Dezember 10, 2021
Von Revolt Magazine
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„Kennt ihr den Unterschied zwischen unserem Soberana-Impfstoff und dem Pfizer-Impfstoff?“ Mit dieser Frage begrĂŒĂŸte der Generaldirektor des kubanischen Finlay-Instituts fĂŒr Impfstoffe, Dr. Vicente VĂ©rez Bencomo, die italienische Delegation, deren Teil ich war. Die Delegation wurde fĂŒr die klinische Studie SoberanaPlusTurin in La Pradera einquartiert, dem im November 1996 eingeweihten internationalen Gesundheitszentrum in Havanna.

SoberanaPlusTurin ist der Name der klinischen Beobachtungsstudie mit 35 Freiwilligen aus Italien, die zuvor in Europa entweder geimpft wurden oder von Corona genesen sind und zur Auffrischung eine Einzeldosis des kubanischen Impfstoffs SoberanaPlus erhalten haben. SoberanaPlus wurde im Sommer 2021 von der kubanischen Aufsichtsbehörde CECMED (Centro para el Control Estatal de Medicamentos, Equipos y Dispositivos Médicos) genehmigt, die Beobachtungsstudie will dessen ReaktogenitÀt und ImmunogenitÀt [1] bei erwachsenen Proband:innen evaluieren, denen zuvor ein in Europa zugelassener Impfstoff (Johnson&Johnson, AstraZeneca, BioNTech/Pfizer oder Moderna) verabreicht wurde.

Diese klinische Studie ist die erste dieser Art auf der Karibikinsel. Sie ist das Ergebnis einer intensiven internationalen Zusammenarbeit von Wissenschaftler:innen im Zusammenhang mit der aktuellen Covid-19-Pandemie, vor allem zwischen dem kubanischen Impf-Institut Finlay, dem Krankenhaus Amedeo Di Savoia in Turin und der italienischen Agentur fĂŒr kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit Kuba (AICEC).

Ein Impfstoff fĂŒr die Menschen

Die Frage nach dem Unterschied zwischen BioNTech/Pfizer und Soberana beantwortete Dr. Vicente VĂ©rez Bencomo dann gleich selbst: „Pfizer hat ein Produkt entwickelt, um es an Regierungen zu verkaufen und Profite zu erzielen. Der Nebeneffekt davon war, dass die Bevölkerungen dieser LĂ€nder teilweise vor dem Coronavirus geschĂŒtzt waren. In Kuba hingegen verfolgten wir das Ziel, einen Impfstoff zu entwickeln, der in erster Linie die Bevölkerung schĂŒtzen soll. Bisher waren wir erfolgreich damit. Sollten wir dank des Impfstoffes bescheidene EinkĂŒnfte erzielen können, wĂ€ren wir natĂŒrlich froh, diese direkt in neue öffentliche Forschung zu investieren.“

Das kubanische Impfstoffprogramm befindet sich in öffentlicher Hand, ist das Resultat einer Kooperation zwischen den biotechnologischen Forschungsinstituten des Landes und zwecks Förderung des Allgemeinwohls verwaltet. Diese politische Strategie zahlt sich tatsĂ€chlich aus, dafĂŒr sprechen auch die Zahlen der kubanischen Impfkampage.

Auch ohne vorherrschende Impfpflicht haben bis Ende November 2021 knapp 10,2 Millionen Kubaner:innen mindestens eine Impf-Dosis erhalten (praktisch 100% der impfbaren Bevölkerung); davon haben ĂŒber 9,2 Millionen die zweite Dosis und 8,7 Millionen Kubaner:innen (78%) die dritte Dosis Soberana erhalten. Insgesamt haben 82,1% der gesamten kubanischen Bevölkerung (9,18 Millionen Menschen) das ganze Impfschema abgeschlossen (zwei Dosen Soberana02 und eine Dosis SoberanaPlus oder drei Dosen Abdala, welcher auch ein kubanischer Impfstoff ist). Fast alle Impfungen wurden mit kubanischem Impfstoff vorgenommen, nur ein Bruchteil mit dem chinesischen Sinovac-Impfstoff.

