September 10, 2021
Von SchwarzerPfeil
182 ansichten


Entnommen aus: „Revolte – Anarchistische Zeitung“, Wien, Juli 2019, Nr. 43, S. 1-2

In den vergangenen Wochen konnten wir wieder verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohe Temperaturen erleben. So schlĂ€gt ein Hitzerekordjahr das nĂ€chste. Britische Klimaforscher haben vor kurzem ein Modell zur Errechnung des Temperaturanstieges in den Metropolen bis 2050 vorgestellt. Wien ist dabei eine der am stĂ€rksten betroffenen StĂ€dte mit einer ErwĂ€rmung von 7,6 Grad Celsius im Vergleich zum Jahr 1850, dem Jahr das mehr oder weniger als Beginn der Industriellen Revolution gehandelt wird.

Die Folgen der KlimaerwĂ€rmung sind Meereis- und Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg, Auftauen von Permfrostböden (Was noch mehr CO2 freisetzten wird), wachsende DĂŒrrezonen und WĂŒstenbildung, zunehmende Wetterextreme, Artensterben, usw.

Dazu wĂŒrden noch weitere soziale, politische und ökonomische VerschĂ€rfungen kommen. Wie Hungersnöte und Wasserknappheit, Tote und Kranke durch die enorme Hitze und Seuchen, Kriege um schwindende Ressourcen und nutzbare Territorien und eine globale Migrationsbewegung. Um nur einige zu nennen.

Um nur einen Aspekt hier heraus zu greifen: Wenn wir uns erinnern, wie die politischen Klassen und die europĂ€ische Politik, auf die sogenannte „FlĂŒchtlingskrise“ 2015 reagiert hat. Als wir mitangesehen haben, wie Grenzen militarisiert, EinsatzplĂ€ne entwickelt und Befugnisse fĂŒr MilitĂ€r und Polizei ausgeweitet wurden. Ganz zu schweigen von der Hetze der Massenmedien und dem allgemeinen Rassismus, dem Nationalismus und der Panik, die durch Politik, Medien und andere Meinungsmacher befördert wurden. Und dabei ging es um eine mehr oder weniger noch kalkulierbare Zahl von Menschen, in Relation dazu, was passieren wird, wenn immer weitere Teile der Erde unbewohnbar werden. Je nachdem, wie schnell und drastisch sich diese Entwicklungen abspielen werden, sprechen wir hier von der grĂ¶ĂŸten Migrationsbewegung in der Geschichte der Menschheit!

Die Faschisten und Konservativen haben 2015/2016 schon von einer Völkerwanderung gesprochen, um ihre Politik der Abschottung zu propagieren. Begriffe wie der „große Austausch“ sind seither aufgekommen und diverse Schreckensszenarien wurden herbeifantasiert, um eine rassistische und nationalistische Mobilmachung zu erreichen. So ist es nicht absehbar, welche Reaktionen eine Fluchtbewegung von mehreren 100 Millionen Menschen auslösen wĂŒrde.

Eine Sache ‚jedes Einzelnen‘

Der ‚Point of no Return‘ ist ĂŒberschritten! Der Klimawandel ist RealitĂ€t, die VerĂ€nderungen passieren bereits, sie sind spĂŒrbar. Und diese Entwicklungen können durch individuelles MĂŒlltrennen, Energie sparen, Veganismus, etc. nicht aufgehalten werden. Viele Appelle richten sich an das Konsumverhalten. So wird das Problem zu einem individuellen Problem eines jeden Einzelnen von uns gemacht. ‚Du selbst kannst etwas daran Ă€ndern‘, ‚10 Dinge die du tun kannst um den Klimawandel aufzuhalten‘ Mit sollchen Slogans wird uns das Hirn zugeschissen. Sie sollen uns sagen: Wir Menschen sitzen alle im selben Boot. Wir gemeinsam haben das alles zu verantworten. Also Ă€ndert euren Lebensstil
 Tuet Buße und werdet bessere Menschen!

