April 7, 2022
Von Anarchosyndikalismus
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Die „Konföderation revolutionĂ€rer Anarcho-Syndikalist*innen“ aus Russland hat Anfang April folgenden Text veröffentlicht:

Der aktuelle militĂ€rische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat zu einem wahnsinnigen Anstieg des höchst ekelhaften und tief liegenden Nationalismus auf beiden Seiten der Frontlinie gefĂŒhrt. In Russland wird dazu aufgerufen, den Feind zu „zerschlagen“, wĂ€hrend in der Ukraine bis zum letzten Mann fĂŒr das „Vaterland“ gekĂ€mpft werden soll. In beiden Staaten versucht die Propaganda den Feind so weit wie möglich zu „entmenschlichen“ und leider tappen viele einfache Leute in diese Falle, welche die Herrschenden eingerichtet haben. Sogar viele „Linke“ und „Anarchist*innen“, vergiftet mit patriotischem Mist, eilen bereitwillig herbei, um das Blutvergießen zu unterstĂŒtzen.

UnglĂŒcklicherweise ist dies immer der Fall, wenn Kriege von Staaten gefĂŒhrt werden. Hierbei reicht es, an die Welle der Massenhysterie zu erinnern, welche am Vorabend und zu Beginn des Ersten Weltkriegs viele LĂ€nder ergriffen hatte. Doch einige Jahre spĂ€ter waren die Massen wĂŒtend angesichts des Elends, der LĂŒgen und des Leidens. Und sie hĂ€tten beinahe der Welt aus Staat und Kapital ein Ende bereitet, welche die Kriege hervorgebracht hatte
 Davon sind wir jetzt aber unendlich weit entfernt. Doch damals im August 1914 schien dies ebenso


Um so mehr Aufmerksamkeit und Respekt verdienen nun die Aktionen der Bevölkerung in Russland und der Ukraine, die sich gegen MilitĂ€r-“Operationen“, Kampfhandlungen, Zerstörung und Blutvergießen richten. Der vergangene Monat seit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine ermöglicht bereits einen kurzen Überblick ĂŒber die Hauptformen und Methoden der Anti-Kriegs-Proteste.

Beginnen wir mit Russland: Hier hatten bereits am ersten Tag die Massendemonstrationen gegen den Krieg begonnen, welche fĂŒr ein bis zwei Wochen ohne Unterbrechung stattgefunden haben. ZunĂ€chst fanden sie meist tĂ€glich und im ganzen Land statt. Alle waren illegal und wurden brutal aufgelöst. ZusĂ€tzlich zu den Versammlungen und ProtestzĂŒgen auf den Straßen, wurden auch andere Methoden benutzt, wie Plakate aufhĂ€ngen, Graffiti malen, FlugblĂ€tter und Aufkleber verteilen, sowie das Verteilen von Anti-Kriegs-Materialien.

In einer Reihe von FĂ€llen wurden auch von Aktionen berichtet, deren Form radikaler war. Zum Beispiel warf die Studentin Anastasia Levashova am 24. Februar in Moskau einen Molotow-Cocktail auf die Polizei; ein Gericht verurteilte sie zu 2 Jahren Haft (https://tass.ru/proisshestviya/14204409).

In der Nacht des 28. Februar wurde in Luchowizy bei Moskau ein Anmelde- und RekrutierungsbĂŒro des MilitĂ€rs in Brand gesteckt (https://www.mk.ru/incident/2022/03/13/stalo-izvestno-kak-sbezhal-iz-policii-podzhigatel-voenkomata-v-lukhovicakh.html). In St. Petersburg wurde ein Polizist mit einer Dose Pfefferspray angesprĂŒht. In der Nacht des 01. MĂ€rz wurde in Smolensk in einer Polizeiwache Feuer gelegt (https://smolensk-i.ru/accidents/poyavilis-podrobnosti-podzhoga-otdela-policzii-v-smolenske_428766).

