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GG/BO Soligruppe Köln: Der „Tag der Gefangenen“ fand diesmal in Willich nicht am 18.03., sondern am 21.03 statt. Da wir nicht wussten, ob und wie viel in Willich von den Gefangenen noch gearbeitet wird, werden darf, werden muss, – (je nachdem, wie mensch das sieht) – haben wir unsere Kundgebung auf den Sonntag gelegt.

Wer sind „wir“? Das ist ein Zusammenschluss von 3 Kölner strafvollzugs- und systemkritischen Gruppen: Solidarity 1803, Autonomes Knastprojekt und Gefangenengewerkschafts-Soli-Gruppe NRW (ggsoli-nrw). Wir waren schon öfter gemeinsam an den Mauern von Köln-Ossendorf und von Willich II.

Zur Situation: Willich I ist die Anstalt fĂŒr mĂ€nnliche Gefangene, Willich II fĂŒr weibliche. Unterschiedliche GebĂ€ude auf dem gleichen GelĂ€nde.  Es gab in den letzten 15 Jahren viele Umbauten auf dem historischen GefĂ€ngnisgelĂ€nde, das etwas vergrĂ¶ĂŸert wurde. Ein Ergebnis: der Neubau der Frauenanstalt (2009 fertig) ziemlich nah an einer Straße und knastĂŒblicher Mauer. Gute Voraussetzung fĂŒr Beschallung dieser GebĂ€ude! Wir haben – schon frĂŒher und jetzt wieder – die Erfahrung gemacht, dass die gefangenen Frauen uns hören können und teilweise auf Parolen und BeitrĂ€ge auch reagieren.

Wir machen keine breit gestreute Mobilisierung hin zu dem abgelegenen Ort am Niederrhein, bei dem frĂŒher keine Kundgebungs-Tradition bestand. Eine gute Lautsprecheranlage und 10 – 30 Leute genĂŒgen, um Kommunikation herzustellen.
Dadurch haben die an der Kundgebung Teilnehmenden den Vorteil eines gemeinsamen Nenners, einer gewissen Übereinstimmung: Alle Gefangenen sind „politisch“! Weil die politischen = gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse die Ausgrenzungs-Institution GefĂ€ngnis schaffen und aufrecht erhalten. Wir haben das Interesse, alle Gefangenen zu unterstĂŒtzen, die nicht nach oben buckeln und nach unten treten. Also diejenigen, die sich der Macht und WillkĂŒr in KnĂ€sten nicht einfach beugen und die sich dabei solidarisch verhalten zu Mitgefangenen.

Das wurde auch diesmal an der Knastmauer bekundet. Und die Parolen sind dann: „Power durch die Mauer, bis sie bricht“, „Wie sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen“, „Freiheit fĂŒr alle Gefangenen“  und Ă€hnliches – je nach Teilnehmenden – auf Spanisch, TĂŒrkisch oder anderen Sprachen. Diese Parolen werden teilweise von den Gefangenen aufgegriffen, gemeinsam – oder sich im Chor zwischen draußen und drinnen ergĂ€nzend – gerufen.

Dass wir verstanden wurden, war an solchen Reaktionen am 21.03. deutlich erkennbar. Und es gab erfreulich viele Reaktionen von drinnen!  Allerdings konnten wir viele eigenstĂ€ndige Rufe der Gefangenen nicht wirklich verstehen. Wir hörten halt engagierten LĂ€rm, oft durcheinander und aus verschiedenen HĂ€usern, aber halt doch zu leise fĂŒr unsere Ohren an der Außenseite der Mauer.  So konnten wir kaum inhaltlich reagieren, außer den Gefangenen mitzuteilen, dass wir ihre Rufe hören und uns darĂŒber freuen. Manchmal haben wir auch eingestanden, dass wir zwar hören, aber nicht wirklich verstehen können.

