August 12, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Via Abolition Media

Um unsere Bewegungen in diesem kritischen Moment der Geschichte zu finanzieren, ist die Enteignung von Geld von bestimmten Zielen die „ethischste“ Option. Es gibt viele Möglichkeiten, dies zu tun.

Mindestens schon im ersten Jahrhundert n. Chr. sagten sich die Shifta am Horn von Afrika von Kaiser, Regierung und Gesetz los und zogen in die Wildnis, wo sie durch die Störung der ĂŒblichen GeschĂ€fte und des Handels als GeĂ€chtete und Gesetzlose ĂŒberleben konnten. Jahrhundertelang zogen die Haiduks des Balkans durch ihre LĂ€nder und bestahlen ihre osmanischen Besatzer. Yi-RĂ€uber und andere aus dem chinesischen Grenzgebiet stĂŒtzten ihre Ökonomien zu einem großen Teil durch RaubzĂŒge im frĂŒhen 20. Jahrhundert. Von 1917-1937 fĂŒhrten peruanische Frauen Banden von ScharfschĂŒtz_innen zu Pferd an, um die Reichen zu berauben und den Armen zu geben.

Trotz begrenzter Forschung und der folkloristischen Fiktionalisierung der Robin Hoods unserer Vergangenheit, scheint soziales Banditentum ĂŒberall dort vorhanden zu sein, wo selbst die ursprĂŒnglichsten Formen der Zivilisation Klassenungleichheiten geboten haben. Das PhĂ€nomen des sozialen Banditentums — Diebstahl zum Wohle der Armen — ĂŒberschreitet Geschichte, Geographie und Kultur.

Der industrielle Kapitalismus und die neoliberale Ökonomie haben verĂ€nderte Methoden fĂŒr Bandit_innen notwendig gemacht. Die Reichen fahren nicht mehr auf den Highways, auf der Hut vor den Pirat_innen der Wildnis. Nur etwa 8 Prozent des weltweiten Geldes zirkuliert heute in Form von Bargeld. Informationen ĂŒber die Reichen werden durch obskure Steuerparadiese geschĂŒtzt. Die Aufgabe der Bandit_innen ist heute eine grundlegend kreative, und die historischen Schleier des Machismo und des Busch-Ruhmes bieten nicht mehr die gleiche Hebelwirkung des Terrors, die sie einst hatten.

Gruppen der radikalen Linken und AntiautoritĂ€ren auf der ganzen Welt haben Wege gefunden, Geld und Vermögen zu beschlagnahmen und an ihre VerbĂŒndeten und unterdrĂŒckten Gemeinschaften umzuverteilen. Ein bemerkenswertes Beispiel aus jĂŒngster Zeit ist die Beschlagnahmung eines Sheraton-Hotels in Minneapolis wĂ€hrend der George-Floyd-Proteste, als die Teilnehmenden es in das Share-a-Ton umwandelten. Historisches soziales Banditentum mag Inspiration bieten, aber die radikalen Linken und AntiautoritĂ€ren von heute bahnen sich ihren Weg in eine Zukunft, in der der Volkskampf die nötigen Ressourcen hat, um sich ĂŒber sporadische revolutionĂ€re Momente hinaus zu erhalten.

Warum jetzt Banditentum?

Nie zuvor stand unsere Spezies vor einer existenziellen Krise wie der des globalen Klimachaos. Das Ausmaß und das Tempo, in dem wir konkrete VerĂ€nderungen vornehmen mĂŒssen, muss das historische Ausmaß und Tempo der Industrialisierung und Kolonialisierung bei weitem ĂŒbertreffen. Zur Veranschaulichung: Wir haben sechs Jahre und fĂŒnf Monate, um die Nutzung fossiler Brennstoffe komplett zu beenden und 100 Prozent des Energieverbrauchs unseres Planeten auf erneuerbare Energien umzustellen, oder wir erwĂ€rmen den Planeten um 1,5 Grad Celsius und verursachen katastrophale SchĂ€den in unvorstellbarem Ausmaß.