In der Nacht des 03. MĂ€rz wurde in das Fenster eines RekrutierungsbĂŒros in Woronesch ein Molotow-Cocktail geworfen (https://novostivoronezha.ru/2022/03/03/225927). Auch wurde berichtet, dass gegen eine Wand des Kreml zwei Molotow-Cocktails geworfen wurden (https://libcom.org/article/two-weeks-russian-invasion-short-overview-radical-civil-resistance). Ebenso wurde eine Polizeistation in Krasnojarsk in Brand gesteckt. am 05. MĂ€rz wurde in Berjosowski (Region Swerdlowsk) versucht, eine militĂ€rische Meldebehörde mit einem Molotow-Cocktail anzuzĂŒnden (https://www.e1.ru/text/criminal/2022/03/18/70512605/), 


Die meisten dieser Proteste sind spontan. In einigen FĂ€llen hatte die bĂŒrgerlich-liberale Opposition dazu aufgerufen. Und am 08. MĂ€rz gab es Aufrufe von feministischen Organisationen. Leider können nicht alle der Protestierenden als wirklich antimilitaristisch bezeichnet werden, also tatsĂ€chlich gegen alle Kriege gerichtet. Unter den Protestierenden (besonders unter den liberalen) gibt es viele UnterstĂŒtzer*innen der Ukraine, sogar NATO-Sympathisant*innen wurden gesehen.

Die genaue Anzahl der Protestierenden ist nicht bekannt, aber zumindest die Zahl der StĂ€dte, in denen Demonstrationen stattfanden, und die Anzahl der wĂ€hrend der Proteste verhafteten und von Repression betroffenen, lassen das Ausmaß erahnen. Insgesamt wurden in mehr als 100 StĂ€dten und Ortschaften Straßenaktionen durchgefĂŒhrt. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivist*innen hat die Polizei allein am 13. MĂ€rz etwa 15.000 Leute bei diesen Protesten festgenommen (https://ovdinfo.org/articles/2022/03/13/18-y-den-voyny-i-protestov-zaderzhaniya-13-marta).

Nur ein paar von ihnen wurden einfach „nach einer Verwarnung“ freigelassen; ĂŒber tausende Leute wurden Geldbußen oder Haftstrafen verhĂ€ngt. Allein in St. Petersburg hatten die Gerichte bis zum 25. MĂ€rz 3.710 FĂ€lle bearbeitet: 861 Leute bekamen Geldbußen, 2.456 mĂŒssen ins GefĂ€ngnis und 123 wurden zu Zwangsarbeit verurteilt (https://www.kommersant.ru/doc/5280512).

Einigen Protestierende drohen noch schwerere Strafen wegen Kriminaldelikten. Die neuen Gesetze gegen das Verbreiten von „Falschinformation“ und „Beleidigung der Armee“ ermöglichen Strafen von bis zu 15 Jahren Haft. In dem Monat seit Ausbruch der Kampfhandlungen wurden in Russland 60 Strafprozesse eingeleitet, die auf die eine oder andere Weise mit den Protesten in Verbindung stehen.

46 Leute wurden wegen Straftaten angeklagt (mit Ausnahme von Zweien, wegen zwei Vergehen). Neun von ihnen befinden sich in Untersuchungshaft, drei unter Hausarrest. Und zwei weitere Gerichte haben ein Verbot bestimmter Aktionen erlassen. Mindestens fĂŒnf der Angeklagten befinden sich außerhalb von Russland. Insgesamt gab es in 22 Regionen Russlands Anklagen: Adygeya, Tatarstan, Karelien, Moskau (Stadt), Inguschetien, St. Petersburg, Kemerowo, Tomsk, Tjumen, Belgorod, Wladimir, Moskau (Oblast), Tula, Swerdlowsk, Pskow, Samara, Rostow, Nowosibirsk (Oblast), Krim, Primorsky, Krasnodar und Trans-Baikal (Region).

Nach 14 Artikeln des Strafgesetzbuchs wurden Untersuchungsverfahren eingeleitet:

– zehn nach dem neuen Straftatbestand Artikel 207,3 des Strafgesetzbuchs der Russischen Föderation wegen militĂ€rischer Falschmeldungen

– neun nach nach Artikel 2014 des Strafgesetzbuchs der Russischen Föderation (Teil 2) wegen „von Hass motivierter Vandalismus“ (mindestens gegen drei StraßenkĂŒnstler*innen aus Moskau, Wladimir und Jekaterinburg)

– neun nach Artikel 318 des Strafgesetzbuchs der Russischen Föderation (Teil 1) wegen der Anwendung von Gewalt gegen Beamt*innen

– zwei wegen des Vorwurfs der „Rechtfertigung von Terrorismus“ (in Kazan und Petrosawodsk)

Außerdem gibt es Untersuchungen wegen FĂ€llen von Hooliganismus, Beleidigung von Behördenvertreter*innen, Aufruf zu extremistischen Handlungen, Aufruf zu Feindseligkeit, Lagerung von Munition, Anregung zu AufstĂ€nden und sogar SchĂ€ndung von Leichen und deren GrabstĂ€tten (https://t.me/pchikov/4774).