Damit wird die Verantwortlichkeit der Wirtschaft, der Industrie und der Politik, mit der Verantwortlichkeit von uns allen gleichgesetzt. Jede Klassen- und Besitzfrage wird damit eliminiert. Aber sind wir wirklich alle im selben Maße dafĂŒr verantwortlich, wie diejenigen die aktiv daran verdienen, dass unsere ganze Welt immer mehr den Bach runter geht? Ich denke nicht!

Aber klar, auch hier ist es das Privileg jener, die genug Kohle haben, ein klimafreundliches Leben zu fĂŒhren. So kann man sich wieder einmal mit Reichtum eine weiße beziehungsweise grĂŒne Weste kaufen. Und diejenigen, die es sich nicht leisten können sind dann eben die Arschlöcher die unsere Umwelt zerstören, weil sie fĂŒr diesen grĂŒnen Lifestyle nicht bezahlen können.

Wir praktizieren ein Ersatzverhalten, das lediglich dazu dient, uns moralische Rechtfertigungen fĂŒr unsere Existenz in die HĂ€nde zu legen, damit wir doch der Überzeugung sind, „das richtige zu tun“. Die falschen VorschlĂ€ge haben wieder Hochkonjunktur. Denn sie lauern an allen Ecken! Damit wir ja nicht nach den falschen Dingen verlangen und vielleicht auf die schiefe Bahn kommen. Die Industrie zu ignorieren und die Frage des Klimawandels von der Frage des Kapitalismus, der Ausbeutung und der AutoritĂ€t zu trennen, ist der Kern dieser Problematik. So reduziert sich ein großer Teil dieser Auseinandersetzungen auf das verlangen nach einem grĂŒnen/ökologischen Kapitalismus, am besten flankiert von Verboten, Gesetzen und bestimmten Reglementierungen fĂŒr unser Leben!

GrĂŒner Kapitalismus

FĂŒr die meisten Kritiker der Ausbeutung der Erde und der Ressourcenverschwendung, geht es nicht um die Infragestellung des kapitalistischen Systems. Obwohl bei nĂ€herer Betrachtung klar sein sollte, dass seit der Industrialisierung, die dem kapitalistischen System im 18. und 19. Jahrhundert einen lebensnotwendigen Fortschrittsschub verpasst hat, ein stetiger Anstieg des Verbrauchs und der Nutzbarmachung von Rohstoffen stattgefunden hat.

Wenn wir etwas gegen die Ausbeutung der Erde tun wollen, dann mĂŒssen wir die kapitalistischen Produktionsweisen, die Diktatur der MĂ€rkte, die Arbeit, den Staat der diese Ausbeutung schĂŒtzt und legalisiert, die Politik und die Technologisierung angreifen.

Die Problematik ist, dass wir mit dieser Meinung zum Teil sehr alleine dastehen. Die meisten Menschen haben erkannt, dass sich etwas tut, dass die Welt sich in eine gefĂ€hrliche Richtung entwickeln wird. Deshalb gehen auch viele auf die Straße, um die Wirtschaft und die Politik davon zu ĂŒberzeugen, dass es Zeit fĂŒr eine ‚Energiewende‘ wĂ€re. Nicht aber um eine grundlegende VerĂ€nderung der sozialen VerhĂ€ltnisse und der Ökonomie. Klar wĂ€re es nett, wenn es weniger Rassismus und Sexismus und wenn es gerechtere ArbeitsverhĂ€ltnisse geben wĂŒrde. Aber grundsĂ€tzlich soll alles weitgehend gleich bleiben: Unser Komfort, der Konsum, die technologischen Spielereien, die unser Leben vereinfachen sollen, uns aber immer abhĂ€ngiger machen und eigentlich kontrollieren und umerziehen, das politische Spektaktel, und so weiter und so fort. So wird ein grĂŒner Kapitalismus propagiert. Denn wie sich bereits viele der sogenannten ‚Fridays for Future‘-Proteste zu Wort gemeldet haben, aber auch andere die fĂŒr Maßnahmen gegen den Klimawandel eintreten: Der Kampf gegen den Klimawandel ist kein Kampf gegen den Kapitalismus!