Offensichtlich ist die wichtigste NotabkĂŒrzung, die wir nehmen können, die Macht der Menschen. Der Kampf der Bevölkerung hat bewiesen, dass drastische VerĂ€nderungen tatsĂ€chlich beschleunigt werden können. Die Bewegung fĂŒr Klimagerechtigkeit ist wohl die grĂ¶ĂŸte und vielfĂ€ltigste Bewegung der Weltgeschichte, und ihre Mitglieder — von denen eine betrĂ€chtliche Masse viel zu jung ist, um diese kolossale Last tragen zu mĂŒssen — erhöhen den Einsatz.

Um dieses kurze Zeitfenster zu nutzen, mĂŒssen wir dringender einen drastischen Wandel herbeifĂŒhren. Geld kann helfen, dies zu erreichen. Da die Weltwirtschaft in den HĂ€nden eines Bruchteils von einem Prozent der Weltbevölkerung liegt, brauchen wir kreativere Strategien, um die Umverteilung von Geldern in die Kassen unserer mĂ€chtigsten Bewegungen und ihrer Syndikate zu beschleunigen.

Diejenigen, die das meiste Geld haben, wurden oft von denjenigen mit der grĂ¶ĂŸten Volksmacht besiegt. Ultra-reiche Diktatoren sind bei vielen Gelegenheiten dort gestĂŒrzt, wo sich die Bevölkerung zum Widerstand erhoben hat. Aber diejenigen, die im Zentrum von Widerstandsbewegungen stehen, brauchen Ressourcen, um ihr Leben und ihre Arbeit aufrechtzuerhalten und um die Infrastruktur fĂŒr ihre KĂ€mpfe aufzubauen und zu stĂ€rken. Moderne Bewegungen finanzieren sich oft durch Sachspenden, Freiwillige, BeitrĂ€ge von Mitgliedern und VerbĂŒndeten, Partnerschaften mit Non-Profit-Organisationen und Unternehmen sowie philanthropischen Institutionen und Ă€hnlichen Spender_innen (die oft mitte-liberale Werte vertreten und ihre UnterstĂŒtzung an Bedingungen knĂŒpfen können).

Dies sind nicht die einzigen Optionen fĂŒr die Finanzierung der Bewegung. Es gibt eine weitere Option: Stehlen.

In diesem historischen Moment ist es weniger ethisch, Geld von bestimmten Zielen nicht zu enteignen, als stĂŒckchenweise weiter zu kratzen. Es gibt viele Wege, wie das geschehen kann.

Raub

Der intuitivste Weg, Geld zu stehlen, ist der Raub, und der naheliegendste Ort, um zu rauben, ist eine Bank. Aber das bedeutet nicht, dass die Bandit_innen mit Waffengewalt durch die VordertĂŒr eindringen mĂŒssen.

Im Jahr 2008 veröffentlichte der katalanische Aktivist Enric Duran eine ErklĂ€rung ĂŒber eine halbe Million Euro, die er durch die Beschaffung von 68 Bankkrediten zur Finanzierung von VolkskĂ€mpfen gestohlen hatte. Duran suchte Unterschlupf, nachdem er sich der AutoritĂ€t des Justizsystems losgesagt hatte. Er forderte die GefĂ€hrt_innen auf, keine Zeit mit der Kampagne fĂŒr seine Amnestie zu verschwenden, sondern aus seiner Taktik der falschen Kredite zu lernen und Ă€hnliche RaubzĂŒge in grĂ¶ĂŸerem Maßstab durchzufĂŒhren.

Durans Betrugsstrategie erweiterte das moderne katalanische Erbe des aktivistischen Banditentums. Im Jahr 2002 nutzte die aus Barcelona stammende Bewegung Yomango („Ich klaue“) die Talente von Ladendieb_innen, um öffentlich und schamlos gegen die AusteritĂ€t und die dahinter stehenden Unternehmen zu kĂ€mpfen. Ihre Bewegung des offenen Diebstahls verbreitete sich schnell ĂŒber Europa und Lateinamerika.

