November 18, 2020
Von Libcom
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Der politische Liberalismus - Max Stirner

Das ist eine der hĂ€rtesten Kritiken, die je ĂŒber politischen Liberalismus verĂŒbt wurde.
NatĂŒrlich sollte nicht Alles, was Denkern und UnterstĂŒtzern des Liberalismus zugeschrieben wird, als Schund angesehen werden, wie gerade in der giftigen Kritik von Stirner zu lesen.

Notiz
Das ist eine der hĂ€rtesten Kritiken, die je ĂŒber politischen Liberalismus verĂŒbt wurde.
NatĂŒrlich sollte nicht Alles, was Denkern und UnterstĂŒtzern des Liberalismus zugeschrieben wird, als Schund angesehen werden, wie gerade in der giftigen Kritik von Stirner zu lesen.
Dennoch gibt es mehrere, die behaupten wĂŒrden, dass das Ersetzen der Macht des Einzelnen (des Königs bzw. des Adeligen) durch die unpersönliche Macht (des Staates, der Nation oder des Gesetzes), wie von den Liberalparteien beteuert und historisch durchgesetzt, zu der Einrichtung einer Macht gefĂŒhrt hat, die viel absoluter und aufdringlicher ist als mehrere Formen von MĂ€chten, die es in der Vergangenheit gegeben hat.
Aus diesem Grund sollte die leidenschaftliche Verteidigung des Individuums, des Menschen als Unikum, des SelbstsĂŒchtigen, der nur nach seinem Wohl sucht, nicht belĂ€chelt werden, auch wenn dies in so einer groben Sprache ausgedrĂŒckt ist, dass sich diejenigen, die WĂŒrde und Freiheit des Individuums schĂ€tzen, davon mehr abgelehnt als angezogen fĂŒhlen.

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Nachdem man den Kelch des sogenannten absoluten Königtums so ziemlich bis auf den Bodensatz geleert hatte, ward man im achtzehnten Jahrhundert zu deutlich inne, daß sein GetrĂ€nk nicht menschlich schmecke, um nicht auf einen andern Becher lĂŒstern zu werden. «Menschen», was Unsere VĂ€ter doch waren, verlangten sie endlich, auch so angesehen zu werden.

Wer in Uns etwas Anderes sieht, als Menschen, in dem wollen Wir gleichfalls nicht einen Menschen, sondern einen Unmenschen sehen, und ihm wie einem Unmenschen begegnen; wer dagegen Uns als Menschen anerkennt und gegen die Gefahr schĂŒtzt, unmenschlich behandelt zu werden, den wollen Wir als Unsern wahren BeschĂŒtzer und Schirmherrn ehren.

Halten Wir denn zusammen, und schĂŒtzen Wir einer im andern den Menschen; dann finden Wir in Unserem Zusammenhalt den nötigen Schutz, und in Uns, den Zusammenhaltenden, eine Gemeinschaft derer, die ihre MenschenwĂŒrde kennen und als «Menschen» zusammenhalten. Unser Zusammenhalt ist der Staat, Wir Zusammenhaltenden sind die Nation.

In Unserem Zusammen als Nation oder Staat sind Wir nur Menschen. Wie Wir Uns sonst als Einzelne benehmen, und welchen selbstsĂŒchtigen Trieben Wir da erliegen mögen, das gehört lediglich Unserem Privatleben an; Unser öffentliches oder Staatsleben ist ein rein menschliches. Was Unmenschliches oder «Egoistisches» an Uns haftet, das ist zur «Privatsache» erniedrigt, und Wir scheiden genau den Staat von der «bĂŒrgerlichen Gesellschaft», in welcher der «Egoismus» sein Wesen treibt.

Der wahre Mensch ist die Nation, der Einzelne aber stets ein Egoist. Darum streifet Eure Einzelheit oder Vereinzelung ab, in welcher die egoistische Ungleichheit und der Unfriede hauset, und weihet Euch ganz dem wahren Menschen, der Nation oder dem Staate. Dann werdet Ihr als Menschen gelten und alles haben, was des Menschen ist; der Staat, der wahre Mensch, wird Euch zu dem Seinigen berechtigen und Euch die «Menschenrechte» geben: der Mensch gibt Euch seine Rechte!
So lautet die Rede des BĂŒrgertums.

Das BĂŒrgertum ist nichts anderes als der Gedanke, daß der Staat alles in allem, der wahre Mensch sei, und daß des Einzelnen Menschenwert darin bestehe, ein StaatsbĂŒrger zu sein. Ein guter BĂŒrger zu sein, darin sucht er seine höchste Ehre, darĂŒber hinaus kennt er nichts Höheres als höchstens das antiquierte – ein guter Christ.

Das BĂŒrgertum entwickelte sich im Kampfe gegen die privilegierten StĂ€nde, von denen es als «dritter Stand» cavaliĂšrement behandelt und mit der «canaille» zusammengeworfen wurde. Man hatte also im Staate bis jetzt «die ungleiche Person angesehen». Der Sohn eines Adeligen war zu Chargen ausersehen, nach denen die ausgezeichnetsten BĂŒrgerlichen vergebens aufschauten usw. Dagegen empörte sich das bĂŒrgerliche GefĂŒhl. Keine Auszeichnung mehr, keine Bevorzugung von Personen, kein Standesunterschied! Alle seien gleich! Kein Sonder– Interesse soll ferner verfolgt werden, sondern das allgemeine Interesse Aller. Der Staat soll eine Gemeinschaft von freien und gleichen Menschen sein, und Jeder sich dem «Wohle des Ganzen» widmen, in den Staat aufgehen, den Staat zu seinem Zweck und Ideal machen. Staat! Staat! so lautete der allgemeine Ruf, und fortan suchte man die «rechte Staatsverfassung», die beste Konstitution, also den Staat in seiner besten Fassung. Der Gedanke des Staats zog in alle Herzen ein und weckte Begeisterung; ihm zu dienen, diesem weltlichen Gotte, das ward der neue Gottesdienst und Kultus. Die eigentlich politische Epoche war angebrochen. Dem Staate oder der Nation dienen, das ward höchstes Ideal, Staatsinteresse – höchstes Interesse, Staatsdienst (wozu man keineswegs Beamter zu sein braucht) höchste Ehre.
So waren denn die Sonder–Interessen und Persönlichkeiten verscheucht und die Aufopferung fĂŒr den Staat zum Schibboleth geworden. Sich muß man aufgeben und nur dem Staate leben. Man muß «uninteressiert» handeln, muß nicht sich nĂŒtzen wollen, sondern dem Staate. Dieser ist dadurch zur eigentlichen Person geworden, vor welcher die einzelne Persönlichkeit verschwindet: nicht Ich lebe, sondern Er lebet in Mir. Darum war man gegen die frĂŒhere Selbstsucht gehalten, die UneigennĂŒtzigkeit und Unpersönlichkeit selber. Vor diesem Gotte, – Staat –, verschwand jeder Egoismus, und vor ihm waren Alle gleich: sie waren ohne allen andern Unterschied – Menschen, nichts als Menschen.