Ohne das kapitalistische Elend anzusprechen, macht der Kampf gegen die Ausbeutung der Erde und in diesem Zusammenhang der sogenannte ‚Kampf gegen den Klimawandel‘ keinen Sinn. Viel mehr verbleibt er in einer reformistischen Bittstellung der Politik gegenĂŒber und ignoriert die Ursachen der globalen ErwĂ€rmung und der Zerstörung unserer LebensrĂ€ume zugunsten einer Konservierung der herrschenden ZustĂ€nde von Ausbeutung und Profit, um diese ein StĂŒck weit nach ökologischen Standards auszurichten. Was eine absolute AbsurditĂ€t ist!

Prognosen und das Elend der Politik

So frage ich mich, ob es ĂŒberhaupt eine Möglichkeit gibt, die klimatischen VerĂ€nderungen, innerhalb der kapitalistischen Ordnung auf ein ertrĂ€gliches Maß zu drosseln. Und eine weitere Frage wĂ€re: Was ist dieses ertrĂ€gliche Maß?

Wenn wir uns etwas genauer mit den Fakten befassen, auf die wir bisher zugreifen können, dann wird sehr schnell klar, dass es sich hierbei um die komplexeste Problematik handelt, vor der die Menschheit jemals gestanden ist. UnzĂ€hlige Faktoren, die zu berĂŒcksichtigen sind und die sich gegenseitigund oft gegenteilig beeinflussen.

Die Meinungen gehen hierbei deutlich auseinander, was uns im Jahr 2100 bevorstehen wird, oder ob diese Entwicklungen schon sehr viel frĂŒher eintreffen werden! Da wĂ€re einerseits die ErwĂ€rmung um 1,5 Grad Celsius, die uns vorerst vor schwerwiegenden Folgen bewahren wĂŒrde. Diese Zahl ist zentraler Bestandteil der Forderungen vieler KlimaaktivistInnen. Das wĂŒrde bedeuten, dass der COÂČ Ausstoß in den nĂ€chsten 10 Jahren um 45% gesenkt werden mĂŒsste, um ihn dann bis 2050 auf Null zu reduzieren. Es mĂŒsste also innerhalb der nĂ€chsten 30 Jahre der COÂČ Ausstoß um 100% reduziert werden!

Angesichts dessen, dass dieses Ziel eigentlich nicht zu realisieren ist, gehen viele von einem weit höheren Temperaturanstieg in den kommenden Jahrzehnten aus. Da ist von 2 Grad, 4 Grad, 6 Grad oder 8 Grad die Rede. Wobei 8 Grad die Vernichtung von großen Teilen der Erde und der meisten Menschen bedeuten wĂŒrde. Und da sich in den letzten 40 JAHREN sehr wenig getan hat, denn seit Ende der 70erJahre ist die ErwĂ€rmung des Klimas bekannt (die ersten Forschungsergebnisse die darauf hindeuteten gehen bis ins 19. Jahrhundert zurĂŒck, aber seit 1979 wird die Politik und Wirtschaft mit den Fakten konfrontiert), ist es fraglich ob es in den nĂ€chsten Jahrzehnten eine ‚Wende‘ geben wird und die Wirtschaft auf die Nutzung fossiler Brennstoffe freiwillig verzichten wird.

Außerdem halte ich die Zielsetzung, von der Politik und der Wirtschaft einen ökologischen Kurswechsel zu verlangen, fĂŒr ein gefĂ€hrliches Unterfangen. Nicht nur, dass ich nicht denke, dass sich die Profiteure dieses Systems zu irgendetwas ĂŒberreden lassen wĂŒrden, was nicht ihren Interessen entspricht, sondern auch wie eine politische Umsetzung in Form von Gesetzen und Zwang ausschauen könnte.

Smarte StÀdte

Ein weiterer Aspekt, den ich hier ansprechen möchte, ist die Instrumentalisierung des Klimawandels fĂŒr verschiedene technologische Entwicklungen. Ein Konzept ist jenes der sogenannten Smarten StĂ€dte (SmartCity) und Stadtteile.