In DĂ€nemark hatte die Crew, die als Blekingegade Gang bekannt wurde, in den 70er und 80er Jahren eine große Anzahl von RaubĂŒberfĂ€llen durchgefĂŒhrt, um die AktivitĂ€ten der Volksfront zur Befreiung PalĂ€stinas zu finanzieren. Bei einem ihrer berĂŒhmten ÜberfĂ€lle gaben sie sich als Cops aus und fuhren einen Ford Escort.

Kurz vor dem Aufstieg der Blekingegade Gang stahlen die Young Lords, puertoricanische RevolutionĂ€r_innen, einen zu wenig genutzten LKW, der mit einem Tuberkulose erkennenden RöntgengerĂ€t ausgestattet war. Sie brachten ihn nach East Harlem, wo sie Tests fĂŒr die Bewohnenden durchfĂŒhrten, wĂ€hrend sie eine puertoricanische Flagge ĂŒber dem Fahrzeug hissten.

Soziales Banditentum ist Klassenkampf insofern, als dass es der Bande — marginal sogar in Gesellschaften, in denen sie populĂ€re UnterstĂŒtzung haben — ermöglicht, sich langfristig zu erhalten. Die Armen und die Bauernschaft werden mit einem „Kuchen im Fenster“ besteuert — oder Ă€hnlichen kleinen ZugestĂ€ndnissen, die den lokalen Bandit_innen angeboten werden. Von den Bandit_innen wird wiederum erwartet, dass sie die Bauernschaft vor den Machthabenden schĂŒtzen und, sollten sie eine gute Beute machen, einen Teil ihrer Beute teilen.

Zum Beispiel versteckte sich John Kepe in den 1950er Jahren in den Boschberg-Höhlen des Ostkaps und plĂŒnderte die HĂ€user und Farmen der Buren (Weißafrikaner_innen). Obwohl ihm die Beute sein eigenes Überleben sicherte, verteilte er nĂŒtzliche Haushaltswaren und GegenstĂ€nde an andere Schwarze SĂŒdafrikaner_innen weiter. Dies half, seinen Aufenthaltsort geheim zu halten. Man könnte sagen, seine passiven Allianzen mit der Mainstream-Gesellschaft boten ihm gĂŒnstigere „Arbeitsbedingungen“.

Der verstorbene marxistische Historiker Eric Hobsbawm — vielleicht der maßgebliche Autor ĂŒber soziales Banditentum — beobachtet eine Ă€hnlich pragmatische Ökonomie und Politik bei den historischen Bandit_innen. Sie unterstĂŒtzen die Revolution, sind aber selten selbst die Revolution. Ihr Nischenbeitrag zum Kampf der unteren Klasse bietet selten eine skalierbare Infrastruktur fĂŒr, sagen wir, einen landesweiten Bauernaufstand. Sie sind jedoch großzĂŒgig in ihren wirtschaftlichen GefĂŒhlen gegenĂŒber jeder Bewegung der Armen. Es wurde gesagt, dass Brasiliens berĂŒhmter Bandit LampiĂŁo VorrĂ€te zum dreifachen des ĂŒblichen Preises von HĂ€ndler_innen kaufte. Solche „BanditengroßzĂŒgigkeit“ drĂŒckt Sympathien fĂŒr die Massenrebellion und fĂŒr ein freies Leben außerhalb der unmittelbaren Schranken des Reiches und seiner Grundherren aus.

GeldwÀscherei

Einfacher Raub — also der Transfer von Geld oder Vermögenswerten von Partei X zu Partei Y durch Diebstahl — ist nicht das einzige Mittel zur Befreiung von Geldern. GeldwĂ€sche — tĂ€glich von MilliardĂ€r_innen ungestraft praktiziert — kann auch fĂŒr Gutes eingesetzt werden.