An dem entzĂŒndlichen Stoffe des Eigentums entbrannte die Revolution. Die Regierung brauchte Geld. Jetzt mußte sie den Satz, daß sie absolut, mithin Herrin alles Eigentums, alleinige EigentĂŒmerin sei, bewĂ€hren; sie mußte ihr Geld, welches sich nur im Besitz, nicht im Eigentum der Untertanen befand, an sich nehmen. Statt dessen beruft sie GeneralstĂ€nde, um sich dies Geld bewilligen zu lassen. Die Furcht vor der letzten Konsequenz zerstörte die Illusion einer absoluten Regierung; wer sich etwas «bewilligen» lassen muß, der kann nicht fĂŒr absolut angesehen werden. Die Untertanen erkannten, daß sie wirkliche EigentĂŒmer seien, und daß es ihr Geld sei, welches man fordere. Die bisherigen Untertanen erlangten das Bewußtsein, daß sie EigentĂŒmer seien. Mit wenig Worten schildert dies Bailly: «Wenn ihr nicht ohne meine Einstimmung ĂŒber mein Eigentum verfĂŒgen könnt, wieviel weniger könnt ihr es ĂŒber meine Person, ĂŒber Alles, was meine geistige und gesellschaftliche Stellung angeht! Alles das ist mein Eigentum, wie das StĂŒck Land, das ich beackere: und ich habe ein Recht, ein Interesse, die Gesetze selber zu machen.» Baillys Worte klingen freilich so, als wĂ€re nun Jeder ein EigentĂŒmer. Indes statt der Regierung, statt des FĂŒrsten, ward jetzt EigentĂŒmerin und Herrin – die Nation. Von nun an heißt das Ideal – «Volksfreiheit – ein freies Volk» usw.
Schon am 8. Juli 1789 zerstörte die ErklĂ€rung des Bischofs von Autun und BarrĂšres den Schein, als sei Jeder, der Einzelne, von Bedeutung in der Gesetzgebung: sie zeigte die völlige Machtlosigkeit der Kommittenten: die MajoritĂ€t der ReprĂ€sentanten ist Herrin geworden. Als am 9. Juli der Plan ĂŒber Einteilung der Verfassungsarbeiten vorgetragen wird, bemerkt Mirabeau: «Die Regierung habe nur Gewalt, kein Recht; nur im Volke sei die Quelle alles Rechts zu finden.» Am 16. Juli ruft ebenderselbe Mirabeau aus: «Ist nicht das Volk die Quelle aller Gewalt?» Also die Quelle alles Rechts und die Quelle aller – Gewalt! BeilĂ€ufig gesagt, kommt hier der Inhalt des «Rechts» zum Vorschein: es ist die – Gewalt. «Wer die Gewalt hat, der hat das Recht.»

Das BĂŒrgertum ist der Erbe der privilegierten StĂ€nde. In der Tat gingen nur die Rechte der Barone, die als «Usurpationen» ihnen abgenommen wurden, auf das BĂŒrgertum ĂŒber. Denn das BĂŒrgertum hieß nun die «Nation». «In die HĂ€nde der Nation» wurden alle Vorrechte zurĂŒckgegeben. Dadurch hörten sie auf, «Vorrechte» zu sein: sie wurden «Rechte». Die Nation fordert von nun an Zehnten, Frondienste, sie hat das Herrengericht geerbt, die Jagdgerechtigkeit, die – Leibeigenen. Die Nacht vom 4. August war die Todesnacht der Privilegien oder «Vorrechte» (auch StĂ€dte, Gemeinden, Magistrate waren privilegiert, mit Vorrechten und Herrenrechten versehen), und endete mit dem neuen Morgen des «Rechtes», der «Staatsrechte», der «Rechte der Nation».

Der Monarch in der Person des «königlichen Herren» war ein armseliger Monarch gewesen gegen diesen neuen Monarchen, die «souverĂ€ne Nation». Diese Monarchie war tausendfach schĂ€rfer, strenger und konsequenter. Gegen den neuen Monarchen gab es gar kein Recht, kein Privilegium mehr; wie beschrĂ€nkt nimmt sich dagegen der «absolute König» des ancien rĂ©gime aus! Die Revolution bewirkte die Umwandlung der beschrĂ€nkten Monarchie in die absolute Monarchie. Von nun an ist jedes Recht, welches nicht von diesem Monarchen verliehen wird, eine «Anmaßung», jedes Vorrecht aber, welches Er erteilt, ein «Recht». Die Zeit verlangte nach dem absoluten Königtum, der absoluten Monarchie, darum fiel jenes sogenannte absolute Königtum, welches so wenig absolut zu werden verstanden hatte, daß es durch tausend kleine Herren beschrĂ€nkt blieb.

Was Jahrtausende ersehnt und erstrebt wurde, nĂ€mlich jenen absoluten Herrn zu finden, neben dem keine anderen Herren und Herrchen mehr machtverkĂŒrzend bestĂ€nden, das hat die Bourgeoisie hervorgebracht. Sie hat den Herrn offenbart, welcher allein «Rechtstitel» verleiht, und ohne dessen GewĂ€hrung nichts berechtigt ist. «So wissen wir nun, daß ein Götze nichts in der Welt sei, und daß kein ander Gott sei ohne der einige.»

Gegen das Recht kann man nicht mehr, wie gegen ein Recht, mit der Behauptung auftreten, es sei «ein Unrecht». Man kann nur noch sagen, es sei Unsinn, eine Illusion. Nennete man’s Unrecht, so mĂŒĂŸte man ein anderes Recht dagegenstellen und an diesem es messen. Verwirft man hingegen das Recht als solches, das Recht an und fĂŒr sich, ganz und gar, so verwirft man auch den Begriff des Unrechts, und löst den ganzen Rechtsbegriff (wozu der Unrechtsbegriff gehört) auf.

