Oktober 9, 2020
Von Diskursiv Aachen
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Dieser Artikel erschien in der zweiten Ausgabe der Zeitung ‚Tacheles‘.

Der AlltÀgliche Wahnsinn

Eine weitere linke Position zu Corona 

Wir als Diskursiv Aachen hatten im April einen Beitrag zum Umgang mit der Coronakrise veröffentlicht. Dort wurden schon wichtige Punkte zur Entstehung von Viren und zum generellen Umgang der Staaten mit Covid-19 analysiert.[i] Hier wollen wir nochmal kurz reflektieren, ob einzelne EinschÀtzungen richtig waren bzw. wollen auch neue Entwicklungen in die Analyse einbauen.

Die Grundsituation hat sich nicht geÀndert.

Die Grundsituation hat sich nicht geĂ€ndert. Die Pandemie hat sich zwar in den meisten europĂ€ischen LĂ€ndern abgeschwĂ€cht, jedenfalls dort, wo das Virus schon frĂŒh wĂŒtete. Dennoch sind einige Staaten bzw. Regionen von teilweise grĂ¶ĂŸeren lokalen AusbrĂŒchen betroffen (gewesen). Und eine sogenannte zweite Welle in Europa scheint sich aktuell (Ende Juli) anzubahnen. In den USA folgte auf eine kurze Entlastung ein immenser Anstieg der Zahlen. In anderen Staaten, wie Brasilien, Indien und SĂŒdafrika, weisen die Statistiken auf einen kontinuierlichen Anstieg der Infektionen hin. Weltweit sind es zur Zeit 200.000 bis 300.000 neue FĂ€lle jeden Tag. Die Pandemie ist im vollen Gange und auf globaler Ebene ist noch kein Abflachen der „ersten Welle“ sichtbar. Im Ursprungsland China und anderen sĂŒdost- und ostasiatischen Staaten sind die Neu-FĂ€lle teilweise sehr gering und auch in Europa schienen zwischenzeitlich die getroffenen Maßnahmen ausreichend gewesen zu sein. Eine Verbesserung der Lage trat ein, was eine Wiederöffnung der Wirtschaft zur Folge hatte.

„Coronapartys“ in den Fabriken

Hatten wir im Text vom April auf die legalen „Coronapartys“ in den Fabriken und anderen Arbeitsstellen hingewiesen, so sind genau diese verantwortlich fĂŒr die Hotspots und grĂ¶ĂŸeren lokalen AusbrĂŒchen geworden. Beim Schlachtbetrieb Tönnies in GĂŒtersloh kam es zum grĂ¶ĂŸten Ausbruch, viele hundert Arbeiter*innen wurden infiziert und viele mehr mussten in QuarantĂ€ne.[ii]   Dass sich KĂ€mpfe gegen solche VerhĂ€ltnisse lohnen, zeigt das Beispiel GemĂŒsehof Ritter in Bornheim. Die dort angestellten rumĂ€nischen Erntehelfer*innen lebten in beengten VerhĂ€ltnissen und arbeiteten unter schlechten Bedingungen. Gemeinsam mit der Basisgewerkschaft FAU zeigten sie, dass es sich auszahlt, zu kĂ€mpfen. Sie wurden nach kurzer Zeit zumindest teilweise entlohnt.[iii] Auch andere FĂ€lle in der BRD traten auf, zum Beispiel in großen WohnhĂ€usern wie in Göttingen oder in MassenunterkĂŒnften wie in Suhl. Beengte LebensverhĂ€ltnisse sind neben schlechten Arbeitsbedingungen der Hauptgrund fĂŒr die Hotspots. Wir können und mĂŒssen daher unsere Forderung nach Schließung aller MassenunterkĂŒnfte bei gleichzeitiger Öffnung aller Hotels fĂŒr deren Bewohner*innen aufrecht erhalten! DarĂŒber hinaus ist genau jetzt die Zeit fĂŒr Arbeitskampf, sonst wird die Wirtschaftskrise, welche sich weiter verschĂ€rfen wird, auf Kosten der Arbeitenden abgewickelt.

Ansteckungsgefahr wird zur Privatsache

Der Kapitalismus hat sich in der BRD in einer ungewöhnlichen Ausformung normalisiert. WĂ€hrend der geschĂ€digten Wirtschaft große ZugestĂ€ndnisse gemacht werden, mĂŒssen viele kulturelle und soziale Projekte um ihr Überleben kĂ€mpfen. Noch im April wurde fĂŒr die „Corona-Helden“ geklatscht, mittlerweile sind die meisten Vorsichtsmaßnahmen lĂ€ngst vergessen. Politiker*innen wie Armin Laschet kamen kaum hinterher, die Öffnung der Wirtschaft voranzutreiben. Statt den Pflegenotstand anzugehen, werden der Lufthansa Milliarden gegeben. Dazu kommt, dass an vielen ArbeitsplĂ€tzen keine Schutzmaßnahmen eingehalten werden, obwohl im Privaten auf Social Distancing gesetzt wird. Die Ansteckungsgefahr wird zur Privatsache. Die Zeiten sind hart, wenn man nur auf seine Rolle als Arbeitskraft und Konsument*in reduziert wird. Das Verhalten der Einzelnen bewegt sich zwischen Vereinsamung und Vereinzelung auf der einen und einer „Ich bin mir selbst der NĂ€chste“-Haltung auf der anderen Seite. Jetzt heißt es: Wer Covid-19 bekommt, hat nicht gut genug aufgepasst. Wer arm ist, hat schlechte Entscheidungen getroffen. Selbes Prinzip, Eigenverantwortung statt gesellschaftliches Problem. Keine VerĂ€nderung zum alltĂ€glichen Wahnsinn. Oder um es mit Margaret Thatcher zu sagen: „There‘s is no such thing as Society.“