Die Kundgebung verlief mit mehreren Haltepunkten entlang der zugÀnglichen Knastmauer mit den (meist unverstÀrkten) Parolen, andererseits mit Musik und Reden aus dem Lautsprecher.
Die Gruppe Solidarity 1803 hatte (auch) diesmal die Organisation der Veranstaltung ĂŒbernommen und stellte die meisten RedebeitrĂ€ge. Sie hatte z.B. eine mehrsprachige Vorstellung ihrer Gruppe aufgezeichnet. Diese spielten sie an mehreren Punkten ab, um sich fĂŒr viele verstĂ€ndlich zu machen und zu zeigen, dass es auch um den Zusammenhalt der Gefangenen aus unterschiedlichen HerkunftslĂ€ndern geht. Die Gruppe verkĂŒndete u.a., dass sie fĂŒr Gefangene ein neues „EXTRABLATT“ (Nr.3)  hergestellt hat und diesen gerne zuschicken will. Aber GG-Soli-NRW und Autonomes Knastprojekt brachten sich auch dem eigenen BedĂŒrfnis entsprechend ein.

Alle Gruppen betonten ihren Wunsch nach (mehr) wechselseitiger VerstĂ€ndigung und Kooperation ĂŒber den einen „Tag der Gefangenen“ hinaus und beschrieben ihr eigenes SelbstverstĂ€ndnis. Anwesend und aktiv war auch eine entlassene ehemalige in Willich Gefangene, die Gewerkschaftsmitglied war und noch Kontakt zu GG-Soli hat. Ein Paar, das selbst Kontakte zu Gefangenen pflegt und auf die BĂŒrgerfunk-Radiosendungen des Autonomen Knastprojektes aufmerksam wurde, war auch gekommen und mischte sich unterstĂŒtzend ein.

Schlusspunkt der Kundgebung war das Haus des Offenen Vollzugs fĂŒr Frauen, außerhalb der
Knastmauer, aber direkt neben dieser. Da hingen Frauen aus mehreren Fenstern, winkten, gingen mit der Musik mit, Ă€ußerten auch MusikwĂŒnsche. Sie riefen, dass das derzeit gar kein Offener Vollzug sei, da sie durch Corona bedingt nicht draußen arbeiten können und ihnen die (sowieso begrenzte) Bewegungsfreiheit genommen ist. Und sie bedankten sich am Ende fĂŒr unseren Besuch.  An dieser Stelle konnten wir uns also gegenseitig sehen und vieles – wenn auch nicht alles – von denen drinnen verstehen.

Exkurs:

GG-Soli unternahm an diesem Haltepunkt auch den Versuch, sich fĂŒr ein paar MĂ€nner in Willich I, also hinter der Mauer, hörbar zu machen. Es besteht die schwache Hoffnung, das könne von dort möglich sein. Der alte Kreuzbau der MĂ€nner liegt ĂŒberall weiter entfernt von der Mauer als das relativ neue GebĂ€ude fĂŒr Frauen. Der ist also mit einer Kundgebung kaum erreichbar. Trotzdem, in den Spitzen von zwei GebĂ€udeflĂŒgeln könnten Gefangene vielleicht ein paar Brocken aufschnappen. Sofern diese FlĂŒgel derzeit ĂŒberhaupt belegt sind. (Weil auch im MĂ€nnerbau umgebaut werden soll, gab es Verlegungen in andere KnĂ€ste.)

GG-Soli betonte, dass Willich I bundesweit das erste GefĂ€ngnis war, in dem sich Gefangene umgehend der in Berlin Tegel (2014) gegrĂŒndeten Gefangenengewerkschaft anschlossen haben. Das geschah aufgrund der Initiative von AndrĂ© Moussa Schmitz, der auch GG-Sprecher fĂŒr Willich I und Werbeaktivist fĂŒr ganz NRW wurde. Das waren erste Schritte zur bundesweiten Organisation.
Willich I war dann eine Zeit lang die grĂ¶ĂŸte Gewerkschaftssektion nach Tegel.  Als Schmitz nicht mehr in Willich war, fehlte der großen Gruppe ein Koordinator. Es gab kaum noch RĂŒckkopplung an die Soli-Gruppe.
Dies Ă€nderte sich erst, als „der Franz“ nach Willich kam. Es gab wieder Anmeldungen und Austausch.  Es bewegte sich wieder was. Doch Franz wurde schnell abgeschossen und verlegt. Er war wohl zu unbequem. Und danach war wieder Stille in Willich I.  Zumindest bekamen wir von draußen nichts mehr mit. Wir fragten also die MĂ€nner hinter der Mauer, ob sie nicht wieder einen neuen Aufbruch unternehmen wollen. Aber wahrscheinlich hat das niemand drinnen gehört.

