August 15, 2022
Von Gefangenen Info
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Autonomes Knastprojekt

Schon öfter haben wir über Andreas Krebs berichtet. Nun der aktuelle Stand:
Das Urteil gegen ihn beim Kassationsgericht in Neapel ist am 6. Mai 2022 gefallen. Es bestätigt die Urteile der vorangegangenen Instanzen: 24 Jahre. Aber nun ist der „Fall“ zumindest rechtskräftig abgeschlossen. Formal steht der Überstellung nach Deutschland nichts mehr im Wege. Außer die Bürokratie. Der italienische Anwalt und die deutsche Anwältin haben jeweils Antrag auf schnellstmögliche Rückführung gestellt. Aber beide haben uns gewarnt, dass das noch Monate, möglicherweise bis zu einem Jahr, dauern kann, bis diese wirklich durchgeführt wird. Deshalb bleibt es unklar, ob Andreas Krebs das noch erleben wird. Er ist ja – wie seit Jahren bekannt – an Krebs erkrankt, der nie grundsätzlich behandelt wurde, jetzt wohl auch nicht mehr behandelt werden kann.

Hätte Andreas die Urteile in erster oder zweiter Instanz anerkannt, könnte er schon längst in Deutschland sein. Er ist nun schon im fünften Jahr seiner Haft in Italien. Aber er bestreitet den Anklagepunkt „Mord“, beruft sich auf Notwehr im Rahmen einer ihm aufgezwungenen körperlichen Auseinandersetzung. Und er hatte das Gefühl, das Fehlurteil nicht widerspruchslos auf sich sitzen lassen zu können. Da er als, im deutschsprachigen Raum bekannter, rebellischer Gefangener zahlreiche Unterstützende hatte, kamen auch genug Spenden zusammen, um die letzte Gerichtsinstanz überhaupt anrufen zu können. Andreas hat immer wieder betont, dass er nicht wirklich an einen Erfolg innerhalb der Justizmaschinerie glaubt. Aber er müsse es wenigstens versucht haben.

Nun hat Andreas den von ihm selbst angekündigten „Salat“. Er weiß nicht, wie lange er noch lebt. Wie schnell er der relativen Isolation in Italien entkommen kann. Wie er damit umgeht, ob das seine Widerstandskraft gegen die Krankheit schwächt, wissen wir nicht. Die Briefe zwischen Italien und Deutschland brauchen immer viel Zeit. Wir bekamen noch keine neuen Signale von ihm nach dem 6. Mai.
Doch kurz davor schrieb er, er sei am 22.04. ohne besonderen Anlass im Gefängnis Secondigliano (Neapel) aus der Krankenabteilung vertrieben, wieder in den „Normalvollzug“, in eine Viererzelle verlegt worden. Sicher nicht, weil er geheilt oder in besserem Zustand sei. Ohne Anlass? Oder weil sein Anwalt kurz vorher die Oberärztin für falsche Angaben bei Gericht angezeigt hatte? Oder weil er ein hoffnungsloser Fall ist und man ihn einfach krepieren lassen will? Jedenfalls bekam er seitdem nicht mal mehr alle verordneten Medikamente. Und die verabreichenden Sanitäter/innen reagierten äußerst rabiat auf seinen Protest. Es war schon vorher in der Krankenabteilung schlimm. Jetzt ist es noch viel schlimmer. Man nennt diese Abteilung auch „das Ghetto“ im Knastbereich Mediterraneo. Andreas hat beobachtet: Da arbeiten inzwischen mehrere Bedienstete aus dem anderen neapolitanischen Knast, in dem er zu Beginn der Untersuchungshaft war. Und dort hatte ihn mehrfach Knastpersonal aus dem Hinterhalt angegriffen und verletzt. Andreas schreibt: „Ich gehe davon aus, dass etwas mit mir passiert!“