In der Ukraine ist es nicht weniger schwierig, Anti-Kriegs-Proteste zu organisieren, als in Russland. Die Behörden haben begonnen die politische Opposition zu verbieten und zu verhaften, sowie Terrorgesetze zu erlassen (u.a. Strafen fĂŒr „Kollaboration mit dem Aggressor“, „PlĂŒnderung“ und „Hochverrat“, wofĂŒr es von 15 Jahren Haft bis zu Lebenslang droht). Zu dieser Repression kommt noch hinzu, dass angesichts der Kampfhandlungen keine Proteste möglich sind. Denn wie soll man zu einer Straßenaktion gehen, wĂ€hrend ĂŒberall russische Raketen und Granaten einschlagen, die eine unmittelbare Lebensgefahr darstellen? Jedoch scheint dies sogar dort möglich zu sein, wie der Gesamteindruck aufgrund vereinzelter Informationen nahelegt.

Eine der am weitesten verbreiteten Aktionen, welche sich gegen die Folgen des militĂ€rischen Konfliktes richten, sind sogenannte „PlĂŒnderungen“, die mehrfach aus unterschiedlichen ukrainischen StĂ€dten berichtet wurden. NatĂŒrlich können dazu eine Reihe von VorfĂ€llen gezĂ€hlt werden – von Banditentum, Mord und RaubĂŒberfĂ€llen an der Zivilbevölkerung bis hin zu wirklichen Sozialprotesten, bei denen die Bewohner*innen der StĂ€dte und Ortschaften aus Mangel an Nahrung und Lebensmitteln einfach die LĂ€den enteignen.

Solche „Enteignungen durch die Bevölkerung“ und „HungeraufstĂ€nde“ wurden sowohl aus StĂ€dten berichtet, die unter der Kontrolle der ukrainischen Behörden stehen (https://nv.ua/kharkiv/harkov-operativnaya-obstanovka-policiya-zaderzhala-100-maroderov-i-diversantov-novosti-harkova-50229711.html; https://assembly.org.ua/mnogo-volonterstva-malo-maroderstva-chem-zhivet-harkov-krome-boev-i-obstrelov/), wie auch in solchen StĂ€dten, die von russischen Truppen kontrolliert werden (https://aitrus.info/node/5926).

Es gab seitens der Bevölkerung Versuche, das Eindringen der russischen MilitĂ€rfahrzeuge in die Siedlungen aufzuhalten, um Zerstörungen zu verhindern. Zum Beispiel am 27. Februar in Korjukiwka (Oblast Tschernihiw), wo die Ortbewohner*innen auf die Straße gingen, um die russischen Panzer aufzuhalten, die Kolonne gestoppt haben und Verhandlungen begonnen haben. Das Ergebnis war eine Vereinbarung, dass das russische MilitĂ€r nicht in die Stadt vordringen wird (https://24tv.ua/ru/vrag-otoshel-chernigovshhine-ljudi-ulicah-ostanavlivajut-rossijskie_n1881586).

Am 26. MĂ€rz hat der BĂŒrgermeister der ukrainischen Stadt Slawutytsch mit den russischen Truppen verhandelt, welche in die Stadt gekommen waren, und hat mit ihnen eine Entmilitarisierung vereinbart. Er versicherte ihnen, dass es keine Soldat*innen oder Waffen in der Stadt gĂ€be und ĂŒberzeugte die Soldat*innen die Stadt zu verlassen. Das russische MilitĂ€r erklĂ€rte, es „wird keine HĂ€user durchsuchen“, doch die Leute sollten freiwillig alle Waffen abgeben, die nicht zur Jagd benötigt werden. Die ukrainische Verwaltung von Slawutytsch konnte bleiben und die russische Seite versprach, ihr humanitĂ€re Hilfe zukommen zu lassen (https://www.pravda.com.ua/rus/news/2022/03/26/7334734/).

