Oktober 4, 2021
Von La Presse
374 ansichten


DemosanitĂ€ter*innen tauchen laut Wikipedia das erste Mal als „Street medics“ bei den Antikriegsdemonstrationen der 1960er Jahre in den USA auf. Auch in Leipzig gibt es Sani-Gruppen. Wir sprechen mit der „Medizinischen Erstversorgung Leipzig“, kurz MEvLe.

Bundesweit nutzen die meisten Gruppen die Bezeichnung „DemosanitĂ€ter Stadt-XYZ“. Hat es einen Grund, dass ihr euch „Medizinische Erstversorgung“ nennt?
Lene: Wir sind eine Gruppe von Menschen mit einschlĂ€giger fachlicher Ausbildung, die ehrenamtlich Erste Hilfe auf politischen Veranstaltungen leisten. Da öffentliches politisches Engagement vielfĂ€ltig ist und wir nicht nur auf Demonstrationen gehen, haben wir einen allgemeinen Namen gewĂ€hlt. Außerdem sind wir kein professioneller Rettungsdienst. Daher kein “Sanidienst” im Namen um Verwirrung zu vermeiden.

Was können wir uns unter fachlicher Ausbildung vorstellen?
Jakob: Wir kommen alle aus dem medizinischen Bereich: Krankenpfleger*innen, Rettungsassistent*innen, NotfallsanitĂ€ter*innen, Medizinstudent*innen und Ärzt*innen.

Welche Standards habt ihr als Gruppe?
Lene: Wenn neue Leute bei uns mitmachen möchten, schauen wir uns neben der fachlichen Qualifikation auch an, aus welchem Grund sie bei uns mitmachen wollen. In unserer Gruppe teilen wir einige politische GrundĂŒberzeugungen wie z.B. Antifaschismus und lehnen ausgrenzende Weltanschauungen jeglicher FĂ€rbung ab, wie z.B. Sexismus oder Rassismus. Daneben achten wir auch auf ein ausgewogenes GeschlechterverhĂ€ltnis und lehnen eine Überhöhung von Sani-Arbeit ab. Wir sehen unser medizinisches Engagement als politischen Ausdruck. Das erkennt man schon an den Veranstaltungen die wir begleiten. Aber im Grunde unterstĂŒtzen wir einfach Menschen, die ihre politische Haltung in die Öffentlichkeit tragen, wie z.B. auch Out of Action – wir sind halt Leute die Erste Hilfe auf einem angemessenen Niveau anbieten, und das war’s im Prinzip auch schon (grinst).

Jakob: Wir organisieren uns im Plenum und Entscheidungen werden im Konsens gefĂ€llt. EinsĂ€tze werden nachbereitet – fachlich und auch emotional.

Lene: Viele von uns sind seit vielen Jahren auf politischen Veranstaltungen unterwegs – andere haben sich erst im Rahmen der Klimabewegung politisiert.

Seid ihr mit anderen Gruppen vernetzt – wenn ja, wie?
Jakob: Wir sind bundesweit mit Sani-Gruppen vernetzt. Bei grĂ¶ĂŸeren Veranstaltungen fahren wir auch mal an andere Orte und kennen die Sanis in ThĂŒringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen daher ein bisschen intensiver. 

Wo seid ihr ĂŒberall anzutreffen und was tut ihr da genau?
Jakob: Neben Demonstrationen sind wir zum Beispiel bei Klimacamps, Nachbarschaftsfesten und Sportveranstaltungen dabei. Bislang Haben wir Pflaster geklebt, SchĂŒrf- oder Platzwunden und Prellungen versorgt, Augen ausgespĂŒlt und auch bei psychischen Problemen wie PanikanfĂ€llen supportet – hin und wieder ist mal eine gebrochene Nase oder Arm dabei. Wir sind fachlich und ausrĂŒstungstechnisch auch auf NotfĂ€lle vorbereitet, obwohl wir natĂŒrlich nicht dasselbe wie der professionellen Rettungsdienst leisten können. FĂŒr die EinsĂ€tze ziehen wir trotzdem rote Uniformen an, damit man uns leicht sieht. In manchen FĂ€llen reicht schon ein bisschen Traubenzucker (zwinkert) – abgesehen von der “handwerklichen” TĂ€tigkeit ist die solidarische Beratung von Demoteilnehmer*innen auf Augenhöhe ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit.

Lene: Genau, es geht uns auch um PrÀsenz. Es muss Menschen mit körperlichen und/oder psychischen EinschrÀnkungen möglich sein, politische Veranstaltungen zu besuchen. Sei es eine Unterzuckerung im Polizeikessel oder Epilepsie. Zu wissen, dass da solidarische und medizinisch versierte Menschen in der NÀhe sind, hilft Betroffenen ungemein und kann die politische Teilhabe fördern.

Was fĂŒr eine Beziehung habt ihr zur Polizei?
Lene: Keine. (GelÀchter)

Jakob: Wir sind ja schon seit 4 Jahren in verschiedensten Settings in und außerhalb von Leipzig aktiv und haben in der Zeit unterschiedliche Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Im Zweifel sind wir kooperativ, weil wir in erster Linie den Menschen helfen wollen und mĂŒssen. Manchmal ist auch die Polizei kooperativ und sieht uns als neutrale medizinische Absicherung. Allerdings meinten die Beamt*innen bei einer Kesselsituation mit einer verletzten Person neulich, dass sie uns nicht brĂ€uchten, da ihre eigenen Polizei-SanitĂ€ter*innen schon am Start wĂ€ren. 