Marx gegen die Verschwörungs-Querfront

In vielen StĂ€dten gab es Demonstrationen sogenannter „Corona-Rebellen“. Diese Demos waren ein Sammelbecken fĂŒr Verschwörungstheorien und Antisemitismus. In Aachen sorgte zum Beispiel die Beteiligung von Andrej Hunko von der Partei „Die Linke“ und Vertreter*innen des Friedenspreises fĂŒr einen Skandal. WĂ€hrend aber der „linke“ Teil der Verschwörungs-Querfront noch Machteliten am Werk sieht, sind die ReichsbĂŒrger u. Ä. schon lĂ€ngst bei der guten alten jĂŒdischen Weltverschwörung angekommen. Das Denken hinter beidem ist gleich. Der Verlauf der Geschichte im Kapitalismus ist dann nicht bestimmt durch das massenhafte, ungeplante Handeln von Marktkonkurrent*innen. Stattdessen werden Hinterzimmer-MĂ€chte vermutet, die alles kontrollieren. Warum funktioniert dieses Denken? Es ist beruhigender zu glauben, Eliten hĂ€tten die Kontrolle, als festzustellen, dass sie niemand so wirklich besitzt. Es bleibt daher notwendig anzuerkennen, dass das Problem nicht bei einzelnen Menschen, sondern in unserem Gesellschaftssystem liegt, auch wenn einige viel mehr davon profitieren als andere. Dieses System gilt es zu analysieren und zu verstehen. DafĂŒr gibt es mittlerweile unzĂ€hlige EinfĂŒhrungen in vernĂŒnftige Analysen. Auch wenn es anders scheint, die Gesellschaft ist nicht zu kompliziert, um zumindest ihre grundlegenden Dynamiken erkennen zu können und Marx zu lesen ist kein Hexenwerk.[iv]

Mit Organisationen gegen die Vereinzelung

Die Coronakrise wird uns noch einige Monate beschĂ€ftigen. Es wird immer deutlicher, dass die Krise auf dem RĂŒcken der arbeitenden Bevölkerung ausgetragen werden soll. Obwohl diese am meisten darunter leidet, kommen ihr die wenigsten staatlichen Hilfsprogramme zugute. Die linke Bewegung hat auf diese Entwicklung bisher kaum Einfluss. Dabei zeigen sich im Moment sehr deutlich die Vorteile von linken Ideen, wie einer Vergesellschaftung der medizinischen Versorgung oder von Wohnraum. Gleichzeitig wird wieder klar, dass der Staat eher EigentumsverhĂ€ltnisse schĂŒtzt als Menschen. ZwangsrĂ€umungen wĂ€hrend der Pandemie und Befriedung von ArbeitskĂ€mpfen sind Beweise dafĂŒr. Was bleibt als Perspektive? Zieht euch nicht in die eigenen Wohnungen zurĂŒck. Bildet euch und andere, diskutiert, schließt euch zusammen und organisiert euch verbindlich an euren ArbeitsplĂ€tzen, in euren HĂ€usern und Vierteln genauso wie in Schule, Uni oder in der Warteschlange vom Arbeitsamt. In Richtung vieler Linker, durchaus auch uns selbst, bleibt zu sagen: Begreift euch endlich wieder selbst als betroffen von hohen Mieten und schlechten Löhnen, denn ihr seid Teil der Gesellschaft und eben nicht eine außer ihr stehende Kraft. Statt andauernd ĂŒber Kampagnen und Aktionen nachzudenken, ist es an der Zeit, Organisationen aufzubauen, in denen SolidaritĂ€t gelebt wird, statt ein leeres Wort zu sein. Denn auf Staat und „die Wirtschaft“ kann man sich nicht verlassen, weder in der Pandemie und erst recht nicht beim Kampf um das gute Leben fĂŒr alle. In diesem Sinne – Vernunft vor GefĂŒhl! FĂŒr den Kommunismus!

(Stand Ende Juli 2020: Daher konnten die Auswirkungen der Reiseindustrie nicht behandelt werden.)

[i]           https://diskursivaachen.noblogs.org/post/2020/05/03/versuch-einer-linken-position-zur-coronakrise/

[ii]           https://www.neues-deutschland.de/artikel/1139332.rheda-wiedenbrueck-aerger-bei-toennies.html

[iii]          https://www.neues-deutschland.de/artikel/1136978.erntearbeiter-teilerfolg-fuer-feldarbeiter-in-bornheim.html

[iv]          https://gegen-kapital-und-nation.org/page/die-misere-hat-system-kapitalismus/




Quelle: Diskursivaachen.noblogs.org