November 25, 2020
Von Nigra
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Eine Erwiderung auf den Text Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen auf ZĂŒndlumpen und der darin enthaltenen Polemik gegen meinen Artikel Neulich im Supermarkt
“Der Ball muss rollen!“

Foto aus der Rubrik „Graffito der Woche“ auf ZĂŒndlumpen

Hier erstmal der Teil des langen Artikels, der sich mit meinem Text befasst:

Ein auf der Webseite der FdA-Anarchist*innen gespiegelter Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra fasst in einem Absatz paradigmatisch zusammen, was ich in den letzten Wochen als Haltung vieler „radikaler Linker“ vernommen habe:

„Ja, die Pandemie ist scheiße, nervt und die Gegenmaßnahmen schrĂ€nken unser alltĂ€gliches Leben ein. Aber was ist denn die Alternative? So zu tun, als ob es sie gar nicht gĂ€be? Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ĂŒber Bord werfen und den Tod von vielen Menschen in Kauf nehmen, damit wir wieder Party machen und willenlos shoppen können? Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den VerhĂ€ltnissen leiden. Leid zu minimieren sollte auch jetzt unsere Motivation sein. Es leiden und sterben echte Menschen. Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurĂŒcknehmen. [
].“ [2]

Nun, nigra, ich will da nur fĂŒr mich sprechen und nicht wie du fĂŒr alle „anarchistischen Bewegungen“, aber ich habe mit Sicherheit keine solche „moralische“ Motivation, wie die von der du sprichst. Ich soll mich „zurĂŒcknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben? Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen AutoritĂ€t fĂŒgen, die du wie vorher in deinem Artikel bemerkt, in diesem Fall lieber nicht ablehnst, weil du sie selbst fĂŒr richtig hĂ€ltst („Ich befĂŒrworte einige der Maßnahmen und Regeln nicht, weil sie vom Staat kommen, sonndern weil ich sie nach meinem bisherigen Wissensstand fĂŒr zielfĂŒhrend und richtig halte“)? Gehorchen, statt rebellieren, das ist ĂŒber kurz oder lang hĂ€ufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher gewesen, mit der sie versuchten, echten Widerstand gegen die schlimmsten autoritĂ€ren Zumutungen zu ersticken. Die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, von denen du da sprichst, sind sie nicht Teil eines HerrschaftsgefĂŒges? Und wenn du die Alternative aus „Leid und Tod“ von Menschen und dem „uns zurĂŒcknehmen“ aufmachst, wie kommt es da, dass du offenbar so erfolgreich ausklammerst, dass dieses „sich zurĂŒcknehmen“, dieses den Dingen ihren Lauf lassen schon in der PrĂ€pandemischen NormalitĂ€t nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat? Und wenn ich als Anarchist*in antreten wĂŒrde, um jedem „Leid und Tod“ entgegenzutreten, toleriere ich dann in deiner Welt auch die sterile Herrschaft von Ausgangssperren, QuarantĂ€nisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologischer Bevormundung, die mich und mehr als die HĂ€lfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt? Wenn deine Antwort auf diese Fragen ja lautet – und das vermittelt mir zumindest dein Artikel –, dann stehst du fĂŒr mich auf Seiten des Staates.

WÀhrend nigra hier offensichtlich wenigstens mit einem Anflug von schlechtem Gewissen die Seite des Staates wÀhlt, [
]

Ich werde nicht den ganzen Text behandeln, sondern nur den Teil, der sich auf meinen Artikel bezieht.

Hmmm, es ist gar nicht so einfach auf diese Kritik zu antworten: Sie ist ziemlich polemisch, verkĂŒrzt und ungerecht. Aber wahrscheinlich ist „ungerecht“ zu moralisierend fĂŒr den*die Autor*in. Egal, ich empfinde es aber so.

Der* die Autor*in ist jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und RadikalitĂ€t fĂŒr sich gepachtet zu haben scheint. Mein Text sei ein „Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra“ und spiegele die Haltung vieler „radikaler Linker“ zum Thema Corona-Maßnahmen. Die AnfĂŒhrungszeichen zeigen schon woher der Wind weht: Sie sollen zeigen, dass weder eine Mitgliedschaft in der FdA und diese selbst ernst genommen wird, noch kann sich nicht jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zĂ€hlen. DafĂŒr muss schon der Anarchie-Test der*des Autor*in bestanden werden. Ob ich das will?

