Oktober 11, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen unterstĂŒtzen.

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Lorenzo Kom’boa Ervin

„Umgekehrte Diskriminierung“ ist zum Schlachtruf all jener Rassist*innen geworden, die versuchen, die Errungenschaften der BĂŒrger*innenrechte, die Schwarze und andere unterdrĂŒckte NationalitĂ€ten in den Bereichen Wohnen, Bildung, Arbeit und in jedem Aspekt des sozialen Lebens errungen haben, zurĂŒckzudrĂ€ngen. Die Rassist*innen haben das GefĂŒhl, dass diese Dinge nur weißen MĂ€nnern zustehen sollten und dass „Minderheiten“ und Frauen sie den weißen MĂ€nnern wegnehmen. Millionen von weißen Arbeiter*innen werden tagtĂ€glich mit dieser rassistischen Propaganda bombardiert, und sie hat große Auswirkungen. Viele Weiße glauben an diese LĂŒge der umgekehrten Diskriminierung von Weißen. Dieser Glaube wird von vielen weißen Arbeiter*innen angenommen, die die „umgekehrte Diskriminierung“ zumindest teilweise fĂŒr die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich machen, unter denen so viele von ihnen heute leiden. Solche Überzeugungen trieben Ronald Reagan zu seinen zwei Amtszeiten als US-PrĂ€sident. Reagan versuchte, diese rassistische Propagandalinie zu nutzen, um die Errungenschaften der BĂŒrger*innenrechte der unterdrĂŒckten NationalitĂ€ten zurĂŒckzudrĂ€ngen.

Die Rassist*innen behaupten, das Konzept der umgekehrten Diskriminierung suggeriere, dass die pauschale Diskriminierung von Schwarzen und anderen racial unterdrĂŒckten Gruppen ein Schwindel sei. Grob gesagt ist die Idee, dass die Verabschiedung des BĂŒrger*innenrechtsgesetzes von 1964 die Diskriminierung von Schwarzen, Latinx und anderen NationalitĂ€ten sowie Frauen beendete und das Gesetz nun die Weißen diskriminiert. Die Rassist*innen sagen, dass raciale Minderheiten die neuen privilegierten Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft sind. Sie bekommen angeblich die besten Jobs, bevorzugte CollegeplĂ€tze, die besten Wohnungen, staatliche ZuschĂŒsse und so weiter auf Kosten der weißen Arbeiter*innen. Die Rassist*innen sagen, dass Programme zur Beendigung der Diskriminierung nicht nur unnötig sind, sondern tatsĂ€chlich Versuche von Minderheiten sind, auf Kosten der weißen Arbeiter*innen Macht zu erlangen. Sie sagen, Schwarze und Frauen wollen keine Gleichheit, sondern die Hegemonie ĂŒber weiße Arbeiter*innen.

Eine anarchistische, antirassistische Bewegung wĂŒrde solcher Propaganda entgegentreten und sie als Waffe der herrschenden Klasse entlarven. Der Civil Rights Act hat keine Inflation durch „exzessive“ Ausgaben fĂŒr Sozialhilfe, Wohnraum oder andere soziale Dienste verursacht. Außerdem diskriminieren Schwarze nicht die Weißen: Weiße werden nicht in Ghetto-Wohnungen getrieben, aus Berufen entfernt oder ihnen wird der Zugang zu ihnen verwehrt, eine anstĂ€ndige Ausbildung vorenthalten, zu UnterernĂ€hrung und frĂŒhem Tod gezwungen, racialer Gewalt und polizeilicher Repression ausgesetzt, gezwungen, ein unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohes Maß an Arbeitslosigkeit zu erleiden und andere Formen der racialen UnterdrĂŒckung. Aber fĂŒr Schwarze beginnt die UnterdrĂŒckung mit der Geburt und der Kindheit. Die Kindersterblichkeitsrate ist fast dreimal so hoch wie die von Weißen, und sie setzt sich wĂ€hrend ihres gesamten Lebens fort. Tatsache ist, dass „umgekehrte Diskriminierung“ ein Schwindel ist. Anti-Schwarze Diskriminierung ist nicht eine Sache der Vergangenheit. Sie ist heute die systematische, alles durchdringende RealitĂ€t!