Dies ist nicht nur eine geradezu beispiellos höhere Impfquote im Vergleich mit anderen einkommensschwachen LĂ€ndern weltweit, in denen durchschnittlich nur 2,8 Prozent der Bevölkerung geimpft ist. Es ist auch eine höhere Impfquote im Vergleich zu allen entwickelten LĂ€ndern des globalen Nordens. Und Kuba hat auch schon mit der Auffrischungsimpfung begonnen: Ende November hatten ĂŒber 311.000 Personen eine vierte Impfung erhalten. Wie wissenschaftlichen Studien zeigen, weist dieses kubanische Impfschema eine Schutzwirkung von 92,4 Prozent auf.

Bereits kurz nach Ausbruch der globalen Pandemie begannen sich die kubanischen biotechnologischen Forschungsinstitute auf die Entwicklung und Herstellung eigener Impfstoffe zu konzentrieren. Die Insel blieb zwar im Jahr 2020 noch von schweren gesundheitlichen Konsequenzen der Pandemie verschont, umso stÀrker traf Kuba jedoch die Welle im Sommer 2021. Die Neuansteckungen erhöhten sich von ingesamt 15.536 im Monat Januar 2021 auf 265.121 im August 2021; auch die Todeszahlen nahmen rasant zu.

Der Impfstoff allein reichte nicht aus, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Strenge EindĂ€mmungsmaßnahmen – das Tragen von Masken auch im Freien –, das strikte Einhalten von Abstandsregeln und ein radikaler Lockdown bis zum 15. November 2021 waren notwendig, um die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle zu bringen. Infolgedessen verzeichnete Kuba in der vergangenen Woche nur einen Todesfall im Zusammenhang mit Covid-19 und eine PCR-TestpositivitĂ€tsrate von unter einem Prozent (sprich nur einer von Hundert PCR-Tests weist eine Coronavirus-Infektion aus). Noch heute werden trotz niedrigen Zahlen auf der ganzen Insel die Regeln zur Minimierung der Übertragung des Virus respektiert.

Was genau ist Soberana?

SoberanaPlus ist fĂŒr Menschen gedacht, die entweder genesen sind oder bereits einen anderen Impfstoff gegen Sars-Cov-2 erhalten haben. Im Gegensatz zu BioNTech/Pfizer oder Moderna, die die mRNA-Technologie fĂŒr ihre Impfstoffe verwenden, ist Soberana ein Protein-Impfstoff. Kuba hat fĂŒr die Entwicklung und Produktion des hauseigenen Impfstoffes also eine herkömmliche Technologie benutzt, die auf der Plattform schon bekannter Impfstoffe basiert. So wird ein kleines StĂŒck des Virus – der so genannte „Spike“ – der geimpften Person verabreicht, die dann die erforderlichen Antikörper gegen das Virus produziert. Die mRNA-Impfstoffe hingegen liefern dem Körper die genetischen „Anweisungen“, damit dieser die Antikörper zu bilden lernt.

Die bisher durchgefĂŒhrten Studien zeigen, dass SoberanaPlus eine sehr hohe Wirksamkeit aufweist. Der Impfstoff garantiert einen sehr hohen Schutz sowohl bei Personen, die bereits infiziert waren und genesen sind, als auch bei Personen, die andere Impfstoffe erhalten haben. SoberanaPlus schĂŒtzt zudem auch gegen die aggressive Beta-Variante und die unterdessen weltweit dominierende Delta-Variante des Coronavirus. Außerdem haben klinische Studien gezeigt, dass der Impfstoff kaum Nebenwirkungen aufweist: weniger als ein Prozent der geimpften Menschen leidet unter Fieber, Schmerzen an der Injektionsstelle, allgemeinem Unwohlsein oder Rötungen.

