Januar 1, 2023
Von Anarchosyndikalismus
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Vom 09.-11. Dezember 2022 fand in Alcoy (Spanien) der 28. IAA-Kongress statt. Eine Gruppe von Delegierten und Beobachter*innen der ZSP-IAA [aus Polen] nahm an dem Kongress teil, mit dem das 100-j├Ąhrige Bestehen der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation gefeiert wurde. Hier ein Bericht:

Der IAA-Kongress findet alle drei Jahre statt und der letzte wurde 2019 in Melbourne (Australien) abgehalten. Dort wurde beschlossen, den Jahrhundert-Kongress in Spanien stattfinden zu lassen ÔÇô auf Einladung der spanischen Sektion, der CNT-IAA. Die Genoss*innen in Spanien w├Ąhlten die Stadt Alcoy als Ort f├╝r die Feierlichkeiten aus. Diese Entscheidung war bedeutsam, wie wir sp├Ąter genauer ausf├╝hren werden, und Alcoy stellte sich als ein ausgezeichneter Platz f├╝r die Durchf├╝hrung unseres Kongresses heraus.

alcoy2022

Die Delegationen kamen aus den meisten der IAA-Sektionen, obwohl es ein paar Abgesandten nicht erlaubt wurde in den Schengen-Raum einzureisen. Wir wurden von den Gastgeber*innen, die zudem eine Reihe von Begleitveranstaltungen zum Kongress organisiert hatten, mit gr├Â├čter Kameradschaftlichkeit und au├čerordentlicher Gastfreundlichkeit in Spanien aufgenommen.

Im Vorfeld der Versammlung gab es Konzerte, Buchvorstellungen und einen Stadtrundgang mit historischen Informationen ├╝ber die Petroleum-Revolution. Wer diese noch nicht kennt: Als 1873 die Mitglieder der spanischen Regionalf├Âderation der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation einen Aufstand angef├╝hrt haben und eine Zeitlang die Stadt ├╝bernahmen, bevor sie brutal unterdr├╝ckt wurden, war dies ein sehr bedeutendes Ereignis in der Geschichte der Arbeiter*innen. Solche Begebenheiten sind Teil des reichen Erbes der libert├Ąren Arbeiter*bewegung in Spanien, welche schlie├člich im Jahr 1910 zur Gr├╝ndung der [Gewerkschaftsf├Âderation] CNT f├╝hrten.

Wir ├╝blich, war die Tagesordnung des Kongresses recht umfangreich und enthielt viele Punkte. Die Themen betrafen beispielweise die Verbesserung der internen Funktionen der Internationale, die Aufnahme neuer Mitglieder in die F├Âderation, die Gr├╝ndung und/oder Vorstellung von Arbeitsgruppen und praktischen Projekten, sowie Diskussionen, Rotation der Aufgaben und mehr.

Einer der ersten Punkte auf der Agenda bezog sich auf die Mitgliedschaft und wir k├Ânnen erfreut mitteilen, dass unsere Genoss*innen von ÔÇ×Organize!ÔÇť aus Irland als Freunde der IAA beigetreten sind. Wir freuen uns auf eine fruchtbare Zusammenarbeit!

Was die internen Angelegenheiten betrifft, so waren einige sehr technischer Natur und f├╝r au├čenstehende Leser*innen nicht wirklich interessant. Jedoch k├Ânnen wir ein paar spannende Punkte festhalten: Die Teilnahme von Sektionen und Freund*innen der IAA von au├čerhalb Europas ist ausdr├╝cklich erw├Ąhnenswert. In den letzten Jahren, besonders nach den internen Spaltungen vor einiger Zeit, ist es uns gelungen die Mitgliederzahl in Asien und S├╝damerika zu erh├Âhen und viele bedeutende Kontakte in diesen Regionen zu kn├╝pfen.

Angesichts dessen gab es eine ├╝berw├Ąltigende Unterst├╝tzung daf├╝r, unseren n├Ąchsten Kongress in Indonesien abzuhalten, wo hoffentlich mehr Leute aus dieser Region teilnehmen k├Ânnen. Dies ist eine h├Âchst willkommene Entwicklung der IAA und wir freuen uns darauf, die Internationale in diese Richtung zu erweitern. W├Ąhrend des Kongresses war es au├čerordentlich wertvoll, diese Sichtweisen kennen zu lernen.