Der*die Autorin kritisiert meine generalisierte Behauptung „Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den VerhĂ€ltnissen leiden.“. Sie*er hat keine solche Motivation. Welche hat die Person dann? Was ist ihre Motivation, Anarchist*in zu sein? Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufĂ€llig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen? Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist? Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen, weil inzwischen auch der Staat sie abschalten will? Was muss das fĂŒr eine herrlich einfache Schwarz-Weiß-Welt sein. Ohne Zweifel und Kompromisse. Ich habe stĂ€ndig Zweifel, obwohl ich mich schon seit vielen Jahren in der anarchistischen Bewegung bewege. Oder vielleicht deswegen. Und sicher auch, weil ich nie in einem anarchistischen Großstadt-Kiez gelebt habe, sondern in der Provinz, wo wir immer die krasse Minderheit waren und sind und uns stĂ€ndig mit den RealitĂ€ten der Gesellschaft auseinandersetzen mĂŒssen und oft auch komische BĂŒndnisse eingehen, um zumindest eine handvoll Leute gegen die Nazis oder die Klimakatastrophe auf die Straße zu bringen.
Es wird sich darĂŒber aufgeregt, dass ich schreibe, wir sollten uns, um Menschenleben zu retten, zurĂŒcknehmen: „Ich soll mich „zurĂŒcknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben?“ Ja, warum nicht? Was wĂ€re daran falsch? Aus meinem Vorschlag wird dann „Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen AutoritĂ€t fĂŒgen“ gebastelt. Nein, du sollst nicht gehorchen und dich fĂŒgen. Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten UmstĂ€nden leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, HĂ€nde waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen. Ich habe Mund-Nasen-Schutz schon vier Wochen bevor der Staat ihn verordnete propagiert und getragen, weil mich die Argumente von spanischen Genoss*innen ĂŒberzeugt haben. Bin ich jetzt wieder ein richtiger und guter Anarchist? Weil ich die Idee von Anarch@s ĂŒbernommen habe? Oder soll ich mich jetzt – nur weil der Staat eine Maskenpflicht eingefĂŒhrt hat – gegen Mund-Nasen-Schutz aussprechen? Der schlimmste Virus ist blinder Gehorsam
genau.

Die Person will auf jeden Fall rebellieren statt zu gehorchen, denn gehorchen statt rebellieren „ist ĂŒber kurz oder lang hĂ€ufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher“. Wo kommt denn das jetzt her? Wo ist die Verbindung zu dem, was ich geschrieben habe? Die Person bastelt so lange herum, bis sie ihre coolen SprĂŒche passend an den Mensch bringen kann.
Auch wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Hier und Jetzt oft „Teil eines HerrschaftsgefĂŒges“ sind (da bin ich ganz bei dir): Sind sie deswegen zwingend immer falsch? Ist 5 x 5 nicht immer 25? Im Kapitalismus wie in der Anarchie? Sind Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend? Oder gibt es Viren gar nicht?
Und warum ist „sich zurĂŒcknehmen“ das selbe wie „den Dingen ihren Lauf lassen“? Ich schreibe schließlich weiter „Und „zurĂŒcknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“ Aber das ist ja nur gehorchen
und lassen wir einfach weg, damit wir nigra noch gehorsamer hinstellen können.
Die Bemerkung, dass die „PrĂ€pandemische NormalitĂ€t nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat“, ist so eine Binsenweisheit, dass ich gar nicht weiß, was ich darauf schreiben soll: Genau das ist doch die Grundlage fĂŒr die Motivation, von der ich schrieb, die du aber nicht hast. Warum sollte ich diese Binsenweisheit explizit nochmal erwĂ€hnen? Weil sich das fĂŒr einen coolen und richtigen anarchistischen Text so gehört?
Dann wird mir unterstellt, ich wĂŒrde „Ausgangssperren, QuarantĂ€nisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologische Bevormundung, die ihn und mehr als die HĂ€lfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt“ tolerieren. Ganz schön fies, diese Behauptung, zĂ€hle ich doch alle Maßnahmen, die ich auch fĂŒr richtig halte, auf:

