September 12, 2021
Von ZĂŒndlumpen
132 ansichten


Alle modernen Gesellschaften bauen auf der Konzeption einer ĂŒber dem Menschen, und damit außerhalb, ĂŒberhalb der menschlichen KollektivitĂ€t stehenden AutoritĂ€t auf. In der Epoche, in der die Religion herrschte, Meisterin des Geistes und der Dinge, nannte sich das Göttliches Recht. Die AutoritĂ€t war von einem sakralen Charakter durchdrungen. Gehorsam war eine Pflicht, die Macht ein heiliges Amt. Der Machthaber war nur Gott Rechenschaft schuldig, von dem er eingesetzt worden war.

Dieser Zustand dauerte bis zur französischen Revolution an, die das Recht dem Himmel entriss um es dem Menschen zurĂŒckzugeben. Ab ’89 war der Staat nicht mehr der ReprĂ€sentant des Göttlichen Rechts, sondern der ReprĂ€sentant des menschlichen Rechts, der Gesellschaft. Die Zustimmung des Volkes, die allgemeine Zustimmung, angenommene oder tatsĂ€chliche, wurde seine Basis. Das ließ sich hören als das Organ der Gesellschaft zu sein, in ihrem Namen zu handeln und zu befehlen, zum Besten ihrer angeblichen Interessen.

Im Prinzip war diese Revolution gigantisch und schien endlich die Lösung zu sein. TatsĂ€chlich hat sie ĂŒberhaupt nichts gelöst, und die Erfahrungen der achtzig Jahre, die seit dem Ballhausschwur vergangen sind, dienen uns zumindest dazu das im Überfluss zu beweisen.

TatsÀchlich hatte man, auch wenn man die Quelle des Staatsrechts verÀndert hatte, dieses Recht noch immer anerkannt.

Auch wenn er sein Recht nicht mehr von Gott erhielt; so wie er es nun vom Volkswillen erhalten sollte, oder es sogar auch real erhielt, fand sich in der Praxis alles nur wenig verÀndert wieder.

Der Staat sprach im Namen des Volkes, statt im Namen Gottes zu sprechen, das ist wahr; – man hatte die Allmacht von der metaphysischen Welt in die irdische Welt transportiert, aber diese Allmacht blieb unangetastet. – Ob er nun vom Herrn gesalbt wurde oder gewĂ€hlter MandatstrĂ€ger der sogenannten nationalen SouverĂ€nitĂ€t ist, der Staat, reprĂ€sentiert durch einen Menschen oder eine Versammlung, hat nicht minder dieselben Vorrechte, dieselbe Allmacht. Vom Moment an, an dem das Volk, mit mehr oder weniger Kenntnis ĂŒber die Sachlage, „Ja“ sagte, war alles zwischen dem Volk und der Macht beendet.

Das Volk, bekannt fĂŒr seine Unfehlbarkeit, allmĂ€chtig, heilige Quelle der AutoritĂ€t, des Rechts, hatte alle seine Rechte, all seine AutoritĂ€t, seine Allmacht und seine Unfehlbarkeit der Macht ĂŒbertragen. – Der Staat war also nicht weniger von der Nation, von der Gesellschaft getrennt, war nicht weniger außerhalb von ihr, ĂŒber ihr.

Der alte Respekt vor der AutoritĂ€t, die alte Bevormundung einiger ĂŒber alle war nicht verschwunden. Unter anderem Namen war es immer noch dasselbe. – Anstatt rechts abzubiegen war man links abgebogen, aber man war am am selben Punkt herausgekommen und das Ergebnis hatte sich nicht geĂ€ndert.

Der Fehler, der, zweifellos, unvermeidbare Fehler, bevor man die Erfahrung gemacht hatte, war zu glauben, dass, indem man die Amtseinsetzung der Macht verĂ€nderte, indem man den Fatalismus des göttlichen Rechts mit der Zustimmung des Volks ersetzte, indem man den aristokratischen und vererbbaren Modus mit dem Wahl- und ReprĂ€sentationsmodus ersetzte , man die Essenz der Macht verĂ€ndern wĂŒrde.

Das Übel ist nicht, dass der Staat im Namen dieses oder jenen Prinzips handelt, – sondern dass er existiert!

Das Übel ist nicht, dass man mich im Namen Gottes und der WillkĂŒr oder im Namen der Gesellschaft und des Volkswillens unterdrĂŒckt, – sondern dass man mich unterdrĂŒckt.

