Mai 15, 2021
Von Revolt Magazine
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Weltweit sympathisieren Linke mit Fridays for Future – einer jungen, grĂŒnen Graswurzelbewegung, der, so die Hoffnung vieler, das Potenzial innewohnt, die global fortschreitende Umweltzerstörung aufzuhalten. Der aktuelle Erfolg von BĂŒndnis 90/ Die GrĂŒnen in Deutschland könnte als Übersetzung der kollektiven Artikulation grĂŒner Forderungen auf der Straße in den politischen Betrieb gedeutet werden. Doch ebenso wie Fridays for Future sind die GrĂŒnen keineswegs als homogen progressive und schon gar nicht als genuin linke Kraft zu verstehen. Um zu beurteilen, ob die Hoffnung auf einen Wandel hin zu umweltvertrĂ€glichem Wirtschaften gerechtfertigt ist, mĂŒssen wir eine Antwort finden auf die Frage: Gibt es einen grĂŒnen Kapitalismus?

Das automatische Subjekt

Schon die Marx’sche Theorie lehrt uns, dass die dem kapitalistischen System innewohnenden TriebkrĂ€fte, seinen allgemeinen Gesetzen folgend, stets hin zu maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur tendieren. Das Kapital strebt fortwĂ€hrend nach neuen, effektiveren Verwertungsmöglichkeiten zum Ziel der Profitmaximierung. „Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.“ (MEW: 1962, Bd. 23: 167). Als „automatischem Subjekt“ (ebd.), also als Wert, der sich so kontinuierlich wie bewusstlos selbst verwertet, sind ihm dabei die reproduktiven Grenzen der Natur gleichgĂŒltig. Die brasilianische Philosophin Isabel Loureiro konstatierte jĂŒngst, die Grenzen seiner Akkumulation erreiche das Kapital nicht durch die Begrenztheit der MĂ€rkte, sondern durch die Begrenztheit der natĂŒrlichen Ressourcen, durch den Punkt, an dem unser Planet die Belastung durch Umweltverschmutzung und -zerstörung nicht mehr abfedern oder bewĂ€ltigen kann. Sie reiht sich ein in eine lange Liste derer, die dem „KapitalozĂ€n“, also dem Zeitalter des immer weiter voranschreitenden Kapitalismus, eine sehr dĂŒstere Zukunft voraussagen.

Das Narrativ des grĂŒnen Kapitalismus

Insbesondere grĂŒne Liberale argumentieren diesbezĂŒglich hingegen gern, dass der „freie Markt“ durch Konkurrenzdruck und staatlich nicht durch Vermögensbesteuerung begrenzte Gewinnaussichten permanent zu technologischen Neuerungen fĂŒhrt und dabei quasi nebenbei ressourcenschonende Technologien entwickelt werden. Obwohl es richtig ist, dass das Kapital nach Effizienz strebt und sich dabei folgerichtig ressourcensparende Technologien durchsetzen, da sich dadurch das vorzuschießende Kapital verringert, ist das Narrativ des grĂŒnen Wirtschaftens allein durch technischen Fortschritt eine so wirkmĂ€chtige wie falsche kapitalistische MĂ€r. Der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel verdeutlicht das beispielsweise unter Berufung auf Ergebnisse verschiedener Studien, eine davon im Rahmen des UN-Umweltprogramms. Das Einsparen von Ressourcen durch effizientere Technologien fĂŒhre, so Hickel, zu Rebound-Effekten. Das heißt, dass gespartes Geld bei Konsument*innen zu Mehrkonsumtion beziehungsweise eingesparte Produktionsmittel bei Unternehmen zu Mehrproduktion fĂŒhren und der Ressourcenverbrauch dadurch letztlich sogar steigen kann.