– Keine Großveranstaltungen: Wo viele Menschen eng zusammenkommen, kommt es logischerweise zu vielen BerĂŒhrungen und Austausch von Tröpchen. In unserer Nachbarregion Elsass gab es im Februar eine evangelikale Massenveranstaltung, an der etwa 1000 GlĂ€ubische aus Frankreich und Schland teilnahmen. Diese Veranstaltung war eine der Hauptvirenschleudern am Anfang der Pandemie und war dafĂŒr verantwortlich, dass sich der Virus auch hier in der Ortenau schnell und unbemerkt verbreiten konnte.
– Sicherheitsabstand von 1,5 – 2 m: der Virus wird durch Tröpcheninfektion ĂŒbertragen. Diese Tröpchen werden beim Sprechen, Nießen und Husten ausgestoßen und können ein StĂŒck weit „fliegen“. Wir minimieren durch den Abstand, das Risiko andere anzustecken oder selbst angesteckt zu werden.
– Hust- und Nießetikette: Wenn wir in die Ellenbeuge nießen und husten, verteilen wir unsere evtl. mit dem Virus kontanimierten Tröpchen weniger.
– Mund-Nasen-Schutz: Er minimiert die Anzahl die ausgestoßenen Tröpchen, da viele am Gewebe/Vliess haften bleiben. Wir schĂŒtzen somit die Menschen in unserer NĂ€he. Tragen andere einen Mund-Nasen-Schutz schĂŒtzen diese mich. Tragen viele oder alle einen, sind alle geschĂŒtzt. NatĂŒrlich nicht 100%ig. Wir minimieren das Ansteckungsrisiko.

Und dass u.a. diese Maßnahmen auch vom Staat vorgegeben werden, ist eben mein Dilemma. Ich weiß, dass viele andere auch in diesem Dilemma stecken. Und dass der Staat – wie alles andere auch – seine Corona-Maßnahmen mit Gesetzen, Androhung von Repression und im Zweifelsfall mit Gewalt durchsetzt: Geschenkt, das wissen wir alle und erleben es in unseren Alltagen vor, wĂ€hrend und auch noch nach Corona.

Ich hielt und halte Ausgangssperren fĂŒr falsch. Die unsĂ€glichen Aufrufe „Stay home!“ oder noch krasser „Stay the fuck home!“ waren und sind im Angesicht von sexualisierter und hĂ€uslicher Gewalt, wohnungslosen Menschen und Menschen auf der Flucht der blanke Hohn. Und auch fĂŒr alle anderen eine autoritĂ€re Zumutung. Und darum bin auch ich nicht immer zu hause geblieben, obwohl ich schon eher der hĂ€usliche Typ bin.

Wie wĂŒrde eine anarchistische Gesellschaft mit einer Pandemie umgehen? Wie wĂŒrde sie versuchen, einen hochansteckenden, unter UmstĂ€nden tödlichen (in meinem weiteren Umfeld sind schon zehn Menschen gestorben, weltweit ĂŒber 400.000
sind das KollateralschĂ€den?) Virus aufzuhalten? GĂ€be es keine QuarantĂ€ne? Warum nicht? Weil sie eventuell mit Zwang einherginge? Oder wĂŒrden sich in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverstĂ€ndlich in sie begeben? In meiner WG begaben sich vier Menschen, als sie mit Symptomen erkrankten, fĂŒr teilweise drei Wochen in hĂ€usliche Isolation. Nicht weil das Gesundheitsamt es angeordnet hatte (zu diesem Zeitpunkt war das Chaos dort noch so richtig am brodeln
), sondern weil wir es fĂŒr selbstverstĂ€ndlich hielten uns
zurĂŒckzunehmen. Und das taten wir in vollem Bewusstsein unserer Privilegien: Große WG, Hof und Garten. Nur wenige Schritte in den Wald. Uns war und ist bewusst, dass viele Menschen, diesen Luxus nicht hatten und haben und wir haben sie niemals verurteilt, wenn sie anders als wir gehandelt haben. Weil wir Anarchist*innen sind und differenziert denken können.

Ob ich fĂŒr dich auf Seiten des Staates stehe, ist mir eigentlich egal. Leider muss ich mitten in ihm leben. Ich weiß aber, dass ich nicht auf seiner Seite stehe. Manchmal tue ich das in deinen Augen sicher auch, wenn ich die Privilegien, die ich durch meinen Pass habe, ausnutze. Wenn ich wie selbstverstĂ€ndlich mit meinem kaputten Knie zur Ärztin gehe und dort behandelt werde, ohne mich finanziell ruinieren zu mĂŒssen. Wenn ich in diesem Blog gegen den Staat anschreibe. Wir alle sind eingeflochten in ein enges Netz von Herrschaft, Gesetzen, Privilegien, Erniedrigungen und anderen ZustĂ€nden. Das Leben ist widersprĂŒchlich und voller komischer und tragischer Begebenheiten, die mich oft zweifeln lassen. An allem und an jeder*jedem. Aber: es geht immer weiter! Hoch der Anarchismus ohne Adjektive!

In der Hoffnung, dass niemensch aufgrund des Wunsches des*der Autorin beim ZĂŒndlumpen an seinem vermeintlichen Gehorsam erstickt ist und ohne Feindschaft zu Menschen, die eine andere Analyse der ZustĂ€nde haben, nigra




Quelle: Nigra.noblogs.org