Was heißt das, Wir genießen Alle «Gleichheit der politischen Rechte?» Nur dies, daß der Staat keine RĂŒcksicht auf Meine Person nehme, daß Ich ihm, wie jeder Andere, nur ein Mensch bin, ohne eine andere ihm imponierende Bedeutung zu haben. Ich imponiere ihm nicht als Adliger, Sohn eines Edelmannes, oder gar als Erbe eines Beamten, dessen Amt Mir erblich zugehört (wie im Mittelalter die Grafschaften usw. und spĂ€ter unter dem absoluten Königtum, wo erbliche Ämter vorkommen). Nun hat der Staat eine unzĂ€hlige Menge von Rechten zu vergeben, z. B. das Recht, ein Bataillon, eine Kompagnie usw. zu fĂŒhren, das Recht, an einer UniversitĂ€t zu lesen usw.; er hat sie zu vergeben, weil sie die seinigen, d. h. Staatsrechte oder «politische» Rechte sind. Dabei ist’s ihm gleich, an wen er sie erteilt, wenn der EmpfĂ€nger nur die Pflichten erfĂŒllt, welche aus den ĂŒberlassenen Rechten entspringen. Wir sind ihm Alle recht und – gleich, Einer nicht mehr und nicht weniger wert, als der Andere. Wer den Armeebefehl empfĂ€ngt, das gilt Mir gleich, spricht der souverĂ€ne Staat, vorausgesetzt, daß der Belehnte die Sache gehörig versteht. «Gleichheit der politischen Rechte» hat sonach den Sinn, daß Jeder jedes Recht, welches der Staat zu vergeben hat, erwerben darf, wenn er nur die daran geknĂŒpften Bedingungen erfĂŒllt, Bedingungen, welche nur in der Natur des jedesmaligen Rechtes, nicht in einer Vorliebe fĂŒr die Person (persona grata) gesucht werden sollen: die Natur des Rechtes, Offizier zu werden, bringt es z. B. mit sich, daß man gesunde Glieder und ein angemessenes Maß von Kenntnissen besitze, aber sie hat nicht adlige Geburt zur Bedingung; könnte hingegen selbst der verdienteste BĂŒrgerliche jene Charge nicht erreichen, so fĂ€nde eine Ungleichheit der politischen Rechte statt. Unter den heutigen Staaten hat der eine mehr, der andere weniger jenen Gleichheitsgrundsatz durchgefĂŒhrt.

Die StĂ€ndemonarchie (so will Ich das absolute Königtum, die Zeit der Könige vor der Revolution, nennen) erhielt den Einzelnen in AbhĂ€ngigkeit von lauter kleinen Monarchien. Dies waren Genossenschaften (Gesellschaften), wie die ZĂŒnfte, der Adelstand, Priesterstand, BĂŒrgerstand, StĂ€dte, Gemeinden usw. Überall mußte der Einzelne sich zuerst als ein Glied dieser kleinen Gesellschaft ansehen und dem Geiste derselben, dem esprit de corps, als seinem Monarchen unbedingten Gehorsam leisten. Mehr als der einzelne Adlige z. B. sich selbst, muß ihm seine Familie, die Ehre seines Stammes, gelten. Nur mittelst seiner Korporation, seines Standes, bezog sich der Einzelne auf die grĂ¶ĂŸere Korporation, den Staat; wie im Katholizismus der Einzelne erst durch den Priester sich mit Gott vermittelt. Dem machte nun der dritte Stand, indem er den Mut bewies, sich als Stand zu negieren, ein Ende. Er entschloß sich, nicht mehr ein Stand neben andern StĂ€nden zu sein und zu heißen, sondern zur «Nation» sich zu verklĂ€ren und verallgemeinern. Dadurch erschuf er eine viel vollkommnere und absolutere Monarchie, und das ganze vorher herrschende Prinzip der StĂ€nde, das Prinzip der kleinen Monarchien innerhalb der großen, ging zu Grunde. Man kann aber nicht sagen, die Revolution habe den beiden ersten privilegierten StĂ€nden gegolten, sondern sie galt den kleinen stĂ€ndischen Monarchien ĂŒberhaupt. Waren aber die StĂ€nde und ihre Zwingherrschaft gebrochen (auch der König war ja nur ein StĂ€ndekönig, kein BĂŒrgerkönig), so blieben die aus der Standesungleichheit befreiten Individuen ĂŒbrig. Sollten sie nun wirklich ohne Stand und aus «Rand und Band» sein, durch keinen Stand (status) mehr gebunden ohne allgemeines Band? Nein, es hatte ja nur deshalb der dritte Stand sich zur Nation erklĂ€rt, um nicht ein Stand neben andern StĂ€nden zu bleiben, sondern der einzige Stand zu werden. Dieser einzige Stand ist die Nation, der «Staat» (status). Was war nun aus dem Einzelnen geworden? Ein politischer Protestant, denn er war mit seinem Gotte, dem Staate, in unmittelbaren Konnex getreten. Er war nicht mehr als Adliger in der Noblessenmonarchie, als Handwerker in der Zunftmonarchie, sondern Er wie Alle erkannten und bekannten nur – Einen Herrn, den Staat, als dessen Diener sie sĂ€mtlich den gleichen Ehrentitel «BĂŒrger» erhielten.

Die Bourgeoisie ist der Adel des Verdienstes, «dem Verdienste seine Kronen» – ihr Wahlspruch. Sie kĂ€mpfte gegen den «faulen» Adel, denn nach ihr, dem fleißigen, durch Fleiß und Verdienst erworbenen Adel, ist nicht der «Geborene» frei, aber auch nicht Ich bin frei, sondern der «Verdienstvolle», der redliche Diener (seines Königs; des Staates; des Volkes in den konstitutionellen Staaten). Durch Dienen erwirbt man Freiheit, d. h. erwirbt sich «Verdienste» und diente man auch dem – Mammon. Verdient machen muß man sich um den Staat, d. h. um das Prinzip des Staates, um den sittlichen Geist desselben. Wer diesem Geiste des Staates dient, der ist, er lebe, welchem rechtlichen Erwerbszweige er wolle, ein guter BĂŒrger. In ihren Augen treiben die «Neuerer» eine «brotlose Kunst». Nur der «KrĂ€mer» ist «praktisch», und KrĂ€mergeist ist so gut der, der nach Beamtenstellen jagt, als der, welcher im Handel sein SchĂ€fchen zu scheren oder sonstwie sich und Andern nĂŒtzlich zu werden sucht.