Ob das Volk seine angeblichen ReprĂ€sentanten ĂŒber  allgemeine Wahl ernennt, oder ob es von einigen durch Geburt oder Vermögen Privilegierte beherrscht wird – total egal. Das Volk ist seinen ReprĂ€sentanten nicht weniger ausgeliefert, die, gewĂ€hlt oder auch nicht, von dem Moment an, an dem sie an die Macht kommen und zum Staat werden, vom Volk getrennt sind, außerhalb des Volks, ĂŒber dem Volk, Feinde des Volks.

Was schlecht ist, was zerstört werden, oder sich verĂ€ndern muss, wenn man das bevorzugt, sind nicht diejenigen, die beauftragt werden der Staat zu werden, in seinem Namen zu handeln und zu herrschen, – es ist die Konzeption des Staates, denn ihr könnt noch so sehr die Menschen auswechseln, die Art und Weise wie sie gewĂ€hlt werden verĂ€ndern, sie zwingen vor ihre Handlungen Im Namen des Volkes! zu setzen –, das Volk wird dadurch nicht freier, wird nicht weniger die Sache, die man beherrscht; das ist der Ort, an dem die Wunde sich befindet, nirgendwo anders.

Der Staat, welcher er auch sei, welchen Namen auch immer man ihm gibt, Diktatur eines Mannes oder einer Versammlung, Republik oder Monarchie, absolut oder konstitutionell, kann weder demokratisch noch revolutionĂ€r noch sogar liberal sein, da er DIE MACHT reprĂ€sentiert, die notwendigerweise, in ihrer Essenz, despotisch und reaktionĂ€r ist, noch kann er die Freiheit, die Gleichheit verkörpern, da er DIE AUTORITÄT verkörpert, etwas, das herrscht, das regiert, das die Gesellschaft fĂŒhrt und in der Konsequenz sie unterdrĂŒckt und zerquetscht, das ihren Willen mit dem seinen austauscht, das vorgibt meine Interessen zu verwalten, das ĂŒber mein Wohlergehen wacht, mir beibringt, was ich tun, denken und wie ich handeln soll an meinem Ort und Platz.

Er kann auch weder die Gerechtigkeit sein, noch die Wahrheit: – die Gerechtigkeit, weil er der erste der Privilegien ist, weil er das Gesetz macht und es anwendet ohne ihm selbst zu unterliegen: – die Wahrheit, weil er zwangslĂ€ufig das exakte Abbild der Leidenschaften, der Erleuchtungen, der Vorurteile und der FĂ€higkeiten derjenigen ist, in denen er sich verkörpert.

Wenn ihr Gesetze macht, wie man es seit achtzig Jahren versucht, um euch gegen den Staat und seine Allmacht zu schĂŒtzen. erkennt ihr, dass ihr euch vor ihm schĂŒtzen mĂŒsst! – Was ist das also fĂŒr ein BeschĂŒtzer, vor dem man sich schĂŒtzen muss? Und wenn ihr euch nun vor ihm schĂŒtzen mĂŒsst, heißt das, dass er gefĂ€hrlich ist? Aber wer wird damit beauftragt werden, diese Gesetze mit Vorsichtsmaßnahmen vor dem Staat anzuwenden? NatĂŒrlich der Staat, denn schließlich habt ihr ihm alles anvertraut, alles ĂŒbertragen!

Wer sieht hier nicht, dass es hier im Prinzip selbst einen Teufelskreis gibt?

TatsÀchlich ist es sogar noch viel schlimmer.

Es gibt, egal, was man auch tut, eine Logik, die alles beherrscht, und das, was existiert, was Leben in sich trĂ€gt, wird durch ein allgemeines, legitimes Gesetz versuchen, sein Leben zu entwickeln und die Hindernisse zu beseitigen, die es stören. – Der Staat existiert, er will also leben und sich entwickeln. – Er wird also die Hindernisse bekĂ€mpfen, die ihr ihm in den Weg stellen werdet. Er wird versuchen sie zu zerstören, und da ihr Kraft hinein investiert habt, da ihr entwaffnet seid, wird er obsiegen.

Da diese Situation gegeben ist und das Prinzip gesetzt, seid ihr zu unendlichen wie sterilen Revolutionen verdammt.

Öffnet die Geschichte und seit achtzig Jahren in Frankreich, in dem sich das Problem zuerst in seiner ganzen Klarheit prĂ€sentiert hat, seht ihr den gefĂŒhrten Kampf zwischen dem Volk und dem Staat.