Nicht nur deshalb sollte es jetzt schnell gehen mit der Überstellung nach Deutschland. Aber es kann (s.o.) trotz und innerhalb bestehender europäischer Vereinbarungen noch einiges Hin und Her zwischen den beiden Staaten geben. Der deutsche Staat wird sich wohl nicht um den „schwierigen Patienten“ reißen, der im gesunden und auch im schon kranken Zustand in deutschen Knästen unbequem war.
Aber wir wünschen uns, dass Andreas noch lebend in unsere Nähe kommt. Dass wir mit ihm telefonieren können, dass der Briefkontakt innerhalb Deutschlands viel schneller funktioniert. Dass nicht nur seine Frau für Besuche zugelassen wird. Obwohl die medizinische Versorgung in deutschen Knästen im Schnitt meist ebenfalls miserabel ist, kann sie kaum schlechter werden, als sie momentan ist. Und wäre Andreas hier, könnten wir mithelfen, dass die Versorgung besser wird. Durch Öffentlichkeit herstellen, durch Forderungen und Aktionen. Doch jetzt sollten wir uns erst mal drum bemühen, dass er überhaupt schnell nach hier, also in die Nähe von Berlin kommt. Ebenfalls durch Öffentlichkeit, Forderungen und Aktionen. Wir sollten den Bürokratien Dampf oder Beine machen!

Dazu müssen wir sagen, dass wir leider bis dato wenig erfolgreich waren mit unseren Aufrufen uns zu vernetzen, Andreas in seinem derzeitigen Stadium zu unterstützen, seine Rückkehr noch zu ermöglichen. Beim von Solidarity 1803 organisierten Tattoo-Circus in Köln (20 -22.5.) konnten wir zwar mitwirken und in einer kleinen Veranstaltung auf Andreas hinweisen. Danach entstand dort auch ein Solidaritätsfoto. Doch nicht mal von den wenigen dort Versammelten werden alle erreichbar sein für spätere Aktionen.
Wenn sich nicht an verschiedenen Orten, bei verschiedenen Gruppen und Freundschaftskreisen was bewegt, sieht es noch nicht gut aus für eine effektive Solidaritäts-Kampagne in diesem besonderen Fall. Falls Ihr Euch aufrafft, falls Ihr was unternehmt, wäre es auch wünschenswert, dass wir uns gegenseitig unterrichten, vielleicht etwas kooperieren können. Wir vom Autonomen Knastprojekt sind keine guten Netzwerker/innen, zumal wir als Dinosaurier z. B. nicht in den Sozialen Medien präsent sind. Eventuell können sich aber alle zur Solidarität Bereiten etwas ergänzen und zusammentragen.
Wir haben das Foto mit dem Transparent „Andreas K., DU BIST NICHT ALLEIN !“ an Andreas geschickt. Wir hoffen, dass wir damit nicht eine Illusion hervorrufen, die zu einer weiteren Enttäuschung führt. Bisher haben sich Menschen aus dem Berliner Raum, aus Dresden und Nürnberg gemeldet. In Köln arbeiten Solidarity 1803, die Gefangenengewerkschafts-Soli-Gruppe, das Autonome Knastprojekt und das Komitee für Grundrechte und Demokratie arbeitsteilig etwas zusammen. Und in Hamburg ist halt, wie Ihr seht, das Netzwerk Political Prisoners mithelfend im Bündnis. Doch viel ist das noch nicht. Wenn andere besser was koordinieren und anregen können als wir, meldet Euch bitte. Wir reißen uns nicht um diese Rolle. Aber erst mal bieten wir an, Ansprechpartner/innen zu sein. Wir wollen nur, dass Andreas wirklich nicht allein steht.

autonomes-knastprojekt@riseup.net

Die derzeitige Adresse von Andreas ist noch, doch hoffentlich nicht mehr lange:

Krebs, Andreas
Reparto Mediterraneo
Sezione 6 Stanza 11
Via Roma Verso Scampia 350
CAP 80144 Napoli
– ITALIA –




Quelle: Gefangenen.info