten um eine Impfpflicht besonders diese Menschen treffen wird und es dort viele Ungeimpfte gibt. Zum einen Menschen, die sich impfen lassen wĂŒrden, jedoch aus GrĂŒnden besorgt sind, wie etwa die Angst vor Repression bei fehlenden Dokumenten, zum anderen aber auch weil Staat und Wissenschaft misstraut wird. FĂŒr Wohlstandslinke ist es schockierend, dass dieses Misstrauen gegenĂŒber ihrer heiligen Wissenschaft der weißen Vorherrschaft berechtigt ist und „die Wissenschaft“ schon immer ein Werkzeug der AutoritĂ€t war. Das RKI ist nach einem Kolonialisten benannt und der Kolonialismus und Rassismus in der Wissenschaft gehören lĂ€ngst nicht der Vergangenheit an. Diese uneingeschrĂ€nkte Liebe zur Wissenschaft und Glorifizierung von Menschen in weißen Kitteln ist ein erhebliches Problem fĂŒr eine Bewegung, die sich selbst als antiautoritĂ€r bezeichnen will.

Auch 2G und 3G bedeuten Repression, wieder vorrangig gegenĂŒber Marginalisierten. Hier ein Beispiel — und das betrifft nur die harmlos erscheinende 3G-Regel in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was ist nun mit den Impfungen?

Liebe linke StaatsbĂŒttel und falsche Anarchist*innen, die diesen Beitrag hier lesen: wie genau stellt ihr euch eine Impfpflicht ĂŒberhaupt eigentlich vor? Sind Staat, Polizei und GefĂ€ngnisse (eine Konsequenz, wer zB Geldstrafen nicht zahlen kann/will) doch voll cool? Und kommt gar nicht erst mit dem beschissenen Argument „WIR HABEN EINE PANDEMIE!“. Okay cool, und wie sĂ€he es denn aus, wenn der Staat nicht mehr existieren wĂŒrde oder eine Pandemie staatenlose Gebiete ĂŒberrollt? Wo es keine AutoritĂ€t gibt, kann niemand einen Zwang, egal welcher Art, durchsetzen. MĂŒssen dann Hierarchien gebildet werden? FĂŒr viele Linke ist es natĂŒrlich der Traum. Wie schön wĂ€re es doch nur endlich mal selbst den Stiefel anzuziehen, den man vorher nur lecken durfte! Körperliche Selbstbestimmung ist sowieso völlig ĂŒberbewertet.

Du heulst rum wegen einer Impfquote von nur 70%? Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es LĂ€nder, bei denen die Impfquote erst im einstelligen Bereich liegt. Check your privileges. Aber wieso sollte mensch auch erwarten, dass Wohlstandslinke vermehrt einen Blick in ferne LĂ€nder werfen, wenn sie nicht mal im eigenen Land einen Bezug zu den Ausgestoßenen der Gesellschaft aufbauen können und sich deutlich stĂ€rker fĂŒr sie einsetzen als nur vereinzelte halbherzige Aktionen.

An einer Impfpflicht ist nichts solidarisch und eine SolidaritĂ€t, die erzwungen werden muss, hat diesen Namen auch nicht verdient. Solidarisch wĂ€re es die LĂ€nder mit niedriger Impfquote zu berĂŒcksichtigen, denn eine Pandemie ist ein fucking globales Unterfangen und lĂ€sst sich nicht national beenden. Solange weite Teile der Welt keinen Zugang zu Impfstoffen haben, wird jeder impfnationalistische Versuch schnell untergraben.

Doch auch wenn es erstrebenswert ist eine hohe Impfquote zu erreichen, werde ich Menschen, die eine Impfung ablehnen (und das sind entgegen miserabler Analysen von linker Seite nicht nur Querdenkerdullis), nicht alle als unsolidarisch bezeichnen, wenn ich nicht die LebensumstĂ€nde der jeweiligen Personen kenne. Ein paar Ungeimpfte sind auch nicht der Grund fĂŒr das Fortbestehen des Ausnahmezustandes. Hört auf, euch den leichtesten Gegner zu suchen.

Mach stets das Gegenteil von dem was Faschos machen — Ein Rezept fĂŒrs Totalversagen

Es herrscht eine Angst vor diffusen Bewegungen und Linke lassen sich KĂ€mpfe bereitwillig von Rechten nehmen. Es besteht mehr als offensichtlich eine große Angst vor Konflikt und Konfrontation und unter gar keinen UmstĂ€nden dĂŒrfen sich KĂ€mpfe auch nur annĂ€hernd Ă€hneln, auch wenn die HintergrĂŒnde des Kampfes (sowie die Ziele) unterschiedlicher nicht sein können.

Egal ob Occupy, die Bewegung der Empörten oder die Gilet Jaunes — in allen großen Protestbewegungen versuchen Rechte Fuß zu fassen und können nur dort zurĂŒckgedrĂ€ngt werden, wo sich Menschen auf Konfrontation einlassen. Linke schießen sich selbst ins Aus, wenn Rechten das Feld ohne jede Konfrontation ĂŒberlassen wird. Genau das ist wĂ€hrend der Corona-Pandemie passiert. Und weil es notwendig ist stets das Gegenteil von dem zu machen was Rechte machen, wurden aus nicht wenigen angeblich radikalen AntiautoritĂ€ren obrigkeitshörige Stiefelleckende. Ein Kampf gegen sowohl das System als auch den Rechten ist zu weit gedacht.

