Februar 17, 2021
Von InfoRiot
227 ansichten



Cottbus hat seinen schlechten Ruf nicht, weil jemand ruft, dass es schlecht ist, sondern: weil es schlecht ist. Gedanken eine*r Antifaschist*in.

Cot­tbus — Der Krebs aus deinem Wap­pen, was kön­nte bess­er passen?(1)

In den let­zten Jahren, Monat­en, Tagen sind mir hĂ€u­fig Men­schen begeg­net (inklu­sive mir selb­st), die sagen „Es gibt ja in Cot­tbus nicht nur Nazis, son­dern auch coole Leute, die Gegenkul­tur schaf­fen.“ oder „Hier ist nicht alles schlecht.“. Ja und ja. Ist ja auch irgend­wie selb­stre­dend, dass nichts nur schlecht ist. Aber, manche Sachen sind eben mehr schlecht als auch gut – so wie Cottbus.

Cot­tbus ist nicht grund­los ĂŒber­re­gion­al fĂŒr seine ĂŒber Gen­er­a­tio­nen ver­fes­tigte, mil­i­tante Naziszene bekan­nt; ist nicht wahl­los zur Hochburg ein­er recht­en Bewe­gung gewor­den; hier wĂ€hlen nicht zufĂ€l­lig so viele die AfD; und hier posieren Polizis­ten nicht ahnungs­los vor recht­en Parolen. Als Antifaschist*in in Cot­tbus zu wohnen, bedeutet, manch­mal nah an der Ohn­macht zu leben. Allein diese sehr kurze Bestand­sauf­nahme macht die beschriebe­nen heimat­tĂŒmel­nden Vertei­di­gungskom­plexe manch­er Cottbuser*innen ver­stĂ€ndlich­er. Aber, macht es das Leben in dieser Stadt wirk­lich besser?

Nein. Sich immer wieder zu sagen, es sei nicht alles schlecht, hil­ft hier zu ĂŒber­leben und es hil­ft bei der Ver­drĂ€n­gung. Gle­ichzeit­ig verdeckt es Prob­leme, und fĂŒhrt dazu, dass nicht genĂŒÂ­gend Gegen­maß­nah­men ergrif­f­en wer­den. Jet­zt kön­nte argu­men­tiert wer­den, dass bspw. linke Kul­turein­rich­tun­gen teil von Gegenkul­tur sind. Das stimmt. Wenn aber der eine wirk­lich linke Club nur deshalb nicht stĂ€ndig von Nazis ange­grif­f­en wird, weil irgendwelche Halb­nazis ihre Naz­ifre­unde davon abhal­ten, dann hört sich das nach einem inter­es­san­ten Arrange­ment mit Nazis an. Und, wenn der andere linksalter­na­tiv anmu­tende Club gle­ich selb­st Nazis an der TĂŒr ste­hen hat, dann ist das Kol­lab­o­ra­tion. Aber, eigentlich ver­ste­he ich davon gar nicht so viel. Es geht ums GeschĂ€ft, da ste­ht Ide­olo­gie außen vor – Oi! Das einzige linke Haus­pro­jekt in Cot­tbus wird ver­mut­lich nur nicht ĂŒber­fall­en, weil die Nazis sich ihrer Macht bewusst sind und solche Aktio­nen gar nicht mehr nötig haben. Sie wal­ten und schal­ten an ganz anderen Stellen in dieser Stadt.(2)

Das mit den Nazis an der TĂŒr, ist irgend­wie auch ver­stĂ€ndlich, wenn men­sch bedenkt, was hier frĂŒher so abging. Da ver­sucht­en Faschos ĂŒber drei Tage lang eine GeflĂŒchtete­nun­terkun­ft in Brand zu set­zen; ĂŒber­fie­len linke Jugend­clubs; jagten Men­schen auf offen­er Straße, bedro­ht­en sie mit Waf­fen und töteten (war damals alles Trend). Dank akzep­tieren­der Jugen­dar­beit hat­ten irgend­wann alle ihre eige­nen RĂ€ume und die Nazis beka­men auch gle­ich noch ein paar kĂŒm­mernde Sozialarbeiter*innen an der Hand, die sie in ihrem Naz­i­tun begleit­et haben. Manch­mal sind Faschos auch gle­ich selb­st Sozialar­bei­t­ende gewor­den. Zumin­d­est haben sie schon seit ziem­lich langer Zeit ziem­lich viele FreirĂ€ume in Cottbus.

Das merken vor allem Men­schen, die von ihnen und ihren Hand­lun­gen betrof­fen sind, z.B Gen­er­a­tio­nen von Antifaschist*innen und queeren Men­schen, die in GroßstĂ€dte wie Berlin, Leipzig oder Dres­den abge­wan­dert sind, weil sie es hier irgend­wann nicht mehr aus­ge­hal­ten haben; aber auch Men­schen die poten­tiell von Ras­sis­mus betrof­fen sind, inter­na­tionale Studierende oder GeflĂŒchtete, die eben­so gern weit­er ziehen wĂŒr­den, es aber nicht kön­nen, weil ras­sis­tis­che Geset­zge­bun­gen es ihnen verbieten.

War seit Jahren nicht mehr hier
Wollte nie nach Berlin, wollte nur weg von dir

Da erzĂ€hlt man dann in seinem neuen Fre­un­deskreis nicht „Ich habe glĂŒck­lich in Cot­tbus studiert.“, son­dern eher „Ich wurde in Cot­tbus trau­ma­tisiert.“, denn das haben unter anderem diese soge­nan­nten „BaseballschlĂ€gerjahre“3 gemacht: Men­schen trau­ma­tisiert. Das wirkt nach. Denn auch heute wird noch zugeschla­gen; es sei denn, man lĂ€sst sich mit „Denen, deren Namen nicht genan­nt wer­den dĂŒr­fen“ ein (Schade, denn eigentlich ken­nen ja alle alle Namen.), macht die Klappe nicht zu weit auf oder sieht halt ein­fach nicht so scheiße aus.

Jahre sind ver­gan­gen, doch wir wer­den keine Freunde
Nichts als tief­ster Respekt, vor jedem, der noch da ist und sich gegen dich stellt

Also, an alle die noch da sind: Wir haben diesen Respekt ver­di­ent. Danke dafĂŒr! Aber: Es ist hier nicht bess­er gewor­den. Es ist anders schlecht. Das was passiert, ist nicht genug! Es liegt an uns Cottbuser*innen, alles in Kraft zu set­zen, damit es irgend­wann wirk­lich bess­er wird.

Cot­tbus hat seinen schlecht­en Ruf nicht, weil jemand ruft, dass es schlecht ist, son­dern: weil es schlecht ist.

1 In fett und kur­siv geset­ze Textstellen: Audio88 & Yassin (2021): Cot­tbus. In: Todesliste. Köln: Nor­male Musik.
2 Vgl. MĂŒller, Daniel / Zim­mer­mann, Fritz (2020): Der Clan von Cot­tbus. In: https://www.zeit.de/2020/42/rechtsextremismus-lausitz-kampfgemeinde-cottbus-rassismus-brandenburg (15.02.2021)
3 Vgl. RBB / Zeit Online (2020): Base­ballschlĂ€ger­jahre. In: https://www.ardmediathek.de/rbb/sendung/baseballschlaegerjahre/staffel‑1/Y3JpZDovL3JiYi5kZS9iYXNlYmFsbHNjaGxhZWdlcmphaHJl/1/ (15.02.2021)






Quelle: Inforiot.de