Eine der interessantesten Diskussion wurde ├╝ber die T├Ątigkeit der Arbeitsgruppe zum Klimawandel und zur Diskussion von praktischen Aktionen in diesem Bereich gef├╝hrt. Es stellte sich heraus, dass unsere Genoss*innen in Pakistan, Indonesien und Kolumbien wirklich viel zu dem Thema beitragen konnten. Wir waren alle ausgesprochen begeistert von dem Bericht der WSF [WorkersÔÇÖ Solidarity Federation] ├╝ber ihre Arbeit nach den massiven ├ťberschwemmungen in Pakistan. Und, wie die Arbeiter*innen sich der Selbstorganisation zugewandt haben, angesichts der Krise und mangelhaften (wenn ├╝berhaupt) Reaktion der Regierung. Wir erfuhren au├čerdem von den Genoss*innen der PPAS [aus Indonesien] ├╝ber ihren Aufbau eines Projektes der selbstversorgenden ├Âkologischen Landwirtschaft. Diese Berichte waren f├╝r alle Zuh├Ârer*innen sehr anregend!

Eine andere wichtige Arbeitsgruppe war gegr├╝ndet worden, um neueren und kleineren Organisationen dabei zu helfen, ihre ersten Konflikte am Arbeitsplatz durchzuf├╝hren, indem ihnen zahlreiche Ratschl├Ąge von erfahrenen Gewerkschaften gegeben werden. Unterschiedliche Projekte zur Unterst├╝tung unserer Organisationen beim Training von betrieblichen Organisator*innen und zur Erh├Âhung ihrer Aktivit├Ąten am Arbeitsplatz waren bereits auf unseren letzten beiden Kongressen beschlossen worden. Und diese AG hat auch eine Art Beratungsbrosch├╝re herausgegeben, welche ebenfalls auf dem Kongress vorgestellt wurde.

A propos Arbeitsgruppen: Eine neue AG wurde eingerichtet, um das Externe Bulletin der IAA wieder zu beleben, welches leider seit geraumer Zeit nicht mehr erschienen ist. Das Rundschreiben wurde vormals vom IAA-Sekretariat editiert, das aber offensichtlich zu viele Aufgaben ├╝bertragen bekommen hat. Die Arbeitsgruppe wird daher einen Teil dieser T├Ątigkeiten dezentralisieren und hoffentlich die internationale Zusammenarbeit verbessern.

Der Verlauf des Kongresses selbst war relativ glatt und es gelang, zu allen Tagesordnungspunkten auch Vereinbarungen zu treffen. Trotz der gro├čen Anzahl von anwesenden Delegierten und den unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten bez├╝glich einiger Punkte, gab es ein hohes Ma├č an ├ťbereinstimmung bez├╝glich einiger wichtiger Angelegenheiten.

Wir haben auch eine interessante Erfahrung mit einer technischen L├Âsung gemacht, die wir auf der Konferenz verwendet haben. Denn diese wurde als Videostream gesendet, damit sowohl die gro├če Menge von Beobachter*innen zuschauen konnte, als auch f├╝r die delegierten Genoss*innen, denen es aufgrund von Reisebeschr├Ąnkungen, Gesundheitsproblemen oder anderen Gr├╝nden nicht m├Âglich war anwesend zu sein. So konnten sie wenigstens virtuell daran teilnehmen.

Die virtuellen Teilnehmer*innen konnten jedoch nicht hunderte von B├╝chern, Zeitschriften und anderen auf dem Kongress ausgestellten Sachen ansehen. Dies war eine gute Gelegenheit, diese Publikationen aus aller Welt kennen zu lernen. Sie haben auch die Auff├╝hrungen verpasst, welche abends gezeigt wurden, wie die ÔÇ×Puppenspieler*innen von UntenÔÇť oder das mitrei├čende Theaterspiel von ÔÇ×Wir NamenlosenÔÇť.

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Eine weitere Sache, die erw├Ąhnt werden sollte, ist unsere bevorstehende Kampagne zur Verteidigung der Genoss*innen der CNT-IAA. Der Kongress hat beschlossen, eine internationale Kampagne zu starten, wegen der skandal├Âsen Gerichtsverfahren, welche die Leute von jener Gewerkschaft, die sich von der CNT-IAA abgespalten hat, gegen unsere Genoss*innen bereits vor Jahren eingereicht haben. Die nennen sich nun selbst CNT-IKA, aber wir werden sie in Folgenden als Spanische Sektion der IKA bezeichnen [Internationale Konf├Âderation der Arbeiter*innen, englisch: ICL, spanisch: CIT], denn wir k├Ânnen diese Leute nicht als legitime Nachfolger*innen einer libert├Ąren Organisation anerkennen.

