April 6, 2021
Von Autonomie Magazin
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Von David Swanson

WĂ€hrend wir ein weiteres Mal den Jahrestag des UnabhĂ€ngigkeitskrieges (1919-1921) begehen, ist es unsere kollektive Pflicht, das legitime Erbe der Teilnehmer und Ereignisse zu bewahren, die das nationale Wiedererwachen der antikolonialen GefĂŒhle in ganz Irland festigten. Um dies zu tun, mĂŒssen wir damit beginnen, eine akkurate Darstellung dieser kritischen Periode zu formulieren, die den kollektiven Kampf des Volkes in den Mittelpunkt stellt und seine Lehren in den Vordergrund rĂŒckt, damit sie unser heutiges Handeln leiten können. Die AktivitĂ€ten und Folgen des Osteraufstands von 1916 legten die ideologischen Bruchlinien des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus offen, der von der Irish Parliamentary Party (IPP) verkörpert wurde, mit der Folge, dass sich lokale Gemeinden auf der ganzen Insel zur Rebellion erhoben und sich entschlossen selbst organisierten, fĂŒr eine nationale Befreiung, die Hand in Hand ging mit der Emanzipation der Arbeiter.

Der Limerick-Sowjet im April wurde zur Verkörperung dieses neu entdeckten Ehrgeizes, der sich Anfang 1919 ĂŒber Irland ausbreitete. Er etablierte sich als Symbol des Widerstands, das auf der ganzen Insel und bei zukĂŒnftigen Generationen Widerhall finden sollte.


Da sich im Nachgang des Osteraufstand radikale Ideen verbreiteten, verschĂ€rften sich die Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und der Kolonialverwaltung. Der populĂ€re Syndikalismus und das nationale Bewusstsein der Irish Citizen’s Army (ICA) und der Irish Transport General Workers Union (ITGWU) bereiteten den Weg fĂŒr das Sinn FĂ©in Wahlmandat vom Januar 1919. Die nachfolgende Öffnung des DĂĄil Éireann und die GrĂŒndung der provisorischen Regierung, war mit ihrem Demokratischen Programm und den darin enthaltenen radikal-ökonomischen Versprechungen eine direkte Herausforderung fĂŒr das Empire. Die Beseitigung des Einflusses der IPP auf die nationalen Bestrebungen, in Verbindung mit einem neu entdecktem Klassenbewusstsein, bewirkten eine deutlichere Opposition gegen alle Aspekte der kolonialen MachtausĂŒbung. Verflochten war dies mit den von Gewerkschaftern und politischen ReprĂ€sentanten gefĂŒhrten lokalen Kampagnen, die darauf bedacht waren die Fehler eines Dublin zentrierten Ansatzes zu vermeiden, der in der jĂŒngsten Vergangenheit zu vielen Fehlern gefĂŒhrt hatte.

Bei der Einberufung des neuen Parlaments brachen die Spannungen in einen regelrechten Krieg aus. FrĂŒhere Kader der ICA, die sich jetzt anderen Organisationen verpflichtet hatten, begannen eine straff organisierte SolidaritĂ€tsbewegung mit der provisorischen Regierung zu koordinieren; gleichzeitig weigerten sich Mitglieder der ITGWU, Kolonialtruppen und deren Versorgung im öffentlichen Eisenbahnnetz zu transportieren. Die Reaktion innerhalb Limericks auf den Ausbruch des Krieges war ein dramatisches Beispiel fĂŒr diese koordinierte nationale Kampagne in Aktion: als der berĂŒhmte Gewerkschafter Robert Byrne und ihn umgebende OrtsansĂ€ssige wegen Landfriedensbruch von der Royal Irish Constabulary (RIC) verhaftete wurden, legten die Arbeiter spontan ihre Arbeit nieder. WĂ€hrenddessen beteiligten sich die Verhafteten an einer Kampagne des organisierten Ungehorsams, die aus einem Hungerstreik und der Forderung nach einem neuen politischen Status bestand.

Weil die Nationalverteidigung des DĂĄil Éireann weiterhin glaubwĂŒrdige Siege gegen die Kolonialtruppen errang, fĂŒhlten sich die lokalen Truppen in Limerick bei ihrem andauernden Versuch ermutigt, die Kontrolle ĂŒber die Stadt zu erlangen. Das militante Beispiel des Industriesyndikalismus hielt weiterhin gegen koloniale Strafgesetzgebungsmaßnahmen wie den Defence of the Realm Act (DORA) stand, der prominente republikanische FĂŒhrer ohne Prozess ins GefĂ€ngnis brachte. Anfang April war die lokale FĂŒhrung selbstbewusst genug, um Rober Byrne aus dem GefĂ€ngnis zu retten. Der Befreiungsversuch im Schutze der Dunkelheit am 6. April, wurde zum Dreh- und Angelpunkt der lokalen Kampagne der Stadt im Kampf gegen die Besatzung: als RIC-Beamte die Retter aus dem Hinterhalt angriff, geriet Byrne ins Kreuzfeuer und wurde tödlich verwundet. WĂ€hrend (erfolglos) behördlich versucht wurde, mit den DORA-Strafgesetzgebungsmaßnahmen als Mittel, eine Beerdigung mit vollen militĂ€rischen Ehren zu verhindern, verbreitete sich die Nachricht vom Tod Byrnes in der Stadt und die Spannungen nahmen weiter zu. Als es trotz der juristischen Untersuchung zu den UmstĂ€nden von Byrnes Tod zu massenhaftem zivilen Ungehorsam kam, erklĂ€rten die lokalen Kolonialbehörden am 13. April Limerick zur Special Military Area (SMA). Inmitten des Aufschwungs gewerkschaftlicher Rekrutierung, wurde die Stadt unter dem Kommando der Kolonialbehörden abgeriegelt und alle ohne staatliche PĂ€sse, wurden daran gehindert die Stadt zu betreten oder zu verlassen. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen FreiwilligenverbĂ€nden wurde zunehmend erschwert.