Das Volk, das nicht mehr an das göttliche Recht glaubt, dem man beigebracht hat den Staat als seine ReprĂ€sentation zu betrachten, der geschaffen wurde um seine BedĂŒrfnisse zu befriedigen, empfindet dem Staat gegenĂŒber nicht mehr den verzagten Respekt, diese stupide Resignation, die ihm damals der in seinem Ursprung provinzielle Glaube auferlegte. Also diskutiert er ihn, und, der Fiktion geschuldet, die ihn als verantwortlich fĂŒr das Wohlergehen und die Interessen des Volkes deklariert, verlangt letzterer von ihm Wohlergehen und die Befriedigung seiner BedĂŒrfnisse. Der Staat versagt darin, weil er es nicht will und nicht kann. Das Volk erhebt sich, verĂ€ndert die Menschen, Ă€ndert die Namen. Statt Karl X. gibt es Louis-Philippe, statt Napoleon III., der der wahre Feind gewesen ist, gibt es die Versailler Republik. Doch es waren weder Karl X. noch Louis-Philippe noch Napoleon III., die die wahren Feinde waren, und es ist nicht, weil siebenhundert MĂ€nner im Namen der Republik anstatt im Namen des Kaisers Gesetze erlassen werden, dass die Dinge sich Ă€ndern werden.

„Ich sage euch, geradeheraus, unser Feind ist unser Meister!“ [1]

Wer ist also dieser Meister? – Es ist der Staat, das heißt dieses Fantasieprodukt, dem ihr das Recht anvertraut habt, ĂŒber euch und eure GĂŒter zu verfĂŒgen, ĂŒber die Gegenwart und die Zukunft eurer Heimat, in der ihr euch entwickelt. Das Übel, unter dem ihr leidet,  ist, dass ihr abdankt, mal unter einer Form, mal unter einer anderen, aber dass ihr immer abdankt und von anderen erwartet, was ihr nur euch selbst verlangen könnt. Das, was euch auffrisst, das, was euch töten wird, wenn ihr es nicht bekĂ€mpft, ist, dass ihr etwas ĂŒber euch habt, das nicht ihr selbst ist, das in der Folge anders denkt und handelt, als ihr denkt und ihr handeln wĂŒrdet, das, auch mit den besten Absichten auf der Welt, eure Interessen nicht kennen kann, eure BedĂŒrfnisse nicht so fĂŒhlen kann, wie ihr sie kennt, wie ihr sie empfindet, sie nicht befriedigen kann, wie ihr sie selbst befriedigen könntet.

Und verstehet dieses gut, – benachteiligte Klassen, Arbeiter, gutwillige Menschen aller RĂ€nge, die ihr ein Ideal von Gerechtigkeit, die Liebe zum Wahren in euch tragt, – wenn, anstatt von Witzfiguren, Clowns und jenen Ehrgeizigen, die in großer Mehrheit ihre Ernennung eurer Ignoranz verdanken, wenn, statt diesem Torf aus Abschaum, Intriganten und Idioten, euren Feinden aus Kasteninteresse oder aus einfacher Dummheit heraus, wenn ihr ausschließlich Arbeiter, absolut reine und aufopfernde Menschen ernennen wĂŒrdet, – außer wenn diese Menschen ihren kurzen Gang zur Macht sofort dazu nutzen den Staat so, wie er existiert, zu beseitigen, werden diese Menschen am morgigen Tag eure Feinde sein, ob sie es nun wollen oder nicht, und ihr hĂ€ttet nichts aus diesem Wechsel gewonnen.

Wenn sie die Macht behalten wĂŒrden, werden sie tatsĂ€chlich die Macht selbst. Der Staat wĂŒrde sich in ihnen verkörpern, und, angenommen es handelt sich um eine Auswahl an aufrechten und genialen Menschen, wo man zugeben muss, dass ihre privaten Tugenden das Gewicht der Kette versĂŒĂŸen, wĂ€ret ihr doch immer noch in Ketten


Arthur Arnould, Auszug aus seinem Schluss der „Historie populaire et parlementaire de la Commune de Paris“ [„Volks- und parlamentarische Geschichte der Pariser Kommune“], Januar 1872 – Januar 1873, gefunden in Avis de TempĂȘte n° 6, 15. Juni 2018.

[1] BerĂŒhmter Vers der Fabel Der Greis und der Esel von Jean de La Fontaine [Anm. v. Avis de TempĂȘte]




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org