Oktober 7, 2021
Von InfoRiot
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Prozess gegen Ex-KZ-Wachmann

Der letzte TĂ€ter, die letzten Zeugen

07.10.21 | 14:46 Uhr

Josef S. werden mehr 3.500 Tote direkt angelastet, zahlreiche weitere Menschen seien mit seinem Wissen ermordet worden. Der Prozess gegen den 100-JĂ€hrigen ist in mehrfacher Hinsicht einmalig. Einblicke in einen der letzten großen Nazi-Prozesse. Von Sebastian Schöbel

“Können Sie mich hören?” Richter Udo Lechtermann beugt sich in Richtung des Mikrofons und fragt noch einmal: “Können Sie mit gut hören?” Der Angeklagte Josef S., ein dĂŒnner, weißhaariger, alter Herr, lĂ€sst sich von seinem Anwalt ein Paar Kopfhörer aufsetzen. “Ein bisschen zu laut”, meldet er schließlich zurĂŒck. Die Techniker senken die LautstĂ€rke etwas, nach ein paar weiteren Versuchen sind alle zufrieden.

Josef S., 100 Jahre alt und angeklagt wegen der Beihilfe zu mindestens 3.518 Morden im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, tut, wie ihm geheißen. Kurz zuvor war er sich noch mit einer Gehhilfe zu seinem Platz geschlurft, sein Anwalt hielt ihm eine blaue Mappe vors Gesicht, wegen der Pressefotografen.

Nun lauscht er aufmerksam den Fragen des Richters. “Josi” sei sein Spitzname gewesen, und im November werde er 101 Jahre alt, berichtet S. mit einem LĂ€cheln. Richter Lechtermann nickt freundlich. “Herr S., Sie können dann jetzt die Maske abnehmen.”

Verhandlung in GefÀngnisturnhalle

Der Horror, um den es in diesem Prozess des Landgerichts Neuruppin geht, entfaltet sich nicht sofort. Ein schwÀchlicher Rentner sitzt an einem hellen Holztisch inmitten eines mit StellwÀnden improvisierten Gerichtssaals.

Der Boden der Sporthalle der JVA Brandenburg ist mit grauen Fliesen ausgelegt, rund 50 Medienvertreter und knapp zwei Dutzend Besucher sitzen auf Abstand hinter einer Barriere, hinter der Richterbank prangt eine große Flagge mit dem roten Adler Brandenburgs. Der Spielstandsanzeiger des lokalen Handballvereins hĂ€ngt ausgeschaltet an der Wand.

In diesem unscheinbaren Raum am Rande von Brandenburg an der Havel soll in den kommenden Wochen ein Prozess verhandelt werden, der “historisch wohl einmalig” ist, so Richter Lechtermann, ein “Verfahren von herausragender Bedeutung fĂŒr die Bundesrepublik Deutschland”. Tonaufnahmen werden angefertigt, fĂŒr die historischen Archive.

Denn Josef S. wird wohl der letzte Mensch sein, der sich fĂŒr die Verbrechen im KZ Sachsenhausen verantworten muss. Seine Personalakte fand man im Staatlichen MilitĂ€rarchiv Moskau.

Prozess fĂŒr die GeschichtsbĂŒcher

Die allermeisten anderen TĂ€ter sind lĂ€ngst tot – genauso wie die allermeisten Überlebenden dieser Hölle von Oranienburg. Man sei “in den letzten Jahren der Verfolgung von NS-Straftaten”, hatte der Jurist Thomas Will jĂŒnst dem rbb gesagt.

Der im litauischen Mariampol geborene S. soll zwischen Anfang 1942 und Anfang 1945 als Wachmann im Hauptlager gedient haben, als Mitglied der berĂŒchtigten SS-TotenkopfverbĂ€nde. Am Ende des Krieges hatte er sich zum SS-RottenfĂŒhrer hochgedient, ein Mannschaftsdienstgrad. Dabei sei er Teil des “TötungsrĂ€derwerks” im KZ gewesen, sagt Oberstaatsanwalt Cyrill Klement bei der Anklageverlesung.

Was folgt ist eine Liste beinahe unaussprechlicher Grausamkeiten: In Sachsenhausen wurden Menschen mit Zyklon B vergast, zu Tode gearbeitet, gezielt dem Hunger- oder KĂ€ltetod ausgeliefert, oder in fabrikĂ€hnlichen Erschießungsanlagen wie Vieh abgeschlachtet – von SchĂŒtzen, die sich sogar noch feige hinter Blenden und Schießscharten versteckten.