Wir betonen, dass auch fĂŒr uns von ggsoli-nrw das hauptsĂ€chliche Ziel der Wanderkundgebung in der Kommunikation mit den Frauen bestand. Auch dort gab es viele Gewerkschaftsmitglieder. Die spontane Rede an die verschollenen MĂ€nner war nicht geplant. Aber da die Kölner Soligruppe seit Mai, Juni 2014 besteht, leidet sie unter dem Zusammenbruch der frĂŒheren „Vorzeigesektion“ Willich I. Und da gab es halt auch die Versuchung, die MĂ€nner auf diese Vorgeschichte hinzuweisen.  Auch wenn das so wohl nicht funktioniert, sie zu agitieren 


Fazit

Positive RĂŒckmeldungen hatten wir direkt bei der Kundgebung nur von den Frauen. Hoffen wir, dass zumindest einige, die laut und vielfĂ€ltig auf unsere Kundgebung reagiert haben, jetzt wieder einen positiven Anschub bekommen haben. Denn auch bei ihnen lahmt die Selbstorganisation, seit die ehemaligen Sprecherinnen der GG und einige sehr aktive Gefangene nicht mehr im Knast sind. Und was nĂŒtzt uns ein „Tag der Gefangenen“, wenn daraus nicht wieder eine bessere Kommunikation zwischen drinnen und draußen entsteht, das ganze Jahr ĂŒber?  Doch diese Hoffnung ist da. Offensichtlich haben sich einige Frauen ĂŒber den Besuch gefreut. Mal sehen, was draus wird!

GG-Soli-NRW
aus Köln

 

Nachtrag: Die Kundgebung vom 21.03. war angemeldet. Wir waren 15 oder 16 Teilnehmende. Wir hielten Abstand. Alle trugen Masken, die fĂŒr gefĂ€hrdete RĂ€ume vorgeschriebenen sind. Ist doch lustig, wenn sonst Vermummung bei Kundgebungen verboten ist!
Zwei kleine Polizeiautos begleiteten unseren Weg auf der ansonsten ziemlich ungenutzten Straße.  Es gab keine ZusammenstĂ¶ĂŸe. Wir haben die Mauer nur mit Worten und Musik bombardiert.

Aber als wir gerade in Köln angekommen waren, rief die ehemals Gefangene im GG-Soli-BĂŒro an, sie habe eine unangenehme Begegnung gehabt. Als sie an der S-Bahn Haltestelle stand, die sich in unmittelbarer NĂ€he des KnastgelĂ€ndes befindet, sei sie von 2 Polizisten aufgefordert worden sich auszuweisen. Sie fragte warum, sie habe doch nichts getan. Protestierte etwas gegen die BelĂ€stigung. Sie sagte, ihr Zug komme gleich und zeigte 
 nicht ihren Personal-Ausweis, sondern ihre aus dem Automaten gezogene Fahrkarte.  Und tatsĂ€chlich nĂ€herte sich gerade dann der Zug. Die Polizisten drehten ab.
Nachher erklĂ€rte mir ein anderer Kundgebungs-Teilnehmer, auch unsere Autos seien doch bis zur Autobahn „begleitet“ worden. Das hatte ich gar nicht bemerkt.
Aber was sollte denn das? Trauten die uns zu, wir könnten die Mauer noch in der Nacht zum brechen bringen? Nee, nee, das braucht noch einige Zeit 


Eine naive Teilnehmerin   

Die von den einzelnen AutorInnen veröffentlichten BeitrĂ€ge geben nicht die Meinung der gesamten GG/BO und ihrer Soligruppen wieder. Die GG/BO und ihre Soligruppen machen sich die Ansichten der AutorInnen nur insoweit zu eigen oder teilen diese, als dies ausdrĂŒcklich bei dem jeweiligen Text kenntlich gemacht ist.




Quelle: Ggbo.de