Mai 31, 2022
Von InfoRiot
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FĂŒr seine Arbeit ist der Historiker Stephan Malinowski mit dem Sachbuchpreis geehrt worden. Er forscht zum Nationalsozialismus.

Der Historiker Stephan Malinowski steht an einem Lesepult mit der Aufschrift "Deutscher (Sachbuchpreis 2022)".

Stephan Malinowski erhĂ€lt den Deutschen Sachbuchpreis 2022. Der in Edinburgh lehrende Historiker wird damit fĂŒr sein Werk „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“ geehrt. Es zeichne „sich durch stringente Argumentation und souverĂ€ne Quellenkenntnis aus“, sagte die Jury des Buchpreises am gestrigen Abend in Berlin bei einem Festakt im Beisein von Staatsministerin Claudia Roth.

Der 1966 in Berlin geborene Malinowski sei ein glĂ€nzender ErzĂ€hler. Er belege eindrucksvoll, wie sehr das 1918 gestĂŒrzte preußische Herrscherhaus an der Zerstörung der Demokratie von Weimar sowie der Etablierung des nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland 1933 mitgewirkt hat.

Im Zentrum einer Auseinandersetzung

TatsĂ€chlich ist der Historiker Malinowski in den letzten Jahren mehr und mehr ins Zentrum einer Auseinandersetzung geraten, die die Erben des 1918 gestĂŒrzten preußischen Herrscherhauses forcierten. Diese verlangen EntschĂ€digungen von Bund und LĂ€ndern in Millionenhöhe.

Der Hochadel fordert RĂŒckerstattungen und Ausgleich fĂŒr Enteignungen, die in der sowjetisch verwalteten Zone und der DDR nach 1945 getĂ€tigt wurden. Nach einem Gesetz von 1994 haben Enteignungen jedoch ĂŒber das Ende der DDR hinaus Bestand – sofern die frĂŒheren Besitzer dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland besonderen Vorschub leisteten.

Hinter den Kulissen opponierten die Hohenzollern und ihr heutiger VerhandlungsfĂŒhrer Georg Friedrich Prinz von Preußen dagegen. Der belastete Hochadel durfte im Westen nach 1945 das Vermögen grĂ¶ĂŸtenteils behalten. Nun sollte es auch im Osten so sein. Prinz von Preußen gab von ihm bezahlte Gutachten in Auftrag, die seine braunen Vorfahren weißwaschen sollten.

Begeisterte NS-Claqueure

Zumindest so weiß, dass sie als minderbelastete NazimitlĂ€ufer durchgehen konnten. Allen voran der Kronprinz, der Sohn des letzten deutschen Kaisers, der als Erbfolger im Zentrum der historisch-juristischen Bewertung steht. Das Problem: Kronprinz, Frau und Kinder waren begeisterte NS-Claqueure, wie sich in zahlreichen Text- und Bilddokumenten belegen lĂ€sst. Sofern man sie heute noch auffindet.

Die Hohenzollern-Erben durften anfangs auf einen dĂŒrftig erscheinenden Forschungsstand setzen. Doch bereits 2014 stellte Malinowski als SachverstĂ€ndiger des Landes Brandenburg, gestĂŒtzt auf Akten- und Archivfunde, fest: „Wilhelm Kronprinz von Preußen hat durch sein in großer Stetigkeit erfolgtes Handeln die Bedingungen fĂŒr die Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes verbessert. Sein Gesamtverhalten hat der Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes erheblich Vorschub geleistet.“

Als er die Forschungsergebnisse 2015 in der Zeit publizierte, den Streit öffentlich machte, gingen die Hohenzollern juristisch gegen ihn vor. Sie versuchen seither die öffentliche Debatte um ihre Rolle juristisch einzuhegen. Historiker, Journalisten und MedienhĂ€user wurden in fĂŒr die Bundesrepublik beispielloser Weise juristisch bedroht.

Eine ĂŒberzeugende Antwort

Mit letztlich mĂ€ĂŸigem Erfolg. Dank dem Engagement einzelner Historiker wie Stephan Malinowski dĂŒrfte der Versuch gescheitert sein, die postfaschistische deutsche Geschichtsschreibung zum Vorteil einiger weniger umzudefinieren. Das nun ausgezeichnete Werk „Die Hohenzollern und die Nazis“ werden auch Juristen zu Rate ziehen, die sich in absehbarer Zeit vor Gerichten mit den Forderungen der Hohenzollern beschĂ€ftigen werden. Die abschließende juristische KlĂ€rung steht ja noch aus, sollte aber dank der von Malinowski auf 754 Seiten zusammengetragenen Quellenlage eindeutig sein.

Wie sagte Malinowski der taz doch im Interview zum Jahreswechsel: „Als prominent hervorgehobene Figur hat der frĂŒhere Kronprinz dem Vormarsch der NS-Bewegung konsequent Vorschub geleistet. Wie auch seine Ehefrau, die meisten seiner BrĂŒder, sein Vater und andere Mitglieder dieser Familie, wie auch zeitweise sein Sohn Louis Ferdinand. Sie alle haben den Nationalsozialismus öffentlich sowie im internen Bereich des rechten Milieus massiv befördert. Das lĂ€sst sich durch viele Dokumente belegen.“

Malinowskis Buch „gibt eine ĂŒberzeugende Antwort,“ so die Jury des Deutschen Sachbuchpreises, „auf die Restitutionsforderungen der Hohenzollern und verteidigt zugleich die Wissenschaftsfreiheit gegen WiderstĂ€nde“.




Quelle: Inforiot.de