Andererseits gibt es Beweise, dass Bewohner*innen auch die Forderung gestellt haben, dass das ukrainische MilitÀr sich nicht in Wohnbezirken aufstellen solle. Ein Video eines Àhnlichen Protestes in Charkiw machte in sozialen Netzwerken die Runde (https://47channel.ru/event/xarkovcane-potrebovali-ot-vsu-ubrat-voennuyu-texniku-iz-zilyx-kvartalov)

UnabhĂ€ngig davon sollte auch der Ungehorsam gegenĂŒber Anordnungen, sowie Fahnenflucht auf beiden Seiten erwĂ€hnt werden. Leider ist es nicht möglich, den Wahrheitsgehalt vieler GerĂŒchte zu ĂŒberprĂŒfen, die verbreitet werden. Die Medien berichten ĂŒber eine sinkende Moral und wenig Kampfbereitschaft bei russischen Armeeeinheiten, die in die Ukraine entsendet wurden (https://www.blick.ch/ausland/chaos-stress-frustration-sieht-aus-als-wuerden-die-ersten-russen-desertieren-id17302601.html).

Die ukrainische Seite behauptet, dass etwa 200 russische Marinesoldaten der 155. Brigade sich geweigert hĂ€tten, in der MilitĂ€roperation teilzunehmen, doch diese Aussage kann nicht bestĂ€tigt werden. Es gab auch Berichte ĂŒber die Weigerung der auf der Krim stationierten 810. Marinebrigade, an einer Landung in der Region Odessa teilzunehmen (https://nv.ua/ukraine/events/vtorzhenie-rossii-v-ukrainu-morpehi-v-krymu-otkazyvayutsya-uchastvovat-v-voyne-50221447.html).

Andererseits wurde gab es weitere, bruchstĂŒckhafte Berichte, die keine Bewertung des Ausmaßes dieses PhĂ€nomens ermöglichen. Die Mutter eines Soldaten, der in der Oblast Leningrad eingezogen wurde, berichtet darĂŒber, dass ihr Sohn, wie viele andere zur Armee Einberufenen, gezwungen wurde einen Vertrag mit der Armee zu unterzeichnen.

Im Januar war eine Einheit nach Kursk geschickt worden und dann nach Belgorod, von wo aus sie dann zum KĂ€mpfen in die Ukraine entsendet wurden. „Nach Angaben der Frau wurden die Soldaten in die Ukraine zum KĂ€mpfen gebracht, aber einige weigerten sich und ihnen wurde mit dem Gesetz gegen Desertion gedroht.“ (https://www.currenttime.tv/a/mat-rossiiskogo-voennogo-ob-ucheniyah-i-ugrozah-v-armii/31733426.html)

Albert Sakhibgareev, ein Vertragssoldat aus Ufa, gab an, das seine Brigade Ende Februar wĂ€hrend eines Manövers in der Region Belgorod mit Maschinengewehren ausgerĂŒstet wurde und sie den Befehl bekamen, von den Artilleriestellungen aus zu schießen, „wohin ihnen befohlen wurde“. Die Soldaten* begannen daran zu zweifeln, dass sie sich in einer Übung befĂ€nden, nachdem in ihre Richtung zurĂŒckgeschossen wurde.

Daraufhin hat Sakhibgareev sich auf seinem Handy die Nachrichten angesehen und herausgefunden, dass russische Truppen in die Ukraine geschickt worden waren. Eine Woche spĂ€ter wurde er von einem FĂ€hnrich geschlagen, verließ die Einheit und kehrte nach Hause in Ufa zurĂŒck. Wegen des Desertierens könnten ihm bis zu sieben Jahre GefĂ€ngnis drohen (https://meduza.io/feature/2022/03/23/nikto-ne-ponimal-chto-proishodit-my-dumali-ucheniya).