Gelten aber die Verdienstvollen als die Freien (denn was fehlt dem behaglichen BĂŒrger, dem treuen Beamten an derjenigen Freiheit, nach der sein Herz verlangt?), so sind die «Diener» die – Freien. Der gehorsame Diener ist der freie Mensch! Welch eine HĂ€rte der Widersinnigkeit! Dennoch ist dies der Sinn der Bourgeoisie, und ihr Dichter Goethe, wie ihr Philosoph Hegel haben die AbhĂ€ngigkeit des Subjekts vom Objekt, den Gehorsam gegen die Objektive Welt usw. zu verherrlichen gewußt. Wer nur der Sache dient, «sich ihr ganz hingibt», der hat die wahre Freiheit. Und die Sache war bei den Denkenden die – Vernunft, sie, die gleich Staat und Kirche – allgemeine Gesetze gibt und durch den Gedanken der Menschheit den einzelnen Menschen in Bande schlĂ€gt. Sie bestimmt, was «wahr» sei, wonach man sich dann zu richten hat. Keine «vernĂŒnftigeren» Leute als die redlichen Diener, die zunĂ€chst als Diener des Staates gute BĂŒrger genannt werden.

Sei Du steinreich oder blutarm – das ĂŒberlĂ€ĂŸt der Staat des BĂŒrgertums Deinem Belieben; habe aber nur eine «gute Gesinnung». Sie verlangt er von Dir und hĂ€lt es fĂŒr seine dringendste Aufgabe, dieselbe bei Allen herzustellen. Darum wird er vor «bösen EinflĂŒsterungen» Dich bewahren, indem er die Â«Ăœbelgesinnten» im Zaume hĂ€lt und ihre aufregenden Reden unter Zensurstrichen oder Preßstrafen und hinter Kerkermauern verstummen lĂ€ĂŸt, und wird anderseits Leute von «guter Gesinnung» zu Zensoren bestellen und auf alle Weise von «Wohlgesinnten und Wohlmeinenden» einen moralischen Einfluß auf Dich ausĂŒben lassen. Hat er Dich gegen die bösen EinflĂŒsterungen taub gemacht, so öffnet er Dir um so emsiger die Ohren wieder fĂŒr die guten EinflĂŒsterungen.

Mit der Zeit der Bourgeoisie beginnt die des Liberalismus. Man will ĂŒberall das «VernĂŒnftige», das «ZeitgemĂ€ĂŸe» usw. hergestellt sehen. Folgende Definition des Liberalismus, die ihm zu Ehren gesagt sein soll, bezeichnet ihn vollstĂ€ndig: «Der Liberalismus ist nichts anders, als die Vernunfterkenntnis angewandt auf unsere bestehenden VerhĂ€ltnisse.» Sein Ziel ist eine «vernĂŒnftige Ordnung», ein «sittliches Verhalten», eine «beschrĂ€nkte Freiheit», nicht die Anarchie, die Gesetzlosigkeit, die Eigenheit. Herrscht aber die Vernunft, so unterliegt die Person. Die Kunst hat lĂ€ngst das HĂ€ĂŸliche nicht nur gelten lassen, sondern als zu ihrem Bestehen notwendig erachtet und in sich aufgenommen: sie braucht den Bösewicht usw. Auch im religiösen Gebiete gehen die extremsten Liberalen so weit, daß sie den religiösesten Menschen fĂŒr einen StaatsbĂŒrger angesehen wissen wollen, d. h. den religiösen Bösewicht; sie wollen nichts mehr von Ketzergerichten wissen. Aber gegen das «vernĂŒnftige Gesetz» soll sich Keiner empören, sonst droht ihm die hĂ€rteste – Strafe. Man will nicht eine freie Bewegung und Geltung der Person oder Meiner, sondern der Vernunft, d. h. eine Vernunftherrschaft, eine Herrschaft. Die Liberalen sind Eiferer, nicht gerade fĂŒr den Glauben, fĂŒr Gott usw., wohl aber fĂŒr die Vernunft, ihre Herrin. Sie vertragen keine Ungezogenheit und darum keine Selbstentwicklung und Selbstbestimmung: sie bevormunden trotz den absolutesten Herrschern.
«Politische Freiheit», was soll man sich darunter denken? Etwa die Freiheit des Einzelnen vom Staate und seinen Gesetzen? Nein, im Gegenteil die Gebundenheit des Einzelnen im Staate und an die Staatsgesetze. Warum aber «Freiheit»? Weil man nicht mehr vom Staate durch Mittelspersonen getrennt wird, sondern in direkter und unmittelbarer Beziehung zu ihm steht, weil man – StaatsbĂŒrger ist, nicht Untertan eines Andern, selbst nicht des Königs als einer Person, sondern nur in seiner Eigenschaft als «Staatsoberhaupt». Die politische Freiheit, diese Grundlehre des Liberalismus, ist nichts als eine zweite Phase des – Protestantismus und lĂ€uft mit der «religiösen Freiheit» ganz parallel. Oder wĂ€re etwa unter letzterer eine Freiheit von der Religion zu verstehen? Nichts weniger als das. Nur die Freiheit von Mittelspersonen soll damit ausgesprochen werden, die Freiheit von vermittelnden Priestern, die Aufhebung der «Laienschaft», also das direkte und unmittelbare VerhĂ€ltnis zur Religion oder zu Gott. Nur unter der Voraussetzung, daß man Religion habe, kann man Religionsfreiheit genießen, Religionsfreiheit heißt nicht Religionslosigkeit, sondern Glaubensinnigkeit, unvermittelter Verkehr mit Gott. Wer «religiös frei» ist, dem ist die Religion eine Herzens-Sache, ist ihm seine eigene Sache, ist ihm ein «heiliger Ernst». So auch ist’s dem «politisch Freien» ein heiliger Ernst mit dem Staate, er ist seine Herzenssache, seine Hauptsache, seine eigene Sache.
Politische Freiheit sagt dies, daß die Polis, der Staat, frei ist, Religionsfreiheit dies, daß die Religion frei ist, wie Gewissensfreiheit dies bedeutet, daß das Gewissen frei ist; also nicht, daß Ich vom Staate, von der Religion, vom Gewissen frei, oder daß Ich sie los bin. Sie bedeutet nicht Meine Freiheit, sondern die Freiheit einer Mich beherrschenden und bezwingenden Macht; sie bedeutet, daß einer Meiner Zwingherrn, wie Staat, Religion, Gewissen frei sind. Staat, Religion, Gewissen, diese Zwingherrn, machen Mich zum Sklaven, und ihre Freiheit ist Meine Sklaverei. Daß sie dabei notwendig dem Grundsatze «der Zweck heiligt die Mittel» folgen, versteht sich von selbst. Ist das Staatswohl Zweck, so ist der Krieg ein geheiligtes Mittel; ist die Gerechtigkeit Staatszweck, so ist der Totschlag ein geheiligtes Mittel und heißt mit seinem heiligen Namen: «Hinrichtung» usw. der heilige Staat heiligt alles, was ihm frommt.

