Februar 22, 2021
Von InfoRiot
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Mit der Indieband Bodi Bill wurde Alex Stolze bekannt. Auf seinem Soloalbum „Kinship Stories“ untersucht der Violinist seine jĂŒdischen Wurzeln

Von Robert Mießner

Auferstanden aus Ruinen“: TatsĂ€chlich, Alex Stolze, Jahrgang 1976, zitiert die Nationalhymne der DDR, wĂ€hrend oder gerade weil das Musikzimmer um ihn stabil wirkt. Aufgewachsen ist der SĂ€nger, Komponist und Violinist Stolze im Ostberliner Stadtteil Köpenick. Wir sprechen uns auf dem Land, im Brandenburgischen, wohin Stolze vor einigen Jahren gezogen ist. Stolze sitzt inmitten von Mikrofon­stĂ€ndern und einer Akustikgitarre. Die hintere Wand nimmt ein Klavier ein, davor ruht im Schatten eines aufgeschlagenen Notenhefts eine Basstrommel. Die Gardine ist so gezogen, dass noch Licht in den Raum kann. Vor Kurzem hat Stolze sein neues Album, „Kinship Stories“, als CD und Download veröffentlicht, mit der Vinylversion wird fĂŒr MĂ€rz gerechnet. Die Coronapandemie sorgt auch fĂŒr VerspĂ€tungen in den Presswerken.

Das Album„Kinship Stories“ umfasst elf StĂŒcke, sieben Songs und vier Instrumentaltracks. Zum Vergleich: Stolzes 2018 erschienenes VorgĂ€nger- und DebĂŒtalbum „Outermost Edge“ bestand aus zehn StĂŒcken, von denen gleich sechs auf Gesang verzichten mussten. Das dĂŒstere „Outermost Edge“ und das Pop-orientierte „Kinship Stories“ verhalten sich zueinander wie eine bewusst karge Studie zu einem aus vollem Herzen barocken Entwurf. Wenn Stolze ĂŒber das Werk sagt, es sei „das Resultat eines Arbeitens ans Licht“, dann ist das keine Esoterik.

Das gilt generell fĂŒr die Art, wie er Musik macht. Stolze experimentiert, aber er verliert sich nicht dabei. Er bedient sich moderner Elektronik, legt aber Wert auf klangliche Haptik. Dabei kommen seine „Kinship Stories“ wesenhaft beilĂ€ufig daher, ihre HintertĂŒren und Seitenstraßen bleiben beim ersten Hören fast unbemerkt. „German Desert“ heißt der Auftaktsong, ein knapp zweiminĂŒtiges kammermusikalisches Instrumental, dessen Streicherarrangement, dezent gesetzte Schachtelbeats und elektronische Gimmicks das Klangbild von Stolzes zweitem Soloalbum schon mal anreißen. In „Orphan“, dem folgenden StĂŒck, zupft der 44-JĂ€hrige seine Geige, was einen fast schon perkussiven Effekt hat. Das Instrument ist ĂŒbrigens eine fĂŒnfsaitige Spezialanfertigung.

GeprÀgt vom Bristol-Sound

Wenn er ĂŒber seine musikalischen EinflĂŒsse spricht, holt Stolze aus und verweist auf den Sound der spĂ€ten Neunziger, der Jahrtausendwende und der nuller Jahre. Das Reisen war und ist dem noch in der zugesperrten DDR Aufgewachsenen sehr wichtig. Stolze fuhr oft nach Großbritannien und wird das auch wieder tun, er nennt drei StĂ€dte und deren Musikszenen als fĂŒr sich prĂ€gende: zuvorderst Bristol mit KĂŒnst­le­r:In­nen wie Tricky und Portishead und ihrem somnambulen Trip­Hop, den Stolze um 1998 entdeckt hat. Im selben Jahr ist das Soloalbum von Mark Hollis erschienen, SĂ€nger der Londoner Band Talk Talk. Hollis’ eigenwillige Interpretation von Post-Rock und das SpĂ€twerk seines Trios waren Alex Stolze eine wichtige Anregung. Radiohead aus Oxford hat er dann ab 2000 als BrĂŒckenschlag zwischen Indiepop und Elektronik aufgesogen. Dass Stolze mittlerweile selbst schon mal auf der BĂŒhne des Clubs stand, in dem Thom Yorkes Band angefangen hat, darauf ist er schon stolz.