Zwölf KĂ€mpfer der [Spezialeinheit] OMON weigerten sich gemeinsam mit ihrem Kommandanten Farid Chitaev die Krim zu betreten. Die KĂ€mpfer der Nationalgarde begrĂŒndeten ihre Weigerung damit, dass der Befehl gesetzeswidrig sei – keiner von ihnen sei ĂŒber die Aufgaben und Bedingungen der „Spezialoperation“ informiert worden. Niemand wollte sich daran beteiligen und die KĂ€mpfer wurden vom Dienst suspendiert (https://93.ru/text/incidents/2022/03/29/70535243/). Auch OMON-KrĂ€fte aus Ischewsk haben das Gebiet der Ukraine wieder verlassen und schriftlich gekĂŒndigt, nachdem ihre Einheit mit schwerem GerĂ€t zerstört worden war (https://bloknot-krasnodar.ru/news/devyat-iz-12-ne-poekhavshikh-na-ukrainu-omonovtsev-1462323).

Ende MĂ€rz bestĂ€tigte der ehemalige PrĂ€sident von SĂŒdossetien, dass einige in der Republik rekrutierten Soldaten an KĂ€mpfen in der Ukraine teilgenommen haben und ohne Erlaubnis von der Front nach Hause zurĂŒckgekehrt sind (https://t.me/eduardkokoity/40). Es wurde berichtet, dass es sich um KĂ€mpfer der MilitĂ€rbasis der 4. Garde der Russischen Föderation handeln soll.

Auch in der Ukraine sind nicht alle wild darauf, „das Vaterland zu verteidigen“. Das zeigt sich anhand der Plakaten, die in den ersten Kriegstagen in Odessa gesehen wurden. Darauf hatte das Kommando der ukrainischen StreitkrĂ€fte in Weiß auf Schwarz gefragt: „Du willst nicht kĂ€mpfen? Das heißt, Du liebst Dein Land nicht.“ NatĂŒrlich belegt allein das Auftauchen solcher Agitation, dass es durchaus ein paar „nicht liebende“ Leute gibt.

Die Behörden der Ukraine haben eine Mobilmachung verkĂŒndet und lassen MĂ€nner* im Alter von 18 bis 60 Jahren nicht aus dem Land hinaus. Dennoch berichten Genoss*innen aus der Ukraine darĂŒber, dass in Wirklichkeit diese großflĂ€chige Mobilmachung nicht wirkt, im Gegensatz zu 2014/2015 als massenhafte Hausdurchsuchungen bei Wehrpflichtigen ĂŒblich waren. In den ersten Wochen der KĂ€mpfe wurde versucht, an Kontrollposten Einberufungen zu verteilen, aber das wĂŒrde spĂ€ter verboten.

Trotzdem versuchen viele MĂ€nner* vorsichtshalber die Grenzen zu NachbarlĂ€ndern illegal zu ĂŒberqueren. Ein ukrainischer Korrespondent der BBC sagte Ende MĂ€rz, dass am GrenzĂŒbergang Mohyliw-Podilskyj nach Moldawien „jede Sekunde in fast jedem Auto MĂ€nner* im wehrpflichtigen Alter versuchen auszureisen, aber sie werden abgewiesen, was fĂŒr allen dort eine klare Stellungnahme bedeutet. Ein GrenzschĂŒtzer sagte mir, manche Autos drehen einfach um und in anderen wechseln die Frauen ans Steuer und die MĂ€nner steigen aus.“(https://www.bbc.com/russian/features-60651983).

Nach Angaben eine*r Stellvertreter*in der Stadtrats von Mukatschewo in [der ukrainischen Oblast] Transkarpatien, ĂŒberqueren fĂŒr viel Geld tĂ€glich hunderte MĂ€nner* trotz des geltenden Kriegsrechts die Grenze zu den EU-LĂ€ndern. In Transkarpatien habe diese Schattenwirtschaft bereits industrielle Ausmaße angenommen. Die Kosten fĂŒr ein Zertifikat und den Transport nach Polen liegen bei 2.000 Euro (https://economics.segodnya.ua/economics/enews/korrupciya-na-granice-kak-iz-ukrainy-massovo-begut-muzhchiny-1608831.html). In der Region Odessa liegen die Kosten bei 1.500 Dollar pro Person (https://www.unian.net/incidents/voyna-s-rossiey-v-odesskoy-oblasti-razoblachili-shemu-pobega-muzhchin-za-granicu-novosti-odessy-11757901.html)

Die Edition LIGA.net hat den „Markt“ untersucht und nennt Summen, die um das Dutzendfache höher sind. Mehr als Tausend MĂ€nner im wehrfĂ€higen Alter wurden in den ersten drei Wochen des Krieges an der Grenze geschnappt, meldet der ukrainische Grenzschutz. Die vor dem Krieg FlĂŒchtenden werden nach Polen, RumĂ€nien und Moldawien geschickt, einige wenige auch nach Ungarn (https://biz.liga.net/ekonomika/all/article/vmesto-fronta-evropa-v-internete-reklamiruyut-uslugi-vyezda-prizyvnikov-a-est-spros).