Die «individuelle Freiheit», ĂŒber welche der bĂŒrgerliche Liberalismus eifersĂŒchtig wacht, bedeutet keineswegs eine vollkommen freie Selbstbestimmung, wodurch die Handlungen ganz die Meinigen werden, sondern nur UnabhĂ€ngigkeit von Personen. Individuell frei ist, wer keinem Menschen verantwortlich ist. In diesem Sinne gefaßt – und man darf sie nicht anders verstehen – ist nicht bloß der Herrscher individuell frei d. i. unverantwortlich gegen Menschen («vor Gott» bekennt er sich ja verantwortlich), sondern Alle, welche «nur dem Gesetze verantwortlich sind». Diese Art der Freiheit wurde durch die revolutionĂ€re Bewegung des Jahrhunderts errungen, die UnabhĂ€ngigkeit nĂ€mlich vom Belieben, vom tel est notre plaisir. Daher mußte der konstitutionelle FĂŒrst selbst aller Persönlichkeit entkleidet, alles individuellen Beschließens beraubt werden, um nicht als Person, als individueller Mensch, die «individuelle Freiheit» Anderer zu verletzen. Der persönliche Herrscherwille ist im konstitutionellen FĂŒrsten verschwunden; mit richtigem GefĂŒhl wehren sich daher die absoluten dagegen. Gleichwohl wollen gerade diese im besten Sinne «christliche FĂŒrsten» sein. Dazu mĂŒĂŸten sie aber eine rein geistige Macht werden, da der Christ nur dem Geiste untertan ist («Gott ist Geist»). Konsequent stellt die rein geistige Macht nur der konstitutionelle FĂŒrst dar, er, der ohne alle persönliche Bedeutung in dem Grade vergeistigt dasteht, daß er fĂŒr einen vollkommenen unheimlichen «Geist» gelten kann, fĂŒr eine Idee. Der konstitutionelle König ist der wahrhaft christliche König, die echte Konsequenz des christlichen Prinzips. In der konstitutionellen Monarchie hat die individuelle Herrschaft, d. h. ein wirklich wollender Herrscher, sein Ende gefunden; darum waltet hier die individuelle Freiheit, UnabhĂ€ngigkeit von jedem individuellen Gebieter, von Jedem, der Mir mit einem tel est notre plaisir gebieten könnte. Sie ist das vollendete christliche Staatsleben, ein vergeistigtes Leben.

Das BĂŒrgertum benimmt sich durch und durch liberal. Jeder persönliche Eingriff in die SphĂ€re des Andern empört den bĂŒrgerlichen Sinn: sieht der BĂŒrger, daß man von der Laune, dem Belieben, dem Willen eines Menschen als Einzelnen (d. h. als nicht durch eine «höhere Macht» Autorisierten) abhĂ€ngig ist, gleich kehrt er seinen Liberalismus heraus und schreit ĂŒber «WillkĂŒr». Genug, der BĂŒrger behauptet seine Freiheit von dem, was man Befehl (ordonnance) nennt: «Mir hat niemand etwas zu – befehlen!» Befehl hat den Sinn, daß das, was Ich soll, der Wille eines andern Menschen ist, wogegen Gesetz nicht eine persönliche Gewalt des Andern ausdrĂŒckt. Die Freiheit des BĂŒrgertums ist die Freiheit oder UnabhĂ€ngigkeit vom Willen einer andern Person, die sogenannte persönliche oder individuelle Freiheit; denn persönlich frei sein heißt nur so frei sein, daß keine andere Person ĂŒber die Meinige verfĂŒgen kann, oder daß was Ich darf oder nicht darf, nicht von der persönlichen Bestimmung eines Andern abhĂ€ngt. Die Preßfreiheit unter andern ist eine solche Freiheit des Liberalismus, der nur den Zwang der Zensur als den der persönlichen WillkĂŒr bekĂ€mpft, sonst aber jene durch «Preßgesetze» zu tyrannisieren Ă€ußerst geneigt und willig sich zeigt, d. h. die bĂŒrgerlichen Liberalen wollen Schreibefreiheit fĂŒr sich; denn da sie gesetzlich sind, werden sie durch ihre Schriften nicht dem Gesetze verfallen. Nur Liberales d. h. nur Gesetzliches soll gedruckt werden dĂŒrfen; sonst drohen die «Preßgesetze» mit «Preßstrafen». Sieht man die persönliche Freiheit gesichert, so merkt man gar nicht, wie, wenn es nun zu etwas Weiterem kommt, die grellste Unfreiheit herrschend wird. Denn den Befehl ist man zwar los, und «Niemand hat Uns was zu befehlen», aber um so unterwĂŒrfiger ist man dafĂŒr geworden dem – Gesetze. Man wird nun in aller Form Rechtens geknechtet.

Im BĂŒrger-Staate gibt es nur «freie Leute», die zu Tausenderlei (z. B. zu Ehrerbietung, zu einem Glaubensbekenntnis u. dergl.) gezwungen werden. Was tut das aber? Es zwingt sie ja nur der – Staat, das Gesetz, nicht irgend ein Mensch!
Was will das BĂŒrgertum damit, daß es gegen jeden persönlichen, d. h. nicht in der «Sache», der «Vernunft» usw. begrĂŒndeten Befehl eifert? Es kĂ€mpft eben nur im Interesse der «Sache» gegen die Herrschaft der «Personen»! Sache des Geistes ist aber das VernĂŒnftige, Gute, Gesetzliche usw.; das ist die «gute Sache». Das BĂŒrgertum will einen unpersönlichen Herrscher.

