MĂ€rz 15, 2021
Von Kollektiv.26 Autonome Gruppe Ulm
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Am 13.03 veranstalten die Ulmer Falken im Nachgang zum feministischen Kampftag am 08.03 eine Kundgebung auf dem Ulmer Marktplatz mit um die 50 Menschen.

Es gab mehrere, zum Teil spontane, RedebeitrĂ€ge ĂŒber die alltĂ€gliche Scheiße im Patriachat: Abtreibung, sexuelle Gewalt, Femizide, TĂ€ter und TĂ€terschutz insbesondere in linken Kontexten und eigenen Erfahrungen. Aber auch zu aktuellen Debatten um intersektionalen Feminismus.

Einige davon könnt ihr hier nachlesen:

Liebe MĂ€nner, liebes Patriarchat,

euch haben wir zu verdanken, dass wir auch heute noch hier stehen und fĂŒr unsere Rechte kĂ€mpfen. Durch euch, durch alles, was ihr tut, haben wir immer noch jeden Tag unseres Lebens einen Grund uns dagegenzustellen, laut zu sein und euch zu zeigen, dass wir die Schnauzevoll haben. Nach Jahrhunderten der UnterdrĂŒckung stehen wir heute hier, in einerangeblichaufgeklĂ€rtenundgerechten Gesellschaft und ihr schafft es immer noch nicht, uns ernst zu nehmen. So, wie beispielsweise das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren, nehmt ihr auch heute noch unsere Forderungen nach absoluter Gleichheit genauso wenig ernst, wie ihr unser Leid, unser Leben und unsere Erfahrungen ernst nehmt. Spricht eine Frau ĂŒber die Gewalt, die ihr angetan wurde, dauert es nicht lange, bis ein Mann daherkommt und ruft „Nicht alle MĂ€nner“.

Ja, nicht alle MĂ€nner sind Sexisten und TĂ€ter, aber es sind genug, dass wir nachts Angsthaben, alleine nach Hause zu laufen; es sind genug, dass wirin der Discounter GetrĂ€nk nicht unbeaufsichtigt lassen können; es sind genug, dass wir uns dreimal ĂŒberlegen mĂŒssen was wir anziehen,bevor wir rausgehen. Alle drei bis fĂŒnf Minuten wird in Deutschland eine Frau oder ein MĂ€dchen vergewaltigt. Jede siebte Frau wird in Deutschland Opfer einer Vergewaltigung. Jede zweite Frau erfĂ€hrt mindestens eine weitere Form von sexualisierter Gewalt. Jeden Tag versucht der aktuelle oder ein Ex-Partner seine Partnerin umzubringen und jeden dritten Taghat er damit Erfolg.

Diese Zahlen sind Statistiken; es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer viel grĂ¶ĂŸer ist und ihr maßt euch an zu sagen, „Die Feministinnen ĂŒbertreiben doch nur“ oder „Es gibt Wichtigeres, ĂŒber das man reden sollte“. Wir haben es satt, dass uns nicht zugehört und nicht geglaubt wirdund dass wir uns fĂŒr das, was uns angetan wird, rechtfertigen mĂŒssen.Das Problem sind nicht unsere Klamotten oder unser Aussehen; das Problem sind MĂ€nner,deren Machtposition von der Gesellschaft genĂ€hrt wird und die deswegen denken,sie dĂŒrfen von unserem Körper gebrauch machen.

Aber wir existieren nicht fĂŒr euch. Wir sind keine Objekte, die fĂŒr eure Belustigung oder euer VergnĂŒgen gemacht wurden und wir sind es leid, dass ein erschreckend großer Anteil immer noch in imaginĂ€ren, festgefahrenen Rollenbildern denkt und auf Grund dessen eine gesellschaftliche Vormachtstellunggenießt.Es ist eine traurige Tatsache, dass jede Frau in ihrem Leben irgendeineArt der UnterdrĂŒckung erfĂ€hrt und die Ausmaße dessen sind erschreckend. Abtreibungsverbote,fehlende körperliche Selbstbestimmung, Verfolgung von Aktivistinnen, GenitalverstĂŒmmelung, Mord und Diskriminierungvon Transfrauen,Menschenhandel und Zwangsprostitution sind nur einige Beispiele, fĂŒr das unermessliche Leid, das Frauen und andere, als unterlegengeltende Geschlechter, tagtĂ€glich, an jedem Ort dieser Welt erfahren mĂŒssen.

Es ist Zeit, fĂŒr einen gesellschaftlichen Wandel, um diesem Elend ein Ende zu bereiten. Und auch ihr, liebe MĂ€nner, könnt euren Beitrag dazu leisten. Reflektiert euer Verhalten. Hört betroffenen Personen zu. Sprecht eure Freunde auf ihr sexistisches Verhalten an und schaltet euch ein, wenn ihr mitkriegt, dass eine Person belĂ€stigt wird. Hört auf TĂ€ter zu schĂŒtzen und unser Leid herunterzuspielen. Es ist unser Kampf, den wir fĂŒhren mĂŒssen, aber es ist auch eure Verantwortung die bisherigen ZustĂ€nde zu verĂ€ndern und euch solidarisch mit unserem Bestreben zu zeigen. Abschließen möchte ich mit den Worten Simone de Beauvoirs, einer französischen Philosophin und Feministin:

„Am Rande der Welt situiert zu sein, ist keine gĂŒnstige Ausgangslage fĂŒr einen, der vorhat, die Welt neu zu erschaffen.“

Und trotzdem –oder gerade deshalb –mĂŒssen wir heute und an jedem anderen Tag vereint, Seite an Seite fĂŒr eine gerechte und bessere Welt kĂ€mpfen und der UnterdrĂŒckung ein Endebereiten!

