November 23, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Verletzlich zu sein ist ja nichts Schlimmes. Wenn wir unsere Grenzen erfahren, können wir uns selbst – in einer Welt der sinnentleerten kapitalistischen Warenform besonders spĂŒren. Dies ermöglicht uns, eine realistische EinschĂ€tzung darĂŒber gewinnen, was wir effektiv schaffen und erreichen können. Das gilt fĂŒr Einzelnen, Gruppen, sogenannten „Szenen“, aber auch fĂŒr soziale Bewegungen. In gewisser Hinsicht kann diese Lernerfahrung nur geschehen, wenn wir riskieren, auch Verletzungen zu kassieren. Dies gilt insbesondere, wenn mensch eine konfrontative sozial-revolutionĂ€re Praxis entfalten möchte, die darauf abzielt, Verletzungen zu heilen, indem wir um unsere WĂŒrde kĂ€mpfen.

Ich möchte gerne so viel mehr machen und Geduld war nie meine StĂ€rke. Es war auch nie meine StĂ€rke, meine Lebenssituation zu akzeptieren, sie anzunehmen – und sie davon ausgehend zu verĂ€ndern. Stattdessen neige ich dazu, in ihr festzuhĂ€ngen. Äußere UmstĂ€nde und bestimmte GrĂŒnde, gesellschaftliche Gesamtscheiße und tĂ€gliche Apokalypse hin oder her – Mensch steht sich oftmals selbst am meisten im Wege. Selbstbestimmung bleibt ein lebenslanger Prozess, dessen Gelingen davon abhĂ€ngt, inwiefern mensch sich von anderen inspirieren und mitreißen lĂ€sst, ohne sich selbst einzugliedern oder sich mit anderen zu vergleichen.

Im Kapitalismus werden uns warenförmige Grenzerfahrungen angeboten. Allen voran wird fĂŒr Angehörige der Mittelklassen das Reisen vermarktet – zunĂ€chst nur fĂŒr Menschen aus Westeuropa und Nordamerika, dann ausgedehnt auf alle LĂ€nder, in denen breitere Bevölkerungsschichten Zugang zu diesen Privilegien erhalten. Leute bereisen die Welt, als gĂ€be es kein Morgen, auf der Jagd nach Erlebnissen, schönen Momenten und Grenzerfahrungen. Sie suchen Entspannung durch Anspannung. Paradox ist, dass es die meisten dann doch recht angenehm haben wollen dabei.

Freeclimbing, Fallschirmspringen, MarathonlĂ€ufe – Menschen suchen extreme Erfahrungen. Welche viele aber interessanterweise dann aber doch gar nicht selbst machen wollen, sondern sich dafĂŒr Spezialist*innen anschauen (und anheuern). Dass Menschen ihre FĂ€higkeiten austesten und erweitern, dass sie sich mit sich selbst und anderen messen wollen, ist durchaus nicht verkehrt. Durch ihre Entwicklung ihrer spezifischen FĂ€higkeiten und Eigenheiten, werden die Einzelnen ĂŒberhaupt erst zu Individuen. Zu einem Problem wird das allerdings dann, wenn alle ganz besonders sein (oder dies zumindest „authentisch“ behaupten) mĂŒssen, um ĂŒberhaupt gelten und wahrgenommen werden zu können.

In der zeitgenössischen Phase des Kapitalismus wird die Warenförmigkeit auf den Konsum von Erlebnissen mit Menschen ausgedehnt. Der Feudalherr konsumierte die Arbeitskraft der Fronarbeiter, gab ihnen dafĂŒr aber kein Geld, sondern ihr bloßes Existenzrecht. Der Kapitalist konsumiert die Arbeitskraft der Arbeiter*innen. Weil er ihnen Geld als Entlohnung gibt, kann er einen Mehrwert aus der Arbeitsleistung abschöpfen und in den Kapitalkreislauf einspeisen. Die Lohnarbeiter*innen werden doppelt frei und ĂŒberdies zu Konsument*innen warenförmiger Produkte.

Aus zwei GrĂŒnden Ă€ndert sich dies graduell: Einerseits dehnt der Kapitalismus die Warenform auf den Bereich privater sozialer Beziehungen aus, da sie wesentlich subtiler, aber auch wesentlich aggressiver in allen Lebensbereichen implementiert wurde. Andererseits wird der Konsum physischer Produkte langfristig in der Masse zurĂŒckgehen, aufgrund der Endlichkeit von Ressourcen, aber auch der Verlagerung multipler Funktionen in digital vernetze technologische Prothesen.

Mit Computern und Smartphones können Menschen sich so gut beschĂ€ftigen, dass sie scheinbar weniger physische Dinge – ArbeitsgerĂ€te, Unterhaltungsformen, Kommunikationsmittel – brauchen. Die Kehrseite dieser Technologisierung des Alltagslebens – in der Breite, wie in der Tiefe – besteht in der Gefahr des Verlustes sozialer und kommunikativer FĂ€higkeiten, wie auch der Möglichkeit zur Erfahrung der eigenen Begrenztheit. (Was wiederum nicht bedeutet, dass Menschen sich damit auch stĂ€rker vernetzen und neuartige Beziehungen herstellen können.) GefĂŒhle von Fatalismus und HandlungsunfĂ€higkeit entstehen, die zugleich schwer verstanden werden, denn scheinbar gibt es ja Möglichkeiten und wird die ganze Welt in Reichweite gebracht. Es entsteht eine spezifische emotionale Leere, wĂ€hrend die Pseudo-VerfĂŒgbarkeit ĂŒber die Welt nicht in ein holistisches Empfinden und Denken mĂŒndet, indem sich die Individuen als Teil einer Ganzheit begreifen können.

Weil der Konsum von Produkten mehr und mehr lustlos geschieht, wird er auf den Konsum von Erlebnissen und anderen Menschen ausgedehnt. Die Frage ist, welche andere Option es dazu gibt. Die Hoffnung besteht darin, dass es eine wuchernde und letztendlich unberechenbare SozialitĂ€t gibt, welche relativ unmittelbar in sozialen Zwischenraum geschieht und nach eigenem Willen gestaltet werden kann. Was, wenn nicht dies hat sonst das Potenzial, die Warenförmigkeit und Verwertung der Dinge und Menschen aufzubrechen? Um soziale AffinitĂ€ten zu finden und zu stiften braucht es allerdings Initiationsriten und ĂŒberhaupt Rituale. Diese gilt es aufzufinden und neue zu erfinden. Erst in Anerkennung unserer Grenzen, werden wir handlungsfĂ€hig. Das gilt fĂŒr körperliche und geistige FĂ€higkeiten, ebenso, wie fĂŒr emotionale und soziale.




Quelle: Paradox-a.de