Selbst nach ĂŒber 1,5 Jahren Pandemie hat sich an der linken Resignation nichts grundlegend geĂ€ndert. Österreich geht in den nĂ€chsten Lockdown und beschließt eine Impfpflicht und von der ach so radikalen Linken ist außer einem leisen Wimmern nichts zu hören. Wenn es in Deutschland oder hier in der Schweiz so weit ist, hört mensch lediglich ein „Das hĂ€tte ja niemand kommen sehen!“. Sofern es nicht ohnehin wohlwollend begrĂŒĂŸt wird.

WĂ€hrenddessen entlĂ€dt sich die Wut auch von ĂŒberwiegend migrantischen Vierteln bei Corona-Riots, aber das sind ja alles nur Nazis.

Auswege aus der Pandemie

Es wird Zeit sich der unschönen Erkenntnis zu stellen, dass es keine bequemen Auswege aus der Pandemie gibt.

Lockdowns und Kontaktverbote reduzieren (kurzfristig) die Infektionen, töten aber auf anderem Wege.

Es gibt LĂ€nder mit hoher Impfquote und einem Notstand, aber auch LĂ€nder mit geringer Impfquote, die dennoch besser durch die Pandemie kommen. Es ist offensichtlich, dass Impfungen die Pandemie nicht beenden können (was dennoch nicht ausschließt, dass Impfungen schĂŒtzen — dieser Schutz ist aber individuell und nicht kollektiv).

Der Impfnationalismus durchkreuzt ein Abflachen der pandemischen Lage. Eine Pandemie lÀsst sich nicht national beenden.

Auch nach der Impfung wird das Virus weiter mutieren. „Lernen mit dem Virus zu leben“ ist vermutlich die bittere RealitĂ€t. Es braucht Wege das Massensterben so weit möglich zu reduzieren, bis das Virus durch Mutationen deutlich weniger gefĂ€hrlich worden ist. So endete auch die spanische Grippe. Die Grippeviren dieser Pandemie begleiten uns auch heute noch.

Das Massensterben fand und findet weiterhin vor allem in den Pflegeheimen statt. Viele Menschen im Gesundheitswesen haben wĂ€hrend des Ausnahmezustandes ihren Job geschmissen. Trotz der Rufe von linker Seite Menschen in der Pflege und im Gesundheitswesen allgemein zu unterstĂŒtzen, waren es grĂ¶ĂŸtenteils leere Worte. Es gab mehrere Streiks, doch wo war die Linke? Es gab höchstens halbherzige Aktionen, wenn sich ĂŒberhaupt erst die MĂŒhe gemacht wurde von der Coach aufzustehen. Besondere Aufmerksamkeit haben die Streiks jedenfalls nicht erhalten.

Es ist notwendig Bezug zu migrantischen Communities (und anderen Marginalisierten) aufzubauen. Wie wÀre es mal damit, Menschen, zB diejenigen ohne Dokumente, zu helfen sichere Impfangebote zu finden anstatt nur rumzuflennen, dass die Impfquote zu gering ist?

Es sollte auf das Versagen des Staates hingewiesen werden, ohne jemals zu verlangen, dass der Staat es besser macht. Der Staat wird uns nicht schĂŒtzen. Das war nie seine Absicht.

Es reicht nicht aus auf Demos hĂŒbsche Schilder hochzuhalten. Die Komfortzone muss verlassen und sich auf Konflikt und Konfrontation vorbereitet werden. Covid-19 ist erst der Anfang. Wir befinden uns im Zeitalter der Pandemien. Vorherrschende mangelnde und schlechte Analysen verhindern jedoch die ZusammenhĂ€nge und Verstrickungen von Pandemien mit anderen Elementen zu erkennen. Wenn wir ĂŒber Pandemien reden, kommen wir schnell zum Klimawandel und vom Klimawandel zur Industrialisierung und Technologisierung aller Winkel der Erde.

Die vierte industrielle Revolution hat durch die Pandemie einen großen Schub bekommen. Die Umweltzerstörung, wichtige Lebensgrundlage der Pandemie(n), ist untrennbar mit der Industrie und Techno-Herrschaft verbunden. Von anarchistischer Seite gibt es immer mehr gezielte Angriffe gegen Infrastrukturen der technologischen Dystopie, aber priviligierte Wohlstandslinke heulen lieber rum, wenn mal wieder ein Mobilfunkmast abgefackelt wurde. Du findest es scheiße eine Woche kein Netz zu haben? Na dann warte mal ab bis du vom Klimawandel hörst. (Und weil es gerade passend ist: Sorry Solarpunks, euer verfickter grĂŒner Kolonialismus ist auch keine Lösung.)

Direkte Aktion, speziell Öko-Sabotage, ist der einzige Weg zukĂŒnftige Pandemien zu verhindern. Warum also nicht mal ein paar Tiere aus ihren KĂ€figen befreien?

Von autoritÀtsglÀubigen Linken erwarte ich jedoch nichts. Die Bruchlinien sind gezogen und jede*r hat seine Seite gewÀhlt. Nicht alles, was sich selbst als antiautoritÀr bezeichnet, ist auch tatsÀchlich ein*e GefÀhrt*in.

In offener Feindschaft mit jeglicher AutoritÀt und den Menschen, die sie brauchen.

~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations- und Technologiekritik, indigene Lebensweisen

Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de