Climate Justice statt Green New Deal

Ein alternatives, auf die Vereinbarkeit menschlichen Wirtschaftens und Zusammenlebens mit der Natur ausgerichtetes Konzept ist das der Klimagerechtigkeit. Das Aufhalten des Klimawandels wird darin mit der Überwindung globaler sozialer Ungleichheiten in Verbindung gebracht. Das Konzept berĂŒcksichtigt, dass die negativen Folgen des Klimawandels vor allem die LĂ€nder des globalen SĂŒdens und dabei in besonderem Maße marginalisierte gesellschaftliche Gruppen treffen, wĂ€hrend sie grĂ¶ĂŸtenteils von den LĂ€ndern des globalen Nordens und dabei wiederum hauptsĂ€chlich von den reichsten Teilen der Gesellschaft verursacht werden. FĂŒhrt man den Gedanken konsequent weiter, kann Klimagerechtigkeit als Ansatz verstanden werden, der auf die Überwindung des Kapitalismus und eine soziale Reorganisation der Gesellschaft(en) ausgerichtet ist. Und das ist bitter nötig,denn soziale Gerechtigkeit und damit auch Klimagerechtigkeit sind im Kapitalismus nicht zu erreichen. Maximal können Ungleichheiten bei entsprechendem politischen Gestaltungswillen verringert werden, wie etwa die keynsianisch geprĂ€gte Sozialstaatspolitik vieler westlicher Demokratien nach dem 2. Weltkrieg zeigte. Allerdings erreichte diese nie ein globales Level. Durch den Siegeszug des Neoliberalismus ist selbst ein nur teilweiser Abbau sozialer Ungleichheit in weite Ferne gerĂŒckt. Eine Überwindung manifester Ungleichheiten, die den Weg zur Klimagerechtigkeit frei macht, ist nur in demokratisch-sozialistisch organisierten Formen des Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Ordnung denkbar.

Auf dem Weg zur Macht

Die TriebkrĂ€fte des Kapitals, seine nie enden wollende Verwertung, bei der es die natĂŒrlichen Ressourcen des Planeten unter permanenter Missachtung der Belastungsgrenze von Ökosystemen aufsaugt, sind von einzelnen Menschen oder von politischen Protagonist*innen unabhĂ€ngig – und somit natĂŒrlich auch von Annalena Baerbock. Ein „grĂŒner Kapitalismus“ trieb schon in der Vergangenheit absurde BlĂŒten – man denke etwa an die CO2-Zertifikate, mit denen sich Konzerne von einer umweltbewussten Produktion freikaufen können, was der Erhaltung unserer natĂŒrlichen Lebensgrundlagen selbstverstĂ€ndlich wenig nĂŒtzt. Dass Baerbock bei ihrer ersten Rede als Kanzlerkandidatin ausgerechnet pathetische Bilder der Pariser Klimakonferenz von 2015 völlig unkritisch beschwört, macht auch im Heute wenig Hoffnung auf nachhaltige Verbesserungen: Das wichtigste Ziel der Konferenz, die Begrenzung der globalen ErwĂ€rmung auf 1,5°C, wird durch die bisher getroffenen Maßnahmen bei Weitem verfehlt. Stattdessen wurde fĂŒr die Zeit bis 2100 der ökologisch fatale Wert von 3°C berechnet. Ihre Ziele hinsichtlich der Begrenzung von CO2-Emissionen erreichen viele Staaten lediglich beilĂ€ufig wegen der wirtschaftlichen Einschnitte in der Corona-Pandemie statt durch politische BeschlĂŒsse.

An dieser grundlegenden Tendenz des Kapitals, sich der politischen Regulierung zu entziehen, ja ihr seine SachzwĂ€nge ĂŒberzuordnen, kann auch eine grĂŒne Kanzlerin in Spe nichts Ă€ndern. Hinzu kommt, dass die GrĂŒnen sich lĂ€ngst davon verabschiedet haben, progressive Gesellschaftsbilder zu entwerfen und fĂŒr ihre Umsetzung zu streiten und es selbst mit dem Umweltschutz nicht mehr so genau nehmen. Erinnert sei hier an die NRW-GrĂŒnen, die sich im Zuge der Aushandlung eines Deals mit der SPD mit einer Rodung des Hambacher Forsts einverstanden erklĂ€rten. Inzwischen kuscheln die GrĂŒnen auf dem Weg zur Macht ja lieber mit Konservativen. Auf eine schwarz-grĂŒne Koalition können wir uns also getrost einstellen. Auf eine ökologische Wende leider nicht.




Quelle: Revoltmag.org