Mai 18, 2022
Von Emrawi
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Weil die Heilsarmee in der Vergangenheit so wie in der Gegenwart alles andere als heilend ist.

Weil es keine Armee von missionarischen Christ:innen braucht.

Weil wir ein Leben ohne militÀrische und religiöse Armeen wollen,

haben wir die Reifen von 3 Fahrzeugen der Heilsarmee in Wetzikon (ZH) geplÀttet.

Damit reihen wir uns ein, anti-national und anti-patriarchal, gegen Hetze und religiöse Missionsarbeit.

Was steckt hinter der Heilsarmee?

Die Heilsarmee wurde 1865 in London gegrĂŒndet. Ab 1882 gab es sie in der Schweiz. Sie ist als christlich-protestantische Freikirche Mitglied der weltweiten Evangelischen Allianz (EA), die sich als globale Bewegung versteht. Die Heilsarmee ist – Überraschung – militĂ€risch strukturiert. Ihre Waffe das Evangelium, ihre Organisation eingeteilt in RĂ€nge (Salutisten, Offiziere, GenerĂ€le). Die ehrenamtlichen Heilssoldat:innen werden in der Schweiz in Biel ausgebildet. Die Heilsarmee versteht sich als Teil der evangelischen Bewegung.

Konversionstheraphie: Heilen durch UnterdrĂŒcken und Zerstören

Die EA vertritt öffentlich die autoritĂ€re Haltung, dass Heirat die einzige von Gott geschaffene Institution ist, welche erlaubt ist. Und zwar zwischen einem Mann und einer Frau. Die Heirat ist zudem die einzige Form der Partner:innenschaft, die fĂŒr Gott sexuelle Beziehungen erlaubt. “Homoerotische Beziehungen” sind gegen seinen Willen. Die EA behauptet, dieser Standpunkt sei nicht homophob, weil es hierbei um eine ethische und theologische Ansicht gehe, die in der Bibel nachzulesen ist.

“Wir stellen uns gegen die Akzeptanz von anderen Formen von Partnerschaften und unterstĂŒtzen Gegner von einem biblischen Standpunkt aus. … Wir unterstĂŒtzen Beratung und pastorale UnterstĂŒzung von Christen, die einen inneren Konflikt erleben, weil sie gegen die biblische Lehre gleichgeschlechtliche Anziehung spĂŒren. … Wir glauben, dass sowohl öffentliche Förderung wie auch privates ausleben von gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit glaubenstreuer Kirchenmitgliedschaft inkompatibel sind, weil sie ausserhalb Gottes Absichten liegen.”

Evangelische Missionsarbeit und Seelsorge heisst, Menschen in ein heteronormatives Eheleben zu bekehren. Alle anderen Lebensformen werden als Krankheiten angesehen, von denen Menschen “geheilt” werden mĂŒssen. DafĂŒr wird im Rahmen einer Konversionstherapie das Ziel verfolgt, homosexuelle Menschen “umzupolen”. Ein Seelsorger der Heilsarmee, der sich als Heiler versteht, betet wie gefolgt die HomosexualitĂ€t einfach weg: “Im Namen Jesus Christus von Nazareth. Ich löse mich davon, dass ich mich von MĂ€nner angezogen fĂŒhle. Ich löse mich von dieser gleichgeschlechtlichen Liebe.” Die sogenannten Konversionstherapien werden nebst der Heilsarmee auch von anderen evangelischen Freikirchen und Organisationen angeboten. Jedoch gibt es von wenigen diesbezĂŒglich eine öffentliche Transparenz. Es ist jedoch bekannt, dass Konversionstherapien in z.B Deutschland bereits verboten wurden und Vertreter*innen dieser aus Deutschland deshalb in die Schweiz gehen um dort ihre Praxis weiterzufĂŒhren. So zum Beispiel Fundamentalist:innen wie jene von der “Bruderschaft des Weges” (ZĂŒrich) oder von wĂŒstenstrom.ch (PfĂ€ffikon/Wetzikon).

Eine Praxis die Menschen zerstört, indem sie ihre SexualitĂ€t unterdrĂŒckt, ihnen einredet, sie seien krank und damit zu einer repressiven Sexualmoral beitrĂ€gt, ist Teil des Fundaments einer autoritĂ€ren, obrigkeitsglĂ€ubigen und patriarchalen Gesellschaft.