Ist ferner das Prinzip dies, daß nur die Sache den Menschen beherrschen soll, nĂ€mlich die Sache der Sittlichkeit, die Sache der Gesetzlichkeit usw., so darf auch keinerlei persönliche VerkĂŒrzung des Einen durch den Andern autorisiert werden (wie frĂŒher z. B. der BĂŒrgerliche um die AdelsĂ€mter verkĂŒrzt wurde, der Adlige um bĂŒrgerliches Handwerk usw.), d. h. es muß freie Konkurrenz stattfinden. Nur durch die Sache kann Einer den Andern verkĂŒrzen (der Reiche z. B. den Unbemittelten durch das Geld, eine Sache), als Person nicht. Es gilt fortan nur Eine Herrschaft, die Herrschaft des Staats; persönlich ist Keiner mehr ein Herr des Andern. Schon bei der Geburt gehören die Kinder dem Staate und den Eltern nur im Namen des Staates, der z. B. den Kindermord nicht duldet, die Taufe derselben fordert usw.

Aber dem Staate gelten auch alle seine Kinder ganz gleich («bĂŒrgerliche oder politische Gleichheit»), und sie mögen selbst zusehen, wie sie miteinander fertig werden: sie mögen konkurrieren.

Freie Konkurrenz bedeutet nichts Anderes, als daß Jeder gegen den Andern auftreten, sich geltend machen, kĂ€mpfen kann. Dagegen sperrte sich natĂŒrlich die feudale Partei, da ihre Existenz vom Nichtkonkurrieren abhĂ€ngt. Die KĂ€mpfe in der Restaurationszeit Frankreichs hatten keinen andern Inhalt, als den, daß die Bourgeoisie nach freier Konkurrenz rang, und die Feudalen die ZĂŒnftigkeit zurĂŒckzubringen suchten.
Nun, die freie Konkurrenz hat gesiegt und mußte gegen die ZĂŒnftigkeit siegen. (Das Weitere siehe unten.)
Verlief sich die Revolution in eine Reaktion, so kam dadurch nur zu Tage, was die Revolution eigentlich war. Denn jedes Streben gelangt dann in die Reaktion, wenn es zur Besinnung kommt, und stĂŒrmt nur so lange in die ursprĂŒngliche Aktion vorwĂ€rts, als es ein Rausch, eine «Unbesonnenheit» ist. «Besonnenheit» wird stets das Stichwort der Reaktion sein, weil die Besonnenheit Grenzen setzt, und das eigentliche Gewollte, d. h. das Prinzip, von der anfĂ€nglichen «ZĂŒgellosigkeit» und «Schrankenlosigkeit» befreit. Wilde Bursche, renommierende Studenten, die alle RĂŒcksichten aus den Augen setzen, sind eigentlich Philister, da bei ihnen wie bei diesen die RĂŒcksichten den Inhalt ihres Treibens bilden, nur daß sie als Bramarbasse sich gegen die RĂŒcksichten auflehnen und negativ verhalten, als Philister spĂ€ter sich ihnen ergeben und positiv dazu verhalten. Um die «RĂŒcksichten» dreht sich in beiden FĂ€llen ihr gesamtes Tun und Denken, aber der Philister ist gegen den Burschen reaktionĂ€r, ist der zur Besinnung gekommene wilde Geselle, wie dieser der unbesonnene Philister ist. Die alltĂ€gliche Erfahrung bestĂ€tigt die Wahrheit dieses Umschlagens und zeigt, wie die Renommisten zu Philistern ergrauen.

So beweist auch die sogenannte Reaktion in Deutschland, wie sie nur die besonnene Fortsetzung des kriegerischen Freiheitsjubels war.
Die Revolution war nicht gegen das Bestehende gerichtet, sondern gegen dieses Bestehende, gegen einen bestimmten Bestand. Sie schaffte diesen Herrscher ab, nicht den Herrscher, im Gegenteil wurden die Franzosen aufs unerbittlichste beherrscht; sie tötete die alten Lasterhaften, wollte aber den Tugendhaften ein sicheres Bestehen gewÀhren, d. h. sie setzte an die Stelle des Lasters nur die Tugend. (Laster und Tugend unterscheiden sich ihrerseits wieder nur, wie ein wilder Bursche von einem Philister) usw.
Bis auf den heutigen Tag ist das Revolutionsprinzip dabei geblieben, nur gegen dieses und jenes Bestehende anzukĂ€mpfen, d. h. reformatorisch zu sein. So viel auch verbessert, so stark auch der «besonnene Fortschritt» eingehalten werden mag: immer wird nur ein neuer Herr an die Stelle des alten gesetzt, und der Umsturz ist ein – Aufbau. Es bleibt bei dem Unterschiede des jungen von dem alten Philister. SpießbĂŒrgerlich begann die Revolution mit der Erhebung des dritten Standes, des Mittelstandes, spießbĂŒrgerlich versiegt sie. Nicht der einzelne Mensch – und dieser allein ist der Mensch – wurde frei, sondern der BĂŒrger, der citoyen, der politische Mensch, der eben deshalb nicht der Mensch, sondern ein Exemplar der Menschengattung, und spezieller ein Exemplar der BĂŒrgergattung, ein freier BĂŒrger ist.

In der Revolution handelte nicht der Einzelne weltgeschichtlich, sondern ein Volk: die Nation, die souverĂ€ne, wollte alles bewirken. Ein eingebildetes Ich, eine Idee, wie die Nation ist, tritt handelnd auf, d. h. die Einzelnen geben sich zu Werkzeugen dieser Idee her und handeln als «BĂŒrger».
Seine Macht und zugleich seine Schranken hat das BĂŒrgertum im Staatsgrundgesetze, in einer Charte, in einem rechtlichen oder «gerechten» FĂŒrsten, der selbst nach «vernĂŒnftigen Gesetzen» sich richtet und herrscht, kurz in der Gesetzlichkeit. Die Periode der Bourgeoisie wird von dem britischen Geiste der Gesetzlichkeit beherrscht. Eine Versammlung von LandstĂ€nden ruft sich z. B. stets ins GedĂ€chtnis, daß ihre Befugnisse nur so und so weit gehen, und daß sie ĂŒberhaupt nur aus Gnaden berufen sei und aus Ungnade wieder verworfen werden könne. Sie erinnert sich stets selbst an ihren – Beruf. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß Mich mein Vater erzeugt hat; aber nun Ich einmal erzeugt bin, gehen Mich doch wohl seine Erzeugungs-Absichten gar nichts an, und wozu er Mich auch immer berufen haben mag, Ich tue, was Ich selber will. Darum erkannte auch eine berufene StĂ€ndeversammlung, die französische im Anfange der Revolution, ganz richtig, daß sie vom Berufer unabhĂ€ngig sei. Sie existierte und wĂ€re dumm gewesen, wenn sie das Recht der Existenz nicht geltend machte, sondern sich, wie vom Vater, abhĂ€ngig wĂ€hnte. Der Berufene hat nicht mehr zu fragen: was wollte der Berufer, als er Mich schuf? – sondern: was will Ich, nachdem Ich einmal dem Rufe gefolgt bin? Nicht der Berufer, nicht die Kommittenten, nicht die Charte, nach welcher ihr Zusammentritt hervorgerufen wurde, nichts wird fĂŒr ihn eine heilige, unantastbare Macht sein. Er ist zu allem befugt, was in seiner Macht steht; er wird keine beschrĂ€nkende «Befugnis» kennen, wird nicht loyal sein wollen. Dies gĂ€be, wenn man von Kammern ĂŒberhaupt so etwas erwarten könnte, eine vollkommen egoistische Kammer, abgelöst von aller Nabelschnur und rĂŒcksichtslos. Aber Kammern sind stets devot, und darum kann es nicht befremden, wenn so viel halber oder unentschiedener, d. h. heuchlerischer «Egoismus» sich in ihnen breit macht.