Malcolm X wies in den 1960er Jahren darauf hin, dass keine BĂŒrger*innenrechtsgesetze den Schwarzen ihre Freiheit geben werden, und fragte, wenn Afrikaner*innen in Amerika wirklich BĂŒrger*innen wĂ€ren, warum wĂ€ren dann BĂŒrger*innenrechte notwendig. Malcolm X bemerkte, dass die BĂŒrger*innenrechte unter großen Opfern erkĂ€mpft worden waren und deshalb durchgesetzt werden sollten, aber wenn die Regierung die Gesetze nicht durchsetzen will, dann muss das Volk dies tun und die Bewegung muss Druck auf die Regierungsbehörden ausĂŒben, um die demokratischen Rechte zu schĂŒtzen. Um die Menschenmassen hinter einer antirassistischen Bewegung der Arbeiter*innenklasse zu vereinen, sind folgende praktische Forderungen notwendig, die eine Kombination aus revolutionĂ€rem und radikalem Reformismus sind, um demokratische Rechte zu sichern:

1. SolidaritĂ€t zwischen Schwarzen und weißen Arbeiter*innen. Kampf gegen Rassismus am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft.

2. Volle demokratische und menschliche Rechte fĂŒr alle nicht-weißen Völker. Gewerkschaften dazu bringen, Rassismus und Diskriminierung zu bekĂ€mpfen.

3. Bewaffnete Selbstverteidigung gegen rassistische Angriffe. Massenbewegung gegen Rassismus und Faschismus aufbauen.

4. Gemeinschaftskontrolle der Polizei, Ersatz der Cops durch kommunale SelbstverteidigungskrÀfte, die von den Einwohnenden gewÀhlt werden. Beendigung der Polizeigewalt. Strafverfolgung aller mordenden Cops.

5. Geld fĂŒr den Wiederaufbau der StĂ€dte. Schaffung von öffentlichen Arbeitsbrigaden zum Wiederaufbau der InnenstĂ€dte, die sich aus den Bewohnenden der Gemeinschaften zusammensetzen.

6. Volle gesellschaftlich nĂŒtzliche BeschĂ€ftigung zu Gewerkschaftslöhnen fĂŒr alle Arbeiter*innen. Beendigung der racialen Diskriminierung bei Jobs, Ausbildung und Beförderung. Programme einfĂŒhren, um rassistische BeschĂ€ftigungspraktiken der Vergangenheit rĂŒckgĂ€ngig zu machen.

7. Verbot des Ku Klux Klan, der Nazis und anderer faschistischer Organisationen. Strafverfolgung aller Rassist*innen fĂŒr Angriffe auf People of Colour.

8. Freier, offener Zugang zu allen Bildungseinrichtungen fĂŒr alle, die sich dafĂŒr qualifizieren. Keine raciale Ausgrenzung in der höheren Bildung.

9. Beendigung der Besteuerung von Arbeiter*innen und Armen. Besteuerung der Reichen und Großkonzerne.

10. Volle Gesundheits- und medizinische Versorgung fĂŒr alle Menschen und Gemeinschaften, unabhĂ€ngig von Race und Klasse.

11. Befreiung aller politischen Gefangenen und unschuldigen Opfer racialer Ungerechtigkeit. Abschaffung der GefÀngnisse. Wirtschaftliche Ungleichheit bekÀmpfen.

12. Demokratische Kontrolle der Gewerkschaften durch den Aufbau einer anarcho-syndikalistischen Arbeiter*innenbewegung. Gewerkschaften in sozialen Fragen aktiv machen.

13. Beendigung der rassistischen BelÀstigung und Diskriminierung von Arbeiter*innen ohne Papiere.

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~ Burn this world to build a new. ~

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Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de