NatĂŒrlich können nicht alle MĂ€nner*, die versuchen das Land zu verlassen, einfach als Leute bezeichnet werden, die nicht kĂ€mpfen wollen. Es gibt viele reiche Leute unter ihnen, denn soviel Geld zu finden, um die Grenze zu ĂŒberqueren, ist keine leichte Aufgabe. Manche verkaufen vielleicht alles, was sie haben, aber den Reichen kĂŒmmert das nicht. Sie beginnen und provozieren Kriege und verstecken sich dann im Ausland, lassen dabei die einfachen Leute zum Sterben zurĂŒck oder lassen sie fĂŒr sich morden. Doch das gilt auch fĂŒr Teile der russischen „Elite“, die ausgewandert ist.

Bis zum 28. MĂ€rz wurden in der Ukraine ĂŒber 340 Straftaten verzeichnet, welche „die VerteidigungsfĂ€higkeit der Ukraine unter Kriegsrecht beeintrĂ€chtigen“, davon etwa 100 wegen Hochverrat und Kollaboration. Mehr als 1.700 mĂ€nnliche* BĂŒrger der Ukraine im wehrpflichtigen Alter wurden identifiziert, die verbotenerweise die Landesgrenze ĂŒberschreiten wollten. Dies wurde von Tatyana Sapyan verkĂŒndet, Sprecherin der staatlichen Ermittlungsbehörde. Allein innerhalb eines Tages wurden OrganisationskanĂ€le zum Transport von Menschen ĂŒber die Grenze in den Regionen Winnyzja, Czernowitz und Lwiw entdeckt (https://www.unian.net/society/nezakonno-peresech-granicu-1700-muzhchin-grazhdan-ukrainy-prizyvnogo-vozrasta-zhelali-sbezhat-nezakonno-novosti-ukrainy-11763106.html)

In dem Versuch die Fahnenflucht zu unterdrĂŒcken haben die Behörden den Erlass Nr. 7171 in der Werchowna Rada [Parlament] beschlossen, der MĂ€nnern* im wehrpflichtigen Alter mit bis zu 10 Jahren Haft droht, wenn sie wĂ€hrend des Kriegsrechts illegal die Ukraine verlassen.

Schließlich berichten auch Bewohner*innen der seperatistischen Republik Donezk von Zwangsrekrutierungen. MĂ€nner* werden direkt von der Straße eingezogen, sie bekommen Waffen und werden ohne Vorbereitung an die Front geschickt. Alle, die können, versuchen sich zuhause zu verstecken und gehen nicht vor die TĂŒr. Das ist auch eine Art, sich dem Krieg zu verweigern!

KRAS-IAA

https://aitrus.info/node/5941

Graphik: Logo der KRAS-IAA mit zwei HĂ€nden, die ineinander greifen in einem Kreis vor rotem Hintergrund

Übersetzung [und Anmerkungen]: Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk – ASN Köln

(CC:BY-NC)

Weitere Artikel zum Thema:

„Russland: HintergrĂŒnde zum Krieg in der Ukraine“ (KRAS-IAA)
https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2022/03/16/russland-hintergruende-zum-krieg-in-der-ukraine/

„Friede den HĂŒtten, Krieg den PalĂ€sten“ (CNTf-IAA)
https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2022/03/09/friede-den-huetten-krieg-den-palaesten/

„Verwandeln wir kapitalistische Kriege in eine Revolution der Arbeiter*innen!“ (ASI-IAA)
https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2022/03/07/verwandeln-wir-kapitalistische-kriege-in-eine-revolution-der-arbeiterinnen/

„Nein zum Krieg!“ (KRAS-IAA)
https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2022/02/25/keinen-krieg/




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org