Heilung auf der ganzen Welt

Die vier Grundpfeiler des evangelischen Glaubens sind die Notwendigkeit eines persönlichen Bekehrungserlebnis (Konversionismus), die volle VertrauenswĂŒrdigkeit der Bibel (Bibeltreue), das “Versöhnungswerk” von Jesus am Kreuz (wir sĂŒndigen alle, uns kann aber vergeben werden, wenn wir unser Leben fĂŒr ihn opfern) sowie einem “Aktivismus zur Ausbreitung der Evangeliums” (Missionsarbeit).

Die EA wurde mit dem Motto “Wir sind ein Körper in Christus” 1846 gegrĂŒndet. Ende Jahres hatte sie 3000 Mitglieder weltweit. Heute sind es viele Millionen.

Sie wurde als Antwort auf die Verbreitung von aufklÀrerischen und liberalen Weltsichten im 19. Jahrhundert aufgebaut. Wir stehen nicht hinter den liberalen und aufklÀrerischen Weltsichten, denn auch sie sind Teil des Patriarchats und auch sie haben zum heutigen kapitalistischen Zeitalter beigetragen.

Zwischen den zwei Weltkriegen (1918-1939) sieht die EA Kommunist:innen als Bedrohung und vereint sich mit orthodoxen Christ:innen gegen diese. Gleichzeitig erfolgt keine Distanzierung gegen das Dritte Reich und gegen Hitler. Da auch der deutsche Nationalsozialismus die Idee einer Schöpfungsordnung vertritt, in der alle Menschen in einer Hierarchie angeordnet sind, ist das nicht ĂŒberraschend.

Heute basiert viel evangelische Missionsarbeit auf der “Lausanner Verpflichtung” von 1974 zur Verbreitung des Christentums auf der ganzen Welt. An diesem Treffen haben 2300 “Weltevangelist:innen” aus 150 LĂ€ndern die Zielvereinbarung unterzeichnet “alle Völker zu JĂŒngern zu machen”. Einer der berĂŒhmten Evangelist:innen ist zum Beispiel Jair Bolsonaro, der rechtsextreme PrĂ€sident Brasiliens.

In ganz Abya Yala* gibt es Heerscharen von Evangelist:innen, welche mit diversen Methoden die lokale Bevölkerung zum Evangelium bekehren wollen. So wird beispielsweise ausschliesslich Menschen Zugang zu lebensrettender UnterstĂŒtzung gegeben, die sich dem evangelischen Glauben anschliessen. In der kolonialen Tradition der “guten Tat” und mit Geld aus Europa werden indigene Gemeinschaften als minderwertig erklĂ€rt, eine westlich, patriarchale Weltordnung wird auferlegt und lokale Kulturen des Zusammenlebens werden zerstört.

Diese Praxis hat Geschichte und System. Ein Beispiel: 1969 unternahm Rockefeller, als VizeprĂ€sident des damaligen US-PrĂ€sidenten Nixon, eine Reise durch Abya Yala. In seinem Reisebericht hat er der US-Regierung, der CIA und weiteren Behörden empfohlen, die Ausbreitung fundamentalistischer evangelikaler Gruppen in Lateinamerika zu fördern. Damit sollte die Macht der lateinamerikanischen katholischen Kirche gebrochen werden, in welcher zu dem Zeitpunkt die Theologie der Befreiung von grosser Wichtigkeit war. Diese Theologie widersprach den US-amerikanischen Interessen auf dem Kontinenten, denn in ihr wurde gepredigt, dass oberste PrioritĂ€t ist, die Rechte der Ärmsten und Marginalisiertesten zu verteidigen.

Auch auf dem afrikanischen Kontinenten gibt es zahlreiche evangelische Kirchen, die aktiv das Ziel verfolgen, ein westliches, “traditionelles” Familienmodell durchzusetzten. In Ghana zum Beispiel versuchen evangelische KrĂ€fte ein Gesetz durchzubringen, welches jegliche GenderidentitĂ€ten und sexuelle Orientierungen, welche von Cisgeschlechtlichkeit und HeterosexualitĂ€t abweichen, verbieten soll. Wer SexualitĂ€t frei auslebt und fĂŒr die Rechte von LGBTIQ kĂ€mpft, soll gebĂŒsst, eingeknastet und zur Konversionstherapie gezwungen werden. Homosexualitaet wird als neokolonialer Import aus dem Westen angefeindet und restriktive Geschlechterrollen verbreitet. So erzĂ€hlt ein Aktivist, dass es bis vor kurzem ĂŒblich war, dass MĂ€nner die Hand eines Bruders oder Freundes hielten. Heute ĂŒberlegen sich dies Menschen zwei Mal, weil sie riskieren als homosexuelle Person eingestuft und angegriffen zu werden. (WOZ, 31.3.2022)

Das sind nur einzelne Beispiele einer kolonialen, christlichen Praxis, die hunderte Jahre alt ist. Nicht nur frĂŒher haben europĂ€ische Kolonialisator:innen Land erobert, Gemeischaften zerstört und Hetero-Cisgeschlechtlichkeit aufgedrĂŒckt. All das wird auch heute praktiziert.

