Februar 19, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Es war in den 1970er Jahren, als das Kollektiv des Libertad Verlags und das Verlegerpaar Karin und Bernd Kramer sich gemeinsam das Foto Kropotkins auf dem Cover einer BroschĂŒre der Reihe „anarchistische texte“ ansahen. Irgendjemand rief, dass dieser ja wie der liebe Gott aussehen wĂŒrde! Darauf entgegnete Bernd, dass der ja auch der liebe Gott sei!

Wir lachten alle einmal mehr ĂŒber seine satirischen Anwandlungen. Alle verstanden sein Bonmot aber auch als besondere WertschĂ€tzung Kropotkins und des kommunistischen Anarchismus‘, die damals zu Zeiten der antiautoritĂ€ren Revolte in der Anarchoszene bestand. Seine PopularitĂ€t bei den Junganarchos speiste sich aus dem grĂ¶ĂŸeren humanistischen Mehrwert, den sein kommunistischer Anarchismus versprach, gegenĂŒber dem Marx’schen – aber auch Bakunin’schen – Kollektivismus, der uns zu sehr dem bĂŒrgerlichen Leistungsprinzip verhaftet schien. Der Anarchismusforscher Heinz Hug bemerkt, dass Kropotkin der anarchistische Theoretiker sei, dessen Gedanken ĂŒber die anarchistische Bewegung hinaus (nicht nur) in der Arbeiterbewegung am meisten verbreitet seien.(1) Sein guter Ruf ist auch eine Folge der authentischen Lebenspraxis eines LibertĂ€ren, der ein ĂŒberaus kreativer und charismatischer Mensch gewesen sein muss: Ein Angehöriger des russischen Hochadels, dem die Karriere fĂŒr eine MilitĂ€rlaufbahn schon mit in die Wiege gelegt schien, der sich dann aber fĂŒr ein individuelles und interessengeleitetes Leben als Geograf, Reisender, revolutionĂ€rer Philosoph und politischer Autor entschieden hat.

Aus Naturbeobachtungen auf ausgedehnten Reisen (4) und wissenschaftlichen Studien zieht Kropotkin den Schluss, dass Gesellschaftlichkeit und solidarisches Zusammenwirken allgemeine Konstanten in der Entwicklung der Arten schlechthin sind. Keine Entwicklung innerhalb derselben Art gehe auf Perioden gegenseitigen Kampfes zurĂŒck – im Gegenteil – sondern sei das Ergebnis der Erfahrung von Kooperation und einer damit einhergehenden Moral.

Ökologie und Tierrechte

Kropotkins Perspektive der konstruktiven Entwicklungsgrundlagen sozialen Lebens von Tieren und Menschen wirkt geradezu modern. Sein undogmatischer Blickwinkel einer auf Beobachtung und Glaubensfreiheit beruhenden vergleichenden Methode besitzt aktuelle Relevanz im Bereich der Ökologie- und Tierrechtsbewegung. Heutzutage ist das Wissen ĂŒber den Zusammenhang von Klimawandel, Ausbeutung der Naturressourcen, dem RĂŒckzug von Flora und Fauna auf schwindende NaturrĂ€ume und steigendem Druck auf die sozial Schwachen weit verbreitet. Medienberichte ĂŒber den Kontext von Umweltzerstörung, Fleischkonsum und daraus entwickelter Virusmutationen zeigen allen die DestruktivitĂ€t tradierter Wirtschafts- und ErnĂ€hrungsweisen auf. Der im Corona-Lockdown geĂŒbte Verzicht auf gewohntes Freizeit- und Konsumverhalten zwingt zum Nachdenken ĂŒber Alternativen. JĂŒngste solidarische Selbsthilfeinitiativen in der Coronapandemie bilden den Hintergrund einer Chance der ÜberprĂŒfung eines extrem konsumeristischen Gesellschafts- und Lebensmodells. In Kropotkins Schriften „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (2) und „Anarchistische Moral“ (3) werden die Formen von Geselligkeit, SolidaritĂ€t und Empathie menschlicher und tierischer Gesellschaften analysiert und verglichen. Aus Naturbeobachtungen auf ausgedehnten Reisen (4) und wissenschaftlichen Studien zieht Kropotkin den Schluss, dass Gesellschaftlichkeit und solidarisches Zusammenwirken allgemeine Konstanten in der Entwicklung der Arten schlechthin sind. Keine Entwicklung innerhalb derselben Art gehe auf Perioden gegenseitigen Kampfes zurĂŒck – im Gegenteil – sondern sei das Ergebnis der Erfahrung von Kooperation und einer damit einhergehenden Moral.

Moralisches Handeln

Kropotkin stellt dazu folgendes fest: „Die Moral, die sich aus den Beobachtungen des gesamten Tierreichs entwickelt und welche um vieles die der Christen ĂŒbertrifft, kann man so resĂŒmieren: ‚Tue den anderen, was du willst, das dir in Ă€hnlichen UmstĂ€nden zu teil wird‘, und sie fĂŒgt bei: ‚Es ist bloß ein Rat, den ich dir gebe, aber ein Rat, der die Frucht langer Lebenserfahrungen der in Gesellschaft lebenden Tiere ist; und bei der unendlichen Masse gesellschaftlicher Tiere, den Menschen mit einbegriffen, ist das Handeln nach diesem Prinzip zur Gewohnheit geworden. Ohne diesen Faktor könnte ĂŒbrigens keine Gesellschaft fortbestehen, keine Rasse (5) könnte all die natĂŒrlichen Hindernisse ĂŒberwinden, gegen welche sie zu kĂ€mpfen hat.‘“ (6)

An Kropotkins BegrĂ€bnis am 13. Februar 1921 in Moskau nahmen tausende russischer Anarchist*innen teil, die fĂŒr einen Tag aus dem GefĂ€ngnis freigelassen wurden. Es war das letzte AufbĂ€umen der anarchistischen Bewegung in der Sowjetunion. Viele verloren im real existierenden Kommunismus ihr Leben in den Gulags. Das terroristische Selbstbehauptungsregime Ă  la Lenin und Stalin mĂŒndete schließlich im Bankrott des Realsozialismus. Der Realkapitalismus hat uns die Notwendigkeit seines Endes angesichts der Klimakatastrophe aufgezeigt. Mit Kropotkin kann der Schluss gezogen werden, dass nur Empathie und SolidaritĂ€t mit Anderen – Menschen und Tieren –, unter Einbeziehung konstruktiver Kritik und revolutionĂ€ren Handelns, das Überleben von Mensch und Tier und den Erhalt der natĂŒrlichen Grundlagen sichern kann.




Quelle: Graswurzel.net