Diejenigen, welche Mitglied in der Spanischen Sektion der IKA sind, haben erfolglos versucht, die Kontrolle ├╝ber die Internationale Arbeiter*innen-Assoziation zu ├╝bernehmen, teilweise durch politische S├Ąuberungen innerhalb der CNT-IAA. Nachdem sie damit keinen Erfolg hatten, haben sie eine neue internationale Organisation gegr├╝ndet, aber die CNT-IAA ist in der IAA geblieben. Bereits vor diesen Ereignissen hatten die von der Spanischen Sektion der IKA versucht, das Eigentum und den Namen der Gewerkschaften der CNT-IAA zu ├╝bernehmen, meist indem sie diese Gewerkschaften aufgel├Âst und rausgeworfen haben. Jene, die sie nicht mit Gewalt aufl├Âsen konnten, haben sie mit zahlreichen Gerichtsverfahren ├╝berzogen, bei denen es zusammen um mehr als eine Million Euro geht und wodurch der Verkauf vieler Geb├Ąude droht.

Die IAA widerspricht auf Sch├Ąrfste diesen skandal├Âsen Versuchen, die CNT-IAA zu schw├Ąchen und das anarchosyndikalistische Erbe dieser Organisation in vielen St├Ądten in ganz Spanien auszul├Âschen. Zudem drohen wegen dieser Gerichtsverfahren einer Reihe von Genoss*innen nun Gef├Ąngnisstrafen, in einigen F├Ąllen wird sogar ausdr├╝cklich deren Inhaftierung gefordert. Die Sektionen der IAA werden eine internationale Kampagne starten, sowohl gegen die Spanische Sektion der IKA, wie gegen ihresgleichen, welche sich entschieden haben, diese Vorg├Ąnge auszublenden und weiterhin behaupten, sie w├╝rden freiheitliche Prinzipien haben.

Ein besonderes Beispiel f├╝r die widerliche Morallosigkeit dieser Angelegenheit ist gerade die Situation der Gewerkschaft in Alcoy. Denn die Gewerkschaften dieser Region wollten lieber in einer Konf├Âderation von genossenschaftlichen Gewerkschaften sein und sich nicht den eher vertikalen Strukturen in gr├Â├čeren St├Ądteregionen unterordnen lassen, zumal sie zu den Prinzipien der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation stehen. Als den neuen Anf├╝hrer*innen der Spanischen Sektion der IKA dies klar geworden war, beschlossen sie, dass es ihnen mehr Profit bringt, wenn sie diese funktionierenden Gewerkschaften aufl├Âsen und ihre R├Ąumlichkeiten verkaufen w├╝rden. In der Region kam es daraufhin zu S├Ąuberungsaktionen, um sowohl die Abstimmungsmacht, wie auch das Kapital bei der dienstleistungsorientierten Gewerkschaft in Valencia zu konzentrieren.

Die Gewerkschaft in Alcoy hatte zu dieser Zeit etwa 40 Mitglieder, von denen einige seit ├╝ber 50 Jahren aktiv waren ÔÇô trotz der Franco-Diktatur ÔÇô wof├╝r einige bereits im Gef├Ąngnis sa├čen. Die ehemaligen R├Ąumlichkeiten der Gewerkschaft in Alcoy waren sogar der Hauptsitz der Spanischen Sektion der Ersten Internationale und daher bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert vor Gr├╝ndung der IAA in eigenem Besitz. Als das Geb├Ąude in einem so schlechten Zustand war, dass es abgerissen werden musste, hatten die Genoss*innen vor Ort daf├╝r gesorgt, dass die CNT-IAA sich neue R├Ąumlichkeiten sichern konnte. Das alte Geb├Ąude war also ├Ąlter als das Erbe der CNT und das neue Haus wurde nur deshalb ihr ÔÇ×EigentumÔÇť, weil die Leute, welche den Gro├čteil ihres Lebens dort aktiv in der Organisation verbracht haben, dies als ihr kollektives Projekt angesehen haben.

Sie h├Ątten sich nicht vorstellen k├Ânnen, dass es in der Konf├Âderation mal Leute geben k├Ânnte, die versuchen w├╝rden sie rauszuschmei├čen und ihren Besitz zu verkaufen, um an mehr Macht und Geld zu gelangen. Dennoch haben die genau das versucht und als die Genoss*innen in Alcoy sich weigerten ihre jahrelang selbstorganisierten und in Eigenverantwortung betriebenen R├Ąume aufzugeben, wurden sie durch F├╝hrungsriege der Spanischen Sektion der IKA mit k├Ârperlicher Gewalt und R├Ąumung bedroht. Als auch dies nicht funktionierte, wurden gegen sie Gerichtsverfahren er├Âffnet, die keine*r von ihnen je bezahlen k├Ânnen wird.