Aus der Perspektive der globalen BekĂ€mpfung von Covid-19 hat der kubanische Impfstoff zwei weitere zentrale Vorteile. Erstens sind seine Produktionskosten Ă€ußerst niedrig. Das bedeutet, dass der Impfstoff potenziell in jedem Winkel der Welt hergestellt werden kann (der Iran produziert bereits einen Impfstoff auf der Grundlage der kubanischen Technologie), sogar in LĂ€ndern, deren Pro-Kopf-Ausgaben fĂŒr das Gesundheitswesen weniger als 20 Dollar pro Jahr betragen, was den Kosten fĂŒr eine einzelne BioNTech/Pfizer-Impfdosis entsprĂ€che. Zweitens stellt der Soberana-Impfstoff keine besonderen Logistik-Anforderungen, fĂŒr die Lagerung und den Transport des Impfstoffs ist keine fortschrittliche – und kostspielige – Technologie erforderlich wie beispielsweise beim BioNTech/Pfizer-Impfstoff.

Soberana wurde als Kinderimpfung konzipiert

WĂ€hrend andere LĂ€nder die Kinder als Bevölkerungsgruppe in ihren bisherigen Impfkampagnen weitgehend vernachlĂ€ssigt haben, hat Kuba die Impfkampagne fĂŒr die pĂ€diatrische Bevölkerung bereits weit vorangetrieben. So sind in Kuba rund 2 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 18 Jahren geimpft. Und Soberana02 ist in der Tat ein Produkt, das ursprĂŒnglich auf der Basis schon bekannter Kinderimpfstoffe und somit fĂŒr Kinder entwickelt wurde. WĂ€hrend zu Beginn der Pandemie Expert:innen und Regierungen auf der ganzen Welt behaupteten, dass das Virus fĂŒr Kinder kaum ansteckend sei, arbeiteten Wissenschaftler:innen in Kuba bereits daran, einen Impfstoff fĂŒr Kinder zu entwickeln. „FĂŒr uns war klar, dass kein Kind an Covid-19 sterben darf. Darum war ein im Detail geplantes Impfprogramm fĂŒr Kinder von zentraler Bedeutung“, erklĂ€rt Ricardo PĂ©rez Valerino.

PĂ©rez Valerino ist Leiter der Abteilung fĂŒr internationale Beziehungen am Finlay-Institut. Er fĂ€hrt fort: „Es stimmt, dass das Virus bei Kindern einen milderen Verlauf nimmt als bei Erwachsenen. Dennoch können Kinder das Virus auf die Erwachsenen oder auf die Großeltern ĂŒbertragen. Gleichzeitig stellten wir auch fest, dass selbst die kleinsten Kinder an Covid-19 erkranken können. Daher wollten wir einen Impfstoff haben, der bei Erwachsenen und bei Kindern funktioniert und sicher ist.“

In den westlichen LĂ€ndern steigen heute die Neuinfektionen in der jĂŒngeren Bevölkerung tatsĂ€chlich an, was auch schon zu neuen Schließungen von Schulklassen in Deutschland, Italien und anderen LĂ€ndern gefĂŒhrt hat. In den Vereinigten Staaten beispielsweise machten Kinder 25,1% der wöchentlich gemeldeten Covid-19-FĂ€lle im November 2021 aus. In Italien finden aktuell ĂŒber 30% der neuen Corona-FĂ€lle bei MinderjĂ€hrigen statt, besonders stark sind Kinder zwischen 6 und 11 Jahren betroffen. Viele westliche LĂ€nder – allen voran die USA und Italien, aber auch andere LĂ€nder der EuropĂ€ischen Unionen – wollen noch vor Ende 2021 mit der Impfung von MinderjĂ€hrigen beginnen.

Kuba hat auch diesbezĂŒglich also Pioniercharakter: Erstens wurde ein Impfstoff gegen Sars-Cov-2 auf der Grundlage von bereits bei Kleinkindern eingesetzten Impfstoffen entwickelt, was gesundheitliche Nebeneffekte und Problematiken der neuen Impfung praktisch auf Null reduziert hat und das Vertrauen der Eltern in den neuen Impfstoff stĂ€rkte; zweitens wurde von Beginn an die gesamte Bevölkerung – also auch Kinder – in die Impfkampagne integriert, was angesichts der neusten Entwicklungen der Pandemie als zukunftsweisend bezeichnet werden kann.

Internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Pandemie

„Der kubanische Impfstoff und seine Impfkampagne sind nicht das Ergebnis eines Wunders, sondern die Folge politischer Entscheidungen“, sagt Fabrizio Chiodo. Er ist ein italienischer Wissenschaftler, der mit dem kubanischen Finlay-Institut bei der Entwicklung des Impfstoffs zusammenarbeitet und die klinische Zusammenarbeit zwischen Kuba und Italien begleitet. Er fĂŒgt hinzu: „Wenn wir heute im weltweiten Kampf gegen die Pandemie auf Kuba und seine Impfstoffproduktion blicken, dann deshalb, weil Kuba bei der Entwicklung eines öffentlichen Gesundheitssystems und einer öffentlichen biotechnologischen Forschung visionĂ€r war.“ [2]

In der Tat ist die Frage nach einem öffentlichen oder privaten Gesundheitssystem nicht nur eine ideologische Frage. Die kleine Karibikinsel, die seit mehr als 60 Jahren unter einer Wirtschafts- und Handelsblockade steht, war in der Lage, in kĂŒrzester Zeit drei Impfstoffe und zwei Impfstoffkandidaten zu entwickeln. Und dies deshalb, weil sich Kuba nicht der Logik multinationaler Konzerne und der Big Pharma unterwarf, sondern seit Jahrzehnten schon in ein öffentliches Gesundheits- und Bildungssysteme investiert, die erstklassige FachkrĂ€fte garantieren.

Mitte September 2021 – kurz nach Beginn des Impfprogramms auf der Insel – hat Kuba die Zulassung seines Impfstoffes bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beantragt. FĂŒr die internationale Anerkennung von Soberana hat sich die kubanische Regierung bewusst gegen einen Zulassungsantrag bei der EuropĂ€ischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und der us-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) entschieden. Die Ablehnung des chinesischen Sinovac- und des russischen Sputnik-Impfstoffes durch EMA und FDA sind ein Beweis dafĂŒr, dass diese Agenturen politische Entscheidungen treffen. In der Perspektive einer globalen Kooperation gegen die Pandemie wird in Kuba jedoch ausschließlich die WHO als multilaterales, neutrales Organ anerkannt.

Kubas Umgang mit der Covid-19-Pandemie ist also eine Lektion fĂŒr die ganze Welt: Sie stellt die Gesundheit der Menschen vor private Profite, fördert die internationale Zusammenarbeit und lehnt Handelskriege zwischen Staaten und multinationalen Konzernen strikt ab. Es wĂ€re daher ein fataler Fehler, die kubanischen Erfahrungen im Hinblick auf einen global vereinten Kampf gegen Covid-19 unberĂŒcksichtigt zu lassen.


Anmerkungen:

[1] Die ReaktogenitĂ€t eines Impfstoffes bezeichnet „das Ausmaß und die klinische Bedeutsamkeit der – nach Gabe eines bestimmten Impfstoffs – zu erwartenden Impfreaktion.“ ImmunogenitĂ€t hingegen bezeichnet „die Eigenschaft eines Stoffes, im tierischen oder menschlichen Körper eine als Immunantwort bezeichnete Reaktion des Immunsystems auszulösen.“

[2] Ende der 1980er, Anfang der 1990er-Jahre – geplagt von der 1960 von den USA auferlegten Handelsblockade gegen die karibische Insel und geschwĂ€cht durch die Auflösung der Sowjetunion, dem wichtigsten Handelspartner Kubas (rund 80% aller Produkte wurden von der UdSSR importiert) – traf die damalige Regierung von Fidel Castro Ruz in dieser Hinsicht visionĂ€re politische Entscheidungen: Mitten in der wegen ihren Erschwernissen als perĂ­odo especial (Sonderperiode) bezeichneten Periode ab 1990 wurde massiv in die Biotechnologie investiert mit dem Ziel, eine gesundheitspolitische UnabhĂ€ngigkeit zu erlangen, bestimmte auf Kuba vorherrschende Krankheiten komplett zu eliminieren und Zentrum des internationalen Gesundheitstourismus zu werden.




Quelle: Revoltmag.org