Juli 16, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Vermutlich weil lĂ€nger keine inhaltlichen Veranstaltungen mehr in öffentlichen RĂ€umen stattfinden konnten, hatte ich kĂŒrzlich einen Irritationsmoment. Bei einem Vortrag von mir kreuzte ein Allzudeutscher auf. Als Klischee seiner selbst, schien er fast wie aus dem Bilderbuch entsprungen. In der Diskussion meinte der verkorkste Dude – der eigentlich eher wie auf Koks wirkte – kritische Fragen zu stellen, als er seine Kommentare abließ, die völlig am Thema vorbei gingen. Nun ja, wenn man BeitrĂ€ge bringt, sollte man vielleicht auch nicht erst nach der HĂ€lfte der Veranstaltung aufkreuzen. Doch weder dies, noch die Verkennung des Themas oder das Missachten einer angemessenen Diskussionskultur, hielten ihn offensichtlich davon ab, sich Raum zu greifen, wie er möchte und musste, kraft der bloßen Existenz seiner weißen MĂ€nnlichkeit.

Das Thema sei nicht von den ökonomischen Grundlagen her gedacht, ich ginge von abstrakt konstruierten Utopien aus und ĂŒberdies könne damit wohl keinerlei Antwort auf den Nah-Ost-Konflikt gefunden werden. So seine Rede. Ich antwortete, dass nun gerade eine wesentliche Kritik der Anarch@-Kommunist*innen an den Individualanarchist*innen darin bestanden habe, dass sie ihre Vorstellung von der Befreiung und Selbstentfaltung der Individuen nicht materialistisch und mithin ökonomisch erden wĂŒrden – und dass er dies mitbekommen hĂ€tte, wĂ€re er nicht erst bei der HĂ€lfte aufgekreuzt.

Weiterhin sei meine Darstellung eine der politischen Theorie und Ideengeschichte und deswegen durchaus „real“, weil die dargestellten Denkmuster, ArgumentationsstrĂ€nge und Positionen sich historisch entwickelten und bis heute vorhanden seien. Ein VerstĂ€ndnis derselben ermögliche uns also ein historisches Bewusstsein ĂŒber den Gegenstand, in dem Fall das Spannungsfeld von Einzelnen und Gemeinschaft und wie es aus der historisch-spezifischen Gesellschaftsformation hervor gehe. Des Weiteren hĂ€tte ich ĂŒberhaupt nicht von „Utopie“ gesprochen und es lĂ€ge mir völlig fern, das Thema von irgendwelchen abstrakten idealen Gesellschaftsformen her zu betrachten. Vielmehr wĂŒrde ich ganz davon ausgehen, was ich tatsĂ€chlich in Diskussionen und Praktiken vorfinden wĂŒrde. Hierbei hĂ€tte das Thema allerdings eine sehr konkrete Relevanz, daher wĂ€re es schön, damit weiter zu kommen. Mit seiner Vorstellung von „Utopie“ formuliere er ein billiges Klischee, welches er dem Anarchismus insgesamt anhĂ€ngen wolle, dass aber in keiner Weise greife, sondern vielmehr marxistischen Vorstellungen entsprĂ€che.

Und den Nahost-Konflikt zu klĂ€ren, dazu hĂ€tte ich an diesem Abend tatsĂ€chlich keine Lust. Ja, selbstverstĂ€ndlich werden im Anarchismus erst mal die vorfindlichen Probleme benannt um dann Alternativen vorzuschlagen. Also beispielsweise, dass es Nationalstaaten sind, welche erst die Bevölkerung homogenisieren, KlassenverhĂ€ltnisse durchsetzen, die rassistisch abgestĂŒtzt werden, was dann zu Konflikten zwischen sozialen Gruppen fĂŒhrt, die so zuvor nicht existiert haben. Die Annahme im Anarchismus sei durchaus, dass eine friedliche Koexistenz unterschiedlichster sozialer Gruppen möglich sei, wenn die Bedingungen sozialer Gleichheit und Freiheit realisiert werden und Modi der Konfliktvermittlung in einer heterogenen, dezentralen und pluralistischen Gesellschaftsform gefunden werden wĂŒrden. Damit könne man auch ĂŒberlegen, welche Antwortversuche konkret auf bestimmte gesellschaftlich-politische Konflikte aus dieser Perspektive gegebenen werden könnten. Und das möge vielleicht irgendwem aus irgendwelchen GrĂŒnden nicht passen, sei aber die Herangehensweise im Anarchismus, die man teilen mag oder nicht.