Kurz gesagt, viele Genoss*innen in Spanien haben die Franco-Diktatur ├╝berlebt und verschiedene staatliche Versuche den Anarchosyndikalismus im Land zu schw├Ąchen ├╝berstanden, aber dabei leidenschaftlich ihre Ideale aufrecht erhalten. Nur um dann festzustellen, dass ihr Werk nun bedroht wird von Leuten, die Hand in Hand mit dem repressiven Staatsapparat zusammenarbeiten und dabei noch behaupten, sie seien die legitimen Nachfolger*innen eines freiheitlichen Erbes. Man muss sich wundern, wie viele Leute tats├Ąchlich daran glauben, dass der Verkauf von Geb├Ąuden in ganz Spanien, der Kapitaltransfer durch riesige Geldstrafen und das Inhaftieren von ein paar ├╝berzeugten Genoss*innen etwas ist, was irgendwie mit den Prinzipien des Anarchosyndikalismus zu vereinbaren w├Ąre.

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Daher war die Wahl von Alcoy als Ort des Kongresses von symbolischer Bedeutung. Nicht nur wegen der Rolle, welche die Stadt in der Geschichte und bei der Entwicklung des Anarchosyndikalismus in Spanien gespielt hat, sondern auch um aufzuzeigen, dass wir all jene unterst├╝tzen, die ihr Leben der Weiterf├╝hrung dieser Tradition gewidmet haben, sogar in den kleinst├Ądtischen und l├Ąndlichen Zentren des Landes. Und die jetzt von diesen ekligen Versuchen bedroht werden, sie auszul├Âschen und die Ertr├Ąge all ihrer Bem├╝hungen zunichte zu machen.

Zus├Ątzlich zu dem entschiedenen Beschluss diese Kampagne zur Verteidigung der CNT-IAA durchzuf├╝hren, haben wir auch beschlossen, weitere energische Aktionen gegen die FAL [Anselmo-Lorenzo-Stiftung] zu starten. Diese Organisation, welche ein legaler Teil der CNT-IAA war, hatte vor ├╝ber einem Jahrzehnt mehrere Archive der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation erhalten. Doch seitdem verweigert sie den IAA-Mitgliedern den Zugang dazu und haben bereits mehrfach die Aufforderungen zur R├╝ckgabe der Archive ignoriert. Auch dies stellt einen direkten Angriff auf unsere F├Âderation dar, als Rache f├╝r das ÔÇ×VerbrechenÔÇť, der Spanischen Sektion der IKA und ihresgleichen nicht die Kontrolle ├╝ber die IAA ├╝berlassen zu haben. Dies ist bereits der zweite Angriff auf die Archive der IAA ÔÇô der erste wurde von der Regierung Nazi-Deutschlands begangen.

Im Neuen Jahr k├Ânnt ihr mehr Informationen dazu bekommen.

Mit dem Jahreswechsel wird auch der Sitz der IAA verlagert und zum ersten Mal werden die Verantwortungsbereiche aufgeteilt zwischen zwei Kontinenten: einerseits den Genoss*innen der ZSP [in Polen] und andererseits der ASF [Anarcho-Syndicalist Federation] in Australien. Hoffentlich werden dadurch mehr Leute ├╝ber eine weite r├Ąumliche Entfernung in die Organisationst├Ątigkeit der IAA und die Vorbereitung solcher Veranstaltungen, wie dem n├Ąchsten Plenum und Kongress, eingebunden.

Wir sind der Meinung, dass trotz der ernsten Lage, in der sich unsere Genoss*innen in Spanien befinden, der Kongress allgemein gut verlaufen ist. Und wir hoffen, dass die Delegierten mit positiven Eindr├╝cken nach Hause zur├╝ckkehren konnten. Wir freuen uns darauf, weiterhin gute Nachrichten zu bekommen und dass die neuen (und alten) Genoss*innen sich weiter entwickeln.

Quelle: https://zsp.net.pl/28th-congress-international-workers-association

├ťbersetzung: ASN K├Âln, https://asnkoeln.wordpress.com/ (Creative Commons: BY-NC)

Weitere Kongressberichte (en):




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org