Die Stadt Wien hat vor Kurzem in Kooperation mit anderen eine BroschĂŒre veröffentlicht: â€žSmart Simpel. Unser Weg in dieZukunft einfach erklĂ€rt.“ Darin erklĂ€rt BĂŒrgermeister Ludwig: â€žDer Klimawandel ist hier wahrscheinlich die drĂ€ngenste. Wenn auch unsere Kinder noch angenehm in Wien leben sollen, mĂŒssen wir sehr rasch sehr viel verantwortungvoller mit unseren Ressourcen umgehen, als wir noch vor wenigen Jahren geglaubt haben. Aber auch die wirtschaftliche Entwicklung, neue Technologien wie die Digitalisierung oder das Zusammenleben in der Stadt – das alles sind Themen, die ineinandergreifen und laufend neue Lösungen erfordern. Da heißt es: smart sein!“

‚Smart sein‘ sollen wir also, damit wir den Klimawandel ĂŒberstehen. In der BroschĂŒre wird unter anderem von GrĂ€tzelfahrrad, E-Car-Sharing, KreativitĂ€t im öffentlichen Raum und alternativer Energieerzeugung gesprochen. Was aber verschwiegen wird, ist die Kontrolle, das Datensammeln, die Überwachung. Es wird nicht erzĂ€hlt dass unsere ganze Umgebung mit ‚smarten GerĂ€ten‘ ausgestattet werden soll. Denn das ist ein wichtiger Teil der Smarten Stadt, dass sie digital vernetzt wird und damit fĂŒr die Herrschenden, die Politik, die Wirtschaft, die Energiekonzerne, usw. besser ĂŒberwach- und bewachbar.

Interessant finde ich an dieser Stelle, dass Herr Ludwig hier groß seine scheiß Fresse als KlimaschĂŒtzer aufreißt, wĂ€hrend seine Stadtregierung den Bau der Lobau-Autobahn abgesegnet hat. Ein Megaprojekt, dass vorsieht, unter dem Naturschutzgebiet Lobau einen Autobahntunnel zu bauen. Und damit eine Verkehrsanbindung fĂŒr den Transitverkehr zu schaffen und gleichzeitig neue Territorien wirtschaftlich zu erschließen.Was fĂŒr ein scheiß Hohn!

Wir denken, dass uns in der Zukunft noch sehr viel mehr Projekte begegnen werden, die im Namen des Klimas umgesetzt werden sollen, aber nur fĂŒr eines gut sind: Uns alle besser regieren zu können!

Wie die Zukunft aussehen wird. Wie sich dieVerĂ€nderungen des Klimas auf uns alle tatsĂ€chlich auswirken werden, damit wollen wir nicht spekulieren. Aber die Voraussagen und Berechnungen die uns zur VerfĂŒgung stehen lassen nichts gutes erahnen. Wir werden uns auf jeden Fall nicht nur auf andere klimatische Bedingungen einstellen mĂŒssen, sondern auch auf andere politische, ökonomische und gesellschaftliche Bedingungen!

Um die Zerstörung der Erde auszuhalten mĂŒssten die MachtverhĂ€ltnisse grundlegend verĂ€ndert beziehungsweise ausgelös[ch]t werden. Die aktuellen Proteste mĂŒssten auf ein ganz anderes Niveau der Konfrontation gehoben werden. Die Wirtschaft mĂŒsste mit viel direkteren Mitteln des Angriffes und der Sabotage schmerzhaft abgebremst werden um bestimmte Teilziele zu erreichen. Die Herrschaft wird dabei immer den Dialog mit den Protesten suchen. Sie bietet einigen Gallionsfiguren eine BĂŒhne, um ihre Bedenken vorzutragen. Aber nur solange alles friedlich ablĂ€uft und bescheidene Forderungen gestellt werden. Dadurch wird sich aber nichts grundlegendes Ă€ndern. Die Herrschaft lĂ€sst sich durch schöne Worte nicht erweichen!

FĂŒr die Zerstörung der Industrie, der Arbeit und der Ausbeutung! FĂŒr die Sabotage und den direkten Angriff!

Folge uns!
SchwarzerPfeil
Folge uns!



Quelle: Schwarzerpfeil.de