Marsch fĂŒr das Leben

Die Heilsarmee, als Teil der EA, ist auch an den “MĂ€rschen fĂŒr das Leben” beteiligt. SchwangerschaftsabbrĂŒche sollen nicht sein, weil sie gegen Gottes Willen verstossen.

In der Schweiz finden der “Marsch fĂŒr das Leben” jeweils im Herbst statt. Die EA ist Teil der TrĂ€ger:innenschaft des “Marsch fĂŒr das Leben”, was in der Vergangenheit bereits einige Male Anlass war fĂŒr direkte Angriffe auf ihre Mitglieder. Auch gibt es jĂ€hrlich eine Gegendemonstration gegen den Marsch der Fundamentalist:innen.

Warum handeln?

Die Heilsarmee ist nur eine von vielen evangelischen Organisationen, die missionarisch aktiv ist. Das Christentum hat eine lange, blutige Missionierungsgeschichte. Gehorsamkeit, Ehrfurcht, eine einzige richtige Lebensform: dahinter steckt eine koloniale, patriarchal-kapitalistische Ideologie, die verschiedene indigene Lebensformen genauso zerstört, wie hier in der Schweiz Menschen unterdrĂŒckt. Ein krasses Beispiel in der Schweiz fĂŒr eine solche Vereinheitlichung sind die administrative Zwangsversorgung und Unfruchtbarmachung aller, die nicht in die eine, richtige schweizerische Lebensform passen oder passen wollen: EntfĂŒhrung jenischer Kinder, Zwangsversorgung von weiblich sozialisierten Personen mit unehelichen Kindern, psychiatrische Versorgung von Homosexuellen, etc. Praxen die bis in die 80er Jahre angewand wurden. Ein aktuelles Beispiel ist die Konversionstheraphie.

Der Widerstand gegen evangelische Fundamentalist:innen ist international. So haben z.B Freund:innen in Deutschland aus Ă€hnlichem Anlass in TĂŒbigen bereits die TOS (TĂŒbinger Offensive Stadtmission) angegriffen (https://barrikade.info/article/3033) und die Kirche St. Elisabeth mit ihren “LebensschĂŒtzerinnen” in Berlin (https://de.indymedia.org/node/58807).

Wir verstehen ihr “Heil” als Unheil. Deshalb handeln wir.

Gegen militÀrische und evangelische Allianzen!

Gegen das Vergessen christlich-westlicher Zerstörung in der ganzen Welt!

Gegen AutoritÀt!

Gegen die westlich-christliche Zivilisation!

Heilen heisst Wunden schliessen. Menschen unterstĂŒtzen, selbstbestimmt zu leben wie sie wollen und zu lieben wen sie wollen. Und fĂŒr eine Gesellschaft zu kĂ€mpfen, in der das fĂŒr ALLE möglich ist.

Die BrockenhÀuser der Heilsarmee sind sichtbare Orte, die Teil einer zerstörerischen Bewegung sind. Wir hÀtten auch etliche andere Orte angreifen können.

Wir haben uns fĂŒr eine einfache und leicht nachahmbare Methode entschieden: Mit einer Ahle seitlich in die Reifen stechen und ihnen somit die Luft nehmen. Diese Methode ist kaum sichtbar oder hörbar und mensch kann somit gut an die Orte hin- und wieder wegkommen. Zudem braucht es nicht viel Kraft um einen Reifen einzustechen. Trotzdem; arbeitet sauber und achtet darauf, keine ungewollten Spuren zu hinterlassen.

Die Welt die wir wollen ist Anti-Rassistisch, Anti-Patriarchal und Anti-Kapitalistisch. Weil das Leben ohne schöner ist.

Wir grĂŒssen alle, weltweit, die in diesem Sinne zusammen kĂ€mpfen.

FĂŒr eine anarcha-feministische Revolution!

Gruss und Kuss,

eine feministische autonome Zelle

*Abya Yala ist ein von Indigenen Menschen verwendeter Begriff, der bewusst anstelle des eurozentrischen und kolonialistischen Begriffs “Amerika” verwendet wird. Abya Yala ist ein politischer Begriff und vermittelt eine klare Position antikolonialer KĂ€mpfe.




Quelle: Emrawi.org