Die StĂ€ndemitglieder sollen in den Schranken bleiben, welche ihnen durch die Charte, durch den Königswillen u. dergl. vorgezeichnet sind. Wollen oder können sie das nicht, so sollen sie «austreten». Welcher Pflichtgetreue könnte anders handeln, könnte sich, seine Überzeugung und seinen Willen als das Erste setzen, wer könnte so unsittlich sein, sich geltend machen zu wollen, wenn darĂŒber auch die Körperschaft und Alles zu Grunde ginge? Man hĂ€lt sich sorglich innerhalb der Grenzen seiner Befugnis; in den Grenzen seiner Macht muß man ja ohnehin bleiben, weil Keiner mehr kann als er kann. «Die Macht oder respektive Ohnmacht Meiner wĂ€re meine alleinige Grenze, Befugnisse aber nur bindende – Satzungen? Zu dieser alles umstĂŒrzenden Ansicht sollte Ich Mich bekennen? Nein, Ich bin ein – gesetzlicher BĂŒrger!»
Das BĂŒrgertum bekennt sich zu einer Moral, welche aufs engste mit seinem Wesen zusammenhĂ€ngt. Ihre erste Forderung geht darauf hin, daß man ein solides GeschĂ€ft, ein ehrliches Gewerbe betreibe, einen moralischen Wandel fĂŒhre. Unsittlich ist ihr der Industrieritter, die Buhlerin, der Dieb, RĂ€uber und Mörder, der Spieler, der vermögenlose Mann ohne Anstellung, der Leichtsinnige. Die Stimmung gegen diese «Unmoralischen» bezeichnet der wackere BĂŒrger als seine «tiefste EntrĂŒstung». Es fehlt diesen Allen die AnsĂ€ssigkeit, das Solide des GeschĂ€fts, ein solides, ehrsames Leben, das feste Einkommen usw., kurz, sie gehören, weil ihre Existenz nicht auf einer sicheren Basis ruht, zu den gefĂ€hrlichen «Einzelnen oder Vereinzelten», zum gefĂ€hrlichen Proletariat: sie sind «einzelne Schreier», die keine «Garantien» bieten und «nichts zu verlieren», also nichts zu riskieren haben. Schließung eines Familienbandes z. B. bindet den Menschen, der Gebundene gewĂ€hrt eine BĂŒrgschaft, ist faßbar; dagegen das FreudenmĂ€dchen nicht. Der Spieler setzt alles aufs Spiel, ruiniert sich und Andere; – keine Garantie. Man könnte Alle, welche dem BĂŒrger verdĂ€chtig, feindlich und gefĂ€hrlich erscheinen, unter dem Namen «Vagabunden» zusammenfassen; ihm mißfĂ€llt jede vagabundierende Lebensart. Denn es gibt auch geistige Vagabunden, denen der angestammte Wohnsitz ihrer VĂ€ter zu eng und drĂŒckend vorkommt, als daß sie ferner mit dem beschrĂ€nkten Raume sich begnĂŒgen möchten: statt sich in den Schranken einer gemĂ€ĂŸigten. Denkungsart zu halten und fĂŒr unantastbare Wahrheit zu nehmen, was Tausenden Trost und Beruhigung gewĂ€hrt, ĂŒberspringen sie alle Grenzen des Althergebrachten und extravagieren mit ihrer frechen Kritik und ungezĂ€hmten Zweifelsucht, diese extravaganten Vagabunden. Sie bilden die Klasse der Unsteten, Ruhelosen, VerĂ€nderlichen, d. h. der Proletarier, und heißen, wenn sie ihr unseßhaftes Wesen laut werden lassen, «unruhige Köpfe».
Solch weiten Sinn hat das sogenannte Proletariat oder der Pauperismus. Wie sehr wĂŒrde man irren, wenn man dem BĂŒrgertum das Verlangen zutraute, die Armut (Pauperismus) nach besten KrĂ€ften zu beseitigen. Im Gegenteil hilft sich der gute BĂŒrger mit der unvergleichlich tröstlichen Überzeugung, daß «die GĂŒter des GlĂŒckes nun einmal ungleich verteilt seien und immer so bleiben werden – nach Gottes weisem Ratschlusse». Die Armut, welche ihn auf allen Gassen umgibt, stört den wahren BĂŒrger nicht weiter, als daß er höchstens sich mit ihr durch ein hingeworfenes Almosen abfindet, oder einem «ehrlichen und brauchbaren» Burschen Arbeit und Nahrung verschafft. Desto mehr aber fĂŒhlt er seinen ruhigen Genuß getrĂŒbt durch die neuerungssĂŒchtige und unzufriedene Armut, durch jene Armen, welche sich nicht mehr stille verhalten und dulden, sondern zu extravagieren anfangen und unruhig werden. Sperrt den Vagabunden ein, steckt den Unruhestifter ins dunkelste Verließ! Er will im Staate «MißvergnĂŒgen erregen und gegen bestehende Verordnungen aufreizen» – steiniget, steiniget ihn!