Hi, mein Name ist Julia, ich bin aktiv im Verein Young & Queer Ulm und erstmal freue ich mich riesig ĂŒber diese Veranstaltung und Plattform hier zum feministischen Kampftag, der jĂ€hrlich am 08. MĂ€rz stattfindet.

Zu Beginn möchte ich erstmal sehr positiv hervorheben, dass diese Veranstaltung hier nicht als Veranstaltung zum Weltfrauentag oder zum Frauen*tag oder zum Frauen*kampftag tituliert wurde, sondern als Veranstaltung zum feministischen Kampftag – und das ist auch richtig und wichtig so!

Feministische KĂ€mpfe sind immer auch queere KĂ€mpfe! Und es ist unabdingbar, dass sich das auch sprachlich niederschlĂ€gt. Beim feministischen Kampftag geht es unter anderem darum, KĂ€mpfe gegen Mackertum, mĂ€nnliche Vorherrschaft und Sexismus in einem patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftssystem sichtbar zu machen und sich gegen eben diesen strukturellen Bullshit aufzulehnen. Und das sind KĂ€mpfe von allen, die von diesen gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien unterdrĂŒckt werden! Das sind auch KĂ€mpfe von inter, trans* und nicht-binĂ€ren Personen. Ich als trans* Person bin Teil dieses Kampfes und möchte nicht als Sternchen hinter dem Begriff „Frauen“ pseudo-mitgemeint sein. Der Begriff Frauen* ist problematisch, weil er 1) impliziert, dass trans* Frauen eben keine richtigen Frauen, sondern eben nur Frauen mit Stern seien und 2), weil er gleichermaßen nicht-binĂ€re Personen, trans* MĂ€nner sowie intergeschlechtliche und queere Menschen exkludiert.

Auch dieses Jahr zum 8. MĂ€rz bin ich der Bezeichnung Frauen* in social media, in Aufrufen zu Demonstrationen, in vermeintlich progressiven Stellungnahmen vielfach begegnet und ich kann nicht viel mehr sagen, als dass es mich ankotzt. Es kotzt mich an, dass cisnormative Denkmuster an einem Tag wie diesem kollektiv reproduziert und vermarktet werden! Und deshalb fordere ich zusammen mit euch einen Feminismus als Standard, der queere LebensrealitĂ€ten berĂŒcksichtigt und keinen Raum fĂŒr Terfs, Swerfs und sonstige reaktionĂ€re Strukturen bietet! Einen intersektionalen Feminismus, der weiße Privilegien sowie hetero- und cisnormative Machtpositionen hinterfragt und genau so auch hier in stĂ€dtischen Vielfaltsdebatten praktiziert werden muss!

Auch ich als nicht-hetersoexuelle trans* Person habe Privilegien, die mich vor Diskriminierung und Anfeindung schĂŒtzen. Ich bin weiß, bin in Deutschland geboren, habe die Möglichkeit zu studieren und passe zumindest Ă€ußerlich ganz gut in die sozial konstruierte Kategorie „Frau“ rein. Allein, dass ich hier stehen und reden kann, ist schon ein Privileg. Es ist wichtig anzuerkennen, dass andere Menschen weniger oder keines dieser Privilegien haben und dass sich Diskriminierungsformen ĂŒberschneiden und multiplikativ zusammenwirken können. Daraus resultieren neue und schwerwiegende Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrungen, die nicht unsichtbar gemacht werden dĂŒrfen. Es gibt Studien, die zeigen, dass queere People of colour noch hĂ€ufiger an Depressionen erkranken als weiße queere Personen, die auch bereits ein erhöhtes Risiko fĂŒr psychische Erkrankungen haben. Das zeigt deutlich, dass es nicht ausreicht, wenn wir uns in feministischen KĂ€mpfen allein gegen Sexismus einsetzen – wir mĂŒssen gleichzeitig auch gegen Rassismus, Antisemitismus, Ableismus, Klassismus und jede andere Form von Diskriminierung kĂ€mpfen, weil sie sich alle gegenseitig beeinflussen und verstĂ€rken. Feminismus muss anti-kapitalistisch und intersektional sein! Es braucht flĂ€chendeckende Sensibilisierung zu allen -ismen – und zwar ĂŒberall, wo Menschen zusammenkommen!

Zu guter Letzt ist es mir auch wichtig zu sagen, dass es hier keineswegs um cis MĂ€nner-bashing oder Schuldzuweisung gehen soll. Es geht darum, mĂ€nnliche Privilegien zu hinterfragen und zu erkennen, dass ein patriarchal-kapitalistisches und hetero- bzw. cisnormatives Gesellschaftssystem als Katalysator fĂŒr toxische MĂ€nnlichkeit wirkt und damit auch MĂ€nner in normative Ketten legt. In einer Gesellschaft, in der MĂ€nnlichkeit mit Leistung und Emotionslosigkeit gleichgesetzt wird, ist eine freie Entfaltung der Persönlichkeit und des Menschseins (unabhĂ€ngig von dieser ganzen Geschlechter-Scheiße) per se nicht möglich.

Dennoch ist das heute eine Rede und eine Veranstaltung, in der es nicht um cis MĂ€nner geht. Es geht um FLINTA* Personen und deren KĂ€mpfe gegen mehrdimensionale UnterdrĂŒckungsmechanismen! Jeder Tag ist ein feministischer Kampftag!

Und deshalb möchte ich empowernd mit den Worten von der Schriftstellerin und feministischen Aktivistin Audre Lorde schließen:

Your silence will not protect you – dein Schweigen wird dicht nicht beschĂŒtzen.

In diesem Sinne: Geht raus, seid laut und kÀmpft weiterhin intersektionale queerfeministische KÀmpfe! Dankeschön!




Quelle: Kollektiv26.blackblogs.org