Lene: In dem Fall waren wir mit einer Ärztin im Team definitiv qualifizierter aufgestellt, hĂ€tten die Lage fachlich besser beurteilen und wahrscheinlich eine adĂ€quatere Erstversorgung leisten können. Manchmal werden wir nicht ernst genommen, auch wenn wir unsere medizinische Qualifikation nachweisen. Da bleibt dann die Frage, warum wir nicht helfen dĂŒrfen. Vielleicht liegt es manchmal auch daran, dass wir keine persönlichen Daten aufnehmen und die Entscheidung Richtung Rettungsdienst und Krankenhaus gemeinsam mit betroffenen Demoteilnehmer*innen treffen, sofern sie in der Lage sind, die Situation einschĂ€tzen zu können.

Jakob: Ich habe einige Jahre selber im Rettungsdienst gearbeitet. Dort haben manche wenig VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass Menschen ĂŒberhaupt auf Demos gehen. Klar, dass dort manchmal auch Personendaten rausgegeben werden, wenn die Polizei anfragt.

Lene: NatĂŒrlich kommt es immer auf die Beamt*innen vor Ort und polizeiliche Einsatzleitung an. Vorsichtig gesagt haben wir zumindest fĂŒr Leipzig den Eindruck, dass innerhalb der Polizei allmĂ€hlich ein VerstĂ€ndnis dafĂŒr entsteht, dass es auch fĂŒr sie Sinn ergibt, uns auf Demos da zu haben. 

Die Polizei versorgt neben ihren Leuten offensichtlich auch Demonstrationsteilnehmer*innen. Wie ist das umgekehrt?
Lene: Nun, die Polizei ist ja in erster Linie nicht auf einer Demonstration um medizinische Versorgung zu gewĂ€hrleisten. Da besteht dann eben auch immer die Gefahr, dass Entscheidungen nicht im Sinne der medizinischen Versorgung, sondern im Sinne polizeilicher Aufgaben gefĂ€llt werden. Unsere PrioritĂ€ten sind natĂŒrlich andere. Im Zweifel sollte die Polizei die medizinische Versorgung durch uns auch auf einer Demonstration mit hohem Gewaltpotential ermöglichen. In manchen Punkten sind wir also theoretisch voneinander abhĂ€ngig. Was in der Praxis passiert steht aber nochmal auf einem anderen Blatt und kann sich wie eben erwĂ€hnt sehr unterschiedlich darstellen


Jakob: 
aber ja, was deine Frage betrifft – wir helfen auch Polizist*innen wenn es darauf ankommt – sonst wĂŒrden wir uns auch der unterlassenen Hilfeleistung strafbar machen.

In den Sozialen Medien wirkt das aber anders. Da wird auch mal mit SicherheitskrÀften gekumpelt.
Lene: Das sind andere Gruppen mit einer anderen Philosophie. Es gibt neben „Black Sanis“, also Einzelpersonen oder Kleingruppen mit medizinischer Ausbildung und AusrĂŒstung, die auf Demos in zivil mitlaufen, in manchen StĂ€dten auch mehrere Sani-Gruppen, die in Uniform auf Demos gehen. Bei MEvLe nutzen wir soziale Medien nicht. Wir machen ja nicht direkt inhaltliche politische Arbeit, sondern unterstĂŒtzen Menschen medizinisch dabei. Und wenn wir auf einer Demo sind, sieht man uns eh. Wir haben keine Website, sind aber per E-Mail erreichbar. 

Jakob: Es macht schon Sinn mal genauer hinzuschauen oder nachzufragen, welche Sanis auf den Demos so rumlaufen. FĂŒr lĂ€ngerfristige politische Arbeit lohnt es sich, dass sich aktivistische Gruppen ĂŒber die lokalen Sanis in ihrer Stadt informieren, mal Kontakt aufnehmen und dann ĂŒberlegen wen sie auf ihren Veranstaltungen dabei haben wollen. 

Wie macht ihr das dann mit Anfragen, NeuzugÀngen, Spenden usw.?
Jakob: Das lĂ€uft via E-Mail, natĂŒrlich am besten verschlĂŒsselt. Den allermeisten Anfragen fĂŒr Veranstaltungen können wir zusagen, wenn sie schon im Planungsprozess einer Aktion gestartet werden. In letzter Zeit kamen einige Anfragen aber auch sehr kurzfristig und wir konnten leider nicht immer ein Team auf die Beine stellen – wir gehen ja auch alle arbeiten. Wer mitmachen will, schreibt uns auch einfach an.

Lene: GrundsĂ€tzlich unterstĂŒtzen wir alle Veranstaltungen mit deren politischen Botschaften wir mitgehen können ehrenamtlich und wollen natĂŒrlich kein Geld haben. Über Spenden fĂŒr Material oder Reisekosten freuen wir uns, ist ja klar. In letzter Zeit waren Solibars wegen Corona nicht so gut möglich, wir bekommen aber auf Demos öfter was zugesteckt oder in den ZĂŒgen und Bussen geht mal ein Beutel rum. Das klappt ganz gut.

E-Mail: mevle[Ă€t]posteo.de, PGP-SchlĂŒssel z.B. ĂŒber https://pgp.uni-mainz.de

/MS




Quelle: La-presse.org