Gerade aber von diesen Unzufriedenen geht etwa folgendes Raisonnement aus: Den «guten BĂŒrgern» kann es gleich gelten, wer sie und ihre Prinzipien schĂŒtzt, ob ein absoluter oder konstitutioneller König, eine Republik usw., wenn sie nur geschĂŒtzt werden. Und welches ist ihr Prinzip, dessen Schutzherrn sie stets «lieben»? Das der Arbeit nicht; das der Geburt auch nicht. Aber das der MittelmĂ€ĂŸigkeit, der schönen Mitte: ein bißchen Geburt und ein bißchen Arbeit, d. h. ein sich verzinsender Besitz. Besitz ist hier das Feste, das Gegebene, Ererbte (Geburt), das Verzinsen ist daran die MĂŒhwaltung (Arbeit), also arbeitendes Kapital. Nur kein Übermaß, kein Ultra, kein Radikalismus! Allerdings Geburtsrecht, aber nur angeborner Besitz; allerdings Arbeit, aber wenig oder gar keine eigene, sondern Arbeit des Kapitals und der – untertĂ€nigen Arbeiter.

Liegt eine Zeit in einem Irrtum befangen, so ziehen stets die Einen Vorteil aus ihm, indes die Andern den Schaden davon haben. Im Mittelalter war der Irrtum allgemein unter den Christen, daß die Kirche alle Gewalt oder die Oberherrlichkeit auf Erden haben mĂŒsse; die Hierarchen glaubten nicht weniger an diese «Wahrheit» als die Laien, und beide waren in dem gleichen Irrtum festgebannt. Allein die Hierarchen hatten durch ihn den Vorteil der Gewalt, die Laien den Schaden der UntertĂ€nigkeit. Wie es aber heißt: «durch Schaden wird man klug», so wurden die Laien endlich klug und glaubten nicht lĂ€nger an die mittelalterliche «Wahrheit». – Ein gleiches VerhĂ€ltnis findet zwischen BĂŒrgertum und Arbeitertum statt. BĂŒrger und Arbeiter glauben an die «Wahrheit» des Geldes; sie, die es nicht besitzen, glauben nicht weniger daran, als jene, welche es besitzen, also die Laien wie die Priester.

«Geld regiert die Welt» ist der Grundton der bĂŒrgerlichen Epoche. Ein besitzloser Adliger und ein besitzloser Arbeiter sind als «Hungerleider» fĂŒr die politische Geltung bedeutungslos: Geburt und Arbeit tun’s nicht, sondern das Geld gibt Geltung. Die Besitzenden herrschen, der Staat aber erzieht aus den Besitzlosen seine «Diener», denen er in dem Maße, als sie in seinem Namen herrschen (regieren) sollen, Geld (Gehalt) gibt.

Ich empfange Alles vom Staate. Habe Ich etwas ohne die Bewilligung des Staates? Was Ich ohne sie habe, das nimmt er Mir ab, sobald er den fehlenden «Rechtstitel» entdeckt. Habe Ich also nicht Alles durch seine Gnade, seine Bewilligung?
Darauf allein, auf den Rechtstitel, stĂŒtzt sich das BĂŒrgertum. Der BĂŒrger ist, was er ist, durch den Staatsschutz, durch die Gnade des Staats. Er mĂŒĂŸte fĂŒrchten, Alles zu verlieren, wenn die Macht des Staates gebrochen wĂŒrde.

Wie ist’s aber mit dem, der nichts zu verlieren hat, wie mit dem Proletarier? Da er nichts zu verlieren hat, braucht er fĂŒr sein «Nichts» den Staatsschutz nicht. Er kann im Gegenteil gewinnen, wenn jener Staatsschutz den SchĂŒtzlingen entzogen wird.

Darum wird der Nichtbesitzende den Staat als Schutzmacht des Besitzenden ansehen, die diesen privilegiert, ihn dagegen nur – aussaugt. Der Staat ist ein – BĂŒrgerstaat, ist der status des BĂŒrgertums. Er schĂŒtzt den Menschen nicht nach seiner Arbeit, sondern nach seiner Folgsamkeit («LoyalitĂ€t»), nĂ€mlich danach, ob er die vom Staate anvertrauten Rechte dem Willen, d. h. Gesetzen des Staates gemĂ€ĂŸ genießt und verwaltet.
Unter dem Regime des BĂŒrgertums fallen die Arbeitenden stets den Besitzenden, d. h. denen, welche irgend ein Staatsgut (und alles Besitzbare ist Staatsgut, gehört dem Staate und ist nur Lehen der Einzelnen) zu ihrer VerfĂŒgung haben, besonders Geld und Gut, also den Kapitalisten in die HĂ€nde. Es kann der Arbeiter seine Arbeit nicht verwerten nach dem Maße des Wertes, welchen sie fĂŒr den Genießenden hat. «Die Arbeit wird schlecht bezahlt!» Den grĂ¶ĂŸten Gewinn hat der Kapitalist davon. – Gut und mehr als gut werden nur die Arbeiten derjenigen bezahlt, welche den Glanz und die Herrschaft des Staates erhöhen, die Arbeiten hoher Staats diener. Der Staat bezahlt gut, damit seine «guten BĂŒrger», die Besitzenden, ohne Gefahr schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus welchen er fĂŒr die «guten BĂŒrger» eine Schutzmacht, eine «Polizei» (zur Polizei gehören Soldaten, Beamte aller Art, z. B. die der Justiz, Erziehung usw., kurz die ganze «Staatsmaschine») bildet, durch gute Bezahlung, und die «guten BĂŒrger» entrichten gern hohe Abgaben an ihn, um desto niedrigere ihren Arbeitern zu leisten.

Aber die Klasse der Arbeiter bleibt, weil in dem, was sie wesentlich sind, ungeschĂŒtzt (denn nicht als Arbeiter genießen sie den Staatsschutz, sondern als seine Untertanen haben sie einen Mitgenuß von der Polizei, einen sogenannten Rechtsschutz), eine diesem Staate, diesem Staate der Besitzenden, diesem «BĂŒrgerkönigtum», feindliche Macht. Ihr Prinzip, die Arbeit, ist nicht seinem Werte nach anerkannt: es wird ausgebeutet, eine Kriegsbeute der Besitzenden, der Feinde.

Die Arbeiter haben die ungeheuerste Macht in den HĂ€nden, und wenn sie ihrer einmal recht inne wĂŒrden und sie gebrauchten, so widerstĂ€nde ihnen nichts: sie dĂŒrften nur die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das Ihrige ansehen und genießen. Dies ist der Sinn der hie und da auftauchenden Arbeiterunruhen.
Der Staat beruht auf der – Sklaverei der Arbeit. Wird die Arbeit frei, so ist der Staat verloren.




Quelle: Libcom.org