Helfer der Massenmörder

S. hat als Wachmann all diese GrĂ€ueltaten mit möglich gemacht, die Opfer an der Flucht gehindert und den Mördern zugefĂŒhrt, so Oberstaatsanwalt Klement. 3.518 Tote könne man ihm direkt anlasten, die Zehntausenden anderen Menschen, die in Sachsenhausen ermordet wurden, habe er zumindest moralisch mit zu verantworten. MĂ€nner wie er waren Helfer – wenn nicht sogar selbst TĂ€ter, wenn sie die HĂ€ftlinge stundenlang in EiseskĂ€lte oder strömendem Regen im Freien antreten ließen oder auf TodesmĂ€rsche hetzten. “Das Lagerpersonal beschleunigte das Sterben”, so Klement.

Josef S. verfolgt Klements Anklage offenbar genau, wendet sich gelegentlich seinem Anwalt zu, schĂŒttelt ein paar Mal den Kopf. Sagen will er zu den VorwĂŒrfen jedoch nichts. Lediglich ĂŒber sein eigenes Leben wolle er berichten, teilt sein Anwalt mit.

“Ich habe das erwartet”, sagt Leon Schwarzbaum mit schwacher Stimme, als der Richter nach zwei Stunden die Verhandlung beendet. LĂ€nger ist S. nicht verhandlungsfĂ€hig. Schwarzbaum hat den Holocaust ĂŒberlebt, viele seiner Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Er selbst ist heute ebenfalls 100 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl. “NatĂŒrlich bin ich enttĂ€uscht”, flĂŒstert er noch. Dann sinkt er mĂŒde in den Stuhl zurĂŒck.

Anwalt der Nebenklage hofft auf Aussage von S.

Rechtsanwalt Thomas Walther gibt sich nach dem ersten Verhandlungstag optimistisch. Dass S. nicht sprechen wolle, habe ihn nicht ĂŒberrascht. Aber dass S. ĂŒberhaupt erschienen ist, sei schon ein Erfolg. Nun hoffe er, so Walther, dass beim Angeklagten noch ein Umdenken einsetzt, möglicherweise durch “Altersweisheit”, und dass er sich doch noch zu seiner Zeit als KZ-Wachmann Ă€ußert. “Vielleicht kommt so ein Mann in so einer Lebensphase zu einer Einsicht,” sagt Walther.

Antoine Grumbach reicht das nicht. Der bekannte französische Architekt verlor seinen Vater in Sachsenhausen. Heute ist er 79, im Prozess gehört er zu den 16 NebenklĂ€gern aus fĂŒnf LĂ€ndern. Grumbach will, dass S. ein GestĂ€ndnis ablegt. “Er ist ein Komplize”, sagt er rbb|24. “Er kam aus Litauen und wollte zur SS, unbedingt.” Immer wieder wendet er sich beim Sprechen ab, seine Stimme stockt, als kĂ€mpfe er mit der Verzweiflung. Seine Wut richte sich nicht nur gegen die Nazis, so Grumbach, sondern auch gegen den deutschen Staat. “Die TĂ€ter wurden jahrelang nicht vor Gericht gestellt. Nun sind sie alle tot. Das hier hĂ€tte viel frĂŒher passieren mĂŒssen.” Aber gerade jetzt, wo “Faschisten ĂŒberall wieder auftauchen”, sei dieser Prozess dennoch wichtig, sagt Grumbach.

Bekannter Rechtsextremist im Gerichtssaal

Als Grumbach das sagt, steht wenige Meter hinter ihm der bekannte Rechtsextremist und Antisemit Nikolai Nerling, alias “Der Volkslehrer”, auf und verlĂ€sst den Gerichtssaal. Er war als Prozessbeobachter hier, spĂ€ter berichtet er seinen AnhĂ€ngern im Netz ĂŒber den Verhandlungstag.

Noch 21 weitere Verhandlungstage sind fĂŒr den Prozess gegen Josef S. geplant. Ein Urteil soll Anfang des kommenden Jahres gesprochen werden.

Korrektur-Hinweis: In einer frĂŒheren Version dieses Textes hieß es, Josef S. werde “wohl der einzige Mensch sein, der sich fĂŒr die Verbrechen im KZ Sachsenhausen verantworten muss”. Richtig ist: S. wird wohl der letzte Mensch sein, der sich fĂŒr die Verbrechen in Sachsenhausen verantworten muss. Der historisch einzige ist er indes nicht. So stand 1947 in Berlin im sogenannten Sachsenhausen-Prozess ehemaliges Lagerpersonal vor einem sowjetischen MilitĂ€rgericht. In den 1960er Jahren fanden zudem in Ost- und Westdeutschland weitere Prozesse in Zusammenhang mit den Verbrechen im KZ Sachsenhausen statt.

Sendung: Brandenburg aktuell, 07.10.2021, 19:30 Uhr




Quelle: Inforiot.de