MĂ€rz 4, 2021
Von EA Berlin
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Am Anfang stand nicht nur der Kampf um das Wahlrecht, sondern immer auch der Kampf gegen Armut und fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen – kurz: fĂŒr ein menschenwĂŒrdiges Leben fĂŒr uns alle! Unter den verschiedenen – oft massiv von Repressionen betroffenen – feministischen KĂ€mpfen im spĂ€teren 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert ragt der Lawrence-Textilstreik von 1912 heraus. Mit Hilfe der Industrial Workers of the World schlossen sich Arbeiterinnen aus mehr als 51 NationalitĂ€ten zusammen, um sich erfolgreich gegen LohnkĂŒrzungen zu wehren und prĂ€gten die ikonische Forderung nach “Brot und Rosen”. Praktisch kein Klassenkampf wĂ€re ohne die Arbeit und UnterstĂŒtzung von Frauen möglich gewesen, auch wenn sie oft unsichtbar gemacht wurden. Aber die Ungerechtigkeit konnte nicht fĂŒr immer unsichtbar gemacht werden. Über die Jahre wurde der Ruf nach gleichem Lohn laut, oft erfolgreich begleitet von Streikaktionen: Vom 1960er Streik der NĂ€herinnen bei Ford in Dagenham bis zu landesweiten feministischen Streiks 1975 in Island und 1991 in der Schweiz.

Und heute? Wir haben nun das Recht zu wĂ€hlen und können uns zwischen Parteien entscheiden, die keine oder nur geringfĂŒgige Reformen der aktuellen Abtreibungsregelungen versprechen – wĂ€hrend wir stattdessen lieber sichere und kostenlose Abtreibung fĂŒr alle und ĂŒberall hĂ€tten. Wir haben nun auch weibliche Bosse (meist aus wohlhabenden Familien), die uns ausbeuten – wĂ€hrend wir stattdessen lieber keine Bosse und keine Ausbeutung hĂ€tten. Die meisten von uns mĂŒssen immer noch in unterbesetzten und ĂŒberlasteten Umgebungen arbeiten, mĂŒssen immer noch sexistische und rassistische Behandlungen von Bossen und Kund*innen ertragen, mĂŒssen immer noch ganz allein das Problem der Pflegearbeit lösen, werden immer noch im Durchschnitt 30% geringer bezahlt als unsere mĂ€nnlichen Genossen, mĂŒssen immer noch wegen fehlender Dokumente oder der stĂ€ndigen Überwachung durch das Jobcenter kĂ€mpfen. Einige von uns sind auf einmal auf wundersame Weise systemrelevant, d.h. wir riskieren unsere Gesundheit fĂŒr schlechte Arbeitsbedingungen und ein bisschen Applaus!

Kurzum: Viel zu viel Stress fĂŒr viel zu wenig Lohn! Wenn wir ĂŒberhaupt einen bekommen: Eine Menge Arbeit wird immer noch nicht als Arbeit gewertet, weil sie zu Hause und nicht im BĂŒro erledigt wird! Ausbeutung und Diskriminierung sind nicht verschwunden, der Kapitalismus hat sich nur eine schöner klingende Ausrede einfallen lassen, warum “jeder seines GlĂŒckes Schmied” ist und wir selbst schuld sind, wenn das fĂŒr viele von uns einfach nicht funktioniert.

WofĂŒr wir 2021 kĂ€mpfen:

  • Gesundheitsschutz fĂŒr alle! Gesundheitsversorgung ist nicht gerecht verteilt. Viele Menschen fallen aus unserem absurden Versicherungssystem heraus. Und selbst wenn wir drin sind, heißt das nicht unbedingt, dass wir Zugang zu dem haben, was wir brauchen: Wenn es einfach zu wenig medizinische Einrichtungen in unserer Nachbarschaft gibt oder keinen Arzt, der bereit ist, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Auch kann im Moment nicht jede*r zu Hause bleiben und arbeiten. In vielen prekĂ€ren (und feminisierten!) Branchen mĂŒssen die Arbeiter*innen immer noch jeden Tag nach draußen. In vielen FĂ€llen ist es auch nicht sicher, zu Hause zu bleiben, da hĂ€usliche Gewalt stark angestiegen ist. Solange die Löhne niedrig, aber die Mieten und wirtschaftlichen AbhĂ€ngigkeiten hoch sind, werden alle Lösungen ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Wir brauchen SolidaritĂ€t mit den Risikopersonen, aber auch ein Gesundheitssystem, das sich nicht an Profiten orientiert, sondern an den BedĂŒrfnissen der Patient*innen und der BeschĂ€ftigten im Gesundheitswesen!

  • 4-Stundentag, Menstruationsfreistellung und bezahlte Haushalts- und Pflegearbeit! WĂ€hrend Covid-19 hatten deutsche Behörden nichts Besseres zu tun, als die Arbeitszeitgrenzen aufzuweichen. In China wurde dagegen festgestellt, dass das Gesundheitspersonal die Pandemie am effektivsten bekĂ€mpft, wenn die Arbeitszeiten radikal reduziert werden. Warum sollten wir nicht fĂŒr alle eine radikale ArbeitszeitverkĂŒrzung bei vollem Lohnausgleich haben? Wenn gleichzeitig zudem Haushalts- und Pflegearbeit endlich finanziell gleich entlohnt wird, können wir tatsĂ€chlich sowohl eine gerechte Verteilung der Arbeit als auch wirtschaftliche Sicherheit erreichen. Dazu gehört auch ein Recht auf bezahlten monatlichen Freistellung bei Menstruation. Es gibt so viel zu gewinnen, was die Gesundheit, die Umwelt und die Gemeinschaft anbelangt. Der 8-Stunden-Arbeitstag wurde von Arbeiter*innen erkĂ€mpft, jetzt ist es Zeit fĂŒr den nĂ€chsten Schritt!

  • Legalisierung und gleicher Lohn fĂŒr alle! Gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit! Aber worauf basiert diese Gleichheit ĂŒberhaupt? Warum wird die Pflege von Menschen so viel weniger wertgeschĂ€tzt als die Pflege von Maschinen? Und wo ist diese Gleichheit fĂŒr die tausenden von migrantischen Arbeiter*innen mit oder ohne Papiere, die sich in deutschen Haushalten, auf Baustellen und in der Landwirtschaft abrackern? Menschen fĂŒr illegal zu erklĂ€ren, sorgt dafĂŒr, dass sie sich leichter in beschissenen Arbeitsbedingungen ausbeuten lassen. Arbeit als weiblich zu bestimmen, macht es akzeptabel, weniger zu zahlen und mehr zu verlangen. Menschen eine “andere Farbe” zuzuschreiben, entzieht ihnen die SolidaritĂ€t, wenn sie schlecht behandelt werden. (Jetzt stellt euch vor, ihr mĂŒsst gegen alle drei Hindernisse kĂ€mpfen!) Wenn wir also gleichen Lohn fordern, dann fordern wir ihn fĂŒr alle und ĂŒberall und jederzeit. Stoppt die Diskriminierung und beginnt mit der Legalisierung Jezt!

Wie wir 2021 kÀmpfen:

  • Zusammen und kreativ die kleinen KĂ€mpfe kĂ€mpfen: Wir sind vielleicht nicht die typischen Industriearbeiter, die Seite an Seite am Fließband arbeiten. Aber egal, ob wir kellnern, putzen, kochen, pflegen, assistieren, Kinder betreuen, Haare schneiden, NĂ€gel machen, Texte lektorieren, sexy chatten, tanzen, telefonieren, belegte Brötchen verkaufen, ob wir scheinselbststĂ€ndig sind, Minijobber*innen, AlgII-gefördert, ohne Aufenthaltsstatus oder noch in Ausbildung. Das alles heißt nicht, dass wir uns nicht zusammenschließen, organisieren und als Gewerkschaft kĂ€mpfen können. Solange wir alleine sind und an mehreren Fronten gleichzeitig kĂ€mpfen mĂŒssen, zermĂŒrben uns Arbeitgeber und Behörden mit der Verweigerung unserer Rechte und stĂ€ndigen Forderungen nach mehr Dokumenten. Aber wie unsere jĂŒngsten FĂ€lle bei im Callcenter und in BahnhofsbĂ€ckereien zeigen, ist das nicht das Ende der Fahnenstange: gemeinsame Treffen, gegenseitige Bildung und Hilfe in allen Lebensbereichen sowie SolidaritĂ€tsfonds wie z.B. wĂ€hrend Corona machen es tatsĂ€chlich möglich, langfristige klassenkĂ€mpferische Ziele in Angriff zu nehmen. Indem wir uns gegenseitig unterstĂŒtzen, uns wiedersetzen und uns gegenseitig zum Gericht oder zum BĂŒro der Bosse begleiten, können wir den Spieß umdrehen!

  • Die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufbauen: Gewerkschaftsarbeit entlastend und energertisierend fĂŒr alle Genoss*innen machen, denn wenn du drei Jobs machst und auch noch Kinder zu erziehen hast, bleibt einfach nicht viel Zeit fĂŒr Versammlungen und Treffen. Wenn du dich schon im Alltag stĂ€ndig mit Rassismus, Sexismus und all dem anderen Scheiß auseinandersetzen musst, bleibt einfach nicht viel Energie ĂŒbrig, um sich auch noch im Plenum damit auseinanderzusetzen. Lasst uns also Dinge wie Kinderbetreuung und emotionale Arbeit als eine gemeinsame Aufgabe unserer Gewerkschaftsarbeit sehen und nicht als eine individuelle!

  • KĂŒnstliche Barrieren zwischen den LĂ€ndern einreißen: Die Konzerne halten sich sowieso nicht daran! Die Streiks der Textilarbeiterinnen in Bangladesch waren erfolgreich, weil wir gemeinsam ihre Unternehmen sowohl am Ort der Produktion als auch am Ort des Verkaufs in die Verantwortung genommen haben. (Überhaupt, warum sind die produzierenden Arbeiter*innen illegal, wenn sie hierher kommen, aber nicht die Produkte?) Unsere internationalen Genoss*innen zeigen einen Weg auf, wie wir weiter kĂ€mpfen können: Sei es in Spanien mit ihrem beeindruckenden landesweiten feministischen Streik am 8. MĂ€rz, oder in Polen, wo unsere Schwestergewerkschaft IP den massiven Protest gegen die absurden Abtreibungsgesetze mit aktiven Streikaufrufen unterstĂŒtzt.

  • Eine breite feministische Streikbewegung aufbauen: Das deutsche Arbeitsrecht ist bekanntlich ziemlich strikt gegenĂŒber allen Aktionen, die tatsĂ€chliche VerĂ€nderungen außerhalb des ziemlich eng definierten Tarifzirkus fordern. Aber alte Gerichtsurteile können außer Kraft gesetzt und neue Arbeitsgesetze erkĂ€mpft werden. Die aktuellen Arbeitsgesetze sind auch nicht aus dem Nichts gekommen oder nur eine GefĂ€lligkeit der Arbeitgeber. Fangen wir also an, eine dauerhafte Streikbewegung aufzubauen. Und ja, Care-Arbeiter*innen können streiken – nicht gegen, sondern mit und fĂŒr die Menschen, fĂŒr die sie sorgen! Wie es die Kampagne fĂŒr mehr Personal in KrankenhĂ€usern ausdrĂŒckt: Mehr von uns ist besser fĂŒr alle! Wenn wir streiken, steht die ganze Welt still!

Wir sagen: Jeder Tag ist 8. MĂ€rz! Lasst uns jeden Tag zu einem feministischen Kampftag machen!
Eure feministischen Genoss*innen der AG8M – FAU Berlin




Quelle: Berlin.fau.org