Im Zuge des eskalierenden Konflikts zwischen dem Kolonialstaat und der stĂ€dtischen Bevölkerung innerhalb Limericks, rief der United Trades and Labour Council, als Reaktion auf die SMA, zu einem Generalstreik in allen Branchen in der Stadt auf. Bis zu diesem Punkt waren Arbeitsniederlegungen und Streikposten zumeist eine spontane Entscheidung, die Notwendigkeit zur Disziplin, wurde nun zu einer zentralen Komponente des Widerstand gegen die imperialen KrĂ€fte. James Connollys Vision einer Arbeiterklasse die ihre Geschicke in die eigene Hand nimmt, trug nun FrĂŒchte im Industriestandort Limerick. Ein durch die verschiedenen Gewerkschaftszweige in der Stadt, demokratisch gewĂ€hltes Streikkomitee, organisierte im Kampf um die kollektive WĂŒrde und die Kontrolle der Stadt, einen Massenauszug aus den ArbeitsstĂ€tten. Um den Streik aufrechtzuerhalten, wurde die Produktion lebensnotwendiger GĂŒter vom Streikkomitee geregelt; die Verteilung von Nahrungsmitteln und der Grundversorgung wurde zentral geplant um das individuelle Horten zu verhindern. Die offizielle Zeitung des Streikkomitees, The Worker’s Bulletin, wurde in der ganzen Stadt veröffentlicht und verteilt, um die Propaganda der reaktionĂ€ren Presse und des Klerus zu bekĂ€mpfen. Eine lokale WĂ€hrung wurde eingefĂŒhrt um die Regulierung der Produktion und der Preise zu ermöglichen. Als sich die Nachrichten ĂŒber den Erfolg in Limerick auf die Insel verbreiteten, wuchs die nationale UnterstĂŒtzung – was der Limerick-Sowjet begrĂŒĂŸte. Arbeiter der ITGWU weigerten sich konstant die Produkte von Streikbrechern zu transportieren, wĂ€hrend die GAA (Gaelic Athletic Association) vier Football und Hurling Spitzenliga-Spiele organisierte, um Gelder fĂŒr die Kasse des Streikkomitees zu sammeln.

Mehr als zwei Wochen lang wurde Limerick zu einem leuchtenden Beispiel fĂŒr kommunalen Widerstand gegen die anarchischen Launen einer kolonialen Besatzung, die wild entschlossen war, die politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten Irlands zu ihrem eigenen imperialen Nutzen zu beherrschen.

WĂ€hrend der Druck der karrieristischen Abweichler (dieselben, die schließlich die reaktionĂ€re parlamentarischen Strukturen im Nachkriegsirland stĂŒtzen sollten) die BemĂŒhungen des Sowjets zum Stillstand brachten, wurde das Beispiel wĂ€hrend des UnabhĂ€ngigkeitskriegs ĂŒberall auf der Insel kopiert. Diese vergessene Revolution, begraben durch zeitgenössische Bildungsprogramme und klerikale Propaganda, dient dazu, uns daran zu erinnern, dass der Sozialismus kein „auslĂ€ndischer Import“ ist, der den irischen Ufern fremd ist, sondern untrennbar in das Gewebe unserer laufenden Kampagne fĂŒr nationale Befreiung eingeflochten ist. Eine militante Gewerkschaftsstrategie, die von einer starken politischen FĂŒhrung unterstĂŒtzt und von syndikalistischen Zielen untermauert wird, kann die soziale und wirtschaftliche WĂŒrde der irischen BĂŒrger sichern und stellt ein legitimes Mittel des Widerstands gegen den anhaltenden Karneval der Reaktion dar, den der globale Kapitalismus veranstaltet. Trotz seiner kurzen Existenz ist das Beispiel des Limerick-Sowjets eines, das es verdient, dass man darĂŒber nachdenkt, sowohl ĂŒber seinen Status als Symbol des Heroismus der irischen Arbeiterklasse als auch als Erinnerung daran, dass die Iren und in der Tat die Arbeiter aller Nationen niemals wirklich frei sein können, bis die Arbeiterklasse alles besitzt, vom Pflug bis zu den Sternen.


David Swanson betreibt den Radical Reflections-Podcast, unter @RadReflections auf Twitter und online unter radicalreflections.co.uk.

Der Text wurde zuerst in der Ausgabe #2 des Peace, Land & Bread Magazins veröffentlicht. Das Magazin findet ihr auch hier auf Twitter.

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Quelle: Autonomie-magazin.org