Eine Gruppe, die fĂŒr diesen Artikel interviewt wurde, bewirbt sich um ZuschĂŒsse von großen Institutionen. Die Gelder, die sie erhalten, werden ĂŒber Quittungen abgerechnet, die in MĂŒlleimern an Bushaltestellen oder wo auch immer sie zu finden sind, gesammelt werden. Der Betrag, der ĂŒber falsche Quittungen abgerechnet wird, wird dann an verbĂŒndete Basisaktivist_innen oder Gruppen der direkten Aktion verteilt, deren AktivitĂ€ten nicht bequem unter die Zuschussvereinbarungen fallen können. „NGOs machen stĂ€ndig schmutzige Dinge, um ihre Eigeninteressen voranzutreiben“, sagte ein Mitglied dieser Gruppe. „Warum sollten wir nicht Ă€hnliche AnsĂ€tze fĂŒr radikalere Ziele nutzen?“

Die modernen Bandit_innen sind nicht auf solche kleinen GeldwĂ€schereien beschrĂ€nkt. In einigen FĂ€llen kann eine gemeinnĂŒtzige „Mantelgesellschaft/Briefkastenfirma“ wie eine NGO gegrĂŒndet werden, um um große — und meist politisch gemĂ€ĂŸigte — Spendengelder zu werben. Wenn ZuschĂŒsse gewĂ€hrt werden, können die Gelder an eine radikalere Gruppe — d.h. einen „Partner“ — verteilt werden, der die geteilte Summe in Rechnung stellt. Auf diese Weise kann der offizielle ZuschussempfĂ€nger, in diesem Fall die „NGO-Mantelgesellschaft“, finanzielle Rechenschaft ablegen, die RechnungsprĂŒfenden zufriedenstellen und trotzdem ĂŒber ihre scheinbar moderaten AktivitĂ€ten berichten, wĂ€hrend es einen Puffer zwischen dem Spender und der radikalen Gruppe schafft, was der radikalen Gruppe grĂ¶ĂŸere Autonomie verschafft.

Eine Jugendorganisation „reinigt“ ihre Zuschussgelder, indem sie große Veranstaltungen ausrichtet — AktivitĂ€ten, die aus der Sicht der Spender kulturelle Vielfalt und Inklusion fördern sollen. Die Community-AktivitĂ€ten, die sie organisieren, sind genau die AktivitĂ€ten, die sie in ihren AntrĂ€gen und Berichten zu tun behaupten. Sie verlangen jedoch eine GebĂŒhr fĂŒr die Teilnahme und nehmen auf diese Weise mehr Geld zurĂŒck, als sie ausgegeben haben. Die Rechenschaft ĂŒber die Gelder wurde bereits durch die Ausgabe des erhaltenen Kapitals abgelegt. Der Erlös aus ihren „vorgeschlagenen Spenden“ wird dann an antifaschistische Gruppen verteilt.

Manchmal muss das Einfordern von Geldern von rechts nicht so umstĂ€ndlich sein. „Normalerweise brauchen wir so etwas nicht zu machen“, erklĂ€rte mein Informant. „Es ist wirklich ziemlich einfach, eine große Menge Geld von einem rechtsstehenden Spender zu bekommen, vor allem, wenn du eine offiziell registrierte Organisation mit einem Vorstand und einer Mitgliedschaft hast, die ‚mit drin‘ ist, wĂ€hrend du eine gut aussehende Fassade aufrechterhĂ€ltst.“

„Von Bandit-Held_innen wird nicht erwartet, dass sie eine Welt der Gleichheit schaffen. Sie können nur Unrecht korrigieren oder beweisen, dass UnterdrĂŒckung manchmal auf den Kopf gestellt werden kann.“

Hobsbawm

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Quelle: Schwarzerpfeil.de