Wie auch immer, im weiteren GesprĂ€chsverlauf zeigte sich, dass der Typ ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild hatte. Wie ein Großteil aller Allzudeutschen, die mir bisher begegnet sind, zielte er nicht auf ein VerstĂ€ndnis des Gegenstandes ab – was seine Kritik an sich schon diskredierte -, wĂ€hrend er sich mit seinem Verhalten schlichtweg lĂ€cherlich machte. Weil die in sich abgeschlossene Denkbewegung (wobei es vielleicht gar nicht mehr als Denken zu bezeichnen ist, wenn einfach Programme abgespielt werden) auf logische WidersprĂŒche in der RealitĂ€t und auf den argumentativen Widerspruch eines Referenten stĂ¶ĂŸt, der nicht durch so viel Rumgemackere eingeknickt, reagiert der Allzudeutsche dann mit vielen richtig dummen Moves. ZunĂ€chst zaubert er alle theoretischen Fragmenten hervor, die er irgendwann aufgeschnappt hat. Und weil er sich vermutlich viele AudiovortrĂ€ge angehört hat, muss man schon etwas fit sein, um herauszustellen, dass er teilweise grundlegende Begriffe tatsĂ€chlich falsch versteht – und vor allem auf unzulĂ€ssige Weise moralisch auflĂ€dt.

Denn wirft er Karten mit Unterstellungen in den Raum. Hier reagiert der Allzudeutsche (wie es im Grunde genommen sein eigentlicher Antriebsmodus ĂŒberhaupt ist) mit puren Reflexen, nicht jedoch aus Selbstbestimmung heraus. FĂŒr das nĂ€chste Mal werde ich mir vornehmen, in diesem Fall direkt zu provozieren, denn so lassen sich derartige Situationen schneller klĂ€ren – was ja auch im Sinne der sonstigen Anwesenden ist, die sich möglicherweise ĂŒber ein Thema austauschen möchten, statt das Elend der IdentitĂ€ts- und Verhaltensprobleme weißer MĂ€nner mit anzuschauen. Weil sich der Allzudeutsche eben nicht bewusst machen kann, was seine eigenen SubjektivitĂ€t mit der Gesellschaftsform zu tun hat, in der er lebt; weil er grundsĂ€tzlich immer auf das Außen projiziert, sich selbst nicht im VerhĂ€ltnis zu anderen sehen und erleben kann; weil er weder in WidersprĂŒchen denken, geschweige denn sie aushalten kann, wird er dann schnell aggressiv und eminent autoritĂ€r.

Schließlich kommt die Keule des strukturellen Antisemitismus, auch wenn selbst dieser Begriff nicht verstanden und auf das konkrete Verhalten des GegenĂŒbers sinnhaft angewandt wird. ~ Doch so weit kam es im vorliegenden Fall gar nicht, weil wir den Troll mit allen KĂŒnsten der akzeptierenden Jugendarbeit angenommen haben. Wir haben Toleranz gezeigt, auch wenn es nicht unsere Aufgabe gewesen ist. Und ich denke, das hĂ€ngt mit unserem Menschenbild zusammen.

Was ich mit diesem frei herunter geschriebenen Text, dessen Kerngedanken es an anderer Stelle auszubauen gĂ€lte, zum Ausdruck bringen möchte, ist weniger die Verarbeitung des wieder einmal Erlebten. Sondern der Hinweis auf seine ganze LĂ€cherlichkeit, auf die AbsurditĂ€t der antideutschen Ideologie, die sich bei ihren hĂ€ngen gebliebenen GlĂ€ubigern vollkommen verselbstĂ€ndigt hat. Schade ist es, dass viele bisher vor so viel deutschem Wahnsinn eingeknickt sind. Ich kann es niemandem ĂŒbel nehmen, sich nicht mit dieser patriarchalen und eurozentrischen Idiotie auseinander setzen zu wollen. Aber es scheint mir trotzdem nach wie vor erforderlich, um bestimmte Dinge voran zu bringen. In dem, was sie meinen der negativen Dialektik und dem Bilderverbot der Kritischen Theorie zu entnehmen, offenbaren sich die Allzudeutschen als bloße Zombies. Sie laben sich an den Gedanken, Emotionen, Handlungen der Lebendigen, die etwas wollen. Und sie infizieren sie mit ihrem Todestrieb und Zynismus, der schlimmsten Folgeerscheinung der bĂŒrgerlichen Subjektform.

Die Zombies wiederzubeleben ist so gut wie unmöglich. Was wir aber tun können, ist, die Lebendigen zu immunisieren, indem wir Wege aufzeigen, wie sie in einer komplexen und widersprĂŒchlichen Welt emanzipatorische Perspektiven und Handlungen hervorbringen können. Antideutsche Themen und BeitrĂ€ge waren erforderlich und enorm wichtig. Was richtig war, wurde in emanzipatorischen Bewegungen aufgegriffen. Doch die Zeit der Antideutschen selbst ist abgelaufen. Theoretisch und inhaltlich wird von dort wird nichts Neues mehr kommen. Aus den TrĂŒmmerhaufen hallen die Schreie der letzten Fanatiker*innen nach.




Quelle: Paradox-a.de