Die Mixtur aus Experiment und Songwriting, von der Stolze gerne spricht, ist auch in der 2005 von ihm mitbegrĂŒndeten Berliner Band Bodi Bill zu hören, die seit 2019 nach einer lĂ€ngeren Pause wieder aktiv ist. Damit aber nicht genug. In letzter Zeit hat Alex Stolze zwei Werke fĂŒr sich wiederentdeckt: die „Grea­test Hits“ von Leonard Cohen und eine Compilation mit Songs von Georges Moustaki, beide in den frĂŒhen achtziger Jahren als Lizenzpressungen auf dem DDR-Staatslabel Amiga erschienen. Den Chansonnier Moustaki charakterisiert Stolze sichtlich begeistert mit einem Wort, das allein schon nach Mittelmeer klingt, er nennt ihn einen „Troubadour“. Dass der Franzose Moustaki ein Kosmopolit im Wortsinne war, in ­Alexandria in eine jĂŒdischgriechische BuchhĂ€ndlerfamilie geboren wurde, die italienisch sprach, fĂŒgt Stolze mit ­einem gewissen Nachdruck hinzu.

Geerbt hat er die beiden Scheiben von seinen jĂŒdisch-katholischen Eltern. Über sie lassen sich noch einmal zwei spezifisch ostdeutsche Lebensgeschichten erzĂ€hlen. Beide waren Diplomchemiker, der Vater in der Forellenfutterforschung, die Mutter im Strahlenschutz. Sie waren eng mit dem US-Amerikaner Tom Rapoport befreundet, Harvard-Biochemiker und Sohn des Wissenschaftler- und Ärzteehepaares Mitja Rapoport und Ingeborg Rapoport. Dass die jĂŒdischen Rapoports vor den Nazis in die USA geflohen waren, aus denen sie wĂ€hrend der McCarthy-Ära Anfang der fĂŒnfziger Jahre ausgewiesen wurden, und als An­ti­fa­schis­t:In­nen in den Osten Deutschlands gingen, ist Alex Stolze wichtig. Er betont aber auch, dass Vater Stolze fĂŒr die DDR „zu sehr Kommunist“ gewesen sei und letzten Endes aus der Partei geworfen wurde. Er hatte wiederholt auf MissstĂ€nde in seinem Betrieb hingewiesen, die Anerkennung von Patenten, die internationale Abnehmer finden sollten, blieb ihm versagt. „Es war uns nicht genug Sozialismus“, zitiert der Sohn Stolze einen Abkömmling des DDR-Adels, Florian Havemann, aus Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Familie Brasch“ ĂŒber das Haus, aus dem der Schriftsteller Thomas Brasch kam, den die Musikerin Masha Qrella jetzt vertont hat.

1988 ist Stolzes Vater gestorben. Im Jahr darauf fiel die Mauer, gerade ein Jahr spĂ€ter kam die Wiedervereinigung ĂŒber den damals 13-JĂ€hrigen. Vor der ersten und zugleich letzten und freien Volkskammerwahl 1990 hatte er, ohne selber schon wĂ€hlen zu können, Materialien fĂŒr BĂŒndnis 90, die Liste der BĂŒrgerbewegungen, verteilt: „Ich dachte, jetzt gewinnen wir. Stattdessen haben die Menschen Helmut Kohl gewĂ€hlt“, erinnert er sich.

Kirche von unten

Die WĂ€hrungsunion verbrachten Stolze und seine Freunde an der Ostsee, wo sie, irgendwie passt es, einer Lappalie wegen aus einem Supermarkt geschmissen wurden. Kein Eigentumsdelikt, sie hatten es gewagt, das Konsumparadies ohne Einkaufswagen zu betreten. Ein Freund Stolzes wurde festgehalten. UnterstĂŒtzung fanden sie bei ihren Be­treue­r:In­nen aus der Kirche von Unten. Bei der noch in der spĂ€ten DDR gegrĂŒndeten, von Kennern KvU abgekĂŒrzten Gemeinde eigener Art handelte es sich um eine Kirche fĂŒr Punks und Anarchist:Innen, Antifas und Hausbesetzer:Innen. Kein schlechter Umgang fĂŒr den jungen Stolze, der sich in die neue Zeit erst mal nicht vergucken konnte: „BRD war fĂŒr mich ein Schimpfwort“, sagt er. An anderer Stelle spricht er von einem „großen, leeren Raum“, in den er sich gestellt sah. Zur ideellen Heimat und dabei zum Ort eines ungebundenen Lebens on the road wurde Stolze Irland, mit einer Irish-Folk-Band trat er in der Aula des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Berlin-Pankow auf. Zum Wendepunkt aber sollte ein Aufenthalt in Israel kurz vor der Ermordung Jitzhak Rabins 1995 werden.

Musik, Reisen und Community-Verankerung: Alex Stolzes IdentitÀt hat viele Facetten

Imposante Krater

Eines Nachts kamen Stolze und ein französischer Freund auf die sehr jugendliche Idee, mit zwei Flaschen Wasser und einigen Orangen einen Trip durch die Negev-WĂŒste zu unternehmen. Es war bereits November, und es ist noch einmal gutgegangen. Wahrscheinlich durch die Dehydration bedingt, hatte Stolze ein GefĂŒhl, das er als quasi mystisches Erlebnis beschreibt, ein Einssein, einen unbenennbaren Zusammenhang. Ganz real war der Supermarkt, vor dem die beiden Freunde sich anderntags als Straßenmusiker verdingten, ganz real die KĂŒnstlercommunity, die sich ihrer erst mal annahm. In die WĂŒste gehen und Gesellschaft erfahren, vielleicht umreißt es das, worum es Alex Stolze geht. Nach Israel und in die Negev mit ihren imposanten Kratern ist er immer wieder gefahren, zuletzt im Dezember 2019. Die WĂŒste ist Titel und Thema vieler seiner Songs, auf „Kinship Stories“ gleich dreimal.

Das Album hat er im vorigen Sommer in Brandenburg beendet, in seinem Kultur-Kibbuz, wie er das Anwesen nahe der polnischen Grenze nennt, das er mit Familie und Freunden in den letzten zehn Jahren ausgebaut hat. Dort betreibt er das unabhĂ€ngige Label ­Nonostar Records, auf dem er auch Musik befreundeter KĂŒnst­le­r:In­nen wie die der Cellistin Anne MĂŒller, des Multiinstrumentalisten Ben Osborn und des Elektronikproduzenten Qrauer verlegt. Alle drei sind auch auf „Kinship Stories“ zu hören. Dann ist da das Solo Collective, das Stolze mit Anne MĂŒller und dem Komponisten Sebastian Reynolds betreibt, ein Experimental-Trio, das in seinem Namen schon die Utopie trĂ€gt. So gesehen, ist Alex Stolze in Ruinen aufgestanden. Aus der Musik und den Reisen, aus der Tradition und der Verankerung in der jĂŒdischen Community ist es Stolze gelungen, eine „IdentitĂ€t nahe an den Wurzeln“ zu entwickeln, wie er sagt. BĂŒcher dĂŒrfen da nicht fehlen. Stolze liest die Erinnerungen jĂŒdischer DDR-Heimkehrer.

Er hat einiges vor, er spricht von deutsch-polnischer Theaterarbeit und KĂŒnstlerresidenzen. Eine Landkarte verlassener RĂ€ume soll entstehen. Und wenn er die Nationalhymne seines Refugiums nicht selber komponieren will, könnte Alex Stolze bei Leonard Cohen nachschlagen. Der hat, was das Licht angeht, es bedachtsam auf den Punkt gebracht: „There’s a crack in everything / That’s how the light gets in.“

Alex Stolze: „Kinship Stories“ (Nonostar Records/Zebralution/Bandcamp)




Quelle: Inforiot.de